WIR MÜSSEN MEHR TRÄUMEN

Cannabis ist eine Wahrheitsdroge, sagt der kalifornische Sexologe Dr. Nick Karras. Er bringt seine Paare mithilfe einer Mikrodosierung wieder an den Anfang ihrer Beziehung, als sie noch voneinander unabhängige Persönlichkeiten waren.

Nick Karras ist Paarcoach und Fotograf. Gerade wurde sein Bildband „Petals“ auch in Deutschland veröffentlicht. Darin kann man eine Vielzahl an Vulvas in Nahaufnahme betrachten. Ästhetische und fast abstrakte Bilder – Frauen auf der ganzen Welt reagieren mit Rührung und Erleichterung. Weil sie ihre eigene Vagina nie mit dem gleichen unerschütterlichen Optimismus beäugen wie Männer ihr gutes Stück, sondern meistens furchtbar kritisch. Warum so befremdet, fragte sich Karras, der in Sex viel mehr sieht als eine nette Aktivität. Richtig gelebte leidenschaftliche und empathische Sexualität, daran glaubt er, kann aus uns bessere Menschen machen.

CANNABIS KANN DAFÜR SORGEN, DASS WIR UNS NICHT MEHR KÜMMERN.

Mit dieser Erkenntnis ging er zurück an die Uni und promovierte am Institute for Ad­vanced Study of Human Sexuality in San Francisco. Als er als Doktor of Sexology in den Kreis der Berater für die Entwicklung des „Pinken Viagra“ berufen wurde, ei­ner Lustpille für die Frau, bekam er einen Schreck. Ein schiefgegangenes Antidepres­sivum für besseren Sex? Das schien ihm ab­surd. Umso mehr, weil er aus Erfahrung um die libidosteigernde Wirkung einer Pflan­ze wusste. „Wir haben doch die Antwort schon: Cannabis“, warf er in die Runde aus Pharmazeutikern und Ärzten. Schlechtes Image, und, daraus ließe sich kein Geld ma­chen, war die Reaktion.

Der praktizierende Paarcoach fokussier­te sich dann auf die wissenschaftliche Re­cherche zur Cannabispflanze, interviewte mehrere Hundert Cannabiskonsumenten und vertiefte sich in die Fachliteratur. Sei­ne Ergebnisse verdichtete er zu „The Pas­sionate High“, einem Leitfaden für den richtigen Einsatz von Cannabis für mehr Intimität und Kreativität. Wenn er mit Paa­ren arbeitet, setzt er Cannabis ein. Egal ob fortgeschrittener Stoner oder Neuling – ein sanfter Einstieg und Mikrodosierung sind für ihn fundamental, um die passende Sorte zu finden und die Pflanze wirklich zu verstehen.

in.fused: „Sie machen die Leute zu Kiffern!“, haben Sie schon öfters zu hören bekommen, weil Sie Paare zum regelmäßigen Graskonsum animieren. Tun Sie das?

Nick Karras: Wenn Paare zu mir kommen, sind sie außer Balance: Geldsorgen, Alkoholprobleme, kein oder kaum Sex. Ich bringe sie zum zeremoniellen Kiffen und zum Anfang ihrer Liebe zurück. Aber auf sanfte Art, mit einer Mikrodosierung, und immer mit einer bewusst gesetzten Intention. Wenn, dann ist es eher andersherum: Ich mache also aus Kiffern reflektierte Konsumenten.

Wie sieht so eine Cannabissession bei Ihnen aus?

Meine Paare bekommen Hausaufgaben: Sie sollen Fotos aus Ihrer Anfangszeit bereithalten, Essen kochen, was sie daran erinnert, und die passende Musik auflegen. Im Normalzustand würde so eine künstlich hergestellte Szenerie furchtbar nerven. Aber in einem sanften High passiert Folgendes: Der Körper schüttet Oxytocin, Serotonin und Dopamin aus in einem Maß, als wäre man verliebt. Er reagiert auf die Erinnerungen.

Ist das nicht nur ein temporäres Vergnügen, das schnell wieder verpufft?

Am nächsten Morgen ist zwar das Geldproblem das gleiche, aber der Körper erinnert sich an gestern. Ich bezeichne Cannabis als Markerdroge, die das Gefühl, was ja da ist, aktiviert. Das ist eine Programmierung – darum geht es in einer guten Therapie: Einen Weg zu suchen, eine Geschichte neu zu erzählen. Mit Mikrodosierung ist der Verlauf nur schneller als ohne.

Wird Cannabis auf diese Art nicht zu einer Art Zwang, ohne das keine Lust mehr entsteht?

