UNTER DIE HAUT

Viele Hautkrankheiten stehen mit Entzündungen, Allergien, Autoimmunreaktionen und Schmerzen in Verbindung. Alles bekannte Einsatzgebiete von Cannabinoiden. Die dermatologische Forschung macht erste Gehversuche mit Cannabis.

Das medizinische Fachgebiet der Dermatologie beschäftigt sich mit Erkrankungen der Haut. Dies umfasst eigenständige Krankheiten, die sich primär auf der Haut zeigen, sowie die Symptome anderer Erkrankungen, die Auswirkungen auf die Haut haben. Behandlungsbedürftig können auch die Nebenwirkungen von anderen Therapien sein. Neben Hautkrebs sind Schuppenflechten (Psoriasis) und atopische Dermatitis (Neurodermitis) zwei Schwerpunkte der allgemeinen Dermatologie.

Rezeptoren in der Haut

Experimente an Tieren und Zellen haben ergeben, dass sich in der Haut Rezeptoren für Cannabinoide befinden. Insbesondere der CB2-Rezeptor wurde mit Entzündungsreaktionen in der Haut in Verbindung gebracht. An der Erforschung beteiligt sind auch Wissenschaftler aus Deutschland. Einer von ihnen, Professor Dr. Andreas Zimmer vom Bonner Institut für Molekulare Psychiatrie, untersucht sogenannte „Knockout-Mäuse“ und stieß dabei auf einen wichtigen, durch Zufall entdeckten Zusammenhang zwischen Entzündungen und dem Endocannabinoidsystem.

Bei den genetisch manipulierten Versuchstieren von Prof. Zimmer fehlten die Cannabinoidrezeptoren oder sie hatten eingebaute Störungen beim Abbau der körpereigenen Endocannabinoide. Das Fehlen der Rezeptoren zeigte sich durch starke Ausschläge an den Ohren der Tiere: Dort, wo ein Clip zur Identifikation der Tiere angebracht wurde. Normalerweise vertragen die Versuchstiere diesen problemlos. Nur die Tiere ohne funktionierende Rezeptoren entwickelten eine heftige Reaktion.

Diese brachte Professor Zimmer zusammen mit den Dermatologen Dr. Evelyn Gaffal und Prof. Dr. Thomas Tüting auf die richtige Fährte: Ohne die passenden Rezeptoren konnten die körpereigenen Cannabinoide die Entzündungsreaktion nicht hemmen, die der Körper bei normalen Tieren problemlos in den Griff bekommt. Die Gabe von bestimmten Medikamenten kann diese Rezeptoren blockieren. Dies führte im Versuch zu ähnlichen Ergebnissen. Die Tiere mit einem gestörten Abbau hatten einen höheren Endocannabinoidspiegel in ihrem Blut. Bei Versuchen zeigten die Mäuse schwächere Entzündungsreaktionen als ihre normalen Artverwandten. Die Gabe von zusätzlichen Cannabinoiden führte zu einem ähnlichen Ergebnis. Die Forscher trugen Labormäusen hierzu ein Allergen auf. Der Einsatz einer THC-Lösung auf der Haut der Tiere reduzierte die Schwellung deutlich. Sowohl Medikamente zur Hemmung des Abbaus der körpereigenen Cannabinoide als auch die Gabe von Cannabinoiden von außen könnte auch beim Menschen helfen.

Die Funktion von Cannabinoiden im Körper

Jeder von uns trägt in seinem Körper Rezeptoren, die von den körpereigenen Endocannabinoiden aktiviert werden. Eine Hauptfunktion des Endocannabinoidsystems ist die Wiederherstellung des Gleichgewichts bestimmter Regelkreise des Körpers. Dazu passt die Wirksamkeit von Cannabinoiden bei übermäßigen Entzündungsreaktionen. Auch hinter Akne steckt eine Überaktivität bestimmter Hautzellen, die von Cannabinoiden gemindert wird.

Wie wenig man bisher darüber weiß, warum ein bestimmtes Cannabinoid an einer Stelle des Körpers einen Effekt hat, zeigt sich an den kontinuierlichen Entdeckungen neuer Wirkmechanismen. Lange Zeit ging die Wissenschaft davon aus, dass es zwei Cannabinoidrezeptoren gibt. Der CB1-Rezeptor wurde im Jahr 1990 erstmals erfolgreich identifiziert, 1993 folgte der CB2-Rezeptor. Inzwischen ist die Zahl der bekannten Rezeptoren, an denen körpereigene und aufgenommene Cannabinoide wirken, auf acht angewachsen. Die neu entdeckten Rezeptoren beeinflussen in der Haut die Wahrnehmung von Schmerz und können unter Umständen Entzündungen mildern. In Zukunft wird die Wissenschaft durch die Forschung am Endocannabinoidsystem mehr über bestimmte Erkrankungen der Haut, ihre Ursachen und ihre Behandlung lernen können.

