STONER AM STEUER

Ich fahre gern Auto, aber erst neuerdings. Meinen Führerschein habe ich relativ spät, mit Mitte 20, gemacht und dann, weil kein Fahrzeug zur Verfügung stand, alles schnell wieder verdrängt: Die vielen Absauferlebnisse beim Linksabbiegen oder augenverdrehende Überholende (einer hat, nachdem ich mich nicht zwischen rechts- und linksblinken entscheiden konnte, an der Ampel neben mir demonstrativ den Kopf aufs Lenkrad fallen lassen).

Und immer wenn mir ein kleines Malheur passierte, dann dachte ich mir: Jetzt gucken sie beim Vorbeifahren ins Fenster, sehen „aha, Blondine – und auch noch Frau“, und schon fühlte ich mich mit Schuld an der beliebten Meinung: „Frau am Steuer, das wird teuer“ oder „Liebe Blondine, nutz lieber die Schiene“.

Als ich also zehn Jahre später wirklich keine Wahl hatte, als mich wieder ans Lenkrad zu wagen – weil Kinder in den Kindergarten gebracht werden mussten –, verkleidete ich mich manchmal. Als Prinzessin (mit Perücke aus der Verkleidungskiste) oder auch als Mann (mit dicker Bomberjacke). Dadurch bekamen die vorurteilenden Verkehrsteilnehmer so lange kein Futter von mir, bis ich es endlich wirklich drauf hatte mit dem Fahren. Dafür hatte ich bei den anderen Müttern im Kindergarten schnell den Ruf der exaltierten Mama weg. Weil, natürlich, man ist hundemüde morgens, das Kind quengelt – da ist es schon regelmäßig vorgekommen, dass ich der Erzieherin mein Kind in Bomberjacke und Perücke überreichte. Und leider war ich zu so ungnädiger Zeit niemals zu Smalltalks aufgelegt, um eine Erklärung abgeben zu können.
Die Verschleierungen sind inzwischen abgeworfen, weil ich von mir behaupten kann, über einen meisterhaften Fahrstil zu verfügen. Manchmal glaube ich sogar überraschte Blicke erhaschen zu können, wenn ich wie von Gottes Hand geleitet in jede engste Parklücke gleite. Erst jetzt mit der neuen Souveränität bemerke ich, wie unfassbar schrecklich manche anderen Autos fahren. Gar nicht so wenige. Und es wird ja auch vor Weihnachten nicht besser. Da versöhnt die rote Nase am Audi kaum, der im Rückspiegel mit Lichthupe und wackelnden Rentierohren signalisiert, dass die Ampel schon zehn Millisekunden grün war.

Und dann wünsche ich mir, all diese extrem echauffierten Autofahrer wären in der Adventszeit ein kleines bisschen bekifft. Hinter ihren Adventskalendertürchen würde sich kein Ferrero Küsschen verbergen, sondern ein kleiner Joint. Anstatt jede rote Ampel zu verfluchen, würden sie gern auf Grün warten und so lange ihr glänzendes Armaturenbrett streicheln oder mal genau hinhören, was Justin Bieber da eigentlich für einen grandiosen Text von sich gibt. Und sie würden eine ältere regendurchnässte Dame zu Fuß nicht warten lassen, sondern ihr den Vortritt geben – und sich zumindest fest vornehmen, Mama heute Abend mal zurückzurufen. Und mir würden sie ein anerkennendes Nicken zuteilwerden lassen, weil ich meinen U-Turn bilderbuchhaft vollführt habe. Und die werten Herren würden denken: „Oh, nicht jede Frau fährt schlecht Auto. Und mit meiner Frau könnte ich nachher eigentlich mal wieder schlafen“.

Alles wäre ein bisschen langsamer, weil bekifft sein die Sinne schärft und man die Routine ablegt. Stoner am Steuer cruisen höchst konzentriert mit 30 durch die 50er-Zone, das macht sie verräterisch. Und sie halten glatt auch bei Grün, einfach aus Sicherheitsgründen. Ihnen kommt eben alles unerhört schnell vor.

Natürlich, sie kämen morgens vielleicht ein paar Minuten später zur Arbeit als geplant. Aber mit einer zugewandteren Einstellung, die den Automatismus losgelassen hat: Ein Lehrer würde den ewigen Rabauken der Klasse vielleicht mal fragen, was bei ihm zuhause so los ist. Und ein Zimmermann würde den vorüberlaufenden pubertierenden Mädchen keinen Tittenspruch zumuten, sondern es bei einem anerkennungsvollen Pfeifen belassen. So oder so, es ginge mehr ums Beobachten und Genießen als darum, den Macker zu machen.

Meine Kinder scheinen sich den unvoreingenommenen Beobachterblick eh noch behalten zu haben. Dafür brauchen sie kein Cannabis. Neulich parkte eine schöne dunkelblaue E-Klasse rückwärts direkt vor unserer Haustüre ein. Und ein gepflegter älterer Herr schälte sich ziemlich mühsam durch die Tür ins Freie. Die beiden Kinder waren sich wortlos einig darin, dass es sich lohnt, bis zum Ende zuzuschauen, mit offenen Mündern. Und beim Treppensteigen sagte meine Tochter: „Hast du gesehen Mama, wie gechillt der aus seinem Auto gestiegen ist?“ Eben, vielleicht war die Langsamkeit des Opis gar keine beschwerliche, sondern eine feierliche. Dafür haben Kinder und Kiffer oft ein besseres Gespür.