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Mit der zunehmenden internationalen Liberalisierung von Cannabis entstehen neue Märkte. Eine gute Gelegenheit für frische Unternehmen, Werte wie Nachhaltigkeit und Fairness in den Vordergrund zu stellen. Wie ein solcher Ansatz aussehen kann, zeigt ein Berliner Kondomhersteller. Mutig, erfolgreich und auch in der Cannabisindustrie denkbar.

In den letzten Jahren ist ein Umdenken in vielen Wirtschaftszweigen spürbar. Themen wie Nachhaltigkeit, Umweltbewusstsein sowie sichere Arbeitsbedingungen und gerechte Bezahlung geraten immer mehr ins Bewusstsein der Bevölkerung. Auch wenn der Großteil der Produktion noch weit davon entfernt ist, ressourcenschonend und fair zu sein, werden sich immer mehr Unternehmen der Tatsache bewusst, dass sie mehr Verantwortung übernehmen müssen, um auf lange Sicht wettbewerbsfähig zu bleiben.

Unternehmer in der Cannabisbranche, die sich international entwickelt, beschreiten oftmals neue Wege. Die einen interessieren vorrangig Wachstumsraten und winkende Profite. Andere machen sich ebenfalls darüber Gedanken, wie Werte im Unternehmen integrierbar sind.

VIELE MENSCHEN SETZEN IHR GEHALT MIT DER WERTSCHÄTZUNG IM UNTERNEHMEN GLEICH.

Entsprechende Ansätze gibt es bereits, wie zum Beispiel den der „fairstainablen“ Unternehmensführung, die vom Berliner Kondomhersteller Einhorn praktiziert und erprobt wird. „Fairstainable“ steht für faires und nachhaltiges Handeln im Unternehmen. Unternehmensgründer Philip Siefer und sein Geschäftspartner Waldemar Zeiler haben sich von Anfang an für dieses Vorgehen entschieden, nicht zuletzt, um dem eigenen Handeln mehr Sinn zu verleihen. „Früher war es erklärtes Ziel, so schnell wie möglich Millionär zu werden. Mit dem Älterwerden drängte sich jedoch immer mehr die Frage in den Mittelpunkt, was der eigentliche Sinn dahinter ist“, erinnerte sich Siefer zurück. Er und sein Partner sahen zahlreiche Probleme, die im traditionellen Wirtschaftssystem nicht richtig gelöst oder sogar stetig schlimmer werden. Diese anzugehen sahen sie als die viel spannendere Aufgabe, die nicht nur die beiden, sondern auch ihre Partner und die Allgemeinheit weiterbringen würde.

Doch wie geht man diese verantwortungsvolle Aufgabe an? Mit welchem „Businesshack“ kann man unternehmerisch tätig sein und gleichzeitig die Welt retten? Mit seinem Geschäftspartner machte sich Siefer daran, ein Wirtschaftsmodell zu testen, dessen Kern es ist, fair und nachhaltig zu handeln und dabei 50 Prozent der Profite zu reinvestieren, zum Beispiel in soziale Projekte oder die Entwicklungsförderung. „Unfuck the economy“ lautet der schmissige Titel des Konzepts. „Fucked“, das bedeutet für die jungen Unternehmer, nicht in einer Gemeinwohlwirtschaft zu arbeiten.

Laut der Nachhaltigkeitsstrategie für Deutschland soll bis 2030 der Marktanteil von Produkten mit staatlichem Umweltzeichen von 6,0 (2014) auf 34 Prozent gesteigert werden.

Warum sollten Menschen arbeiten, lautet eine der Grundfragen. „Um sich und andere zu ernähren und ein gutes Leben zu führen“, bricht Siefers die Antwort herunter. „Viele Firmen tun jedoch genau das Gegenteil. Sie beuten die Menschen aus und bezahlen sie schlecht. Sie brauchen Ressourcen auf und verschmutzen die Umwelt, belasten das Sozialsystem und sind im Allgemeinen mehr Belastung, als dass sie Sinn stiften. Gleichzeitig hindern sie oft andere Systeme daran, Besseres zu tun.“ Bei den „Glücksverhinderern“ stünde die reine Profitgier im Vordergrund. Siefers Auffassung nach sollte jedoch gerade nicht der Profit oberste Priorität haben. Für ihn stehen Investitionen, die dem Gemeinwohl dienen, im Mittelpunkt.

Eines der Kernprobleme, die dies verhindern, bestünde darin, dass viele Unternehmen nicht mehr von ihren Gründern kontrolliert werden. Weil Aktionäre das Sagen haben, deren Entscheidungen allein auf eine Maximierung der Profite abzielen. Eine Entwicklung, die Siefer absurd erscheint. Dennoch hat diese Dynamik auch bereits in der noch jungen Cannabisinsdustrie beispielsweise in den USA oder Kanada eingesetzt.

