Sophie Schönebaum ist eine lebensfrohe Frau

In einem Café am Rande des Hamburger Schanzenviertels soll das Gespräch mit der Cannabispatientin Sophie Schönebaum* stattfinden. Draußen am Eingang wartet eine blonde Frau. Eine Grand Dame in dickes helles Teddyplüsch gewickelt, denn es ist bitterkalt.

Sophie strahlt eine selten elegante Gelassenheit aus und eine zurückhaltende Präsenz. Drinnen – es ist später Vormittag – ist problemlos ein ruhiges unbeobachtetes Plätzchen gefunden. Was Sophie erzählen möchte, soll anonym behandelt werden. Denn obwohl sie eine offizielle Ausnahmegenehmigung hat, hängt sie lieber nicht an die große Glocke, dass sie regelmäßig Cannabisblüten einnimmt:

„Ich komme gerade von einer TCM-Ärztin, weil ich gehofft hatte, dass sie Cannabis offener gegenübersteht“, erzählt sie. Aber das Gegenteil war der Fall: „Man merkt gleich wieder: Man soll von dem Pfad abgebracht werden bei nächster Gelegenheit“. Verlass ist dagegen auf ihre behandelnde Psychiaterin, eine der wenigen Ärzte, die das Thema ohne Berührungsängste angeht.

LEBEN MIT DEM ZWANG

Sophie leidet an einer Zwangsstörung. „Unter Waschzwang können sich die Leute immer etwas vorstellen“, erklärt sie. Es ist ihr wichtig festzuhalten, dass es nicht um eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung geht, „also Menschen, die es lieben, bestimmte einschränkende Regeln zu haben, die ihnen Halt geben – im Büro beispielsweise“, wie sie veranschaulicht. „Sondern man macht Sachen, die völlig sinnentleert sind, man vergeudet Zeit ohne Ende. Und man könnte schreien, weil man will ja fertig werden – aber man wird nicht fertig“, beschreibt sie ihre jahrelangen Alltagsqualen.

Mama, die haben auch dieses glutenfrei.

Sophie spricht häufig in der neutralen Man-Form statt in Ich-Form, so als ob sie sich distanzieren möchte von ihrem Schicksal. Andererseits geht sie – im geschützten Rahmen – sehr offen damit um.

Als Verlagskauffrau scheut sie davor zurück, dass ihr Cannbiskonsum in die oberen Ebenen gelangt, ihre direkten Kollegen und die Abteilungsleiterin wissen aber Bescheid: „Ich habe es meiner Chefin gesagt und sie meinte: ‚Na, wenn es dir hilft‘. Sie ist da relativ locker“, sagt sie.

Ihre zwei 10-jährigen Töchter wissen nicht, dass Sophie Cannabis einnimmt. „Die Kleinen verstehen das natürlich noch nicht. Ich habe mich eine Weile lang nebenher auch glutenfrei ernährt – und als neulich bei einem Spaziergang im Park ein Grasgeruch aufkam, da meinten sie: ‚Mama, die haben auch dieses glutenfrei‘“, prustet es aus ihr heraus. Sophie lacht auf eine Art, die zeigt, dass sie das Leben kennengelernt hat.

AUF DER SUCHE NACH GRAS

Nicht immer war der Gang in den Park ein Kinderspiel. Hierher verschlug es sie vor drei Jahren, um sich mit Cannabis zu versorgen. „Ich war zu dem Zeitpunkt verzweifelt, hatte wirklich alles ausprobiert: Psychotherapie, Medikamente – und hatte trotzdem stundenlang Zwänge jeden Tag“, rechtfertigt sie sich beinahe, „ich hatte im Internet recherchiert, dass es helfen kann“. Einen kiffaffinen Freund aus Jugendzeiten fragte sie, ob er was besorgen könne – ohne Erfolg. „Er meinte, er trinkt nur noch Alkohol“, sagt sie – etwas spöttisch, denn es ärgert sie, wenn Menschen den Alkohol verharmlosen, während Cannabis allgemein als unheilvolle Droge gilt.

