WENN DIE AUGEN GRÖSSER WAREN ALS DIE TOLERANZ

Als Pflanzenmaterial lässt sich Cannabis schwieriger dosieren als einzeln verpackte Pillen. So kann man sich gerade als unerfahrener Patient auch mal eine zu hohe Dosis verpassen. Warum dies aber kein Grund zur Panik ist, weiß Cannabiskoch Rüdiger Klos-Neumann.

In den Jahrhunderten, in denen Cannabis ein fester Bestandteil des Kräutergartens heilkundiger Gelehrter war, wurde die Pflanze nicht nur geraucht, sondern auch in Tinkturen, Salben, Teeaufgüssen oder Umschlägen verwendet. Mit der Verbannung der Pflanze aus Garten und Apotheke ging das Wissen über die Anwendungsmöglichkeiten verloren. Das Rauchen war die einzige Konsumform, die unter Konsumenten weit verbreitet erhalten blieb. Das Drehen einer Tüte ist schnell erledigt und die nötigen Utensilien sind leicht zu beschaffen. Für Menschen, die Cannabis aus medizinischen Gründen verwenden möchten, ist sie jedoch nicht geeignet. Zum einen werden durch den Rauch neben den Wirkstoffen auch Schadstoffe in die Lunge befördert, zum anderen stellt die Inhalation für Nichtraucher meist eine Hürde da. Die orale Aufnahme bietet daher für viele Patienten eine Alternative. Doch auch hier gibt es einiges zu beachten.

CANNABIS IN DER NAHRUNG

Rüdiger Klos-Neumann von sens cuisine ist Cannabispatient und gelernter Feinkostkoch. Inzwischen kann er die Menge Cannabis, die er pro Tag benötigt, kaum mehr „wegrauchen“. Seine Profession half ihm dabei, andere Konsumwege zu nutzen. Wenn Cannabis in der Nahrung verarbeitet wird, erspart man sich das Hantieren mit Rauch- oder Inhalationsgeräten und kann auch auf Tabak völlig verzichten. Rüdiger weiß, dass unerfahrenen Patienten der Umstieg auf Cannabis zur Behandlung der individuellen Beschwerden schwerfallen kann. Die Unsicherheit ist groß und viele fürchten unangenehme Nebenwirkungen.

Als Koch darf Rüdiger niemanden offiziell beraten, wohl aber von seinen eigenen Erfahrungen berichten und das Wissen teilen, was er sich über die letzten Jahre angeeignet hat. Er weiß, dass Cannabis, das oral aufgenommen wird, anders und stärker wirkt als bei der Aufnahme über die Lunge, und dass sich daher selbst erfahrene Inhalierer vorsehen sollten. Die Arbeitsgemeinschaft Cannabis Medizin (ACM) empfiehlt Patienten, mit einer Teezubereitung zu beginnen und das Cannabis vor dem Verzehr herauszusieben. THC ist nicht wasserlöslich.

Dafür braucht es Stoffe wie Alkohol, Glycerin oder Fette. „Ein gewisser Teil der Wirkstoffe geht trotzdem ins Wasser über. Die Wirkung ist allerdings weniger intensiv als bei der Aufnahme von Cannabis über die Nahrung“, beschreibt Rüdiger seine eigene Erfahrung. Neben dem THC werden auch einige Terpene und Aromen durch das heiße Wasser abgelöst und anschließend vom Körper aufgenommen. Hier erhält man allerdings nicht das gesamte Spektrum. Der Vorteil bei Tees ist, dass Flüssigkeiten schneller vom Körper verarbeitet werden als feste Nahrung. Daher ist die Wirkung gerade in Kombination mit Zucker schneller spürbar. Innerhalb von 20 bis 30 Minuten sollten die Stoffe den Blutkreislauf erreicht haben. „Das ist ein enormer Vorteil, da Patienten so schneller einschätzen können, ob sie eine ausreichende Menge zu sich genommen haben oder noch mehr nehmen sollten“, so Rüdiger. Für jemanden, der keine Erfahrung mit Cannabis hat, ist ein Tee eine gute Möglichkeit, den Effekt zu testen und zu schauen, wie sich die Wirkung beim Einzelnen bemerkbar macht. Später hat Rüdiger dann dem Tee etwas Butter, Kokosfett oder einen Teelöffel Hanföl beigemischt und mit dem Cannabis ziehen gelassen. Dies verstärkt die Wirkung. In jedem Fall sollte die zu verwendende Sorte und die genaue Menge im Vorfeld mit dem Arzt abgestimmt werden.

