Zukunftsträchtig

Die Hanffaser hat als Baustoff eine jahrhunderte­lange Tradition. Weil sie äußerst widerstandsfähig ist, wird sie u. a. beim Hausbau, zum Beispiel bei Wärme­ und Schallschutz, eingesetzt. Doch nicht nur das, die Hanffaser trägt zum Klimaschutz bei und kann sich auch positiv auf die Gesundheit aus­wirken, insbesondere bei Allergien und Asthma, wie Manfred Schneider vom Öko­-Zentrum Caldern zu berichten weiß.

Während man Dämmstoffe früher ausschließlich nach technischen Parametern bewertete, rücken heute andere Kriterien in den Vordergrund: Wie viel Energie war zur Herstellung eines Dämmstoffs nötig? Wie steht es um die Verfügbarkeit von Rohstoffen? Und wie umweltschonend und nachhaltig ist die Herstellung eines Rohstoffs? Bis 2050 soll der Primärenergiebedarf von Gebäuden um 80 Prozent gegenüber 2008 sinken. So steht es zumindest im Klimaschutzplan der Bundesregierung.

Müdigkeit, Schwindel, Hautausschläge, Asthma oder Kopfschmerzen, diese Krankheitssymptome können durch Schadstoffe im Haus entstehen.

Daher geraten Naturdämmstoffe wieder mehr in den Fokus beim Bauvorhaben. Diese kamen bereits vor Jahrhunderten zum Einsatz und bieten einen hohen Wärmeschutz. Nachwachsende Rohstoffe wie Zellulose, Schilfgras, Flachs, Kokos oder Kork verbrauchen zudem in der Herstellung weit weniger Energie als herkömmliche Dämmstoffe.

Ein Unternehmen, das seit Langem Naturdämmstoffe erfolgreich einsetzt, ist das Öko-Zentrum Caldern bei Magdeburg. Geschäftsführer Manfred Schneider arbeitet seit 1969 in dem 1907 gegründeten Traditionsunternehmen. Auch er selbst musste in seiner Laufbahn dazulernen. Besonders eine Begegnung hat ihm dabei die Augen geöffnet.

Er arbeitete damals mit einer Architektin zusammen, die in München das in Deutschland bis dato einzige Studium der Baubiologie absolviert hatte: „Die hat mir ordentlich ins Gewissen geredet. Das war so überzeugend, dass wir damals im inneren Hausbaubereich auf ein Gift verzichtet haben, mit dem man Balken imprägniert hat. Die Benutzung von Basilit SF war eigentlich gang und gäbe, auch wenn es sogar arsenhaltig war.“

Hanf bindet doppelt so viel CO₂ wie Bäume

Auch Hanf spielt bei der Häuserdämmung eine immer wichtigere Rolle. Für die Herstellung von Hanfdämmstoffen ist nur relativ wenig Primärenergie nötig, anders als bei der Verarbeitung von Holz. Außerdem wächst Hanf sehr schnell: In nur 120 Tagen erreicht der Sprössling eine Höhe von rund vier Metern.

Er braucht wenig Wasser, gedeiht in fast jedem Klima und auf nahezu jedem Boden. Wachsen die Hanffasern, binden sie doppelt so viel vorhandenes CO₂ wie Bäume oder Baumwolle und verarbeiten es zu Zellulose und Hemicellulose. Hanf bindet schon während seines Wachstums mehr CO₂ als bei der späteren Dämmstoffproduktion eingesetzt wird. Das Nutzen von Hanfmaterialien wirkt sich also positiv auf die CO₂-Bilanz aus.

Die Hanffaser ist sehr widerstandsfähig, daher kommt die Kultivierung weitestgehend ohne Pestizide und Herbizide aus. Dämmstoffe aus der Hanffaser können deshalb auf dem Kompost entsorgt werden und verrotten ohne Rückstände. Hanffasern sind für Schädlinge wie Käfer oder Mäuse nicht futterrelevant, weshalb sie hanfgedämmte Häuser lieber meiden.