Sie tastete sich zunächst ganz alleine vor, fühlte sich wie eine Kriminelle, als sie das erste Mal Gras im Park kaufte. Als Jugendliche hatte Sophie zwar mit „Kiffern“ zu tun, aber nie so richtig Gefallen daran gefunden. Der erste Joint nach Jahren war aber eine Offenbarung: „Ich fand es erst mal einfach toll, weil es ein so gutes Gefühl in mir auslöste“, beschreibt sie die Anfänge. „Und dann habe ich nach einer Weile festgestellt, dass es ja viel besser ist, als Alkohol zu trinken – was ich vorher immer mal wieder getan hatte, um mich ein bisschen runterzubringen“. Im Gegensatz dazu hatte Sophie bei ihrem Cannabisaufguss – „Ich habe mir einen Tee daraus gemacht“ – kein schlechtes Gewissen, weil es sich für sie nicht schädlich anfühlte. Über Monate beließ sie es bei einem wöchentlichen Tee aus den Blüten, unter anderem, weil ihr Freund dem Ganzen sehr misstrauisch gegenüberstand. Dann stand ein einwöchiger Urlaub an, den sie nutzen wollte, um die Dosis testweise hochzufahren. „Da habe ich dann festgestellt:

Cool, wenn ich das nehme, kann ich ja sogar ins Freibad gehen mit den Kindern“, freut sie sich noch immer. „Für einen Zwangskranken, der Angst vor Kontamination hat, sind sämtliche öffentliche Orte, Sauna, Schwimmbad eigentlich immer ein Horror.“

Und dann meldete sich Sophie wieder im Fitnessstudio an, ging wieder in die Sauna – nach jahrelangem Verzicht.

Cool, dann kann ich ja sogar ins Freibad gehen.

DER RAUSCH LÄSST NACH, DIE WIRKUNG BLEIBT

Die Medikamente konnte sie runterfahren, von 60mg auf 20mg täglich. „Davon will ich aber auch noch weg“, kündigt sie an. Ohne Cannabis war sie nie frei von Zwängen, egal wie hoch sie medikamentös eingestellt war. In der Kombination aus beidem ist sie beschwerdefrei. Erst als sich das eingespielt hatte, beantragte sie erfolgreich die Ausnahmegenehmigung – in Teamwork mit ihrer Psychiaterin.

Auch mental widerstandsfähiger fühlt sich Sophie in ihrem Job, den sie sonst so nicht mehr machen könnte, glaubt sie. Durch ihre langjährige Tätigkeit begleitet sie die Content Production und muss auch immer ein Auge auf das Budget und die Deadline haben. „Ich bin entspannter, aber auch konzentrierter. Nicht, wenn ich etwas Indica-Lastiges rauche, aber die Sorten Bedrocan oder Princeton über den Tag, das macht wach und nicht benebelt“, schildert sie, „zwei Stunden nach dem Konsum werde ich immer ein bisschen müde. Dann muss man entweder Kaffee trinken oder noch mal vaporisieren“. Das High-Gefühl habe sie nicht mehr, wenn sie inhaliert – „für mich ist das Rauschgefühl jetzt vergleichbar mit einem Raucher, der seine Zigarette raucht“, erklärt sie. Aber innerlich eingenommen sei die Wirkung eine ganz andere. „Viel besser, viel intensiver“, strahlt sie und sagt dann trocken: „In dieser Reihenfolge ist so ein Vaporizer ein Lacher. Ich habe es ja auch immer so gemacht und bin erst später zum Vaporisieren gekommen“.

Abends vorm Schlafengehen nimmt sie einen Löffel des „grünen Öls“ ein – in Kokosöl extrahiertes Cannabis. „Genuss empfinde ich da wirklich nicht, das schmeckt nicht besonders“, gibt sie zu. Deshalb würde sie auch nie auf die Idee kommen, ganze Cannabisgerichte zu kochen. Das Gras und die Cannabisprodukte bewahrt sie vorschriftsgemäß im Tresor. Da Sophie beihilfeberechtigt ist, zahlt sie momentan nur die Hälfte ihres Cannabiskonsums selbst, das sind immer noch 300 bis 400 Euro monatlich und keine Peanuts bei einem Teilzeitgehalt. „Ich habe meine Ersparnisse in den letzten Jahren dafür verbraten“, sagt sie.

In dieser Reihenfolge ist so ein Vaporizer ein Lacher.

