SO KULTIVIERT

Mitten im Herzen von Berlin steht das einzige Hanfmuseum Deutschlands. Seit über 20 Jahren räumt die Institution mit Vorurteilen auf und desillusioniert so manche Schulkasse – weil Hanf gar nicht so unanständig ist, wie gedacht. Unser Autor hat sich den Laden mal angesehen. Sie wollen einen Ort schaffen, der über den nachwachsenden Rohstoff hanf informiert, jenseits gängiger Klischees und Stigmatisierungen.

Am Mühlendamm 5 im historischen Nikolaiviertel, dem ältesten Siedlungsgebiet Berlins, befindet sich unscheinbar an der Hauptstraße gelegen Deutschlands einziges Hanfmuseum. Bereits seit 1994 wird auf knapp 300 Quadratmetern Ausstellungsfläche umfassend über die Kulturpflanze informiert.

Ich bin mit Rolf Ebbinghaus, genannt Rollo, verabredet. Er sitzt am Empfang, grüßt mich freundlich und ist dann erstmal für 20 Minuten verschwunden. Ich nutze die Zeit für eine Begehung der Ausstellungsräume und schieße die ersten Fotos. Sebastian, der nun den Empfang übernommen hat, erklärt mir, dass Rollo das einzig verbliebene Gründungsmitglied und so etwas wie der Direktor des Museums ist, eine Bezeichnung, die Rollo nicht gefällt. Das Museum sei nur dank der tatkräftigen Unterstützung der ehrenamtlichen Mitarbeiter überlebensfähig, und sowieso setze man eher auf flache Hierarchien.

AMSTERDAM ALS VORBILD

Die Idee zu einem Museum, dass sich der Kultur und Geschichte der Hanfpflanze widmet, kam Rollo gemeinsam mit zwei Freunden 1993 nach einem Besuch des Hanfmuseums in Amsterdam. In den 90er Jahren war es in Berlin noch möglich, Freiflächen in zentralen Lagen zu finden. Sogar die Hausverwaltung war überaus kooperativ. Die Räumlichkeiten am Mühlendamm in Berlin-Mitte waren insofern perfekt, da dort zuvor ebenfalls ein Museum beheimatet war. Die drei Freunde unterschreiben einen Mietvertrag und beginnen mit der Arbeit. Sie wollen einen Ort schaffen, der über den nachwachsenden Rohstoff Hanf informiert, jenseits gängiger Klischees und Stigmatisierungen. Rollo scheint seit der Gründung vor über 23 Jahren nichts an Energie eingebüßt zu haben. Wir betreten den ersten Raum und schon sprudeln die Informationen aus ihm heraus. Thematisch beginnt die Ausstellungen mit den Ursprüngen der Verwendung von Hanf und den ersten schriftlichen Überlieferungen. Bereits lange vor unserer Zeitrechnung wurde Hanf weltweit vielfältig genutzt. Der sich anschließende Ausstellungsraum behandelt den Anbau, die Ernte und Verarbeitung. Hanf ist selbstverträglich, was bedeutet, dass er relativ unempfindlich gegenüber sogenannten Fruchtfolgeerkrankungen ist, die aufgrund aufeinanderfolgenden Anbaus auf einem Feld verstärkt auftreten können. Rollo führt aus, dass die wirkliche Arbeit mit der Ernte beginnt. Die Pflanze wird, wie alle Faserpflanzen, in einem aufwendigen Prozess verarbeitet. Aufgrund der mechanischen Eigenschaften wurden Hanffasern bis zur Industrialisierung vor allem zu Seilen, Garnen und Textilien verarbeitet. Im selben Raum befindet sich eine auffällig große Scheibe, hinter der tatsächlich Hanfpflanzen kultiviert werden. Nicht ohne Stolz erklärt Rollo, dass das Hanfmuseum bis vor Kurzem die einzige Institution in Berlin war, die legal Hanf anbauen durfte. Nun hat das Museumsdorf Düppel ebenfalls eine Lizenz. Die Anlage besteht bereits seit 40 Jahren und zeigt ein mittelalterliches Dorf umgeben von landwirtschaftlichen Nutzflächen und einer Landschaft, wie sie vor circa 800 Jahren tatsächlich ausgesehen haben könnte. Da darf Hanf nicht fehlen, da die Kleidung zu jener Zeit entweder aus Hanf, Nesseln oder Leinen gefertigt wurde. „Wir standen beratend zur Seite, um die historische Authentizität zu gewährleisten. Den Prozess bis zur Genehmigung haben wir ebenfalls unterstützt. Das Hanfmuseum wird immer wieder von verschiedenen Institutionen angefragt.“

FOKUS HEUTE: MEDIZIN

Rollo ist inzwischen voll in seinem Element, in kürzester Zeit gibt er einen Abriss über die Intensivierung der Land- und Forstwirtschaft nach dem 2. Weltkrieg, die damit zusammenhängende Verdrängung von Hanf von den Feldern und dem Einfluss der amerikanischen Prohibition auf das Verbot von Hanf in Deutschland. Die Informationen in seinem Kopf scheinen ähnlich komprimiert wie die vielen Ausstellungsstücke, die sich in den Räumen verteilen. Die Ausstellung habe sich natürlich über die Jahre verändert. Heute liege der Fokus der Szene, die für eine Legalisierung eintritt, viel stärker auf medizinischem Cannabis. „Das war in den 90er Jahren noch anders“, sagt Rollo mit leicht nachdenklicher Stimme. „Damals ging es mehr um die Rehabilitierung einer Pflanze, die über Jahrhunderte in Deutschland zu vielfältigen Zwecken genutzt wurde. Die berauschende Wirkung hat da nur eine Nebenrolle gespielt, vielmehr war es ein kostengünstiger, unkompliziert zu kultivierender Rohstoff, der zum Landschaftsbild gehörte wie Flachs oder Nesselpflanzen.“ Wir stehen nun in Raum 4, der sich der Herstellung von Papier, Öl, Nahrungsmitteln, sowie Medizin und Kosmetik widmet. Die Zusammenstellung der Exponate unterstreicht die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten der Pflanze.

