UNGLAUBLICHE RUHE

Ein angsterfüllter Mann, der nicht mehr schlafen kann. Ein Schüler, der sein Beruhigungsmittel besser vertragen möchte. Eine Frau, die mit ihrer gewaltgeprägten Kindheit umgehen will. Diese drei mussten erst einmal akzeptieren lernen: dass nicht die Droge Cannabis, sondern das Medikament Cannabis ihnen guttut. Bis Ärzte und Familien das ebenso sehen, muss das Leben manchmal ganz schön aus den Fugen geraten.

Mich suchte vor ein paar Wochen ein Patient in der Praxis auf. Er stellte sich vor und sagte: „Ich bin schwerst drogenabhängig. Ich brauche das, sonst geht es mir nicht gut.“ Es stellte sich heraus, dass er nach einer Kindheit mit alkoholkranken Eltern keinen Schulabschluss erworben, aber immer angelernt schwer körperlich gearbeitet hatte. Alkohol lehnte er wegen der schlechten Erinnerungen ab. Er rauchte viele Zigaretten, und Bindungen machten ihm Angst. Ab einem Alter von 30 Jahren entwickelte er Schlafstörungen, Gefühle der Lust- und Mutlosigkeit sowie innere Unruhe. Die fehlende Entspannung entlud sich in Wutausbrüchen, die das Arbeitsleben erschwerten, und er beklagte Schmerzen im gesamten Körper. Er suchte seine Hausärztin und danach viele weitere Fachärzte auf, die ihn mit Schlafmitteln, Antidepressiva und Schmerzmedikamenten behandelten. Anstatt besser sei es ihm aber zunehmend schlechter gegangen, er habe nicht mehr arbeiten können, die Medikamente hätten ihm schwer zugesetzt.

VON DER HAUSÄRZTIN ANGEKÜNDIGT

Durch einen Zufall hatte er vor drei Jahren einen Schulfreund wiedergetroffen. Mit diesem habe er einen Joint geraucht dann eine „unglaubliche Ruhe“ festgestellt, berichtet er im Erstgespräch. Er habe so gut geschlafen wie lange nicht, es sei ihm noch ein paar Tage danach gutgegangen. Er habe festgestellt, dass ihm manche Sorten mehr helfen als andere. Mittlerweile gehe er wieder ein paar Stunden arbeiten, mehr unter Leute – einige Medikamente müsse er nicht mehr nehmen. Aber wenn er mal wieder eine Zeit lang gar kein Cannabis bekomme, dann gehe es wieder steil bergab mit ihm.

DIESER UMSTAND HATTE IHN GLAUBEN LASSEN, EIN „SCHWERST DROGENABHÄNGIGER“ MENSCH ZU SEIN.

Dieser Umstand hatte ihn glauben lassen, ein „schwerst drogenabhängiger“ Mensch zu sein, als der er sich in der Praxis vorstellte. Tatsächlich war der Patient von seiner Hausärztin angekündigt und auf die Möglichkeit einer Cannabisverordnung aufmerksam gemacht worden, da sich seine Befindlichkeit seit dem „Drogengeständnis“ zunächst enorm verbessert hatte. Aus Sorge davor, entdeckt zu werden, lebte er dann aber sozial fast vollständig isoliert und entwickelte Ängste, weil er etwas Illegales tat. Er hofft jetzt auf ein normaleres Leben.

HAUSARREST WEGEN GRAS

Wenn Jugendliche vor Ärzten angeben zu kiffen, begleitet sie dies fortan in Form der Diagnose Cannabismissbrauch oder -abhängigkeit. Die Möglichkeit, es könne in einigen Fällen mehr nutzen als schaden, wird selten in Betracht gezogen. Dennoch kommen immer wieder Eltern mit ihren jungen Erwachsenen und der Frage in die Praxis, ob es sein könne, dass ihrem Kind die Droge guttue.

Bei einem 19-jährigen Abiturienten, der seit seinem siebten Lebensjahr Stimulanzien (Betäubungsmittel) gegen eine Aufmerksamkeitsstörung eingenommen hatte, fand die Mutter Cannabis im Zimmer. Sie konfrontierte ihn damit und drohte, ihn anzuzeigen und sämtliche Ausbildungsunterstützung einzustellen, sollte er weiterhin Drogen konsumieren. Bis zum Schulabschluss in einem halben Jahr durfte er sein Zimmer in der Freizeit kaum verlassen, seine Sachen wurden wiederholt durchsucht. Nachdem er daraufhin weder ausreichend aß und schlief und auch die Abiturprüfungen nicht bestanden hatte, wünschte sich die Mutter des Patienten Aufklärung über den Zusammenhang und organisierte einen Termin. In einem offenen Gespräch mit beiden Elternteilen offenbarte der junge Mann, dass er vor einigen Jahren feststellen konnte, dass er die Stimulanzien besser vertrage, wenn er gekifft hatte.

