Standardisierung als Maßstab

In Deutschland ist man für die Versorgung mit medizinischem Cannabis auf Importe angewiesen. Zum Beispiel aus Kanada: Dort ist Cannabis schon seit einigen Jahren für Patienten zugänglich. Erst aus Eigenversorgung und inzwischen auch durch lizenzierte professionelle Produzenten. Einer davon ist das Unternehmen ABcann mit Sitz in Napanee, östlich von Toronto.

Wie alles begann

Damals habe ich zum ersten Mal realisiert, dass Pflanzen Medizin sind, die tausende von Jahren von Menschen genutzt wurden.

Ken Clement, Gründer und Geschäftsführer von ABcann Medicinals, steht heute mit voller Überzeugung hinter medizinischem Cannabis. Durch einen persönlichen Schicksalsschlag begann der ehemalige Eishockeyspieler sich mit der Heilkraft von Pflanzen auseinanderzusetzen. Als sein heute 14-jähriger Sohn geboren wurde, litt er unter Spastiken, die seinen gesamten Körper verkrampften. Der Säugling musste die ersten eineinhalb Jahre seines Lebens im Kinderkrankenhaus in Vancouver zubringen und mehr als 30 Operationen über sich ergehen lassen. Doch nichts half, und sowohl die Eltern als auch die Ärzte waren ratlos. Dann verwies eine Krankenschwester Clement an eine
Frau, die sich mit Heilpflanzen beschäftigte und im Wald Kräuter und Wurzeln sammelte. Als Clements Sohn die pflanzliche Medizin verabreicht wurde, hörten die Krämpfe auf. Bald wurde die Behandlung mit den anderen Medikamenten eingestellt, er erhielt weiterhin das pflanzliche Mittel und seine Spastiken kehrten nie wieder zurück.

„Damals habe ich zum ersten Mal realisiert, dass Pflanzen Medizin sind, die tausende von Jahren von Menschen genutzt wurden,“ erinnert sich der Geschäftsmann. Einige Jahre später brachte ihn eine Dokumentation im Fernsehen auf die Idee: „Wenn man Pflanzen in einem abgeschlossenen Raum anbauen und sowohl die Umwelteinflüsse als auch alle chemischen Prozesse kontrollieren kann, um daraus Medizin herzustellen, kann man das Ganze auch in einer großen Anlage machen und so viele verschiedene Pflanzen züchten.“

Über einen Freund, der eine Lizenz besaß, um für seine kranke Frau Cannabis anzubauen, begann Clement, sich detaillierter mit der Pflanze zu beschäftigen. „Cannabis ist eine Pflanze mit großem medizinischen Potenzial, die in der Vergangenheit vielfältig genutzt wurde. Sie war daher die perfekte Pflanze, um den standardisierten Anbau zu testen und zu entwickeln“, erklärt der 54-Jährige.

Die Regierungsvertreter waren beeindruckt von den Vorschlägen.

Das war im Jahr 2009. Damals wurde der großflächige Anbau von medizinischem Cannabis in Kanada seitens der Regierung noch nicht erlaubt, weil die entsprechenden Regularien, Sicherheitsbestimmungen und Testmöglichkeiten im
Labor fehlten. Clement begann Briefe an die Regierung zu schreiben und wurde schließlich zu einem Treffen eingeladen. Die Regierungsvertreter waren beeindruckt von den Informationen und Vorschlägen, die Clement und sein Team zusammengetragen hatten. So berieten sie in den darauffolgenden drei Jahren die Regierung und halfen die entsprechenden Richtlinien zu entwickeln. 2012 gründete Clement dann sein Unternehmen ABcann. Ein Jahr später folgte die Erteilung der Anbaulizenz. Damit war der erste wichtige Schritt für die Produktion von medizinischem Cannabis in einer großen standardisierten Anlage getan.

