Von GÖTTERN und TEUFELSZEUG

Kraftpflanzen, Lehrerpflanzen, Heilpflanzen, heilige Pflanzen. Es gibt viele Vokabeln für Gewächse mit besonderer Wirkung, aber sehr wenige Quellen aus dem vorchristlichen Europa zu diesem Thema. Unsere Autorin, die als Drogenberaterin in Lateinamerika gearbeitet hat, berichtet über Rituale und den bewussten Rausch der verschiedenen Kulturen.

Auf unserem Planeten hat jede Kultur, Ethnie oder soziale Gruppe im Laufe ihrer historischen Entwicklung verschiedene Pflanzen verwendet, die den Bewusstseinszustand verändern. Solche „heiligen Pflanzen“ kommen und kamen in Zeremonien und im rituellen Kontext zum Einsatz: Um zum Beispiel mit den Göttern zu kommunizieren oder mit den Urahnen in Verbindung zu treten. In fast allen Gemeinschaften fast aller Kontinente gab es Schamanen, die diese Zeremonien leiteten und ihr Wissen von Generation zu Generation weitergaben. Auch wenn sich die jeweiligen Gruppen in ihrer Sprache und Herkunft unterschieden, gab es stets Gemeinsamkeiten, was die Beziehung zwischen Kultur und Natur angeht, in der diese Pflanzen eine zentrale Rolle spielen.

Heilige Pflanzen werden bis heute als Heilmittel, Nahrungsquelle und Kraftspender genutzt und wirken auf Körper und Seele. Gerade Pflanzen, die eine bewusstseinserweiternde Wirkung hervorrufen können, wird besondere Bedeutung beigemessen. Zu den bekanntesten Vertretern gehören Iboga, eine Pflanze, die in Afrika verwendet wird, verschiedene Datura-Arten, die im Mittelmeerraum benutzt wurden und werden, Cannabis aus dem Nahen Osten, Mohn aus Indien und China, Coca, Kaffee, Peyote, Tabak und einige Pilze, die Psilocybin enthalten.

Seit Jahrtausenden werden diese Pflanzen als heilige und heilende Ressourcen bei zeremoniellen oder medizinischen Anwendungen eingesetzt, auch um die Dynamik des Kosmos, des Lebens und des Planeten zu verstehen. Die Rituale, bei denen Pflanzen wie diese zum Einsatz kommen, bereichern die Gemeinschaft, indem sie die Solidarität stärken und die Kommunikation mit Geistern, Urahnen und Gottheiten ermöglichen. Der rituelle Gebrauch erleichtert außerdem die Integration der Individuen in die Familie, die Gemeinschaft, die eigene Kultur und die Umwelt.

Über Jahrhunderte wurden die Pflanzen angewendet, um Gesundheit wiederzuerlangen oder Orientierung vor einer wichtigen Entscheidung zu bekommen. Praktisch in allen Einweihungsritualen in fast allen Kulturen kommt eine psychoaktivierende Substanz zum Einsatz. Dabei werden die „Neulinge“ geistig und emotional auf die Einnahme vorbereitet, um den Respekt vor der Substanz und ihren symbolischen Wert zu erlernen. In manchen Traditionen bleibt die Verwendung dieser Pflanzen den priesterlichen/schamanischen Rollen vorbehalten. In anderen wird der Gebrauch mit der ganzen Gemeinschaft geteilt. So oder so bleibt die Verwendung mit einer speziellen Situation und mit einer bestimmten Intention und Motivation verbunden. Während diese Pflanzen von den jeweiligen Kulturen verehrt werden und daher als wahrhaft heilig angesehen werden, bezeichnen die westlichen Kulturen sie als psychotrop oder psychedelisch. Nicht selten werden sie zudem als toxisch, gefährlich, dämonisch, suchthervorrufend oder gar teuflisch angesehen und man versucht bis heute, ihre Verwendung zu unterbinden.