Was hilft wogegen?

Die medizinische Forschung zu Cannabis in der Dermatologie steckt ebenfalls noch in den Kinderschuhen. Daher gibt es kaum konkrete Informationen, zum Beispiel zur Frage, welches Cannabinoid in welcher Dosierung am besten bei einer
bestimmten Diagnose hilft. Wie bei vielen anderen Anwendungsgebieten von Cannabis müssen hier Patient und Arzt gemeinsam herausfinden, welches die besten Sorten und Wirkstoffe sind.

Für betroffene Patienten ist diese Antwort unbefriedigend. Zur Orientierung kann generell gesagt werden, dass für Entzündungen aller Art eher CBD oder THCA geeignet sind. In Cannabisblüten ist THCA enthalten, das erst bei einer Erhitzung in das psychoaktive THC umgewandelt wird. Daher können unbehandelte Cannabisblüten als Quelle für THCA genutzt werden. Für (lokalisierte) Schmerzen kann eher THC empfohlen werden. Um Cannabisblüten hierfür nutzen zu können, müssen sie bei der Verarbeitung entsprechend erwärmt werden (Stichwort Decarboxylierung). Bei Schädigungen der Haut sind zudem die antibiotischen Eigenschaften der Cannabinoide hilfreich.

Die Liste der Diagnosen, bei denen Cannabis vielen Menschen helfen könnte, ist lang

Zahlreiche Patienten können profitieren

Hauterkrankungen sind in der Bevölkerung weit verbreitet. Die Liste der Diagnosen, bei denen Cannabis vielen Menschen helfen könnte, ist lang und schließt beispielsweise Akne mit ein. Je nach Ausprägung kann diese Erkrankung für den Betroffenen ein schweres Leiden darstellen. Cannabis und insbesondere der Inhaltsstoff CBD helfen gegen die Entzündung der Haut und gegen die Akne-Bakterien. Die Ursache von Akne ist eine Überproduktion der Talgdrüsenzellen. Cannabis hilft, das Gleichgewicht wiederherzustellen. Da es nur gegen die Überproduktion wirkt, richtet es im Gegensatz zu einigen anderen Medikamenten beim „Normalzustand“ keinen Schaden an.

Die US-Organisation „Americans for Safe Access“ nennt zudem folgende Diagnosen für den Einsatz von Cannabis als Medizin auf der Haut: Rheumatische Arthritis, Dermatitis, Psoriasis, Wunden, Akne, Muskel- und Rückenschmerzen, neuropathische Schmerzen, Muskelspasmen. Zudem erwähnt sie die Diagnosen Asthma und Bronchitis, bei denen Cannabis zum Inhalieren empfohlen werden kann.

In einer Studie der Universität Bonn wurde festgestellt, dass THC das Wachstum von Hautkrebs (Melanom) hemmen kann. Daher könnte eine THC-haltige Salbe eine sinnvolle Ergänzung einer Behandlung von Hautkrebs sein. Neben den Cannabinoiden kann auch Öl aus Hanfsamen bei Hauterkrankungen helfen. Hanfsamenöl enthält praktisch kein THC, ist aber reich an Linolsäuren und kann zur Behandlung von Akne genutzt werden. Hanfsamenöl und daraus hergestellte Kosmetikprodukte sind frei verkäuflich.

Arzneimittel und Kosmetika mit Cannabis

Apotheker können auf Rezept aus Cannabisblüten sowie aus den Wirkstoffen Dronabinol (THC) und CBD Salben herstellen. Der Arzt kann auch bekannte Rezepturen um Cannabis als weiteren Inhaltsstoff erweitern. Praktischerweise ist der Einsatz von Rezepturen in der Dermatologie weit verbreitet. Andere Formen wie Gele oder Zäpfchen sind möglich.