Es wurde für die Mutter sehr emotional, als sich herausstellte, dass es vor dem heimlichen Konsum oft lautstarke Auseinandersetzungen in der Familie gab, die seit einiger Zeit seltener auftraten. Nachfolgend entschieden sie sich, einen Behandlungsversuch mit medizinischem Cannabis zu unterstützen. Durch einen Anteil an Cannabidiol in der Tagesdosis verspürte der junge Patient in den nächsten Wochen eine zusätzliche Linderung seiner Anspannung und inneren Unruhe. Die Familie meldete im weiteren Verlauf zurück, dass sich das Verhältnis seit dem offenen Umgang noch weiter verbessert habe.

VERGANGENHEITSBEWÄLTIGUNG

Weniger Verständnis finden Menschen, die nach traumatischen Erlebnissen ihrer Umwelt gegenüber misstrauisch geworden sind. Ein besonders eindrücklicher Fall war der einer Dame, die mich vor der Gesetzesänderung aufsuchte. Sie war als Junge aufgewachsen, hatte schwere körperliche Gewalt gegenüber Mutter und Schwestern erlebt und sich im Jugendalter häufig in Alkohol- und exzessiven Drogenkonsum geflüchtet. Als junger Erwachsener wechselten sich Phasen von schwerer Depression und harter Arbeit ab. Dann heiratete sie eine Frau, mit der sie eine eher freundschaftliche Beziehung pflegte.

DIESE ERKENNTNISSE WIRKTEN BEFREIEND.

Ihr wurde einige Jahre später ganz nebenbei mitgeteilt, dass sie als Mädchen auf die Welt gekommen sei, also doppeltgeschlechtlich geboren wurde. Die Eltern hatten sich für das männliche Geschlecht entschieden und alle erforderlichen Maßnahmen wie Operationen und Hormonpräparate durchgesetzt.

Diese Erkenntnisse wirkten befreiend. Sie stellte für sich fest, dass ihr das Leben mit weiblichem Geschlecht näher ist, und wechselte in einen langwierigen Prozess. Sie erzählte, hierdurch fast alle ihre Sozialkontakte vollständig verloren zu haben. Zudem holten sie immer häufiger Erinnerungen aus der Vergangenheit ein, die sie so lähmten, dass sie erstmalig ärztliche Hilfe suchte.

„ZU KOMPLEX“

Sie bekam zahlreiche Psychopharmaka verordnet, einiges half in hohen Dosierungen eine Weile. Traumatherapien blieben unwirksam, ihr wurde meist schnell rückgemeldet, man sehe sich mit ihrem komplexen Krankheitsbild überfordert. Als sich immer häufiger lebensüberdrüssige Gedanken aufdrängten, habe sie sich an ihre Cannabiserfahrung erinnert. Wegen der Vielzahl an Medikamenten traute sie sich aber einen erneuten Eigenversuch nicht zu und sprach ihre behandelnden Ärzte darauf an.

Ab diesem Zeitpunkt fand sich der Drogenkonsum des Jugendalters in jedem Bericht, die Frage nach Cannabis wurde mit dem Verweis an Suchtberatungsstellen beantwortet. Zum Zeitpunkt des Gesprächs in meiner Praxis galt sie als aus therapiert, sodass wir eine Ausnahmegenehmigung für die Behandlung mit Cannabisblüten erwirken konnten. Im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten gelang bereits eine derartige Stabilisierung, dass sie wieder arbeitsfähig wurde und sogar eine Traumatherapie befürwortet werden konnte, auf die sich die Patientin sehr freute. Kurzfristig wurde diese dann wegen des inakzeptablen Medikamentes abgelehnt. Inzwischen hat die Patientin den Wohnort gewechselt und einen Arzt gefunden, der sie unterstützt. Mit ihm konnte sie eine Kostenübernahme für die Cannabismedikamente erwirken, hat eine Therapie begonnen und gewinnt nach und nach das Vertrauen in sich und die Gesellschaft zurück.