Baumaterialien aus Hanf sind diffusionsoffen und atmungsaktiv und können sich positiv auf das Raumklima auswirken. Sie können Feuchtigkeit aus der Luft aufnehmen und schadlos wieder abgeben. Außerdem verhindern Hanfmaterialien Schimmelbildung.

Die Hanffaser gilt als schwer brennbar und entwickelt im Brandfall, anders als etwa Bauschaum, keine toxischen Schwelgase. Die feste Zellstruktur der Hanffaser macht sie hitzebeständig. Auch der gefürchtete Kamineffekt, der Feuer stärker entfacht, tritt deutlich seltener auf als bei herkömmlichen Dämmmaterialien. Um die Brennbarkeit zu reduzieren, kombiniert man die Hanffasern häufig mit Borsalz. Erhitzt das Salz, gibt es Feuchtigkeit ab.

Hanf in Dach, Wänden und Böden

Die Baustoffindustrie verarbeitet Hanf zu unterschiedlichen Dämmstoffen. Die ausgeprägten Dämmeigenschaften resultieren aus den Fibrillen der Fasern, die die Energie von Wärme und Schwingungen aufnehmen, anstatt sie weiterzuleiten. Darum eignet sich Hanf zur Wärme- und Schalldämmung.

Die sogenannten Schäben, das Innere des Hanfstängels, können sich leicht an Materialien wie Kalk und Wasser binden. Aus den Schäben entsteht Dämmmaterial oder auch Hanfbeton. Der Bast, die äußere Schicht des Hanfstängels, bildet die Basis für Hanffasern, die besonders robust, flexibel und leicht sind. Sie sind besonders temperatur- und feuchtigkeitsregulierend. Aus dem Bast entstehen Filze, Vliese oder Bodenabdeckungen.

Dämmmatten sind oft als Matten- oder Rollenware lieferbar und eignen sich für die Dämmung in Dach, Wand und Boden. Die Matten lassen sich in Alt- sowie in Neubauten verbauen.

Hanffilz eignet sich sehr gut zur Trittschalldämmung. Dabei regulieren die Hanffasern die Raumfeuchtigkeit. Auch der Schall kann mit Hanfdämmplatten so gelenkt werden, dass Lärm von außen gedämpft wird und Lärm innerhalb des Hauses auf allen Ebenen stark verringert werden kann. Neben den plattenförmigen Formteilen gibt es auch lose Hanfwolle. Schneider verwendet diese Stopfwolle unter anderem beim Einbau von Fenstern. Besonders hier wirkt der Hanf feuchtigkeitsregulierend und ist schimmelresistent. Hanfwolle stellt eine umweltfreundliche Alternative zum weit verbreiteten PU-Schaum dar, der wiederum giftig ist. Außerdem ist PU-Schaum nicht besonders stabil. Wenn UV-Strahlen auf den Bauschaum geraten, pulverisiert er und löst sich quasi auf. Er hat kaum Masse, besteht vorwiegend aus Luft und stellt sehr schnell eine Luftdichtigkeit her.

Die Handwerker stehen unter einem immensen Preisdruck. Wenn sie ihren Kunden die ökologische Variante vorschlagen, sind sie zwangsläufig teurer als die Konkurrenz.

„Wir stopfen den Hanf mit der Hand um das Fenster und machen das Ganze mit Leim oder Klebestreifen luftdicht“, erklärt Schneider. Ihm zufolge steigt die Nachfrage von Hanfwolle an, auch seitens der Handwerker, die konventionell arbeiten. Allerdings, berichtet er, kämen die meist auf Kundenwunsch hin auf ihn zu. „Die Handwerker stehen unter einem immensen Preisdruck. Wenn sie ihren Kunden die ökologische Variante vorschlagen, sind sie zwangsläufig teurer als die Konkurrenz. Die wenigsten machen sich deshalb die Mühe, ihre Kunden auf Unterschiede hinzuweisen.“