DIE COCAPFLANZE

Für die Inkas und Völker der Andenregion war und ist Coca eine, wenn nicht „die“ heilige Pflanze. Archäologische Funde belegen die Verwendung der Cocablätter bis 2.000 Jahre vor Christi. Sie wurden als Medizin, als Zeichen der Freundschaft oder als Zahlungsmittel genutzt. Zu Zeiten der Inka wurde der Anbau von den Herrschenden angeordnet, um eine kontinuierliche Produktion zu gewährleisten. Die Cocapflanze wurde als Geschenk des Sonnengottes Inti angesehen. Ihr wurde die Fähigkeit nachgesagt, in Ritualen und Visionen besondere Erkenntnisse und Wissen zu erzeugen.

Neben zahlreichen medizinischen Anwendungsmöglichkeiten begleitet die Pflanze – zum Beispiel in Bolivien – auch heute noch den Alltag der Menschen. Sie wird bei Hochzeiten, Todesfällen oder bei Familientreffen eingesetzt – als soziales Bindemittel ähnlich dem Alkohol in Europa. Die Bauern, Arbeiter und Studenten benutzen sie, um Höhenkrankheit vorzubeugen und um Hunger, Durst und Müdigkeit zu überwinden, so wie in anderen Kulturen der Kaffee verwendet wird. Geschichtsschreiber erzählten, dass die Inkas den Gesandten, die nach Cuzco gingen, Coca schenkten und dass Vorräte angelegt wurden, um in Kriegszeiten die Kämpfer zu versorgen. Zu Friedenszeiten wurden die Blätter im Volk verteilt, um bei Hungersnöten das Hungergefühl zu lindern. Im magischen und religiösen Kontext kauten Seher die Blätter und spuckten den Saft in ihre Handfläche, um mit ausgestreckten Fingern ihre Weissagungen zu machen.

DER PEYOTE-KAKTUS

Vor allem bei den Azteken im heutigen Mexiko war der Peyote die verehrteste heilige Pflanze. Der rundliche blaugrüne Kaktus hat keine Stacheln, sondern ist mit kleinen weichen Haarbüscheln übersäht. Peyote wächst ausgesprochen langsam: 15 Jahre müssen vergehen, bis er verwendet werden kann, dennoch oder gerade deswegen ist Peyote der bekannteste rituell gebrauchte Kaktus. Berichte spanischer Chronisten bezeugen, dass er im Mexiko der Azteken zeremoniell gebraucht wurde. Archäologische Funde deuten darauf hin, dass die kultische Einnahme des Peyote noch wesentlich älter ist, man schätzt bis zu 4.000 Jahre.

Im Zuge der Unterdrückung ursprünglicher Bräuche durch die katholische Kirche in Amerika versuchte man diese Rituale auszurotten, hatte jedoch keinen Erfolg. Seit Anfang des Jahrhunderts gibt es in den USA die „Native American Church“, in der der Peyote als Sakrament verwendet wird. Ethnologen, die diese Bräuche studierten, berichteten immer wieder über die positive Wirkung, die diese Pflanze auf die Indianer ausübt. Insbesondere der weit verbreitete Alkoholismus kann oft durch eine Peyote-Zeremonie überwunden werden. Den Mitgliedern der „Native American Church“ sind Besitz und zeremonieller Gebrauch des Kaktus dann gestattet, wenn sie mindestens 25 Prozent indianische Abstammung nachweisen können. Die synkretische Legende erzählt, dass der Ursprung des Peyote in Jesus‘ Fußspuren in der Wüste liegt.

TABAK

Die Tabakpflanze hat ihren Ursprung in der Andenregion. Vor 2.000 bis 3.000 Jahren brachte man sie dann in die Karibik. Mesoamerika kannte ebenfalls frühzeitig den Tabak. Es gibt Tongefäße, Skulpturen und andere archäologische Funde, die dies belegen. Die Ureinwohner tranken und rauchten Tabak oder rieben sich damit ein. Um Tabak zu rauchen, rollte man die Blätter ein und zündete sie an. Zerhackt wurde das Blättermaterial auch in Maisblätter gewickelt und bald gab es die ersten Pfeifen.

