ZUR BEHANDLUNG VON KINDERN MIT CANNABIS

Auch wenn uns aus den USA immer mehr Berichte erreichen, wie Kleinkinder mit Epilepsie erfolgreich mit Cannabis behandelt werden, spielt die Verabreichung bei Minderjährigen sowohl in der Fachwelt als auch in der Praxis kaum eine Rolle. Gerade bei Jugendlichen fürchtet man einen missbräuchlichen Konsum oder die Begünstigung von Psychosen. Oft zu Unrecht, denn eine rauschfreie Therapie ist durchaus möglich.

In der Medizin ist die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Medikamenten ein heikles Thema.

Man behandelt eben nicht kleine Erwachsene, denen man nur mittels Dosisanpassung gerecht wird. Es gibt insgesamt nur wenige Arzneimittel, die speziell zur Behandlung von Kindern zugelassen wurden. Seit einigen Jahren erst müssen Pharmafirmen für alle Medikamente Sicherheitsdaten zu Kindern nachliefern. Ärzte können Erwachsenenmedikamente aber im sogenannten Off-label-Einsatz verwenden. Hier wägt der Arzt selbst zwischen Risiko und Nutzen ab, darf dies aber nur in begründeten Fällen tun. Es gibt für viele Arzneimittel kaum Hinweise auf deren Sicherheit, vor allem im langfristigen Einsatz.

In den Fachinformationen (Beipackzettel) findet sich deswegen meist der Hinweis „Sollte bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren nicht eingesetzt werden“. Eine Erhebung aus dem Jahr 2010 zeigte, dass insbesondere bei den Erkrankungsgebieten Depression und Schmerzen viele – für Kritiker zu viele – Medikamente off-label bei Kindern und Jugendlichen eingesetzt werden. Hier waren es sogar mehr Haus- als Kinderärzte, die auf ihnen bekannte Medikamente bei Patienten unter 18 Jahren zurückgriffen.

LINDERUNG BEI ABMAGERUNG UND EPILEPSIE

In Deutschland konnte bislang THC in einer öligen Zubereitung als Betäubungsmittelrezeptur bei Kindern eingesetzt werden, die an den Folgen einer Chemotherapie wie Übelkeit und Erbrechen leiden. Studien zeigten gute bis sehr gute Effekte bei den kleinen Palliativpatienten. In einer Übersicht hierzu wurde kritisch darauf verwiesen, dass eine höhere als durch das Studiendesign vorgegebene Dosierung sinnvoll gewesen wäre.

Der BtM-freie Cannabisbestandteil Cannabidiol (CBD) zeigte sich sehr effektiv bei seltenen Formen der angeborenen Epilepsie. Die Behandlungsergebnisse sind oft sehr eindrucksvoll, die Anfallshäufigkeit reduziert sich drastisch von mehreren Hundert auf wenige am Tag, sodass eine Lebensqualität für die Familie überhaupt erst möglich wird. Es wurde ein Medikament auf der Basis des isolierten, THC-freien Wirkstoffs hergestellt, das zurzeit ein Zulassungsverfahren durchläuft.

An diesen beiden Einsatzgebieten erkennt man sehr gut, dass sich die Forschung aus rechtlichen Gründen bislang nur auf die einzelnen Substanzen konzentrieren konnte und somit den Ärzten die Grundlage für die Behandlung bot. Diese ist für Cannabisblüten derzeit noch nicht gegeben, und dies reduziert die Möglichkeiten einer auf den jungen Menschen ausgerichteten Therapie.

ZUFÄLLIGE ERFAHRUNGEN

Durch meine Arbeit mit jungen Erwachsenen, die an ADHS erkrankt sind, höre ich von deren Erfahrung mit Medikamenten ab dem Grundschulalter. Sie werden nach den schulmedizinischen Leitlinien mit Stimulanzien behandelt, wodurch sie in die Lage versetzt werden sollen, aufnahmefähiger zu sein. Es handelt sich hierbei um Betäubungsmittel mit einem umfangreichen Nebenwirkungspotenzial. Dies erleben mehr die Patienten als das Umfeld, weswegen die weitere Einnahme trotz der beklagten unerwünschten Wirkungen oft weiter eingefordert wird. Die hilfreiche Wirkung von Cannabis – diese Erfahrung machen ADHS-Patienten aus Neugier häufig sehr früh – wird als Suchterkrankung und Straftat abgetan, das hat oft katastrophale Auswirkungen auf die weitere Biografie. In meiner Praxis stellte sich vor einiger Zeit ein gerade 18-Jähriger vor, der bereits seit dem sechsten Jahr unter einer schweren Migräne litt. Selbst stärkste Medikamente, die regelmäßig zu Kreislaufzusammenbrüchen führten, brachten keine Besserung, sodass er sogar eine Muskeldurchtrennung im Gesichtsbereich vornehmen ließ.

Drogen hatte er immer abgelehnt, aber auf seinem letzten Geburtstag habe er an einem Joint gezogen und damit eine sich anbahnende Migräne abwenden können. Mit einer geringen Menge THC an einigen Tagen in der Woche konnte er den drohenden Ausbildungsabbruch verhindern.