Pflanze oder Pharmaprodukt?
ABcann war eines der ersten Unternehmen, das eine Anbaulizenz von der Regierung erhielt. Es war jedoch eines der letzten, das mit dem Verkauf von medizinischem Cannabis begann. „Das lag an der Beschaffenheit der Anlage, die wir errichtet haben,“ erklärt der Firmengründer. „Es war unser Ziel, die chemischen Bestandteile der Pflanze komplett zu standardisieren, darin unterscheiden wir uns von ziemlich jedem anderen Unternehmen auf der Welt“, sagt er. Mit einer hochautomatisierten und computergesteuerten Technik sind die Spezialisten in der Lage, die Wachstumsbedingungen der Pflanze vollständig zu steuern.

Einer, der sich wie kein anderer mit der komplexen Anlage auskennt, ist Mike Hoffman. Er studierte Gartenbau und Gewächshaustechnik in Kanada und zog dann nach Düsseldorf, wo er für einen Gewächshausbetreiber arbeitete. Hier lernte er auch seine Frau kennen, mit der er nach der Geburt der ersten Tochter zurück nach Kanada ging. Die nächsten Jahre arbeitete er in verschiedenen Gewächshäusern in der Produktion, bis er eines Tages Ken Clement kennenlernte. Von der Idee begeistert, unterstützte Hoffman den Unternehmer bei der Antragsstellung für die Produktionslizenz – und arbeitet bis heute mit ihm zusammen.

„Die größte Umstellung bestand damals darin, von der Landwirtschaft in die Welt der pharmazeutischen Produktion zu wechseln“, erinnert sich Hoffman. Der Anbau von medizinischem Cannabis unterscheidet sich erheblich vom Anbau von Gewächshaustomaten, aber auch von den illegalen Anlagen anderer Cannabiszüchter. „Wir sind ein pharmazeutisches Unternehmen. Das bedeutet zum Beispiel, dass alles, was durch unsere Tür kommt, getestet werden muss und erst verwendet werden darf, wenn alle Bestandteile entschlüsselt wurden“, sagt er. Das gilt für Gießwasser und Erde genauso wie für Dünger, Blumentöpfe oder andere Plastikverbindungen. Die Produktionsgegenstände stehen so lange unter Quarantäne, bis ein Analysezertifikat vorliegt. Dieses muss ausschließen, dass die Inhaltsstoffe Wechselwirkungen hervorrufen, die die Entwicklung der Pflanze negativ beeinflussen, sonst dürfen die Stoffe nicht verwendet werden.

„Hinzu kommt, dass wir unser gesamtes Vorgehen genauestens dokumentieren müssen“, so Hoffman. Hygiene ist ein weiterer wichtiger Bestandteil der täglichen Prozeduren. Alle Angestellten müssen jeden Morgen ihre Kleidung ablegen, duschen und spezielle sterile Arbeitskleidung – ähnlich der von Ärzten in Krankenhäusern – anlegen. Dazu kommen Handschuhe, Gesichtsmasken und Haarnetze. Der Vorgang muss jedes Mal wiederholt werden, wenn die Anlage verlassen wurde.

Alles, was durch unsere Tür kommt, muss getestet werden und darf erst verwendet werden, wenn alle Bestandteile entschlüsselt wurden.

Hoffman und sein Team verwenden keinerlei Pestizide oder Fungizide.

Die kanadische Regierung verbietet den Einsatz solcher Mittel bei der Herstellung von Arzneimitteln. Vor Weihnachten 2016 wurde bekannt, dass sich einige andere Hersteller nicht an die Vorgaben hielten. Der Verstoß flog auf, weil ein ehemaliger Mitarbeiter eines Unternehmens den Behörden verriet, wo die entsprechenden Chemikalien versteckt wurden. Den Unternehmen drohen nun hohe Strafzahlungen.

