Tropical Island – Ein Reisebericht

Dass der Fotograf Shamsan nach seinem Trip auf die Insel Mayotte wieder zurückkehrte, grenzt an ein Wunder. Denn so mancher Tourist ist hier auf ewig hängengeblieben. Wenig überraschend beim Anblick bezaubernder Natur, mystischer Schönheiten und Cannabis aus dem Dschungel. Die Kehrseite der Idylle sind Armut und Drogen – und viele auf sich allein gestellte Flüchtlingskinder.

Ein bisschen wie eine Reise ins Paradies, so hatte sich Shamsan seine vierwöchige Auszeit auf Mayotte vorgestellt. Sein Kumpel Yazidou, mit dem sich der Fotograf vor vielen Jahren in Paris anfreundete, hatte gerade nach Afrika „rübergemacht“. Mit dessen Frau Naïssa, die auf den Komoren aufgewachsen war, entschied er, den Banlieues von Paris den Rücken zu kehren – nicht zuletzt, um den drei gemeinsamen Kindern zu zeigen, was die Welt außer grauer Wände noch zu bieten hat: eine farbenprächtige Insel im Indischen Ozean – die übrigens zur EU gehört.

Shamsan, zwei Kameras im Gepäck, machte sich auf große Reise zu seinem Kumpel. Der hatte ihm im Vorfeld die Entscheidung überlassen, entweder bei seinem Bruder am Rande der Hauptstadt Mamoudzou im Osten der Insel zu wohnen oder bei ihm und seiner Familie in einem Dorf auf der Westseite – nur etwa 20, allerdings regenbewaldete Kilometer, entfernt. Shamsan entschied sich für das Dorf.

Im Kopf die Vorstellung, fotografisch einzufangen, was ihm erzählt worden war: Dass verschiedene Ethnien hier in Harmonie miteinander leben. Und natürlich die überwältigende Natur zu erleben. „Dann bin ich gelandet und dachte: Das habe ich mir irgendwie anders vorgestellt“, erinnert sich der 36-Jährige an den Tag seiner Ankunft.

Bewohner wollte das so, als 2014 über die Unabhängigkeit abgestimmt wurde. Die Komoreninseln waren französische Kolonie, 1974 entschieden alle Inseln einzeln über ihre zukünftige Beziehung zu Frankreich. Grande Comore, Anjouan und Mohéli lösten sich, Mayotte stimmte für den Verbleib. Seit 2014 gehört Mayotte zur EU und ist ein Ziel für Flüchtlinge der benachbarten Inseln und dem Festland Afrikas.

Der Kontrast zwischen Slums in den Kleinstädten rund um die Hauptstadt Mamoudzou und andererseits Villenvierteln in höheren Lagen, die von hinzugezogenen Festlandfranzosen bewohnt werden, ließ Shamsan schnell an seinem Vorhaben zweifeln, seinen Fokus auf das friedliche Zusammenleben zu richten. Weil es nicht existierte. Stattdessen fand er schon bald heraus, was er dokumentieren würde: die Scharen an Flüchtlingskindern, die an den Stränden von Mayotte ankommen. Von ihren Eltern in Boote gesetzt, mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Weil sie nicht abgeschoben werden können, schließen sich Kinderbanden auf der Insel zusammen. „Kinder ab etwa sechs Jahren, ohne Eltern. Manche werden registriert, viele nicht. Die leben wild und sind im Gefährlichkeitsgrad so ernst zu nehmen wie ein Erwachsener“, beschreibt der Fotograf seine Begegnungen mit den Halbwüchsigen. Trotzdem hatte er den Eindruck, dass zwischen Beschenkt sind die Mahorais mit einer überwältigenden Natur.

„Vom Flughafen ins Nirgendwo, die Leute sitzen am Straßenrand und es gab noch mehr Ghettos und Rückständigkeit, als ich es von Reisen nach Indonesien kannte“. Noch im Auto reichte Yazidou ihm einen Joint und meinte: „Atme mal tief durch, mein Junge“.

KINDER DER BENACHBARTEN INSELN KOMMEN IN SCHAREN PER BOOT

Mayotte ist – anders als die übrigen Komoren – französisches Staatsgebiet. Die große Mehrheit der Mayotte Einwohnern und Flüchtlingen eine Connection besteht, vielleicht weil sich die Inselgruppenbewohner trotz aller Ungleichheiten verbunden fühlen. Als rau empfand der Fotograf die Insel dennoch: „Du bist mehr im ‚Mann-Modus‘. Mein Resümee der Reise war, ich muss fit werden und mehr Sport machen“, so der 36-Jährige, der nicht gerade schwächlich wirkt. „Ich habe auch immer ein Messer zur Verteidigung mitgenommen“, gibt er zu.