Bei dem Verzehr von „Edibles“ – Nahrungsmittel, die mit Cannabis versetzt sind – ist der Effekt wesentlich stärker, da das Cannabis ganz vom Körper verarbeitet wird. Hier würde zum Beispiel ein halbes Gramm Cannabis eine wesentlich stärkere Wirkung entfalten als in einem Tee. „Grundsätzlich sollte man wissen, wie viel Cannabis in einem Edible enthalten ist, damit es keine bösen Überraschungen gibt“, so Rüdiger.

30/90 MINUTEN BIS KONSUMENTEN EINE WIRKUNG VERSPÜREN

Cannabissorten, die in der Apotheke erhältlich sind, enthalten beispielsweise 14 oder 22 Prozent THC. Ein Gramm Blütenmaterial enthält demnach 140 bzw. 220 Milligramm THC. „Bis zu einem Körpergewicht von 60 Kilogramm sollte man anfänglich nicht über ein Gramm Cannabis auf den Tag verteilt gehen, so hat es mir mein Arzt damals erklärt. Meine Einzeldosis betrug also anfänglich ca. 0,2 Gramm Blütenmaterial.“

DER KÖRPER BRAUCHT ZUCKER

Bei Edibles dauert es länger, bis die Wirkung eintritt. Je nachdem, wie voll oder leer der Magen ist, kann es 30 bis 90 Minuten dauern, bis Konsumenten eine Wirkung verspüren. Manchmal sogar noch wesentlich länger. Dadurch ist die Gefahr größer, dass die betreffende Person eine zu hohe Menge einnimmt. „Wenn die Dosis zu hoch ist, haut es dich weg“, weiß Rüdiger aus eigener Anfangserfahrung. Dann kann es passieren, dass der Kreislauf zusammenbricht, weil sich der Blutzuckerspiegel zu stark absenkt.

Rüdiger erinnert sich an zwei Erlebnisse, die ihn „zu Boden gehauen“ haben. „Beim ersten Mal war es durch das Rauchen einer Bong. Ich kroch auf dem Boden, weil ich meine Beine nicht mehr gespürt habe.“ Jedes Mal habe er allerdings extremen Hunger verspürt, erinnert sich der Profikoch und grinst. „Wenn man zu viel genommen hat, braucht der Körper Zucker“, lautet Rüdigers einfache Regel. Das sehen die Experten nicht anders. Wenn Konsumenten ins Krankenhaus gebracht werden, weil sie sich auf Grund einer zu hohen Cannabiskonzentration im Edible schlecht fühlen, wird ihnen Glycerin, also Zucker, verabreicht, damit sie wieder in die Gänge kommen.

DAS PROBLEM IST OFT, DASS DIE LEUTE UNHEIMLICH VIEL IN IHREN ZUSTAND HINEININTERPRETIEREN.

Dies erklärt auch die appetitsteigernde Wirkung, die Cannabis im Allgemeinen hat. Durch das Andocken der Cannabinoide an die körpereigenen Rezeptoren und deren Verarbeitung wird sehr viel Energie benötigt. „Der Körper befindet sich regelrecht in einem Schockzustand und möchte an allen Stellen agieren. Daher steigt der Energiebedarf stark an und dem Körper muss Energie, also Nahrung, zugeführt werden“, erklärt Rüdiger das Gefühl, welches unter Freizeitkonsumenten auch als „Munchies“ bezeichnet wird.