Anbau im selbst geschaffenen Klima
„Die meisten Medikamente, die wir heute kennen, enthalten synthetische Inhaltsstoffe, die bestimmten Pflanzenbestandteilen nachempfunden wurden. ABcann hat ein technisches System entwickelt, mit dem Pflanzen so angebaut werden können, dass ihre Inhaltsstoffe den pharmazeutischen Standards entsprechen – und das bei jeder Ernte“, beschreibt Clement die Möglichkeiten seines Unternehmens, „Wir sind eine medizinische Produktionsanlage. Der Prozess beginnt mit dem Schneiden von Stecklingen, sogenannten Klonen, von den Mutterpflanzen und endet mit dem Abfüllen unseres Produkts in die entsprechenden Behälter.“ Produziert wird in GMP-Qualität, einem Produktionsstandard für Arzneimittel, Kosmetika oder Lebensmittel, dessen Richtlinien der Qualitätssicherung in Europa von der Europäischen Kommission erstellt wurden.

In den Anbaukammern wird das Klima der Region nachempfunden, aus der die Cannabispflanze ursprünglich stammt.

Derzeit werden sechs verschiedene Cannabissorten angebaut. Der Anbau einer weiteren ist in Planung. Die Sorten unterscheiden sich in der Zusammensetzung der Cannabinoide THC und CBD, die unter anderem für die medizinische und auch für die psychoaktive Wirkung (THC) von Cannabis verantwortlich sind. ABcann Medicinals verzichtet auf jegliche Form der Genmanipulation. In den Anbaukammern wird das Klima der Region nachempfunden, aus der die Cannabispflanze ursprünglich stammt. Dabei kann sogar die Höhenatmosphäre nachgebildet werden, die in der jeweiligen Erdregion vorherrscht. Die Anbaukammern sind in die verschiedenen Wachstumsphasen aufgeteilt. Zuerst werden die Klone mit einer Nährlösung versorgt, damit sie Wurzeln schlagen. Im nächsten Bereich sind die Bedingungen auf das optimale Wachstum der Pflanze abgestimmt. Danach kommen sie in die entsprechende Kammer, um zur Blüte gebracht zu werden. In dieser Phase bilden die Pflanzen die Blüten aus, die für die medizinische Anwendung von Bedeutung sind. Alle Kammern sind gleichzeitig mit Pflanzen besetzt. Dadurch kann sechs Mal pro Jahr geerntet werden.

„Durch unser Equipment sind wir in der Lage, in Echtzeit zu erfahren, wie die Pflanze sich ‚fühlt‘ und was sie braucht. Dadurch werden unsere Pflanzen nie krank, weil wir schon im Vorfeld wissen, wenn das Gleichgewicht gestört ist“, so Clement. Zwei Überwachungssysteme überprüfen ständig die Umgebung. Zwei weitere sind direkt mit der Pflanze verbunden. Damit kann zum Beispiel die Temperatur der Pflanze und des Bodens überwacht werden, aber auch, wie viel CO² und Licht die Blätter aufnehmen.

Unser Ertrag liegt heute bei durchschnittlich 100 Gramm pro Pflanze.

„Eine Pflanze hat gelbe Punkte, weil sie krank ist“, erklärt Clement, „ – bis sich die Symptome zeigen, dauert es eine Weile. Das heißt, dass die Pflanze bereits vorher krank war, doch der Gärtner bemerkt dies erst, wenn sich die gelben Punkte zeigen. Es mag dann fünf bis zehn Tage dauern, die Krankheit zu behandeln.“ Bei einer gesamten Lebensdauer von acht Wochen bis zur Ernte ist das viel. „Unser Ertrag liegt heute bei durchschnittlich 100 Gramm pro Pflanze. Damit werden wir zu einem der effizientesten Produzenten der Welt – und das ohne irgendwelche Chemikalien, die das Cannabis kontaminieren“, sagt Ken Clement.