Genauer Blick auf die Produktion

Als Unternehmen fair und nachhaltig zu handeln, bedeutet auch, sich die Produktionskette bis zur Ladentheke in Deutschland genau anzusehen und diese zu verändern, wo nötig. Dazu gehört zum Beispiel die Bezahlung der Feldarbeiter, aber auch das Zurückgreifen auf umweltfreundliche Transport- und Verpackungsalternativen und die Implementierung entsprechender Kontrollmechanismen. Solange Cannabis illegal ist, sind derartige Maßnahmen undenkbar. Bei legalen, kontrollierten Produkten sind sie möglich, wie Einhorn beweisen will.

„Wir versuchen entlang der gesamten Wertschöpfungskette, begonnen mit der Plantagenarbeit in Malaysia bis zum DHL-Fahrer Fairness herzustellen“, erklärt Siefer. Um wirklich im Blick zu haben, was am Produktionsort vor sich geht, seien regelmäßige Besuche unabdingbar. Bei Einhorn arbeiten vier Leute, die sich um Fairstainability kümmern. Das ist ein Fünftel der Belegschaft. Anfang 2017 flog das komplette Team nach Malaysia zum Produktionsort, um auf einer Plantage selbst Kautschuk zu zapfen.

Einhorn zahlt den Plantagenarbeitern mehr als herkömmliche Abnehmer, verschenken wolle man jedoch nichts. „Ich hätte ein Problem damit, Geld zu verschenken oder mehr zu bezahlen für eine Leistung, die nicht anders ist“, erklärt Siefer. „Wir verwenden weniger oder keine Pestizide auf der Plantage. Das ist mehr Arbeit und dafür zahlen wir mehr Lohn, das wissen die Arbeiter auch.“

Eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe sei wichtig. Nachhaltiger Anbau führt zu einem besseren Produkt, für das später mehr Geld bezahlt wird. Dadurch können auch die Arbeiter mehr verdienen. „Das ist der anstrengendere Weg, anstatt einfach nur mehr Geld zu zahlen, doch nur so ist eine Kooperation auf Augenhöhe möglich.“ Siefer räumt ein, dass der Aufwand, den sein Unternehmen betreibt, relativ hoch sei, doch hält er an dem Vorgehen fest. Seiner Meinung nach ist das der einzige Weg, dauerhafte Verbesserungen für Mensch und Umwelt zu erreichen.

Ein ähnliches Vorgehen wäre zum Beispiel auch zwischen Unternehmen in Deutschland und Cannabisbauern in Marokko bzw. den USA und Lateinamerika denkbar. Eine finanzielle Absicherung der Bauern würde die Lebensumstände ihrer Familien verbessern, zudem kann eine umweltfreundliche Anbauweise die Qualität des Endprodukts erhöhen. Verglichen mit der derzeitigen Situation, wo Bauern und Händlern juristische Verfolgung droht und das organisierte Verbrechen den Markt gewaltsam kontrolliert, erscheinen Fairness und Nachhaltigkeit als Luxusprobleme. „Die Legalisierung von Cannabis an sich würde schon dazu führen, dass der Markt fairer und nachhaltiger wird. Durch das Verbot herrscht unkontrolliertes Chaos“, so Siefer.

Demokratische Unternehmensführung

Doch nicht nur beim Handel und in der Zusammenarbeit mit Partnern unterscheidet sich dieser Ansatz von den traditionellen Modellen. Auch bei der Mitarbeiterführung gibt es Unterschiede. Siefer hat sein Unternehmen demokratisch organisiert: „Es gibt Führung, aber keine Chefs“. In der Praxis bedeutet das zum Beispiel, dass die Angestellten ihre Gehälter bestimmen können und auch die Anzahl der Urlaubstage selbst festlegen. „Wenn man Menschen wie Erwachsene behandelt, verhalten sie sich auch so“, so Siefers.

FRÜHER WAR ES ERKLÄRTES ZIEL, SO SCHNELL WIE MÖGLICH MILLIONÄR ZU WERDEN.

„Wenn du deine Mitarbeiter schlecht behandelst und ihnen nur langweilige Aufgaben gibst und dann die Regel einführst, wer keinen Bock hat, muss nicht zur Arbeit kommen, dann kommt natürlich auch keiner“, fasst er zusammen. Er habe die Erfahrung gemacht, dass man sich durchaus auf das Verantwortungsbewusstsein der Mitarbeiter verlassen könne. Niemand würde sich ein dickes Gehalt auszahlen und dann nicht zur Arbeit kommen. Keine einfache Unternehmensphilosophie: „Es ist viel Arbeit und vor allem muss man lernen zu kommunizieren. Streit bleibt dabei nicht aus, doch der Grundtenor ist der gegenseitige Respekt“.

