WAT JIBBIT? Blatt in, Blatt out

Und dann stand ich da. Regennass und orientierungslos. Am Wegesrand eines entlegenen Waldstücks. Im Scheinwerferlicht des Transporters. Und die Jagd war eröffnet … Dabei saß mein Zweitklässler-Ich just eine halbe Stunde zuvor noch am sonntäglichen Abendbrottisch, als mein Hausaufgabenheft Muttis prüfendem Blick ausnahmsweise nicht standhielt. „Abgabe Herbarium“ war dort in vereinfachter Ausgangsschrift für die dritte Stunde des kommenden Montags zu lesen – Heimat- und Sachkundeunterricht. Doppelt unterstrichen, einfach vergessen. Woher jetzt noch Ahorn-, Kastanien- und Eichenblätter auftreiben? Und was unterscheidet nochmal Linde und Buche? Auf Papa ist Verlass. Also auf in den Stadtpark, Blätter finden.

Wieder im Schulkontext, jedoch einige Jahre später, sollte ich dann auch lernen, wie Hanfblätter aussehen. Wenngleich dieser Stoff eher in der Hofpause als im Unterricht behandelt wurde. Anschaulich illustrierten die Abzeichen auf den zu Armeerucksäcken gewordenen Schulranzen meiner Klassenkameradschaft den schweiß süßen Schleier, der über der sogenannten Raucherecke hing. Grüner Hanf auf schwarzem Grund. Gelegentlich ergänzt um „Legalize-It!“- oder „No-Victim-No-Crime“-Schriftzüge, aber fast immer in Begleitung von Sicherheitsnadeln, Sombrero-förmigen Tequiladeckeln und individuell erlesenen Band-Patches: Kurt Marley, Bob Cobain und so weiter.

Echte Zugewandtheit oder zumindest die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Referenz dieser Symbole war jedoch verzichtbar. Meist reichte es, zwei Züge genommen, zwei Kurze getrunken und zwei Songs gehört zu haben – wenn überhaupt. Ein Schicksal, das die Insignien vieler Sub- und Gegenkulturen teilen. Vom Abgrenzungsmerkmal zur Alltagsmode, von anti zu alle. Insbesondere das Cannabisblatt musste als Sinnbild illegalen Rausches gleich für mehrere Teenie-Generationen als rebellisches Visual herhalten. Dabei wurde es mehr gebeutelt als tatsächlich getütet.

Das Spektrum cannabinoider Accessoires geht noch heute weit über Flicken und naheliegende Kiff-Utensilien wie Pfeifen, Grinder, Feuerzeuge, Aschenbecher und Ziplocks hinaus. Wiewohl mir die Sinnhaftigkeit vor allem letzterer schon immer zweifelhaft erschien, treiben andere Produkte die Effekthascherei fürwahr zu Fremdscham: Cannabis-Wandtattoos, Cannabis-Sonnenbrillen, Cannabis-Duftbäume. Ballermann 420! Eine Entwicklung, die unweigerlich dazu führt, dass sich seriöse Vertreterinnen und Vertreter des Cannabis-Movements den Einsatz des oft belächelten Blattes zweimal überlegen. Der Bedacht ist durchaus angebracht, sollte aber nicht dazu führen, gänzlich auf die hohe ikonische Qualität des Hanfblattes zu verzichten.

Die größte Herausforderung dabei ist, klar zu kommunizieren, dass der ohnehin nur bedingt verwerfliche Rausch lediglich einen Teil der Anwendungsmöglichkeiten darstellt, so wie auch das Blatt eben nur stellvertretend für die ganze Pflanze steht. Pars pro toto. Angesichts von Vorfällen wie 2010 in Hamburg, als die niedersächsische Polizei auf ihrem Abzeichen das Landeswappen mit einem Hanfblatt und dem Schriftzug „Drogenerkennung“ versah, kein leichtes Unterfangen. Ein altes Gemälde macht jedoch Hoffnung. So präsentierte Philipp Veits 1848 geschaffene „Germania“ den Hanfzweig ganz unverblümt für die Frankfurter Nationalversammlung, um einem der wichtigsten Universalrohstoffe seiner Zeit zu huldigen. Also, alles Auslegungssache?

Das Blatt hat sich jedenfalls schon einmal gewendet und es ist drauf und dran, es wieder zu tun. Dass Mitte 2018 ein Hanfblatt zur heraldischen Figur der estnischen Gemeinde Kanepi werden konnte, ist Ausdruck dieses Imagewandels, der im Zuge der international voranschreitenden Legalisierung zu beobachten ist. Vom Volk gewählt, von seiner Vertretung bestätigt: ein gutes Zeichen! Bis das altehrwürdige Cannabis hierzulande jedoch rehabilitiert ist, werden noch viele missgünstige Lehrbücher in den Druck gehen. Hätte ich mein Herbarium damals mit Hanfblättern füllen müssen, wäre mir der ungemütliche, abendliche Waldausflug übrigens erspart geblieben. Damals wuchs das Cannabis schließlich direkt hinter meinem Elternhaus. Aber das ist eine andere Geschichte.