Durch das Computersystem ist es möglich, den „perfekten Tag“ für die Pflanze zu schaffen, ihr also das ideale Maß an Licht, Wasser, Nährstoffen etc. zukommen zu lassen, und diesen wieder und wieder zu reproduzieren. Auch die Trocknung der Blüten spielt dabei eine wichtige Rolle. Die Techniker haben dafür spezielle Trocknungskammern errichtet. Die Atmosphäre innerhalb der Kammer wird in keiner Weise von den Außentemperaturen oder dem Feuchtigkeitsgehalt der Luft beeinflusst, sondern folgt einem festgelegten Protokoll. Nach der Trocknung wird das Pflanzenmaterial abgefüllt und in einem Raum mit ebenfalls kontrollierter Atmosphäre gelagert. Für die Beschriftung der Behälter gibt es, wie für jedes andere Medikament, genaue Vorschriften. Auch wird das Cannabis regelmäßig von unabhängigen Laboren untersucht.

In ihren Anbaukammern bilden sie z. B. die Atmosphäre des Mars nach.

Von dort aus wird es dann an die Patienten ausgeliefert. Das Versorgungsmodell in Kanada unterscheidet sich wesentlich von dem in Deutschland. Das Cannabis wird direkt an die Patienten verschickt und ist nicht in Apotheken erhältlich. Die Entscheidung über die Behandlungsmethode liegt dabei allein beim Arzt. Das Rezept geht direkt an die Produzenten, die sich dann über dessen Korrektheit vergewissern müssen. Danach wird das Cannabis an die Patienten geliefert.

Investition in die Forschung
ABcann kooperiert mit der University of Guelph, die weltweit führend im Pflanzenanbau und Gartenbau ist. Eine Abteilung der Universität arbeitet eng mit der NASA zusammen. In ihren Anbaukammern bilden sie z. B. die Atmosphäre des Mars nach, um zu testen, wie man dort Pflanzen anbauen könnte. „Die gleiche Gruppe Wissenschaftler hat in meiner Anlage gearbeitet“, berichtet Clement nicht ohne Stolz. Einen Teil der Räumlichkeiten hat er der Universität zur Verfügung gestellt, in denen einige Studenten und wissenschaftliche Mitarbeiter tätig sind. In acht Wachstumskammern sollen zukünftig Tests durchgeführt werden, bei denen sich vorerst auf die Beleuchtung und die CO²-Aufnahme konzentriert wird. Ziel ist es, neue Erkenntnisse über das Verhalten und die Eigenschaften der Pflanzen zu gewinnen.

Der Ertrag reicht, um einige tausend Patienten zu versorgen.

Cannabis wurde bisher im Gegensatz zu Mais und Weizen kaum erforscht. Hauptgrund dafür war das jahrzehntelange weltweite Verbot der Pflanze. ABcann hat die Forschung (wieder)aufgenommen, um neue Kenntnisse über Cannabis zu gewinnen und den medizinischen Nutzen zu optimieren.

Die erste Anlage ist rund 4.200 Quadratmeter groß. Knapp die Hälfte der Fläche wird für den Pflanzenanbau genutzt und beherbergt rund 5.000 Pflanzen, die sich in unterschiedlichen Wachstumsphasen befinden. Der Ertrag reicht, um einige tausend Patienten zu versorgen. Mit einer neuen größeren Anlage sollen die bisherigen Möglichkeiten ausgeweitet werden.

„Unsere erste Anlage sehen wir als eine Art Prototyp. Hier wollten wir die verschiedenen Abläufe testen, um ein Grundverständnis der Prozesse zu erhalten“, so Clement. Beim Bau der nächsten, größeren Anlage werden die gewonnenen Erfahrungen genutzt, um Verbesserungen vorzunehmen.

Derzeit wird in Deutschland noch kein medizinisches Cannabis angebaut, und der Aufbau der nötigen Infrastruktur steckt auch auf Seiten der Behörden noch in den Kinderschuhen. Bald wird es jedoch auch bei uns vergleichbare Einrichtungen geben. Wenn Cannabis auf lange Sicht in der Medizin so akzeptiert werden soll wie andere Behandlungsformen, muss die Produktion den pharmazeutischen Standards entsprechen. Der Anbau hat dann nicht mehr viel mit dem von Pflanzen auf dem Feld oder im Garten gemein, doch wird er sicherstellen, dass Patienten sich darauf verlassen können, bei jedem Gang zur Apotheke das gleiche Produkt zu erhalten.