Gerade, wenn es ums Geld geht, wird die Sache kompliziert. Viele Menschen setzen ihr Gehalt mit der Wertschätzung im Unternehmen gleich. Sie seien so lange glücklich mit ihrer Arbeit, bis sie erfahren, dass jemand anderes mehr verdient. Gleichzeitig erwarten Leute aus der gleichen Abteilung, dass sie gleich viel verdienen, weil sie sich sonst nicht auf Augenhöhe fühlen. „So sind wir sozialisiert und das ist auch das, was die Umgebung von uns mitbekommt“. Ob dieses Modell auf Dauer funktioniert, kann Siefer noch nicht abschließend sagen. Einhorn existiert seit zweieinhalb Jahren und der Unternehmer sieht sein Vorgehen immer noch als Experiment.

Nachhaltiger Cannabismarkt?

„Bei Drogen allgemein und speziell bei Cannabis stellt sich natürlich auch die Frage, wo wird angebaut, wer baut an, und wie sind die Arbeitsbedingungen und der Umgang mit der Umwelt. Zum Beispiel in Bezug auf die verwendeten Chemikalien und Insektenschutzmittel“, sagt Siefer. Reinvestitionen in die Wertschöpfungskette könnten sich zum Beispiel in Form von Forschung von neuen Anbaumethoden oder dem medizinischen Nutzen der Pflanze gestalten, aber auch die Aufklärung von Konsumenten könnten einen Schwerpunkt bilden. Hier sieht Siefer durch die lange Verteufelung der Pflanze eine enorme Wissenslücke, deren Schließung Voraussetzung für einen verantwortungsvollen Umgang ist.

DIE LEGALISIERUNG VON CANNABIS AN SICH WÜRDE SCHON DAZU FÜHREN, DASS DER MARKT FAIRER UND NACHHALTIGER WIRD.

Alte Strukturen der Industrie aufzubrechen, das ist schwer. In den USA ist durch die Legalisierung in einigen Staaten ein neuer Wirtschaftszweig entstanden. Jedoch wurde hier nur begrenzt auf Nachhaltigkeit Wert gelegt. Die „Chance“, Dinge auf dem neuen Markt besser zu machen, wurde nur bedingt ergriffen. Doch woran liegt das?

Siefer vermutet, dass es mit dem Image von nachhaltigem und fairem Wirtschaften zu tun hat. „Die Topleute werden keine Sozialunternehmer, weil weit verbreitet die Auffassung besteht, dass man dadurch automatisch weniger erfolgreich wäre, sie weniger Geld verdienen und kleine Unternehmen haben würden“. Das dies nicht stimmt, versucht er aktuell im eigenen Unternehmen zu beweisen. So hält er zum Beispiel nichts davon, erst auf den großen Erfolg zu warten, bis man beginnt, etwas zurückzugeben. Vielmehr glaubt er, dass Geld verdienen und Reinvestieren gleichzeitig passieren muss, sonst sei die Versuchung zu groß, dies immer wieder zu verschieben.

Dem Unternehmen soll dabei nicht geschadet werden, denn letztendlich muss man wachsen, um mehr reinvestieren zu können. Siefert ist der Überzeugung, dass sein Unternehmen auch deshalb so schnell profitabel wurde, weil es eine gute Mission hat. So könne man zum Beispiel mit Einkäufern ganz anders verhandeln als andere Unternehmer. „Bei den Verhandlungen geht es nicht um jeden Cent. Unser Firmenziel ist etwas anderes und das wissen unsere Partner auch. Es geht darum, gemeinsam die Zukunft zu gestalten. Das ist eine Händlerbeziehung, die wirklich Spaß macht. Ich glaube, dadurch gibt es dann auch eine Weiterentwicklung in der Wirtschaft insgesamt.“

Ob nun festgefahrene Strukturen, Vorurteile oder die Illegalisierung der Pflanze, es gibt vieles, womit die Vorreiter der Nachhaltigkeit aktuell noch zu kämpfen haben. Da braucht es viel Idealismus und den Wunsch, die Situation von Mensch und Umwelt zu verbessern. Doch letztendlich sind gerade sie es, die immer wieder Veränderungen bewirken, ob nun in Bezug auf die Legalisierung von Cannabis oder die Wirtschaft insgesamt.