Ich empfehle diese Methode für fünf bis sechs Wochen, einmal pro Woche. Was dabei passiert ist, dass sich das Denken ändert: Wenn du normalerweise abends dein Bierchen aus dem Kühlschrank nimmst, sagt dein Bauch jetzt vielleicht: Nein, ich möchte aber das andere Gefühl.

Sie empfehlen Anfängern, mit 5 bis 10 Milligramm zu starten. Aber auch erfahrenen Kiffern raten Sie zur Mikrodosierung? Wie reagieren die auf so einen „Tropfen auf den heißen Stein“?

Das ist tatsächlich die größte Herausforderung für mich: Leute vom hohen zu Mikrokonsum zu kriegen. Das ideale High sollte sich so anfühlen: mild, fokussiert, optimistische Grundeinstellung, leicht und relaxed, aber nicht schläfrig, Geruchs- und Tastsinn verschärft. Ich sage meinen Paaren: Raucht immer bewusst. Fragt euch: Warum rauche ich, wofür setze ich es ein, was will ich erreichen? Sich komplett auszuschalten und sich hinter den Ängsten und Gefühlen zu verstecken – na gut, manchmal muss das sein. Aber macht das nicht ständig.

SEX IST FÜR FRAUEN VIEL KOMPLIZIERTER ALS FÜR MÄNNER.

Also kann es auch missbraucht werden bzw. einen falschen Zweck erfüllen?

Wenn du einen schlechten Tag hattest, kommst nach Hause, hasst deine Partnerin, knallst dir eine Bong rein und konsumierst Chips und Porno, dann erlaubt dir Cannabis das. Dann war das deine Intention – aber vielleicht nicht die förderlichste. Bei zu viel Gras und unter Umständen in Kombination mit Alkohol passiert Folgendes: Deine Muskulatur entspannt, deine Wut wird weniger – du betäubst das, was dich eigentlich stört.

Probleme verlieren stoned an Schrecken – sieht man dann klarer, oder wirkt es nur so?

Wenn Probleme in einer Beziehung immer wieder auftauchen, die man immer wieder wegkifft, dann ist das nicht gut. Cannabis kann auch machen, dass wir uns nicht mehr kümmern. Ich möchte aber, dass die Menschen aufmerksam sind, darauf achten, wie sie sich fühlen und mit dem Gefühl arbeiten. Und dass sie mit dem anderen Antworten suchen – da findet die Arbeit statt.

Sie sagen, in Cannabis liegt der Zugang zur Wahrheit. Kommen zu Ihnen auch Paare, die im Coachingprozess erkennen, dass sie gar nicht zusammengehören?

Das passiert gar nicht so selten. Ich kann keinem Paar garantieren, dass es Begehren ist, was es sich voneinander erhofft. Das stellt sich dann eben heraus. Oft wollen wir gar nicht sehen, wer wir wirklich sind. Aber wenn wir jemanden nicht mehr lieben, dann möchten wir auch nicht mehr körperlich sein. Sich darüber im Klaren zu sein, ist natürlich eigentlich sehr gut.

Und Cannabis hilft, das zu erkennen?

EMPATHIE IST WICHTIG, UM WUNDEN ZU HEILEN.

Mit Cannabis ist es möglich, Themen viel tiefer zu bearbeiten. Das nennt man Hyperfokussierung – und jeder, der kifft, kennt das ja: Stoned starrt man manchmal auf Dinge, verliert dabei die Gedanken an alles andere komplett. Viele stört genau das an Konsumenten. Aber wenn du es gezielt steuerst, kann es Erhellung bringen bei den Streitpunkten zwischen Paaren – ob es nun um Geld geht oder Sexualität.

Die verstärkte Empathiefähigkeit kommt einem da auch entgegen.

Genau: Plötzlich kann man die Perspektive ändern und merkt, oh, ich verletze ja die Gefühle des anderen. Ich kann mich auf das Gegenüber einlassen, seine Logik nachvollziehen. Empathie ist wichtig, um Wunden zu heilen. Und das dritte entscheidende Feature der Pflanze ist die gesteigerte Imagination. Das kennt auch jeder: Man kommt high auf verrückte Ideen und glaubt, sie seien an Brillanz kaum zu überbieten. Viele dieser „Pipe Dreams“ sind oft nicht verwirklichbar, aber zu träumen ist ein unglaublich wichtiger Teil von Liebe und Intimität, sie bewegen dich in eine positive Richtung. Ich sage zu den Leuten: Wenn ihr Gras raucht, dann beschließt vorher, wo ihr damit hinwollt. Die gesteigerte Vorstellungskraft hilft dabei, darüber zu sprechen, was ihr von der Beziehung möchtet – und nicht darüber, was euch stört. Im Grunde sind wir unsere Gedanken, wir sind, worüber wir sprechen. Auch wenn es „absurde“ Gedanken sind, sind sie doch eine Orientierungshilfe, wohin es gehen soll. Also: Sprecht miteinander! Am besten mit einem kleinen Rausch.