UND WENN ES DOCH EINMAL ZU VIEL WAR

Trotz aller Vorsicht kann es gerade am Anfang passieren, dass sich Patienten bei der Einnahme verschätzen – sei es aus Ungeduld oder aus mangelnder Erfahrung. In dem Fall hilft vor allem, die Ruhe zu bewahren. Eine Überdosis Cannabis kann sich unangenehm anfühlen, ist aber nicht tödlich. Auch wird der Körper nicht vergiftet, wie es bei Alkohol der Fall ist, und es sind keine bleibenden Schäden zu befürchten.

Wenn man den Cannabisrausch zum ersten Mal erlebt, ohne genau zu wissen, was passiert, kann dieses Gefühl schon überwältigend sein. „Man fängt an zu schwanken, es wird alles zu viel, man kann seine Bewegungen nur noch schwer koordinieren.

EINFACH RUHE BEWAHREN, ES GEHT VORBEI.

Ähnlich wie bei übermäßigem Alkoholkonsum halt auch“, so beschreibt Rüdiger seine Erfahrungen von früher. Dieses Gefühl kann einem Angst machen, weil man im Vergleich zu einem Alkoholrausch noch relativ klar bei Verstand ist. Durch die Angst oder Panik kann es auch zu Schweißausbrüchen kommen, durch die sich die Person dann vielleicht noch mehr in ihren Zustand hineinsteigert. Letztendlich könne einem aber nichts passieren, weiß er zu beruhigen. „Einfach Ruhe bewahren, es geht vorbei“, lautet seine Devise. „Das Problem ist oft, dass die Leute unheimlich viel in ihren Zustand hineininterpretieren. Sie haben eine sehr hohe Erwartungshaltung, dass sie zum Beispiel total euphorisch werden oder einfach tiefenentspannt.“ Bei der richtigen Dosierung und der richtigen Sorte kann dieser Effekt auch durchaus eintreten. Bei falscher Dosis kann es aber auch nach hinten losgehen. In dem Moment kann man nicht viel machen. „Schlafen will man dann meistens auch nicht, weil sich alles in einem dreht. Der Körper ist in dem Moment hochaktiv. Mir hilft es da, eher aufrecht zu sitzen“ berichtet Rüdiger. Das hilft dann meist gegen die Übelkeit, die einige Menschen im Liegen wegen des Schwindels verspüren. Die Füße kann man dabei ruhig hochlegen.

Manche Menschen duschen auch ganz gerne kalt oder machen Wechselbäder, weil auch dies den Kreislauf wieder anregt. Wie lange dieser Zustand anhält, hängt vom Stoffwechsel der jeweiligen Person ab.
Wichtig ist noch einmal zu betonen, dass jede Cannabissorte unterschiedlich wirkt. Bei Schmerzpatienten hat jeder seine individuelle Sorte, die besonders gut hilft. Andere wirken bei bestimmten Patienten hingegen überhaupt nicht. Das gilt es im Laufe der Behandlung gemeinsam mit dem Arzt herauszufinden. Wenn Menschen negative Erfahrungen mit Cannabis machen, heißt dies noch lange nicht, dass ihnen die Pflanze grundsätzlich nicht helfen kann. Wahrscheinlich haben die Patienten in dem Fall eine ungeeignete Sorte erwischt oder sich bei der Dosierung arg verschätzt.

Daher ist es wichtig, dass später in der Apotheke eine möglichst hohe Sortenvielfalt zur Verfügung steht und die Patienten die Möglichkeit erhalten, zu probieren, um die Sorte zu finden, die bei ihnen am besten wirkt. „Laien denken immer noch, dass Gras gleich Gras ist. Doch das ist keinesfalls so“, klärt Rüdiger auf. Die Wissenschaft hat noch viel Arbeit vor sich, wenn es darum geht, die Wirkungsunterschiede der einzelnen Cannabissorten zu untersuchen.

„Über die Nahrung kann Cannabis bis zu zehnmal stärker wirken, als wenn man es über die Lunge aufnimmt“, fasst Rüdiger noch einmal zusammen. Inzwischen ist er Experte darin, für sich die richtige Dosierung zu finden: „Sollte es doch einmal wieder zu viel werden, würde ich in dem Moment viel Süßes trinken. Solange ich meinen Blutzuckerspiegel hochhalten kann, sollte ich ganz gut durch die Nummer durchkommen.“