STARKER TOBAK

Im Mittelalter wird man nicht so recht fündig, was den medizinischen Hanfgebrauch angeht. Unser Gastautor Thomas Becker ist zum Glück ein Bücherwurm und gräbt die seltenen Hinweise aus.

Tatsächlich war im vormodernen Europa Hanf eine allgegenwärtige Kulturpflanze. Der Gebrauch als Heil- und Genussmittel ist jedoch nur sehr schwer zu belegen. Es gab keine Verbote, aber Hanfkraut war wohl auch kein besonders erwähnenswertes Heilmittel.

Das europäische Mittelalter gilt unter Historikern zwar nicht unbedingt als dunkle, aber immer noch als schwer zugängliche Zeit. Das trifft auch für den Cannabisgebrauch zu. In den einschlägigen Veröffentlichungen wird gern über uralte Skythengräber, chinesische Apotheken und altgriechische Rituale berichtet. Seit der Zeit der Kreuzzüge gibt es erstaunliche Geschichten über ein Wunderkraut aus dem Orient, dann aber eine lange Zeit wenig Konkretes. Erst im 18. Jahrhundert wird Cannabis in Europa als Medikament und Genussmittel bekannt und diese Bekanntheit ist dann auch für uns nachvollziehbar belegt.

WENIG ZEUGNISSE, WEIL WENIGE LESEN KONNTEN

Wir können nun nicht sagen, dass es therapeutischen Hanfgebrauch nicht gab. Die Beweise dafür aber fehlen oder sind für uns unzugänglich. Das große Problem dieser Epoche, die Zeugnisse sind oft gar nicht systematisiert, unvollständig oder nach völlig anderen Kriterien und Prioritäten erstellt. Das gilt vor allem für das eigentliche Mittelalter. Historiker begrenzen dieses gern von der Entstehung der ersten Staaten nach Zusammenbruch des Weströmischen Reiches im 5. oder 6. Jahrhundert n. Chr. bis zur Entdeckung Amerikas 1492 oder auch bis zur Reformation 1517. Aber auch die folgende, sogenannte Neuzeit von 1500 bis zum Beginn der Industrialisierung ab etwa 1750 erscheint uns fremd und in ihrem Denken oft geradezu mittelalterlich, bestenfalls unsystematisch, oft von Aberglauben und Vermutungen durchdrungen.

Ferner haben Handwerk und damit auch die Volksmedizin in früheren Zeiten keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen. Nur wenige konnten Lesen und Schreiben und Bücher als beständige Medien waren extrem teuer. Die Menschen verfügten über sehr viel Wissen, aber das wurde auswendig gelernt und weitergegeben oder vielleicht auch absichtlich geheim gehalten, um die eigenen Geschäfte zu schützen.

EUROPÄISCHER HANF NICHT BESONDERS WIRKSAM?

Die systematische Suche von so etwas Nebensächlichem wie medizinischem Hanfgebrauch ist praktisch unmöglich. Hans-Georg Behr, der mit „Von Hanf ist die Rede“ eine der besten Veröffentlichungen zum therapeutischen Hanfgebrauch in der Weltgeschichte vorgelegt hat, schreibt zu der Suche über das europäische Mittelalter: „Mir bleiben nur Zufallsfunde, Splitter, die ich oder Freunde in eigentlich ganz anderen Büchern fanden und die durch Bibliomanen eigene Osmose in meine Zettelkästen sickerten.“ Der erste dieser Zufallsfunde lässt darauf schließen, dass der europäische Hanf einfach nicht besonders wirksam war. Dort heißt es, 1510 bei einem Abendessen im Vatikan in Anwesenheit des Papstes Julius II habe ein Marokkaner namens Leo Africanus von wundersamen Wirkungen des Hanfes berichtet, welche keiner so recht glauben wollte. „Der Heilige Vater kam zu dem Schluß, daß es sich um eine besondere Pflanze Hanf handeln müsse, denn Hanf hat zwar bestimmte Eigenschaften, aber doch wurde derlei noch nie berichtet […].“

Die bestimmten Eigenschaften des Hanfes waren nun wohlbekannt. Gern zitiert wird Hildegard von Bingen, welche mit ihrem Kloster im 12. Jahrhundert eine sehr hochwertige Wissenschaftsanstalt betrieb und damit in ihrer Zeit nördlich der Alpen praktisch einzigartig war. In ihrer „Physica“, einer erstaunlich verständlichen Aufzeichnung von Heilkräutern der Volksmedizin, ist der Hanf in Cap. 11 tatsächlich beschrieben: „Der Hanf ist warm und wächst, wenn die Luft nicht zu sehr warm und nicht sehr kalt ist. Gesunden und kräftigen Naturen ist er bekömmlich, schwachen dagegen nicht, besonders solchen nicht, die ein schwaches Gehirn haben.“

Da lässt sich nun viel hineininterpretieren. Besondere Bedeutung scheint man dem Hanf mit diesen knappen Zeilen aber eher nicht beigemessen zu haben, denn im selben Werk sind kurz danach etwa Ingwer und Galgant mit jeweils seitenlangen Artikeln mit Rezepten gewürdigt.