ALKOHOL UND DIE SYNTHETISCHE DROGE CHIMIQUE SIND VERBREITET

Bedrohlich wirkte die Situation nicht zuletzt dadurch, dass die synthetische Droge „Chimique“ gerade ihre Runde macht. Eine Mixtur aus legal erhältlichen chemischen Mitteln mit fatalen Folgen: „Die Abhängigen irren zombiemäßig durch die Gegend“, so Shamsan, „Damit hatte ich nicht gerechnet, weil es ja eine islamische Insel ist. Was da an Alkohol und chemischen Drogen abgeht, ist Wahnsinn! Die mixen sie aus dem zusammen, was zu haben ist: Kleber, Terpentin und so. Das kannst du an der Ecke kaufen für zwei Euro pro Ladung.“ Dramatisch ist auch, dass durch die extrem steigende Jugendarbeitslosigkeit wegen der Flüchtlingsströme ein Beschäftigungsvakuum entsteht.

Ein Drittel der etwa 200.000 Bewohner sind illegale Einwanderer. Auch Shamsans Gastfamilie beherbergte einen Flüchtling: Naïssas Bruder, der mit im Haus wohnte. Morgens in aller Frühe brach er nach dem Gebet in den Dschungel auf, um das Stück Land zu bewirtschaften und mittags durchgeschwitzt mit einer Tüte voll Obst und Gemüse zurückzukommen, damit zu kochen und seinen Teil beizusteuern. Für das Fünf-ZimmerHaus zahlt die Familie etwa 600 Euro Miete – die Lebenshaltungskosten sind vergleichbar mit denen in Frankreich, der Wohnstandard liegt leicht darunter. Das ist aber meistens eine bewusste Entscheidung, weil Türen grundsätzlich offenstehen und theoretisch jeder ein- und ausspazieren könnte.

Beschenkt sind die Mahoré dafür mit der überwältigenden Natur. Shamsan schwärmt von der wunderschönen Bildkulisse beleuchteter Berge, die sich ihm beim abendlichen Geschirrspülen bot. Fast schon skurril ist dagegen der Anblick der einheitlichen Unvollendung der Häuser: „Fast jeder hat zumindest einen Anbau, der nicht fertiggeworden ist“, lacht Shamsan. Nicht ohne Grund: Denn solange ein Gebäude noch in der Bauphase ist, spart man Steuern.

KOPFTUCHSTYLE JE NACH STIMMUNG

Naïssa arbeitete zwei Mal pro Woche als Pflegerin im Krankenhaus, Yazidou geht aufs Feld, organisiert Veranstaltungen und lebt zurzeit noch von Arbeitslosengeld – er hatte zuletzt in den Brandherden von Paris Jugendarbeit geleistet als jemand mit Gehör zur Straße. Um die drei Kinder kümmern sich beide. Die Großen (drei und vier) gehen schon, wie in Frankreich üblich, in die Maternelle – und am Wochenende, soweit sie mitmachen – in die Koranschule.
Glaube und die islamischen Gebetsrituale werden, auch wenn die europäische Prägung allgegenwärtig ist, konsequent gelebt – und beides wirkt miteinander vereinbar. Das zeigt Naïssas Beziehung zu ihrem Kopftuch sehr anschaulich: „Sie läuft rum, wie sie eben Lust hat. Manchmal ohne Kopftuch, manchmal komplett verschleiert. Das hat mit ihrer persönlichen Stimmung zu tun, ob sie sich ein bisschen mehr zumacht oder die Haare offen hat“, berichtet Shamsan. Und selbst die traditionelle Mode sei farbenfroh und durchaus auch mal kurvenbetont.

DIE FRAUEN VON MAYOTTE HABEN ES IN SICH

Über die Frauen auf Mayotte ließe sich unendlich viel berichten. Wegen matriarchaler Strukturen haben sie besondere Rechte. In den Familien sind es die Frauen, denen die Häuser gehören. Diese Regelung stammt noch aus der Zeit der Polygamie (Männer konnten mehrere Frauen heiraten), die 2008 gesetzlich verboten wurde. Damit jede der Ehefrauen eine sichere Bleibe hatte, auch wenn der Mann eine seiner anderen Frauen besuchte, wurde ihr jeweils ein Haus und der Besitz zugesprochen. So konnte sie auch mit temporärem Partner unabhängig bleiben. Besitz wird von den Müttern auf die Töchter übertragen.

