ZARTES PFLÄNZCHEN

Lichtmangel, Mobbing, Lärm – was Menschen stresst, lässt auch Pflanzen unglücklich werden. Es gibt – für beide – destruktive Stressmomente, aber auch gesunde, förderliche. Gezielte leichte Überforderung der Pflanze machen sich z. B. Cannabisanbauer für eine bessere Ernte zunutze.

Haben Pflanzen ein Bewusstsein?

Dass Pflanzen ein wie auch immer geartetes Seelenleben haben, wurde von Wissenschaftlern schon vor Jahrzehnten herausgefunden. Eine Referenz dafür ist zum Beispiel ein Werk zweier Journalisten und Buchautoren, Peter Tompkins und Christopher Bird, das bereits 1973 verfasst und drei Jahre später auch auf Deutsch herausgegeben wurde: „Das geheime Leben der Pflanzen“, in dem die Autoren Versuche von Wissenschaftlern schildern, die sinnliche Wahrnehmung der Pflanzen zu beweisen. Mithilfe diverser hochempfindlicher Messapparaturen (elektronische Galvanometer) waren Forscher in der Lage, die Reaktionen von Pflanzen auf äußere Umstände zu protokollieren. Es zeichnete sich dabei schon früh ab, dass Pflanzen auf die unterschiedlichsten Reize reagieren – und zwar annähernd genauso wie wir Menschen, nur dass man das bei Pflanzen nicht so eindrücklich beobachten kann, weil sich alles viel langsamer abspielt.

Eines der Ergebnisse der Wissenschaftler: Pflanzen spüren, wenn ihnen jemand etwas Schlechtes will. So reagieren Pflanzen mit Stress und Angst, wenn jemand sich ihnen nähert, der nur den Gedanken hat, das Gewächs zu schädigen oder gar zu töten. Hier ein eindrückliches Beispiel aus dem Werk von Tompkins und Bird, das verdeutlicht, wie explizit Pflanzen auf äußeren Stress und Gewalt reagieren: „Man ließ einen Mann eine Geranie mehrere Tage lang quälen.

Er zwickte und zerrte sie, stach ihre Blätter mit einer Nadel, tropfte Säure auf ihre Haut, versengte sie mit einem brennenden Streichholz und schnitt in ihre Wurzeln. Ein anderer Mann dagegen kümmerte sich rührend um die gleiche Geranie, gab ihr Wasser, hackte ihren Boden auf, besprühte ihre Blätter, stützte ihre schweren Seitentriebe und behandelte ihre Verbrennungen und Wunden. Dann verband man die Instrumente mit Hilfe von Elektroden mit der Pflanze – und was geschah? Kaum trat der Peiniger in die Nähe der Pflanze, schlug der Schreiber wie wild aus. Die Pflanze war nicht etwa nur nervös, sich fürchtete sich, sie war in höchster Panik. Wenn sie gekonnt hätte, würde sie sich entweder aus dem Fenster gestürzt oder ihren Peiniger angefallen haben. Sobald der Bösewicht jedoch gegangen war, und sich an seiner Stelle der Wohltäter neben die Pflanze stellte, beruhigte sich die Geranie“ (Seite 83).

Gestresste Pflanzen im Cannabisanbau

Man muss gar nicht so weit gehen, das Bewusstsein von Pflanzen untersuchen zu wollen, denn auch im Pflanzenanbau kennt man die Auswirkungen, die Stresseinfluss auf Gewächse haben kann. Dabei unterscheidet man schädlichen Stress, der Gewächse auf Dauer erheblich stört, von solchem, den man sich beim Anbau zunutze machen kann. Wir kennen das von uns Menschen: Der sogenannte Eustress ist die positive, motivierende Form von Stress, etwa, wenn wir eine Aufgabe, die uns potenziell fordert, gerne auf uns nehmen, wohingegen der sogenannte Disstress, eine Stressform, die sich u. a. aus Überforderung und Gehetztsein ergibt, uns nur schwächt und uns die Energie raubt.