Bei den Maya wurde Tabak zudem als Pulver inhaliert. Tabak nimmt die Müdigkeit, den Hunger und körperliche Schmerzen. Man nutzte ihn gegen Tetanus, Nieren- und Zahnschmerzen, bei Herzkrankheiten und auch bei Rheuma. Außerdem war die Pflanze ein Tauschmittel bei Wahrsagungen und Magie und galt als Talisman. Das Rauchen fördert den Kontakt zum Wassergott Chaac. Als Teil der Initiationsrituale wurde es Jugendlichen gestattet zu rauchen, und in religiösen Zeremonien wurde Tabak den Gottheiten geopfert. Eine Legende besagt, dass Sternschnuppen Asche der Zigarren der Götter sind, die vom Himmel fällt. Don Rodrigo de Xeréz und Luis de la Torre waren 1492 die ersten Europäer, die indigenen Tabak geraucht haben. Kurz darauf wurde Xeréz vom Inquisitionsgericht zu sieben Jahren Haft verurteilt, weil Qualm aus Mund und Nase ein Beweis für dämonische Besessenheit sei.

CANNABIS

Hanf, Cannabis oder auch Marihuana ist eine der ältesten Pflanzen, die die Menschheit je gekannt und verwendet hat und gleichzeitig eine der vielfältigsten. Cannabis wächst auf natürliche Weise überall auf dem Planeten, bei verschiedenem Klima und unterschiedlicher Bodenbeschaffenheit und wird von vielen Völkern und Kulturen eingesetzt. Jeder Teil der Pflanze, von den Wurzeln über den Stamm und die Blätter bis hin zu den Blüten und Samen, aus denen Öl und Harz gewonnen wird, kann vom Menschen genutzt werden.

So vielseitig wie ihre Verwendungsmöglichkeiten ist auch ihre Bedeutung in verschiedenen Ländern und Kulturen. Während zum Beispiel die Rastafari auf Jamaika Cannabis als „Heilung der Nation“ verehren, wurde die Pflanze in jüngster Vergangenheit meist als Droge verteufelt. Inzwischen wird sie aber in einigen Staaten der USA als Konsumobjekt vertrieben und reguliert.

Andere Kulturen sagen Cannabis nach, nicht nur einzelnen Personen gutzutun, sondern auch dem Kollektiv Vorteile zu bringen. Sie wirkt im ganzen Wesen und kann göttliche Energie in Geist und Körper konzentrieren. So weckt sie Liebe, Glück, Friede, Heilung, Erleuchtung und Offenbarung. Wenn man sie hingegen falsch nutzt, also nicht bewusst einsetzt, kann es zu unangenehmen körperlichen, geistigen oder seelischen Folgen kommen. Im Gegensatz zu den im Vorfeld genannten Pflanzen überwiegen bei Cannabis die Überlieferungen zum heilenden Gebrauch, nur einige Zeugnisse widmen sich der sakralen Verwendung von Cannabis.

WIEDERENTDECKUNG DER BEZIEHUNG ZU DEN PFLANZEN

Durch das Verbot und die weitgehende Verdrängung vieler heiliger Pflanzen ist auch der Großteil des Wissens um sie und die mit ihnen verbundene Spiritualität in Vergessenheit geraten. Die Globalisierung und das digitale Zeitalter fördern jedoch den Wissensaustausch und bieten Raum für die Entstehung neuer spiritueller Praktiken. Dabei werden die Bräuche der ursprünglich indigenen Völker neu adaptiert und bis in die Großstädte westlicher Nationen getragen.

Wenn sich dieser Trend fortsetzt, wird nach und nach das Wissen und das Verständnis der Pflanzen und ihrer Eigenschaften zunehmen. So kann die Gesellschaft neu erlernen, die heiligen Pflanzen zu nutzen. Pflanzen an sich sind nicht gut oder schlecht. Es sind Pflanzen. Entscheidend ist, welches Verhältnis der Mensch zu ihnen hat. Ob er sie kennt und respektiert – und wie, wo, mit wem und wozu sie verwendet werden.