VON GLÜCK REDEN

Dennis W. hat von klein auf schwere Neurodermitis. Karibik hat als Kind geholfen, jetzt mildert Cannabis seine Symptome – wenn es zur Verfügung steht. Ein Telefonat.

Ein Patientenporträt

Der rheinisch-melodische Einschlag lässt den Eindruck erwecken, einen gutgelaunten Menschen am anderen Ende der Telefonleitung zu haben. Dennis W. liegt aber im Krankenhaus. Der Grund dafür sind faustgroße Abszesse im Bauchraum, die herausoperiert werden müssen. Weil Dennis aber Neurodermitispatient ist, stellt sich der Eingriff viel komplizierter dar. Denn das Immunsuppressivum Ciclosporin, das seine Ausschläge in Schach halten soll, legt sein Immunsystem lahm. Sinnvoll, weil sein Körper dann nicht gegen alle möglichen Allergene ankämpft, aber von Nachteil für die Wundheilung.

Also eine unangenehme Angelegenheit für den 40-Jährigen, aber keine unbekannte. „Ich habe schwerste Neurodermitis seit ich zwei Jahre alt bin, am ganzen Körper“, sagt der gebürtige Düsseldorfer. Als Kind halfen am besten die zweimal jährlichen Karibikurlaube mit heilungsförderndem Sonnenlicht, die seine Eltern organisierten. Das habe mehr geholfen als all die verschiedenen Mittelchen und Badezusätze.

Heute ist Dennis Cannabispatient. Zumindest theoretisch: Er hatte die Ausnahmegenehmigung vom BfArM. Nur, die Krankenkasse will nichts übernehmen wegen fehlender Studien zur Wirksamkeit. Und aus eigener Tasche geht es nicht – nicht einmal annähernd: Etwa 3.000 Euro müsste er monatlich hinblättern.

Aber wie hilft Cannabis gegen Neurodermitis? Es sorgt bei Dennis dafür, dass der Juckreiz nachlässt, der wiederum den Kreislauf aus offenen, nässenden Stellen, Schlafproblemen und dem damit verbundenen Stress aufrechterhält. Essentiell war für ihn, „diese kompletten Körperschmerzen und die daraus resultierende Niedergeschlagenheit zu lindern“, erklärt er, „Wenn man gut schlafen kann, dann ist das Leben auch ein bisschen angenehmer, als wenn man nur im Extremen lebt“. Da hätte er auch mal eine Stunde auf dem Schützenfest verbringen können. Und das High sei vergleichsweise gering, manchmal störe es ihn, hindere ihn aber an keiner Tätigkeit. „High sein, das ist für mich was anderes: eine Oxycodon oder eine DePi-Spritze – da setze ich mich vor eine Raufasertapete und sage viereinhalb Stunden gar nichts mehr“.

CHEF ALS LEIDENSGENOSSE

Er erinnert sich, schon als Kind abhängig gewesen zu sein von verschiedenen Medikamenten. Am schlimmsten jedoch hat er etwas anderes empfunden: „Ich bin in der Schule gehänselt und geschubst worden, weil ich aussah wie ein Zombie. Das war kein Spaß“, sagt Dennis. „Jetzt stehe ich drüber, aber da, wo es wichtig war, hat es ganz schön an der Psyche gezerrt“. Und die spielt eine wichtige Rolle, gerade bei Neurodermitis, weiß er.

Als er die Hauptschule hinter sich gebracht hatte, machte er eine Ausbildung zum Karosserie- und Fahrzeugbauer, dann berufsbegleitend per Abendschule seinen Meistertitel. „18 Jahre habe ich in Düsseldorf in einer Karosseriebauwerkstatt gearbeitet“, erzählt er, „ich hatte Glück, weil mein Chef verstanden hat, wenn man mal nicht so konnte, wie man wollte. Er hatte selbst Neurodermitis“. Mit 35 war Dennis am Ende seiner Kräfte und beschloss, nach Niedersachsen zu den Eltern umzusiedeln.

Wenn er einen Schub hat, könne er nicht einmal eine Grimasse ziehen, dann würde die Haut einreißen und erneut schlecht verheilen. Seine körperlichen Beschwerden nimmt Dennis ohne Murren hin. Ihn nervt, dass seine Rentenversicherung meint, er sei doch noch sechs Stunden pro Tag arbeitsfähig. Dabei ist er die meiste Zeit bettlägerig und hat wegen der langjährigen Cortison-Therapie kaum mehr Augenlicht.

Zwischendurch pausiert Dennis und lauscht. Er möchte nicht, dass sein Bettnachbar von seinem Cannabiskonsum erfährt. Da hat er so seine Erfahrungen gemacht: In der Reha rauchte er draußen einen Joint, da fühlten sich die anderen provoziert und nannten ihn unverschämt – bis er ihnen erklärte, dass es sein Medikament ist. „Aber auch die Ärzte sind ganz unterschiedlicher Meinung. Die einen sagen ‚och, ist ja lustig‘, wenn ich angebe, dass ich medizinisches Cannabis nutze, die anderen verweigern sich grundsätzlich“, sagt er. „Cannabis ist ein Medikament. Und so sollte es auch behandelt werden“, findet Dennis. Ein latentes Schuldgefühl klingt zwischen den Zeilen aber mit, z. B. wenn er vom Cannabis-Outing vor der Familie erzählt. Und man merkt, dass er unter dem Zwiespalt leidet, einerseits zu wissen, dass Cannabis die für ihn beste Lösung ist, und dem unguten Gefühl, dafür von vielen verurteilt zu werden.

POLIZEI UMSTELLTE DEN GANZEN HOF

Dass es hilft, hat er selbst herausgefunden. Auf dem Bauernhof in Niedersachsen, wo er seit sechs Jahren mit seinen Eltern zusammenwohnt, fing er vor einiger Zeit an, heimlich Cannabis anzubauen. Lange bevor er zum Patient mit Ausnahmegenehmigung wurde. Ein Zelt, 15 Pflanzen. „Ja, und dann hat mich jemand verpfiffen, der etwas abhaben wollte“, erzählt er. Die Person, die er verdächtigt, wollte auch von seiner Ernte profitieren. Dennis lehnte ab mit der Begründung, er nutze es medizinisch und dabei solle es bleiben. „Und eines Tages um sechs Uhr morgens klingelte es, und insgesamt 35 Kripobeamte hatten meinen Bauernhof umstellt. Alle Aus- und Zufahrten waren mit VW-Bussen dichtgemacht“, beschreibt er, „die hatten eine riesige Plantage vermutet und dann 15 Pflanzen rausgeholt“. So grob sie ihn anfangs behandelten, nachher waren es ausgerechnet die Polizisten, die Dennis darauf hinwiesen, dass man sich Cannabis auch verschreiben lassen kann. „Da habe ich erst gehört, dass es auch auf legalem Wege geht“. Trotzdem wurde Dennis vor Gericht nicht verschont – auch wenn er der Meinung ist, von Glück reden zu können: „Ich musste nur Strafe zahlen. Wäre meine gesundheitliche Situation nicht gewesen, hätte ich drei Jahre in den Bau gemusst“.

High sein, das ist für mich was anderes

AUF DIE ELTERN IST VERLASS

Gärtnern ist für Dennis also passé. Die Sorten in der Apotheke kämen bei Weitem nicht an die Qualität heran, die er selbst gezogen hat. „Wenn man das Gras in holländischen Apotheken anbieten würde, dann würde man gekündigt“ , sagt er trocken über die hier erhältlichen Sorten. Er habe mal in der Apotheke nachgefragt, was der ganze Unrat in der Dose soll, Stängel, Samen, Abschitt. Die Antwort war: ‚Ja, wie sollen sie denn sonst auf den angegebenen Wirkstoffgehalt kommen?‘. Blöd, weil er weiß, er könnte es um Längen besser.

Och, ist ja lustig

Wenn die Rede auf seine Eltern kommt, hellt sich Dennis Stimme auf: „Wir hatten schon immer ein super Verhältnis“, sagt er. „Ich habe ja lange genug bei ihnen gewohnt und sie vor fünf Jahren bei mir einziehen lassen“. Und sie tun all das, was Dennis niemandem sonst zumuten würde, ganz selbstverständlich. Ihn zum Beispiel zu allen Ärzten bringen und für ihn kochen, beim Treppensteigen helfen, Anträge studieren und ausfüllen – und sie besuchen ihn zurzeit täglich im Krankenhaus. Weder sie noch Dennis hegen Groll wegen der Krankheit, die meistern sie. Dennis sieht sich nicht einmal als besonders gebrandmarktes Kind. Vielleicht, weil er weiß, dass er ganz am Ende das Glück hat, trotz seiner Hilfsbedürftigkeit bedingungslos angenommen zu werden. Dafür ist er seinen Eltern unendlich dankbar.