Der Einfluss von geringfügigem Stress unterschiedlicher Natur kann Cannabispflanzen dazu animieren, kräftiger und schneller zu wachsen, ein stabiles und gesundes Erscheinungsbild aufzubauen und einen höheren Ertrag zu liefern. So stellt zum Beispiel eine konstante Luftzirkulation am Anbauort für Pflanzen einen Stressfaktor dar, stärkt aber gleichzeitig deren Wuchs und Widerstandsfähigkeit. Eingeblasene Luft simuliert in Anbauräumen den Wind, dem Pflanzen im Freien genauso ausgesetzt sind. Durch die Bewegung der Zweige entstehen in den Ästen minimale Brüche und Risse, die von der Pflanze durch die Produktion von verstärktem Gewebe (Kallusgewebe) kompensiert werden. Dies führt zu einem stabileren Wuchs der Pflanze. Beschneidungsmaßnahmen, bei denen Äste und Zweige abgeschnitten oder gebrochen werden, um den Wuchs zu manipulieren, stressen die Gewächse hingegen sehr und sollten nur mit Bedacht durchgeführt werden. Andererseits beeinflusst das Biegen und Fixieren der Äste zwar die Pflanze in ihrem natürlichen Wachstum. Gleichzeitig wird so jedoch die Lichtzufuhr zu mehreren Pflanzenteilen erhöht, was die Anzahl und die Größe der Blüten steigert.

Manche Cannabisgärtner stressen ihre Pflanzen kurz vor der Ernte ganz bewusst, um deren Harzproduktion zu erhöhen und damit eine gesteigerte THC- bzw. Cannabinoid- und Terpen-Ausbeute zu erreichen. Dies geschieht zum Beispiel durch den völligen Lichtentzug oder das Übergießen mit eiskaltem Wasser. Diese Stressfaktoren sollen die Produktion der Inhaltsstoffe, der Cannabinoide, ankurbeln. Die Techniken sind allerdings umstritten und setzen eine gewisse Fachkenntnis voraus, um dem Gewächs nicht zu schaden.

Schwerwiegende und anhaltende Stressfaktoren, zum Beispiel Nährstoffmangel oder -überschuss, eine zu niedrige oder zu hohe Luftfeuchtigkeit, ein Übermaß oder eine Unterversorgung mit Wasser, ein falscher pH-Wert des Gießwassers, Schädigungen der Wurzel und ein unausgewogener Lichtzyklus stressen Pflanzen in einer Art, die sich langfristig negativ auf deren Wachstum auswirkt. Im schlimmsten Fall führt dies zum Tod der betroffenen Pflanze.

Mit Musik entstressen?

Wie wissenschaftliche Versuche gezeigt haben, reagieren Pflanzen auch auf andere äußere Reize, wie zum Beispiel auf Musik. So hat sich ergeben, dass die Beschallung von Gewächsen mit klassischer Musik, etwa Mozart, dazu führt, dass Pflanzen offensichtlich eine gewisse Harmonie empfinden und entsprechend besser wachsen und gedeihen als solche Exemplare, die nicht mit Musik beschallt werden. Einen entsprechenden Test hatte u. a. ein Biologe mit Weinpflanzen durchgeführt und zu seinem Erstaunen festgestellt, dass die Gewächse nicht nur besser wuchsen als die aus der Kontrollgruppe.

Der Wein aus den mit Mozarts Klängen beglückten Pflanzen hatte auch besser geschmeckt. Spielt man Pflanzen jedoch aggressivere Klänge vor, Heavy Metal zum Beispiel, so reagieren sie eher in einer negativen Weise – sie zeigen sich gestresst, was sich in einem mangelnden Wuchsverhalten ausdrückt, und gehen im Extremfall sogar ein.

Das bedeutet, dass Gärtner, Pflanzenzüchter und -anbauer ihre Zöglinge mittels musikalischer Beschallung offenbar richtiggehend entstressen können. Das führt dann zu einer vermehrten Wuchsfreudigkeit der Pflanzen und steigert die Ernte nicht nur mengenmäßig, sondern auch qualitativ.