Wenn der Konsum zum Problem wird

Bei den meisten verläuft der Cannabiskonsum unproblematisch, andere sind im Laufe ihres Lebens auf Hilfe angewiesen. Im Berliner „Therapieladen“ können sie Unterstützung finden. Andreas Gantner, Psychologe, berät hier seit fast 30 Jahren Menschen jeden Alters. Was das direkte Umfeld und die Politik tun können, erklärt er im Gespräch.

DER ANTRIEB, DAS EIGENE LEBEN IN ANDERE BAHNEN ZU LENKEN, ERFORDERT EINE GEWISSE REIFE.

Die Berliner Jugend- und Drogenhilfe e.V. betreibt seit 1985 den „Therapieladen“. Die Einrichtung richtet sich als eine der wenigen in Deutschland an Menschen, die speziell auf Grund des Konsums von Cannabis und Partydrogen wie Amphetaminen oder Ecstasy therapeutische Unterstützung suchen. 70 bis 80 Prozent der Klienten, die den Therapieladen aufsuchen, sind cannabisabhängig. Der Diplom-Psychologe und Psychotherapeut Andreas Gantner fing 1989 direkt nach dem Studium an, im Therapieladen zu arbeiten. Drei Jahre später übernahm der heute 56-Jährige die Leitung der Einrichtung. Schwerpunktmäßig arbeitet er mit Menschen, die wegen ihres Cannabiskonsums Probleme haben.

Der Fokus des Therapieladens lag von Anfang an auf einem Spezialangebot für Cannabiskonsumenten. Anfang der 1990er sind dann Partydrogen wie Ecstasy, Amphetamine, Speed oder Kokain dazugekommen. Opiatabhängigkeit wird hingegen nicht behandelt. Mit dieser Ausrichtung wollte man damals die Schwelle zum Zugang zu Beratungsangeboten für Konsumenten senken. Denn dass Cannabis keine Einstiegsdroge für Heroin ist, war den Spezialisten schon damals bekannt. Über die Jahre hat sich gezeigt, dass dieser Schritt ein Erfolg war.

„Unser Klientel ist heterogen, und die Ursachen und konkreten Probleme des Konsums sind sehr unterschiedlich. Für uns sind das Alter und die Lebenssituation unserer Klienten wichtige Unterscheidungskriterien“, so Gantner. Jedes Lebensalter bringe spezifische Probleme mit sich. Die größte Gruppe der Klienten ist zwischen 20 und 35 Jahre alt. Rund drei Viertel sind männlich. Je nach Alter und Lebenssituation unterscheidet sich die Art der Behandlung. Jugendliche erhalten eine Psychound Familientherapie im Rahmen der Jugendhilfe, die meist ein Jahr dauert. Bei Erwachsenen geht es hingegen meist um eine Suchtrehabilitation im Rahmen einer Suchttherapie. Die Behandlung in Einzel- und Gruppentherapie kann in dem Fall bis zu 18 Monate in Anspruch nehmen. Kostenträger sind die Krankenkassen und das Jugendamt.

Andreas Gantner arbeitet schon seit geraumer Zeit vorwiegend mit Jugendlichen. „Bei jungen Menschen ist es wichtig, die Eltern und das Umfeld miteinzubeziehen“. Im Gegensatz zu Erwachsenen, die sich aus dem Wunsch heraus, ihr Leben
zu ändern in Behandlung begeben, kommen Jugendliche durch den Druck der Eltern oder von Betreuern, also „fremdmotiviert“, wie Gantner es nennt. „Der Antrieb, das eigene Leben in andere Bahnen zu lenken, erfordert eine gewisse Reife. Diese Entwicklung und der Erkenntnisgewinn brauchen Zeit“, weiß Gantner aus seiner langjährigen Berufserfahrung. „Das Ausprobieren gehört zum Erwachsenwerden dazu. Bei den 14- bis 16-Jährigen gehört Kiffen mitunter zum Lifestyle. 30 bis 40 Prozent der Jugendlichen in dieser Altersgruppe machen Erfahrungen mit Cannabis“, erklärt er. Viele hören nach einer Weile wieder auf, bei manchen bleibt es beim gelegentlichen Konsum.

Einige beginnen jedoch auch über einen längeren Zeitraum regelmäßig, wenn nicht sogar täglich, Cannabis zu konsumieren. „Das führt dann dazu, dass die Betroffenen nicht mehr in der Schule zurechtkommen, weil sie sich nicht mehr konzentrieren können oder einfach keine Lust mehr haben hinzugehen“, beschreibt Gantner die Folgen. Zusätzlich kommt es innerhalb der Familie zu Konflikten oder bereits vorhandene spitzen sich zu. „In der Therapie geht es dann darum, die Problemkonstellation zu entschlüsseln, um herauszufinden, mit welchen anderen Themen der Konsum verstrickt ist. Dabei können Probleme in der Familie oder in der Schule genauso eine Rolle spielen wie psychische Störungen.“

MAN MUSS DIE WECHSELWIRKUNGEN BETRACHTEN.