Vielleicht macht diese Unbeschwertheit und Emanzipation einen Teil der Attraktivität aus, die den Mahorais wie eine Legende vorauseilt. Jedenfalls ließen Männer schon alles stehen und liegen, um die schönen Mädchen von Mayotte anzubeten, weiß Shamsan: „Manche Französinnen haben mit ihrem Typen da Urlaub gemacht, der dann mit einer Mahorais abgehauen ist. Aber einige blieben dann auch zurück auf Mayotte und ließen sich wiederum auf Komorians ein, obwohl sie als Touristinnen gekommen waren“

INDOOR-GROWEN IM GHETTO

Auch Carl, ein Mittelstandsbürger aus der Provence, konnte sich dem Charme der Mahoré-Mädchen nicht mehr entziehen. Er und Yazidou haben sich kennengelernt, weil sie sich über Jahre immer wieder im Urlaub auf Mayotte begegneten. Carl lebt inzwischen in einem Ghettoviertel von Mamoudzou und baut indoor Cannabis an. Das zu verkaufen reicht zum Leben – und zieht die begehrten Mädchen an. „Er überlegt sich natürlich genau, an wen er verkauft. Und die anderen Bewohner des Viertels wissen gar nicht, was der da drinnen macht. Die werden sich höchstens fragen, warum da öfters am Tag Besuch kommt“, erzählt Shamsan, der mit Yazidou auch bei Carl vorbeischaute. „Als wir ankamen, hatte er da drei junge Mädels sitzen, denen er gegen Gesellschaft umsonst Gras abgibt, das sie sich sonst nicht leisten können. Er wollte uns in dem Moment lieber schnell loswerden“, sagt er, verdreht die Augen und meint, dass es fahrlässig sei, weil sie schnell ausplaudern könnten, was Carl in seinem „Darkroom“ anbaut. Und zweitens formieren sich neuerdings muslimische Jungs, um genau dagegen vorzugehen. „Ich habe gehört, dass es im April Unruhen gab, weil gezielt weiße Leute gejagt wurden“, berichtet Shamsan. „Auch ich wurde an einer Straßenecke eindringlich ausgequetscht, ob mich nicht eigentlich nur die schönen Frauen hierher verschlagen“.

Ich habe auch immer ein Messer zur Verteidigung mitgeführt, gibt er zu.

OUTDOORGRAS STAMMT AUS DEM DSCHUNGEL

Dass Carls Indoorgras diese außergewöhnliche Anziehungskraft hat, liegt auch an der schwachen Konkurrenz der um Längen hinterherhinkenden Outdoorprodukte. Und die werden überall geraucht. „Du bekommst von dem schlechten Gras eine Münzrolle für zehn Euro, manchmal hast du mehr Samen als Gras darin“, grinst der Fotograf. Und wie dort angebaut wird, das steht im harten Kontrast zu peniblen deutschen Growern, die manchmal fast erotische Beziehungen zu ihren Mutterpflanzen pflegen: „Die haben da eine Handvoll Samen, schmeißen diese auf den Boden einer Lichtung im Dschungel und holen sie wieder ab, wenn die Ernte reif ist. Das wächst von allein und es interessiert sie auch gar nicht, ob sich da männliche und weibliche Pflanzen mischen, deswegen kriegst du da auch manchmal Gras, das überhaupt nicht wirkt“.

Polizei spielt auf der Hauptinsel keine große Rolle und gesellschaftlich ist Cannabis akzeptiert – „es ist weniger verwerflich, als wenn du Alkohol trinkst, weil du dich betrunken einfach viel mehr danebenbenimmst. Und dass du dich auf Gras viel mehr im Griff hast, wissen die Menschen im hintersten Dorf von Afrika auch“, weiß Shamsan.

ER WIRD WIEDERKOMMEN

Auch wenn Shamsan sein ursprünglich geplantes Fotoprojekt vor Ort über Bord werfen musste, hat für ihn seine Reise allein durch eine Begebenheit Sinn ergeben. Er rettete der vierjährigen Mouna möglichweise das Leben: „Wir waren an einem Zulauf vom Meer baden, eine Art Kanal, der in die Mangrovenhaine führt. Weil Flut war, konnte man nicht erkennen, dass es ganz tief runtergeht“, beschreibt Shamsan, „die Kleine war im Wasser, wir am Strand, und sahen, wie sie noch ein paar Mal hochkam und Luft schnappte. Ich gucke zu meinem Kumpel rüber, der für einen Augenblick richtig erstarrt war und bin mit meiner Plauze losgejumpt“, schildert er den Rettungseinsatz.

Das wird er so schnell nicht vergessen. Aber auch nicht die vielen Flüchtlingskinder von Mayotte, die den Beinamen „The Island of Lost Children“ trägt. Deren Geschichte und Gesichter möchte er festhalten und in Bildern nach Europa tragen. Dass er dafür in die Slums vordringen muss, hält ihn nicht ab. Nur wie, das muss er noch herausfinden: „Entweder ich komme mit dem Bürgermeister oder ich muss die Mafia bestechen. Da muss ich mich mal umgucken, mit wem ich das alles realisieren kann.“