Und manchmal schocken die offengelegten Wünsche des Partners auch?

Ja, das kommt vor. Aber am meisten schockiert sie, dass der Partner über seine Wünsche nie etwas erzählt hat.

Warum behält man Wünsche überhaupt lieber für sich? Warum braucht es so viel Mut, sie zu äußern?

Wenn in einer Beziehung die Intimität und das Begehren stark nachgelassen haben, dann ist das die Folge der Maske, die wir tragen. Ich nenne sie gern „Little Lies“, und sie hat mit Enttäuschungen zu tun: Wir würden z. B. gerne abnehmen, weniger trinken, einen anderen Beruf leben, den anderen begehrenswert finden oder mit der Schwiegermutter klarkommen. Und dann gibt jemand immer wieder zu verstehen: ‚So ein Quatsch, das wird nie im Leben klappen.‘ Und wir geben auf, obwohl der Wunsch weiter besteht. Dagegen brauchen wir die Träume.

Eine Liebeserklärung an „Silly Dreams“?

Träumereien helfen einem, sich wegzubewegen vom „Glaube ich nicht“. Wir haben es verlernt, große Träume zu träumen. Aber die Menschen, die träumen, machen den Unterschied in der Welt aus. John Lennon hat über seinen Song „Imagine“ gesagt: „Wenn ich high bin, dann glaube ich auch an die Welt, die ich da beschreibe. Auch wenn ich im Alltag wütend bin über Kriege, Ungerechtigkeit und Hass. Aber die einzige Möglichkeit, etwas zu ändern, ist, daran zu glauben, dass es möglich ist.“

Klingt nach Kiffen für Fortgeschrittene. Wie leiten Sie jemanden an, der mit Cannabis bisher nicht viel zu tun hatte?

Gerade am Anfang sagen Leute, sie würden nichts merken vom Rausch. Ich empfehle dann, etwas zu unternehmen, spazieren zu gehen, zu putzen. Dann spülen sie vielleicht das Geschirr ab und merken zum ersten Mal: Oha, ich spüle ja mit System. Die Gläser sind immer als erstes dran. Und im Bett fällt ihnen vielleicht wie Schuppen von den Augen: Oh Gott, wie einfallslos ich bin. Ich berühre dich ja immer auf die gleiche Art.

Berührungen erleben viele, wie auch Geschmack und Musik, viel intensiver.

In unserem Zeitalter konsumieren wir fünfmal so viel Information wie noch vor 30 Jahren. Unsere Gehirne versuchen, das zu verarbeiten und verbrauchen dafür all die Energie unseres Körpers. So riechen und hören wir nicht mehr richtig, weder zu noch hin. Weil wir nicht richtig im Körper stecken. Wenn wir Gras rauchen, öffnen wir unser Endocannabinoidsystem, sehen, fühlen schmecken, was die Natur uns bietet. Weil wir uns dann im Raum des Geschehens, im Körper, befinden.

Das ist im Körper messbar?

Im Rausch entspannt sich der ganze Körper, unser Herz schlägt schneller, weil die Lungen sich vergrößern und der Sauerstoff sich überall ausbreitet. Deswegen schmeckt die Pizza in dem Moment wie die beste jemals. Sind wir wütend oder ängstlich, passiert das Gegenteil: Wir atmen reflexhaft weniger und versorgen den Körper mit weniger Sauerstoff, was die Sinne viel weniger empfänglich macht. Ich glaube, wir können generalisieren: Wir sind heutzutage viel zu kopflastig und viel zu wenig unser Körper. Cannabis erinnert uns daran, dass wir sexuelle Kreaturen sind, die berührt werden möchten. Und dafür müssen wir Frauen und Männer wieder mehr zusammenbringen, anstatt gegeneinander zu kämpfen.

Sex ist also ein Kampf der Geschlechter?

Allerdings. Aber dieser Kampf zeigt nur, dass wir menschlich sind. Wegen dieses Kampfes sind wir ja überhaupt hier. Sex ist für Frauen viel komplizierter als für Männer. Männer interessieren die Gefühle im Hier und Jetzt, keine Wunden aus der Vergangenheit. Für Frauen ist Sex oft verwirrend, weil es so viele Bedeutungen hat – auch viele dunkle. Allein die Möglichkeit, schwanger werden zu können, macht es komplizierter. Eine Frau steckt all ihre Wut auf die Welt und auf die Männer in ihren Sex – und dort speichert sie alles ab. Deswegen verlieren Frauen ihr Verlangen oft schnell und sagen: Ich bin nicht mehr sexuell aktiv.