PFEIFENEXPERTE

WIR SIND EINES DER WENIGEN MUSEEN, DIE VON SCHÜLERN VORGESCHLAGEN WERDEN.

Zielstrebig schreitet Rollo voran in den nächsten Raum und bleibt vor einem Gemälde Gustave Courbets stehen. Es ist ein Selbstportrait des jungen Malers mit Pfeife im Mundwinkel. Rollo imitiert den Gesichtsausdruck des Malers und hat sichtlich Spaß dabei. Die gesamte Wand ist in Petersburger Hängung gestaltet. Bilder europäischer Rauchkultur unterschiedlicher Epochen – „vor der Kriminalisierung im 20. Jahrhundert“, sagt Rollo bedächtig. Sein Blick fällt auf die zwei Vitrinen, in denen verschiedenste Pfeifen präsentiert werden. „Auf die Pfeifensammlung bin ich besonders stolz, auch weil ich einige davon selbst für das Museum angekauft habe. Mein verstorbener Freund Hans-Georg Behr, der Autor des Buches ‚Von Hanf ist die Rede‘ – das ich jedem mit Interesse für Hanf ans Herz legen kann – war mir immer ein guter Gesprächspartner, und ich habe viel von ihm gelernt. Beispielsweise wie man das Alter einer Pfeife bestimmt, welcher Epoche sie zugerechnet werden und woran man die tatsächliche Verwendung der Pfeife erkennen kann – also Tabak oder Cannabis. Wenn man dann irgendwo auf einem Flohmarkt oder in einem Antiquitätenhandel fündig wird, ist das natürlich eine besondere Genugtuung.“

SICHTBAR DURCH ENGAGEMENT

Rollo blickt auf die Uhr und sagt, dass er sich nun beeilen müsse: „Viel los heute“. Wir gehen durch die letzten beiden Ausstellungsräume. Der erste zeigt die internationale Hanfkultur. Eine orientalische Teeszene ist nachgestellt, gegenüber wird die Religion der Rastafari erklärt. Schließlich kommen wir in den letzten offiziellen Raum der Ausstellung, der sich der aktuellen Rauchkultur in Europa widmet, aber auch Berliner Geschichte vermittelt. Angesprochen darauf, ob Berlin eine besondere Stellung in Deutschland einnimmt, gibt sich Rollo diplomatisch. Berlin hat, ähnlich wie andere Ballungsräume – beispielsweise Köln oder auch Hamburg – mehr Cannabisnutzer und dadurch eine größere Szene. In Berlin ist diese durch ihr Engagement vielleicht sichtbarer als andernorts. In diesem Zusammenhang merkt Rollo an, dass Teilhabe und Mitwirkung an der Arbeit des Hanfmuseums gerne gesehen wird. Wer Lust hat sich zu engagieren, ist herzlich eingeladen vorbeizukommen. Geld verdient allerdings niemand. Das Hanfmuseum finanziert sich ausschließlich über die Eintrittsgelder und die Erlöse aus dem Museumsshop. „Wir bekommen leider keine Förderungen. Die Stadt winkt ohne Begründung ab und bei Förderanträgen heißt es dann: ‚Ihr macht das schon 20 Jahre? Na dann geht es ja anscheinend auch ohne Fördergelder.‘“ Rollos Enthusiasmus scheint das keinen Abbruch zu tun.

SPEZIELLES ANGEBOT FÜR SCHULKLASSEN

Inzwischen sind mehrere Leute in den Museumsräumen verteilt, einige scheint Rollo zu kennen. Wieder blickt er auf die Uhr. Wir stehen im Sonderausstellungsraum. Momentan läuft die Sonderausstellung zum einjährigen Jubiläum der Freigabe von medizinischem Cannabis. Für dieses Jahr sind noch weitere Veranstaltungen geplant, unter anderem für die Lange Nacht der Museen und natürlich die Hanfparade. Rollo hat noch Zeit für eine letzte Frage. Ich möchte wissen, ob es spezielle Führungen und Angebote für Schulen gibt. Rollo grinst und sagt dann: „Wir sind eines der wenigen Museen, die von Schülern vorgeschlagen werden. Wir bieten spezielle Führungen für Schulklassen an und stoßen da auf sehr gute Resonanz. Es gibt sicherlich Berührungsängste nach dem Motto, wenn wir da mit unseren Schülern hingehen, wird ein Interesse für Drogen geweckt. Aber eigentlich ist das Gegenteil der Fall. Wir klären über eine nachwachsende Nutzpflanze auf, deren Blüte auch geraucht werden kann. Wenn die Schüler über die Kulturgeschichte und die jahrtausendealte Tradition lernen, finden sie Hanf eher langweilig. Aufklärung und Information sind sehr wichtig. Ist der Nimbus des Unanständigen weg, bleibt bei den Schülern meist nur Desinteresse. Das Verbotene reizt mehr als eine Pflanze, die es schon ins Museum geschafft hat.“ Mit diesem letzten Satz verabschiedet sich Rolf Ebbinghaus, begrüßt die zwei Bekannten und verschwindet in den Hinterräumen des Museums. Ich bleibe zurück und sinniere noch kurz über die beeindruckende Vielfalt der Hanfpflanze. Fazit: ein Besuch im Museum lohnt sich, besonders wenn der Initiator eine Führung gibt.