UNVERHOFFTE NEBENWIRKUNG: SEXUELL STIMULIEREND


Plötzlich wechselt Sophie in den Flüsterton und raunt: „Ich nehme es – unter uns gesagt – mittlerweile auch als Zäpfchen. Das ist gut für die Vaginalflora“. Alle ein bis zwei Wochen bordet Sophies Küche über mit Tiegelchen, Töpfchen und eben Zäpfchenkapseln, die füllt sie mit ausgekochten Blüten, vermischt mit Jojobaöl und Kakaobutter. Statt wie früher ihre Beautyprodukte tütenweise in der Drogerie zu kaufen – denn Sophie ist eine Kosmetikliebhaberin –, geht sie mittlerweile in Eigenproduktion. „Meine Creme nehme ich auch bei Hautproblemen aller Art, weil sie entzündungshemmend wirkt“, schwärmt sie.

Wir brauchen kein Viagra für die Frau erfinden.

Und dann rückt Sophie raus, warum die Empörtheit ihres Freundes sich letztendlich wortwörtlich
in Wohlgefallen aufgelöst hat: „Ich hatte immer Orgasmusprobleme, es ist nicht so, dass ich keinen Spaß am Sex hatte, aber es hat nicht gereicht“, sagt sie, um dann zu beschreiben, was das Gras auslöste: „Als ich es eingenommen habe, hat es sofort gewirkt, da ist gleich eine Lust entstanden. Und seitdem habe ich ein viel erfüllteres Sexleben, mein Freund sagt auch: ‚Das gibt es doch gar nicht‘“, lacht die 45-Jährige und fügt nach: „Ich fand es so intensiv, das am eigenen Leib zu erfahren. Ich brauche dafür keine Studien“.
Dass Frauen von Cannabis grundsätzlich sehr profitieren können, davon ist sie überzeugt. Gerade, was sexuelle Empfindungsstörungen anbelangt: „Wir brauchen kein Viagra für die Frau erfinden, es ist eigentlich alles vorhanden“, appelliert sie und wettert dann über die Chemiebombe „Lustpille“, die gerade auf den Markt geworfen wurde.

CANNABIS HAT IMMER NOCH EINEN SCHLECHTEN RUF

Dass Frauen aber dem Kraut sehr oft viel kritischer gegenüberstehen, sieht sie im Kiffer-Stigma begründet. „Irgendwie stellt man sich immer so einen Loser vor, der in der Ecke sitzt. Das ist unattraktiv, damit will man sich nicht identifizieren“, meint sie. Hinzu käme, dass man bisher ja auch zu den entsprechenden Kreisen gehören müsse. Einfach so ginge keiner in den Park, um sich Cannabis zu besorgen. Und dann würde man auch nie genau wissen, was das dort gekaufte Gras genau enthalte: „Zweimal hatte ich einen extremen Rausch danach. Wenn jemand erzählt hätte, da ist Heroin drin, hätte ich das geglaubt. Nicht ungefährlich, weil man nicht weiß, ob und womit das gestreckt wurde“, stellt Sophie warnend fest und ist erleichtert, dass die Apothekenprodukte diese Probleme ausschließen.

Umso wichtiger ist ihr ein grundsätzlich anderer Umgang in der Gesellschaft und auch weniger die Unterscheidung zwischen Konsument und Patient. Eine Freundin, die MS hat und der
ebenso Cannabis hilft, will wegen des Stigmas keine Ausnahmegenehmigung beantragen, erzählt sie: „Jeder Konsument kann irgendwann mal Patient werden. Nämlich dann, wenn er eine ernsthafte Erkrankung hat. Und wenn er dann schon gute Erfahrungen gemacht hat, dann wird das auch das Mittel der ersten Wahl sein“.

Sie wünscht sich eine Aufklärungskampagne der Bundesregierung. Dann müsste man keine Angst haben, bei Beschwerden im Arbeitsumfeld – die es immer gibt – in Verdacht zu geraten, es liege an der „Drogenabhängigkeit“, sagt sie. Was ihr aber ganz persönlich am Herzen liegt, ist, dass ihre Zwillinge von dem Stigma unberührt bleiben. Damit unaufgeklärte Eltern der Mitschüler nicht in die Bredouille kommen, ihre Kinder von der „kiffenden Mutter“ fernhalten zu müssen, ist sie in diesem bürgerlichen Umfeld sehr auf der Hut. „Damit fühle ich mich – offen gesagt – nicht gut“, sagt sie, nicht anklagend – eher traurig. Aber aus der Bahn wirft das Sophie nicht, es spornt sie vielmehr an, sich weiter zu engagieren. Inzwischen ist sie Fördermitglied im Deutschen Hanfverband: „Wenn man sich ungerecht behandelt fühlt, wird man aktiv“, sagt sie und fasst zusammen: „Man muss etwas geraderücken“.