Und wenn Frauen Gras rauchen, dann aktivieren sie ja ihre körperlichen Sinne, also auch die Lust?

Bei Frauen kommt der Sex zurück, wenn sie rauchen – und damit all die gespeicherten Dinge. Das kann dazu führen, dass sie sich gegen diese tiefen hochkommenden Gefühle wehren und gegen das High ankämpfen. Kontrolle zu verlieren alarmiert sie. Aber ohne Hingabe ist Cannabis nicht wirksam. Frauen müssen das Grasrauchen daher viel langsamer angehen, wenn sie solche Wut in sich tragen.

Ohne Hingabe funktioniert auch Sexualität nicht, bzw. keine erfüllende.

Dazu fällt mir die Geschichte meiner Eltern ein, die im ersten Moment vielleicht altmodisch klingt: Mein Vater war ein sehr leidenschaftlicher Mann, übrigens ein gebürtiger Grieche; meine Mutter mit deutschen Vorfahren kam aus einer ländlichen Region. Als sie heirateten, sagte er: Du wirst jeden Tag mit mir schlafen. Und meine Mutter machte das. Später erzählte sie mir, am Anfang habe sie es gehasst. Aber er habe sie angesehen und gesagt: ‚Ich brauche das, meine Frau. Wenn ich danach mit dir zusammenliege, dann sehe ich dich anders und weiß, dass wir jedes Problem lösen können. Finde einen Weg, das zu genießen.‘ Sie hasste es aus dem Grund, weil sie viele andere Dinge im Kopf hatte, die zu tun waren, und die vielen Kinder; ihre Nachbarin, die es viel besser hatte. Das alles erzählte sie meinem Vater eines Abends. Und seine Reaktion war: ‚Lass uns miteinander schlafen. Und lass mich dir einen Orgasmus verschaffen. Bring mir bei, wie Sex was Schönes für dich wird.‘

Das wiederum klingt alles andere als altmodisch …

Sie sagte, es war wunderschön. Sie brachte ihm bei, der beste Liebhaber zu werden, den man sich vorstellen kann – langsam zu agieren, es ihr mit dem Mund zu machen. Und sie sagte ihm klipp und klar: ‚Nicht du hast Vorrang, sondern ich.‘ Und nach dem Sex lagen sie nebeneinander und redeten über das Leben. Sie mochte, dass er dieses große Begehren hatte – und lernte, damit umzugehen.

Es klingt, als hätte sich Ihr Vater auf die kompliziertere, anfälligere Sexualität Ihrer Mutter eingelassen.

Ja, sie hat ihn zum besseren Menschen gemacht. Das kann Sexualität. Männer brauchen Frauen, um sie zu besseren Menschen zu machen. Und Männer brauchen Frauen, die sie das lehren. Indem sie die Männer in ihre komplexe Welt der Sexualität einladen.

Frauen sind schon die besseren Menschen?

Frauen müssen auch verstehen, dass Männer eine andere Sexualität haben. Dass sie die männliche nicht verteufeln und sagen: Ihr dürft nicht jagen, nicht begehren. Statt Männer zu attackieren, müssten wir Frauen stärken. Wenn mich jemand fragen würde, wer sexuell stärker ist, würde ich sofort sagen: die Frau. Sie kann einen Mann mit ihrer Sexualität komplett demontieren – daher wurde sie über die Jahrhunderte auch so stark kontrolliert. Eine Frau kann aber eben auch große Freude bereiten, wenn sie möchte.

Diese Nähe Ihrer Eltern nach dem Sex klingt wie ein gutes High.

Cannabis ist wie gerade einen Orgasmus gehabt zu haben. Oxytocin, Dopamin und Serotonin haben erhöhte Werte. Das war der Grund, warum meine Mutter Lösungen sehen konnte. Und Cannabis öffnet einem die gleichen Möglichkeiten, Wege zu finden.

Was, glauben Sie, macht eine Beziehung haltbar?

Ich versuche im Coaching, die Leute wieder zu eigenen Persönlichkeiten zu machen, die sie waren, als sie sich trafen. Ein bisschen Feuer zu verlieren, ist ok. Aber zu viel, das macht krank.
Ich denke, es gibt immer einen Weg zusammenzubleiben. Wenn beide ehrlich sind und dem anderen erlauben, zu fliegen. Schließlich ist es ja der Sinn von Liebe, den anderen glücklich zu sehen. Manchmal will die eine Person nicht, dass die andere ihre Träume lebt. Vielleicht muss man dann weiterziehen.