HALLUZINOGENE PRÄPARATE ALS HARMLOS EINGESTUFT

Im Standardwerk der mittelalterlichen Medizin und Pharmazie, dem „Antidotarium Nicolai“, welches wohl um 1200 in der damals führenden Schule von Salerno entstand, ist der Hanf dagegen in keinem Rezept erwähnt oder noch nicht indexiert. Bemerkenswert ist aber, was Dietlinde Goltz, die das Antidotarium übersetzt und ediert hat, in diesem alten Dokument über Rauschmittelgebrauch im Mittelalter feststellt: „[…] daß man trotz ausgiebigen Gebrauchs von Opium in der Medizin des Mittelalters bis hin zum 17. und 18. Jahrhundert weder den Begriff der ‚Sucht‘ oder ‚Abhängigkeit‘ noch das Phänomen der Opiumsucht kannte oder beobachtet hatte. […] Um wieder auf die salernitanische Medizin und das Antidotarium zurückzukommen, so bleibt es bemerkenswert, wie viele Präparate mit derart stark wirkenden narkotischen und halluzinogenen Drogen anscheinend für harmlos gehalten und verordnet wurden, […] Gefährlich war der Gebrauch der Narkotika im Mittelalter eigentlich nur wegen der Gefahr einer Überdosierung, die den Tod durch Atemlähmung zur Folge hat, nicht jedoch wegen der Möglichkeit des Entstehens einer Opiumsucht.“

Die Rede ist hier vom Theriak, dem Allheilmittel von der Antike bis zur Industrialisierung. Das war ein Gemisch aus bis zu 300 Einzelsubstanzen, deren wichtigste Opium war, das Rezept im Antidotarium enthält darüber hinaus noch etliche Nachtschattengewächse. Das lässt natürlich wieder viele Vermutungen über Drogensucht zu, die aber alle schwierig zu belegen sind. Denn genauso gut könnte die Harmlosigkeit des Theriaks an der der geringen Dosierung und an dem hohen Preis des Wundermittels gelegen haben. Sicher ist aber: Die alten Europäer kannten und schätzten berauschende Medizin, der Hanf aber gehörte nicht dazu.

HEXEN FLOGEN MEIST OHNE HANF

Entgegen der heute weit verbreiteten Meinung spielten Drogen auch bei den berüchtigten Hexenverfolgungen so gut wie keine Rolle. Diese unheilvolle Epoche beginnt mit der „Hexenbulle“ 1484 und ist damit eigentlich ein neuzeitliches Phänomen, das Mittelalter war da nämlich gerade vorbei. In den zahlreichen Prozessakten sind die – unter Folter erzwungenen – Untaten meist Wetterzauber und Geschlechtsverkehr mit dem Teufel. Die Rezepte für Hexensalben, die bis heute Überliefert sind, entsprangen wohl eher der Fantasie der Verfolger. Denn im Verhör wurde nur gefragt, ob die Salbe zum Fliegen mit dem Teufel benutzt wurde, nicht nach dem konkreten Rezept. Von den hundert überlieferten Rezepten enthält übrigens nur eines Hanf. Zudem waren oft besser situierte Bürger und hauptsächlich Bürgerinnen die Opfer, denn die Staatsmacht zog üblicherweise die Vermögen überführter Hexen ein. Das arme hilflose Kräuterweib findet sich da eher selten wieder. Wir müssen vielmehr davon ausgehen, dass der vormoderne Mensch bei einem schlechten Heiltrank eher dem falschen Zauberspruch bei der Bereitung die Schuld gab als einem giftigen Inhaltsstoff. Und ein hilfloses Kräuterweib wurde bei ausbleibendem Heilungserfolg im Zweifel von der Dorfgemeinschaft bestraft und nicht extra vor einen Richter gezerrt.