Extraleichter Spezialbeton

Vermehrt findet auch Hanfbeton Einzug in den ökologischen Hausbau. Hanfbeton besteht aus den gemahlenen Schäben in Verbindung mit einem kalkhaltigen Bindemittel. Er wiegt nur ca. ein Sechstel des konventionellen Betons und ist wegen seiner Dämmeigenschaften beliebt. Er eignet sich für Wände oder Dachkonstruktionen. Der Baustoff aus Hanf und Kalk sorgt für eine natürliche Raumluftfeuchte, die zu einem angenehmen Raumklima führt. Der Hanf kühlt im Sommer und wärmt im Winter. Durch einen natürlichen Feuchtigkeitsaustausch besteht kaum Gefahr der Schimmelbildung. Auch in Sachen Schallschutz bietet Hanfbeton eine echte Alternative zu konventionellem Beton, da auch hier die bereits erwähnten schallabsorbierenden Eigenschaften wirken.

Bis 2050 soll der Primärenergie bedarf von Gebäuden um 80 Prozent gegenüber 2008 sinken.

Die thermischen Eigenschaften machen eine zusätzliche Dämmung, z. B. mit Polystyrol („Styropor“), überflüssig. Polysterol, bzw. expandiertes Polysterol (EPS) ist als Dämmstoff bis heute noch sehr weit verbreitet, obwohl es zahlreiche Nachteile mit sich bringt. Zur Herstellung ist Erdöl nötig, die Produktion ist sehr energieaufwendig und es wird mit toxischen, schwer abbaubaren Brandschutzmitteln versetzt. Dieser Baustoff benötigt einen zusätzlichen Schutz gegen Algen- und Schimmelbefall.

Putze und Anstriche, die mit Polysterol verarbeitet werden, sind mit Fungi- und Algiziden versetzt. Regnet es, können sich diese auswaschen und so ins Oberflächen- und Grundwasser gelangen. Polysterol verhindert außerdem eine Diffusion und fördert damit die Schimmelbildung. Wenn keine Bauschäden vorliegen, kann man bei Dämmmaterial aus Hanf von einer Haltbarkeit von bis zu 150 Jahren ausgehen, Polysterol hingegen ist zwar unbegrenzt haltbar, muss jedoch als Sondermüll entsorgt werden. Es enthält u. a. flüchtige organische Verbindungen wie Styrol, was im Verdacht steht, krebserzeugend zu sein.

Wenn das Haus krank macht

Müdigkeit, Schwindel, Hautausschläge, Asthma oder Kopfschmerzen, diese Krankheitssymptome können durch Schadstoffe im Haus entstehen. Der moderne Mensch hält sich heute bis zu 90 Prozent in Innenräumen auf, das sind bis zu 22 Stunden am Tag. Die vielen Kunststoffe in einem Raum können dazu führen, dass die natürliche Feuchtigkeit nirgends entweichen kann. Die Folgen können Feuchtigkeit und Schimmelbefall sein, die Asthma oder Allergien auslösen.

Eine ökologische Baustoffauswahl hilf dabei, dass Schadstoffe nicht erst ins Haus gelangen. Hanffasern als natürliche Materialien gasen auch keine VOC-Schadstoffe aus. Die „Volatile Organic Compounds“ (deutsch: „flüchtige organische Verbindungen“) sind Schadstoffe, die von Baustoffen oder Einrichtungsgegenständen in die Raumluft gelangen. Formaldehyd ist vermutlich der bekannteste Innenraum-Schadstoff, der in Klebstoffen, Farben, Lacken, Teppichen oder auch Spanplatten vorhanden ist. Formaldehyd kann Schleimhautreizungen, Allergien und Kopfschmerzen auslösen und steht im Verdacht, Krebs zu erzeugen.

Schneider ist daher vom Einsatz nachwachsender Alternativen überzeugt: „Naturbaustoffe wie Hanf sind neutral, aber synthetische Stoffe belästigen bis vergiften den Menschen – dazwischen ist alles möglich.“ Trotz aller Vorteile setzt sich Hanf als Baustoff nur langsam durch. Der Unternehmer will daher weiter daran arbeiten, Menschen zu informieren und von Naturdämm- und Baustoffen zu überzeugen. Der Umwelt und der Gesundheit seiner Mitmenschen zuliebe.