Bei der Herstellung von Mitteln für die Haut unterscheidet man in Salben auf der Basis von Fetten, und Balsam, der auf Alkohol basiert. Eine Salbe, die Alkohol und Wasser enthält, hilft bei der Aufnahme der Cannabinoide in die Haut. Der Rezeptur kann zudem zur besseren Aufnahme der Wirkstoffe in den Körper z. B. der Hilfsstoff Dimethylsulfoxid (DMSO) zugegeben sein. Beim Einsatz von Cannabisblüten müssen diese nach Bedarf decarboxyliert werden. Cannabis kann auch Rezepturen ergänzen und Cannabissalben können durch weitere Zutaten wie Terpene (ätherische Öle) erweitert werden. So wirkt Arnikaöl auch gegen Entzündungen und Auszüge der Echinacea purpurea helfen bei der Wundheilung. Die Inhaltsstoffe der Echinacea wirken auch über die Cannabinoidrezeptoren. Die Pflanze gehört damit zur kleinen Gruppe der Gewächse, die – neben Cannabis – ebenfalls Phytocannabinoide bildet.

Aufnahme über die Haut

Es gibt zwei unterschiedliche Darreichungsformen eines Wirkstoffs über die Haut: die topische und die transdermale Applikation. Bei der topischen Anwendung wird der Stoff direkt auf der betroffenen Stelle aufgetragen. Hier gibt es nur eine lokale Wirkung.

Der Wirkstoff breitet sich nicht in einem relevanten Maß über den Ort der Anwendung aus. Im Gegensatz dazu steht die transdermale Applikation. Hier gelangt der Wirkstoff „durch die Haut“ in die Blutgefäße und kann damit eine systemische Wirkung erreichen. Der Wirkungseintritt ist im Gegensatz zu anderen, z. B. oralen Aufnahmeformen, stark verzögert. Daher kann nur schlecht auf schnelle Änderungen wie Schmerzspitzen reagiert werden.

Bei Cannabis bietet sich die orale oder transdermale Aufnahme für eine Grunddosierung an. Diese kann der Patient dann nach Bedarf durch inhaliertes Cannabis ergänzen. Bekannte Beispiele für transdermale Pflaster ist die Verabreichung von Nikotin bei Rauchern, Hormonpflaster zur Verhütung oder opioide Schmerzmedikamente wie Fentanyl. Auch Cannabispflaster soll es in Zukunft geben. Die transdermalen Pflaster können ein Wirkstoffdepot für einen längeren Zeitraum haben. Über spezielle Membrane und die Einbettung des Medikaments in eine Matrix lässt sich die Geschwindigkeit der Aufnahme steuern. Um eine relativ konstante Freisetzungsrate sicherzustellen, werden Pflaster regelmäßig erneuert. Meist haben sie bis dahin nur einen Teil des enthaltenen Wirkstoffs freigegeben. Bei der topischen und der transdermalen Anwendung wird wie beim Inhalieren oder Injizieren der Darm umgangen. Oral aufgenommene Medikamente werden von der Leber teilweise verstoffwechselt (First-Pass-Effect), bevor sie in den Blutkreislauf kommen. Daher können Pflaster einen höheren Wirkstoffspiegel erreichen. Für eine Aufnahme über die Haut sind nur Medikamente geeignet, die eine geringe Molekülgröße besitzen und die in kleinen Dosierungen wirksam sind.

Auch Cannabispflaster soll es in Zukunft geben.

Ein Beispiel ist Fentanyl, das 120-mal wirksamer ist als Morphium. Ein Pflaster mit der ungleich schwächeren Acetylsalicylsäure müsste quasi den gesamten Körper bedecken, um die Menge Wirkstoff, die in einer Tablette enthalten ist, abzugeben. Damit scheiden Impfstoffe oder Insulin aus.

Neben der „normalen“ Haut stellen auch die Schleimhäute für Medikamente einen Weg in den Körper dar. Daher ist eine Anwendung von Cannabinoiden auch über Zäpfchen möglich. Ein Medikament mit dem Cannabisextrakt Nabiximols wird teilweise über die Mundschleimhaut aufgenommen.

Kann man über die Haut high werden?

Ihren Weg in das Körperinnere finden Wirkstoffe durch mikroskopisch kleine Zwischenräume der Hautzellen und durch die Zellen selbst. Aufgrund des Fettgehalts der Haut ist die Lipophilie (Fettlöslichkeit) des Wirkstoffs entscheidend für die Aufnahme. Daher eignen sich Cannabinoide überhaupt erst für den topischen Einsatz. Ohne weitere Hilfsmittel schafft aber nur ein Bruchteil des Wirkstoffs den Weg durch die Haut und in die Blutbahn. Die Aufnahme einer relevanten Menge THC über die Haut mit einer Rauschwirkung ist damit nur speziellen transdermalen Pflaster möglich. Solche Pflaster werden aktuell entwickelt.