INTERESSANT FÜR DIE HOMÖOPATHIE

Gelegentlich findet sich in der Folgezeit der Gebrauch von Hanf als Hustenmittel. So wurde etwa Martin Luther im 16. Jahrhundert einmal im Winter ein Absud, also Tee aus weiblichen Hanfpflanzen, verabreicht. Hanf begegnet uns auch in den ersten systematischen Aufzeichnungen über Heilkräuter, die uns dann ab Ende des 18. Jahrhunderts vorliegen. Bemerkenswert ist hier das Werk des Samuel Hahnemann, dem Erfinder der Homöopathie. Daneben gilt Hahnemann als der Erste, der systematisch medizinische Präparate selbst und mit seinen Schülern getestet und die Tests exakt protokolliert hat. Noch 1793 schreibt er in „Samuel Hahnemanns Apothekerlexikon“: „Das betäubend riechende Kraut dient den Morgenländern zur Bereitung eines berauschenden, einschläfernden Hausmittels, Bangue oder Maslach genannt. Die Samen (fem. Cannabis) dienen noch hie und da zu beruhigenden Emulsionen, vorzüglich bei ächten Samenflüssen und bei Trippern, zu welcher Kraft die Schalen des Samens beizutragen scheinen.“

1830 klingt aber derselbe Hahnemann in seiner „Reinen Arnzneimittellehre“ schon ganz anders: „Aber zu weit wichtigern Heilsabsichten in verschiedenen Krankheiten der Zeugungstheile, der Brust, der Sinnesorgane u.s.w. kann man sich des Hanfsaftes mit großem Erfolge bedienen, wozu schon diese Beobachtungen den homöopathischen Fingerzeig geben.“ Es folgt mehrseitiges Wirkungsprotokoll, wo neben Magenschmerzen erstaunliche Wirkung auf die Geschlechtsorgane geschildert wird. Aber auch einen echten Rausch scheint es bewirkt zu haben.

KULTURAUSTAUSCH MIT DEM ORIENT

Zu diesem Zeitpunkt war Haschisch als Genussmittel in Europa schon länger bekannt und beliebt. Im 18. Jahrhundert hatte sich im gesamten deutschen Sprachraum durch vermehrte Kontakte mit dem Osmanischen Reich neben Kaffee auch rauchbares Cannabis als Orient-Tabak, Smyrna-Pulver oder Starker Tobak verbreitet. Das modische Rauchpulver galt als eleganter Zeitvertreib vor allem für ältere, wohlsituierte Herren und hatte so gar nichts mit jugendlicher Protestkultur zu tun. Oft sicherten sich Apotheker die Verkaufsrechte, aber in der Medizin spielte auch der wirksame, orientalische Hanf eher eine untergeordnete Rolle. 1843 schreibt etwa G. F. Most in der „Encyklopädie der gesammten Volksmedicin“: „Wasserextrakt der nicht-blühenden Pflanze gegen Husten bei Kindern. Mit Spanisch Pfeffer und Wein ein ‚oft gemissbrauchtes Stimulanz‘.

CANNABIS STATT OPIUM

Die Medizin kannte den Hanf wohl, schätzte ihn aber eher als schwächeres Schmerzmittel im Vergleich zu Opium ein. 1904 empfiehlt die Real-Enzyklopädie der gesamten Pharmazie: „Man gibt es [Cannabis] bisweilen dort, wo Opium indiziert, aber nicht vertragen wird.“ Unerwünschte Nebenwirkungen waren wohl bekannt, wurden aber längst nicht so dramatisch eingeschätzt wie zu Zeiten der Prohibition. So können Opium und Haschisch bedenkenlos verschrieben werden, denn „Mässiger Genuss bleibt ohne dauernde Folgen, übertriebene Einverleibung kann zu Magendarmkatarrh, skorbutischem Zahnfleisch, hochgradiger Abmagerung, Gliederzittern, Stumpfsinn und Halluzinationen führen. Haschisch hat Abnahme der Körperkräfte, geistige Stumpfheit und Denkunfähigkeit zur Folge.“ Die Therapie ist jedoch, ähnlich wie bei Opium, „allmähliche Entziehung ohne Schwierigkeit“. So beschrieb es 1906 ein Dr. Otto Dornblüth in „Die Arzneimittel der heutigen Medizin“. Darin empfiehlt er weiter, Cannabis als „Extrakt gegen Migräne, in höheren Dosen als Hypnoticum und Sedativum bei Geisteskrankheiten. Kraut in Zigarettenform zum Rauchen gegen Asthma.“

Das sind freilich die letzten Berichte über medizinische Anwendung, denn nicht nur die im 20. Jahrhundert einsetzende Prohibition, auch die Erzeugnisse der chemisch-pharmazeutischen Industrie drängten Pflanzenzubereitungen an den Rand, da diese als zu unzuverlässig galten. So ein pharmazeutisches Lehrbuch 1953: „Der Hauptgrund dafür, daß der Indische Hanf aus dem Heilschatz praktisch verschwunden ist, dürfte in der Tatsache zu suchen sein, daß die zu uns kommende Droge (Herba Cannabis Indicae) meist völlig unwirksam war und daher auch nur wertlose Galenica liefern konnte.“ Die Suchtgefahr wird hier nur am Rande erwähnt, der Krieg gegen die Drogen hatte Europa noch nicht in vollem Umfang erreicht. Die alten Europäer mochten Rausch, aber keinen Hanf.

Gesunden und kräftigen Naturen ist er bekömmlich.