Der Zufall kam auch einem 17-jährigen Patienten zugute, der wegen eines langjährigen Reizdarmsyndroms bereits sehr abgemagert war. Er folgte allen ärztlichen Empfehlungen inklusive Psychotherapie, schaffte aber keine vollständige Schulstunde ohne Toilettengang. In einer Freundesrunde wurde dann gekifft und anschließend Pizza bestellt. Nach seiner Schilderung war das die erste – in seiner Diät eigentlich verbotene – Mahlzeit, die er normal am nächsten Tag erst ausschied. Ein großer Anteil der jungen Menschen, die Cannabis „für sich entdecken“, haben physische und psychische Traumatisierungen erlitten. Mit Cannabis können sie ohne Alpträume schlafen und sind tagsüber weniger schreckhaft und stimmungslabil, das Leben wird positiver. Alle Patienten haben in den für sie wirksamen Dosierungen übrigens kein nennenswertes Rauschempfinden, was häufig als Hauptwirkung unterstellt wird. Inwieweit dies mit einem ursächlichen Endocannabinoidmangel zu erklären ist, gilt es noch zu erforschen. In jedem Fall stellt sich die Frage, ob ein früherer Behandlungsversuch mit Cannabinoiden gerechtfertigt gewesen wäre.

Kinder und Jugendliche, die bereits ein Stimulanzmittel einnehmen müssen oder mussten, sollten zur Linderung von innerer Unruhe und Besserung von Appetit und Schlaf Cannabis als gleichwertiges Betäubungsmittel einsetzen dürfen, ohne sich dafür kriminalisieren zu müssen.

RISIKOFAKTOR ODER HILFE?

Gerade bei jungen Menschen drängt sich in punkto Cannabis immer das Risiko der Entwicklung einer Psychose, schlimmstenfalls als Beginn einer Schizophrenie, auf. Das im illegal erworbenen Cannabis ausschließlich enthaltene THC (CBD wird wegen der rauschhemmenden Wirkung gemieden) wirkt psychoaktiv und kann somit bei einer ungünstigen Vorbelastung Psychosen – die zunächst einmal „nur“ Erregungszustände mit Realitätsverkennung sind – auslösen.

Es gibt für viele Arzneimittel kaum Hinweise auf deren Sicherheit, vor allem im langfristigen Einsatz.

In einigen Fällen treten diese dann erstmalig im Rahmen einer Schizophrenie auf. Ohne diese Gefahr beschönigen zu wollen, sind soziale Stressoren wie ein hochemotionales Umfeld, kritische Lebensereignisse und Geburtskomplikationen gleichwertig in der Liste der Risikofaktoren zu nennen. Ich möchte an dieser Stelle auch auf eine der wenigen wissenschaftlichen Studien zu Cannabis und Schizophrenie verweisen, in der gezeigt wurde, dass der Bestandteil CBD in gleicher Dosierung genauso wirkt wie ein Antipsychotikum, bei deutlich geringerer Nebenwirkungsrate. Viele Menschen setzen derzeit die Gefahren durch den Konsum von unkontrolliertem Cannabis mit dem Risiko im medizinischen Einsatz gleich. Es gibt Cannabissorten mit einem hohen Sativa- und THC-Anteil, die ein unbestritten hohes psychoseförderndes Risiko besitzen, aber auch Sorten mit einem hohen CBD-Anteil, die zur Behandlung von Ängsten und Psychosen eingesetzt werden können.

BLÜTEN AUCH OHNE RAUSCH

Der Einsatz von Cannabis bei Kindern folgt oft nicht den medizinischen, sondern den jeweils rechtlichen Vorgaben eines Landes. Ein gutes Beispiel hierfür sind die USA, wo in einigen Staaten selbst der Einsatz von Cannabidiol (CBD) verboten ist. Dies ist tragisch für Kinder, die an einer seltenen Form der Epilepsie leiden, bei der sich eine in Colorado gezüchtete Cannabissorte als heilbringend herausgestellt hat.

Mit Cannabis können sie ohne Alpträume schlafen und sind tagsüber weniger schreckhaft und stimmungslabil

Mit einem CBD-Anteil von etwa 20 Prozent und einem THC-Anteil von unter 0,3 Prozent wirkt sie nicht berauschend, sodass sie ursprünglich als „Hippies Disappointment“ bezeichnet wurde. In Deutschland unterliegt CBD nicht dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG), sondern es wird unter anderem als ein Nahrungsergänzungsmittel betrachtet und ist deshalb in zahlreicher, selten zertifizierter Form erhältlich. Anders verhält es sich da bei Cannabisblüten, die in jedem Fall BtM-pflichtig sind und verordnet werden müssen. Dies führt unweigerlich zu der Frage, in welcher Form Kinder Cannabis heutzutage überhaupt zu sich nehmen könnten. Es fehlt derzeit an Vollextrakten, die in Lösungen zum Einnehmen, Zäpfchen, transdermalen Patches (Pflastern) oder anderen Formen verarbeitet werden können, da dies sicher wertvolle Ergänzungen zu der aktuellen Vaporisation oder eigenen Zubereitungen der Blüten wären.

Ich bin zuversichtlich, dass es hier in Zukunft mehr Auswahlmöglichkeiten für einen Behandlungsversuch geben wird.

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, aber bei Kindern mit Erwachsenenerkrankungen leuchtet es nicht ein, warum Cannabis keine Off-label-Alternative neben anderen nicht eigens zugelassenen Medikamenten wie abhängigkeitserzeugenden Schmerz-, Aufputsch-, Beruhigungs- und Schlafmitteln darstellt.

Die Frage, ob man auch Kinder behandeln solle, habe ich vor einigen Wochen dem seit über 40 Jahren praktizierenden und Cannabis einsetzenden kalifornischen Familienarzt Dr. David Bearman gestellt. Er antwortete darauf energisch, dass wir ihnen diese Medizin nicht vorenthalten dürfen.

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen.