Versteckte Felder

Seit Januar 2018 darf in Kalifornien Cannabis angebaut, verkauft und konsumiert werden. Der Anbau in dem US-Bundesstaat hat aber eine weit längere Tradition und erwies sich lange als lukratives Geschäft, das Erntehelfer aus aller Welt anzog. Denen hat Fotografin Tina Eichner einen Besuch abgestattet.

Um Marihuana anzubauen, braucht es unter anderem einen grünen Daumen und eine ordentliche Portion Sonne. Letztere gibt es in Kalifornien reichlich. Dank diesem glücklichen Umstand und der Legalisierung von medizinischem Cannabis im Jahr 1996 wurden die Weichen für das alternative Heilmittel gestellt. Was jedoch den Anbau der Pflanze betrifft, befand sich der Bundesstaat lange in einer Grauzone. So kommt es, dass sich auch heute noch viele Marihuana-Bauern bedeckt halten und nicht an die große Glocke hängen, womit sie ihre Brötchen verdienen.

Die Fotoserie „Marijuana Medicine“ wurde während der Ernte 2015 im Norden und Westen Kaliforniens aufgenommen und gibt einen Einblick in das Leben der Bauern und Erntehelfer, der sogenannten Trimmer, und in das Leben mit und um die grüne Wunderpflanze.

Damals wurde der Anbau von Cannabis im großen Stil noch als Straftat geahndet. Vor der Legalisierung konnten Patienten oder Menschen, die sich um Patienten kümmerten, höchstens 99 Pflanzen für den Eigenbedarf aufziehen. Legal war das nicht, aber unter Umständen geduldet. Im November 2016 stimmte dann die Mehrheit der kalifornischen Bevölkerung für die Legalisierung von Cannabis als Genussmittel. Der Verkauf erfolgt seit dem 1. Januar 2018 über lizensierte Verkaufsstellen.

Privatpersonen dürfen bis zu sechs Pflanzen anbauen. Für alles, was darüber hinausgeht, benötigt man ebenfalls eine Lizenz. Anbau ohne Lizenz wird jedoch nicht mehr wie zuvor als Straftat geahndet, sondern als Ordnungswidrigkeit, die nur in gravierenden Fällen und bei mehrfacher Wiederholung eine Strafverfolgung nach sich zieht.

Feld und Gewächshaus

Die kleinen Farmer, die auf ihrem Land weniger als 100 Pflanzen anbauen, tun dies zum einen, um sich selbst oder erkrankte Angehörige zu versorgen. Andere sind auf den Zuverdienst aus, denn der Anbau und Handel war lange Zeit ein lukratives Geschäft. Nicht zuletzt ist Liebe zu Cannabis auch ein wichtiger Antrieb, denn der Anbau ist mit einigen Risiken verbunden: Nicht nur durch die Verfolgung der Behörden, sondern auch durch drohende Missernten.

Nur wer sich mit der Pflanze auskennt und sich ständig um sie kümmert, wird mit einer guten Ernte belohnt. Unter freiem Himmel angebaute Pflanzen sind zwar etwas ertragreicher als ihre Artgenossen aus dem Gewächshaus, jedoch ist die Abhängigkeit von den Gegebenheiten der Natur mit einigen Tücken verbunden. Dazu zählen natürliche Fressfeinde wie Käfer und Raupen. Auch Witterungsbedingungen können der Ernte gefährlich werden. Zudem können die Felder mithilfe von Drohnen ausfindig gemacht werden, sodass die Gefahr aufzufliegen allgegenwärtig ist.

Selbstgebaute Gewächshäuser erleichtern das Leben der Bauern enorm. Angepasst auf die Bedürfnisse der Pflanze lassen sie sich auf Knopfdruck bewässern und verdunkeln. Filteranlagen an Ein- und Ausgängen dämmen den Geruch, denn die Pflanze hat ihr ganz eigenes, prägnantes Aroma.

IM NOVEMBER 2016 STIMMTE DANN DIE MEHRHEIT DER KALIFORNISCHEN BEVÖLKERUNG FÜR DIE LEGALISIERUNG VON CANNABIS ALS GENUSSMITTEL.

Da der Markt finanziell äußerst lohnend ist, herrscht Misstrauen gegenüber Fremden. Erzählungen von Diebstählen, bei denen erntereife Pflanzen über Nacht abgeholzt werden, gibt es viele. Um ihre Ernte, die meist die einzige Einnahmequelle der Bauern ist, zu schützen, werden hohe Zäune gezogen und Wachhunde gehalten. Manche Bauern lagern auch Schusswaffen für den Notfall im Haus, um Räuber zu vertreiben.

Reizvoller Job: Cannabiserntehelfer

DAS TRIMMEN STELLT FÜR VIELE ENTHUSIASTEN EINEN TRAUMJOB DAR, DER JEDOCH VIEL HARTE ARBEIT BEDEUTET.

Früher wurden arbeitswillige Trimmer auf der Landstraße von Pickup- Trucks eingesammelt. Heute greifen Farmer bevorzugt auf Arbeiter zurück, die ihnen bereits bekannt sind oder die zumindest schon in der Branche gearbeitet haben. Auf dem Feld oder im Gewächshaus besteht die Aufgabe der Trimmer dann darin, die vorgetrockneten Äste der Pflanze zu zerlegen. Dabei werden die groben Blätter von den Blüten entfernt und diese in eine verkaufsfertige Größe geschnitten.

Das Trimmen stellt für viele Enthusiasten einen Traumjob dar, der jedoch viel harte Arbeit bedeutet. Pro Pound (453,6 Gramm) verdiente ein Trimmer zwischen 150 und 250 Dollar. Ein Pound ist der Wert, an dem die Arbeiter von den Farmern gemessen werden. Wer dauerhaft weniger als einen Pound pro Tag abliefert, riskiert seinen Rauswurf. Der Cannabisanbau hat nur noch wenig mit dem romantischen Hippieimage zu tun. Auch hier herrschen Termindruck und eine stetig wachsende Konkurrenz.

Erfahrene Trimmer schaffen bis zu 2,5 Pound am Tag. Sehnenscheidenentzündungen und Rückenprobleme gehören zur Tagesordnung und können zur vorübergehenden Arbeitsunfähigkeit führen. Abends wird die Arbeit direkt bar entlohnt. Der Verdienst wird von den Arbeitern versteckt und an geheimen Orten gebunkert. Diebstähle und daraus resultierende Auseinandersetzungen bleiben so nicht aus. Das Geschäft beruht auf Vertrauen. Bauern warnen die Trimmer auf Hinweisblättern rund um die Anbaugebiete und in der Nähe des Nationalparks davor, ihre Arbeitgeber preiszugeben. Einheimische fürchten außerdem um die Natur, wenn zahlreiche Camps errichtet und dann wieder dreckig hinterlassen werden. Das Angebot regelt die Nachfrage und durch die stetig wachsenden Zahlen arbeitswilliger Reisender sinken die Löhne für den anstrengenden Job als Erntehelfer seit Jahren.

Willige Arbeiter aus aller Welt

Inzwischen gibt es jedes Jahr zur Erntezeit, von September bis Dezember, eine Flut von „Trimmigrants“, die auf der Suche nach Arbeit sind. Die Arbeitsmigranten stammen aus der ganzen Welt, sind Hippies und Revoluzzer, die vom großen Geld träumen. Sie schlafen in Zelten, in den Wäldern der Anbaugebiete und können, wenn sie gut sind, den Rest des Jahres von den Einnahmen der Erntesaison leben. Wer einen Job ergattern konnte, wird entweder in die Häuser der Bauern aufgenommen oder zeltet im Garten. Hat man Glück und ist auf einer besonders großen Farm gelandet, gibt es vielleicht genug Arbeit für die ganze Saison, andernfalls ziehen die Arbeiter weiter und hoffen auf die nächste Möglichkeit, Geld zu verdienen.

Die Wanderarbeiter arbeiten oft ohne Visum und Arbeitserlaubnis. Daher werden sie nach wie vor von den Behörden verfolgt, auch wenn der Anbau für Bedürftige ansonsten legalisiert wurde. Wenn die Einwanderungsbehörde einer Farm einen Besuch abstattet, kontrollieren sie die Arbeitsvisa der Trimmer. Die USA gehen hart gegen Schwarzarbeit vor. Im schlimmsten Fall droht den Betroffenen ein lebenslanges Einreiseverbot. Schlimmere Konsequenzen für die Farmer gibt es meist nicht.

Der Markt boomt, doch der Vertrieb von medizinischem Marihuana liegt hauptsächlich in der Hand der Großindustrie. Damit können nicht alle Bauern mithalten und so verkaufen einige ihre Ware illegal, zu einem besseren Kurs, an Händler an der Ostküste der USA. Sogenannte „Driver“ nehmen das gesamte Risiko auf sich und bringen die Ware, meist in Mietautos, über die Grenze der Bundesstaaten. Im Falle einer Verhaftung warten mehrere Jahre Gefängnisaufenthalt auf sie, eine Gefahr, die sie sich entsprechend von den Farmern bezahlen lassen.

Der Traum vom Arbeiten mit Cannabis in Kalifornien ist real. Jedoch verändert sich der Markt zunehmend. Die Legalisierung und die damit verbundenen Lockerungen in der Gesetzgebung sind dabei häufig zum Nachteil für die kleinen Plantagen, die weit davon entfernt sind, eine Anbaulizenz vom Staat zu erhalten. Kalifornien hat jahrzehntelang die übrigen US-Staaten mit Cannabis versorgt. Dieser Trend wird wohl auch noch so lange anhalten, bis alle Bundesstaaten den Konsum der Pflanze regulieren und die Produktion selbst in die Hand nehmen.