Ist Cannabiskonsum bei Jugendlichen also eher die Ursache der Probleme oder lediglich ein Symptom tiefer liegender Konflikte? „Beides kann der Fall sein“, so Gantner, „die Wahrscheinlichkeit, ein problematisches Konsummuster zu entwickeln, ist wesentlich größer, wenn bereits im Vorfeld Konflikte bestehen.“ Gantner spricht in diesem Zusammenhang über sogenannte Risikofaktoren. Allerdings müssen auch nicht immer gewaltige Probleme bestehen, damit sich ein Dauerkonsum einschleicht. „Junge Konsumenten können in den Dauerkonsum rutschen und dann deswegen Schwierigkeiten bekommen“. Es ist jedoch wahrscheinlicher, dass Jugendliche, die ansonsten fit und in ihrer Persönlichkeit gefestigt sind, irgendwann von allein den Antrieb entwickeln, ihr Konsumverhalten zu ändern. Sie erlangen eigenständig die Kontrolle über ihr Leben zurück, ohne dafür eine Therapie zu benötigen. Denjenigen, die jedoch massive Konflikte und somit einen hohen Risikofaktor haben, fällt der Ausstieg wesentlich schwerer.

Gantner betont, dass es unzureichend sei, die Ursache des Problemkonsums nur den Konflikten im Vorfeld zuzuschreiben. Genauso wenig kann man jedoch alles dem Kiffen zuschieben. Man muss die Wechselwirkungen betrachten.

In einigen Fällen wird der Cannabiskonsum als eine Art der Selbstmedikation betrieben, um im Alltag besser zurechtzukommen. „Es ist individuell sehr unterschiedlich, wie lange das gut geht. Manche bestehen trotz häufigem Cannabiskonsum ohne große Mühe das Abitur, andere nicht“, sagt Gantner – er ist daher gegen einfache Zuschreibungen wie: ‚Kiffen macht faul oder antriebslos‘. „Damit kommt man nicht weit. Die Debatte wird lediglich polarisiert“, findet er.

Fest steht, dass das Problempotenzial von regelmäßigem Cannabiskonsum bei Jugendlichen deutlich größer ist als bei Erwachsenen. Auch ist der Konsum wesentlich schädlicher, da sich der junge Mensch noch in der geistigen und körperlichen Entwicklung befindet. Je niedriger das Einstiegsalter desto weniger sind die Konsumenten in der Lage, Risikokompetenzen im Umgang mit der Droge zu lernen.

Während der Therapie versucht Gantner mit seinen Klienten zu erörtern, welche Bedürfnisse auf der psychischen Ebene mit dem Konsum bedient werden. „Es handelt sich dabei nicht nur um eine scheinbare Lösung der Probleme. Die Konsumenten verspüren eine Verbesserung im realen Erleben. Sonst wäre der Drogenkonsum nicht so attraktiv. Dieses subjektive Gefühl der Verbesserung hat jedoch seinen Preis. Wenn ständig auf die Wirkung von Cannabis zurückgegriffen wird, bleiben andere Fähigkeiten unterentwickelt“, stellt er fest.

Bei der Einbeziehung der Eltern in die Therapie geht es darum, ihnen dabei zu helfen, eine angemessene Haltung gegenüber dem Konsum ihres Kindes zu finden. Unter anderem spielen dabei auch die elterlichen Konsumerfahrungen eine Rolle und Konflikte im Familienleben. „Die Eltern haben noch immer einen starken Einfluss und müssen eine klare Position haben. Gleichzeitig müssen sie die Konsummotive ihres Kindes verstehen. Sie sollten weder die Augen verschließen noch überreagieren“, empfiehlt der Experte.

Gantner sieht die Eltern als Teil der Lösung. Gleichzeitig brauchen sie jedoch auch Unterstützung. Einige sind von ihren Kindern zum Beispiel beklaut worden, in anderen Fällen kommt es zu aggressiven Eskalationen oder die Kinder ziehen sich komplett zurück. Vorfälle wie diese können Eltern ratlos machen und das Vertrauensverhältnis auf eine harte Probe stellen. In der Therapie werden die konfliktbehafteten Themen Stück für Stück aufgedeckt und Lösungskonzepte erarbeitet. Damit soll das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern wieder gestärkt werden.

Die Ursachen der Abhängigkeit sind hochkomplex. In der Therapie geht es darum, sich von den Suchtmechanismen zu befreien. „Nach einiger Zeit hat die Abhängigkeitsdynamik ein Eigenleben entwickelt und kann sich abgekoppelt haben von dem, was die eigentlichen Ursachen sind,“ so Gantner. Das Gehirn hat sein Transmittersystem auf die Substanz eingestellt. Dieser Kreislauf muss durchbrochen werden. Dazu wird zum einen auf der Verhaltensebene angesetzt, um die Gewohnheiten zu ändern. Zum anderen erarbeitet Gantner mit seinen Klienten, wie diese mit den entstehenden Gefühlen umgehen können. In der Therapie werden Anregungen gegeben und eventuelle Rückfälle analysiert, damit die Konsumierenden nicht wieder völlig in alte Muster zurückfallen. Auch gilt es, neue Formen der Entspannung zu finden, für die bisher Cannabis zuständig war.

Im Therapieladen geht es nicht nur um die Behandlung von Konsumierenden, gleichzeitig spielt das Thema Prävention eine Rolle. „Eine enttabuisierte und offene Prävention ist auf Grund des Verbots derzeit noch schwierig“, räumt der Berater ein. „Das geht in den Schulen los, wo Präventionsveranstaltungen von der Polizei durchgeführt werden“. Der Ansatz ist zwar gut gemeint, doch das Dilemma bleibt. Durch das Cannabisverbot ist es schwer, mit Eltern und Lehrern angemessen über das Thema zu sprechen. Es stellt sich generell die Frage, wie Erwachsene mit dem Konsum von Minderjährigen umgehen. „Mit einem Erwachsenen kann man über einen risikoärmeren Gebrauch von Drogen sprechen. Einem 14-Jährigen kann man nicht ‚beibringen‘, wie Drogen genommen werden. Hier muss die Haltung sein, dass auf den Konsum verzichtet werden soll“, sagt Gantner.

Wenn der Konsum trotzdem stattfindet, sollte es laut Gantner nicht darum gehen, zu bestrafen, sondern nicht locker zu lassen, die Auswirkungen zu beobachten und wenn nötig einzuschreiten. ‚Kompetente Risikobegleitung‘ nennen die Fachleute dieses Vorgehen.

Der Umgang mit den Thema Cannabis und Drogen ist an den Schulen sehr unterschiedlich. Einige Einrichtungen seien gut ausgestattet, hätten Vertrauenslehrer, organisierten gute Präventionsveranstaltungen und stünden mit entsprechenden Beratungseinrichtungen in Kontakt. Bei anderen bestünde laut dem Psychologen noch Nachholbedarf. Um wirklich wirkungsvolle Aufklärungsarbeit zu betreiben, sind Angebote sowohl an die Schüler als auch an die Lehrer notwendig. Aktuell ist man im Therapieladen bemüht, Beratungsmöglichkeiten für Eltern auszubauen. Dies wird nur Erfolg haben, wenn die Schulen mitmachen.

ES HANDELT SICH DABEI NICHT NUR UM EINE SCHEINBARE LÖSUNG DER PROBLEME.

Bis vor wenigen Jahren hat sich der Psychologe aus der Drogenpolitik völlig zurückgehalten. Früher ging es ihm nur darum, gute Beratungsangebote für Menschen mit Drogenproblemen zu schaffen. Vieles, wie die Therapiekonzepte, habe sich in den letzten 10 bis 15 Jahren verbessert. Mit dieser und der gesellschaftlichen Entwicklung steht seiner Meinung nach auch eine Veränderung in der Drogenpolitik an. Cannabis als Thema sei im Alltag angekommen und das Bewusstsein darüber hat sich verändert. „Mit dem Verbot kommt man nicht weiter, weil der Konsum nicht verhindert wird. Das sieht man gut am Görlitzer Park hier in Berlin. Die Bekämpfung des Cannabishandels ist ineffektiv und bindet unnötig Ressourcen“, stellt Gantner fest. Seiner Auffassung nach ist eine konsistente Regulierungs- und Suchtpolitik vonnöten. Momentan sei dies noch schwer zu vermitteln, weil der Großteil der Bevölkerung nicht ausreichend informiert ist. „Wir brauchen eine Cannabisregulierung und dann mehr Effizienz im Jugendschutz, der die Eltern stärkt und die Auseinandersetzung an Schulen voranbringt“, appelliert er. Mit der Regulierung wäre eine größere Legitimität gegeben, aufzuklären. Der Großteil der Experten im Suchtbereich sei für eine Änderung der Gesetze und des Umgangs mit Cannabis, doch gerade im Kinder- und Jugendbereich gebe es noch Gegner.

DIE BESTE PRÄVENTION WIRD DEN PROBLEMATISCHEN KONSUM NICHT VÖLLIG VERHINDERN KÖNNEN.“

„Die beste Prävention wird den problematischen Konsum nicht völlig verhindern können. Einige Menschen neigen schlichtweg dazu, doch es ist wichtig, darum zu wissen und aufklären zu können“, erklärt Gantner. Die genaue Ausarbeitung eines Gesetzes, das Cannabis regulieren würde, überlässt er lieber der Politik. Für ihn sei es lediglich wichtig, mit den Entscheidern in guter Verbindung zu stehen, um entsprechend seinen Berufserfahrungen beraten zu können. Wirtschaftliche Interessen dürfen nach Gantner dabei nicht im Vordergrund stehen – „schließlich geht es hier um das Wohlergehen von Menschen.“