SCHWARZ WEISS

Maik ist mein Kollege. Als er letzten Oktober in die Firma kam, als Eventveranstalter und als Mann für alles, brachen neue Zeiten an: Es herrscht seitdem immer Ordnung. Und wenn man eine Woche lang verreist ist, kann es sein, dass inzwischen drei neue Wände eingezogen sind. In unregelmäßigen Gesprächen an der Kaffeemaschine erhält man immer wieder häppchenweise Infos aus seiner Biografie, z.B. dass er zwei fast erwachsene Kinder hat, viel als Truckfahrer unterwegs war und sich mit Buddhismus beschäftigt. Dass er Cannabispatient ist, verrät der regelmäßige Gang mit Bong vom Patientenraum in die Küche. Gereinigt wird mit Pfeifenputzer nach jeder Nutzung – unumgänglich, „wenn der nächste Shot nicht kratzen soll“, sagt er. Heute sitzen wir zusammen im Medizinraum der Firma. Ausgestattet ist das kleine Zimmer mit Paraphernalia und einem riesigen Fenster mit Blick über die Dächer der Stadt.

ICH HABE ADHS, UND ZWAR DIE VOLLE PUNKTZAHL.

Maik wird 1974 in der DDR geboren, hat erst in Greifswald an der Ostsee gelebt, nach der Scheidung der Eltern in Brandenburg. Dem Ausreiseantrag der Mutter wird stattgegeben, auch weil Maiks Onkel immer wieder regimekritisch auffielen. Und so gerät der 8-Jährige 1983 mit kleiner Schwester und Mutter in eine ganz andere Ecke, nach Stuttgart. Die Symptome von ADHS kann Maik damals nicht zuordnen, er weiß nur: Seine Spezialität ist anecken, sein Weg der des Einzelgängers. Freundschaften gibt es nicht und bei seinen Eltern sitzen die Fäuste immer locker. Mit zwölf legt Maik sich einen Fluchtplan zurecht. Er will zurück in die DDR. „Habe mein Sparbuch abgeräumt und mir eine Fahrkarte nach West-Berlin gekauft. Bin morgens um vier Uhr aufgestanden und weg war ich“, sagt er. Zwei Tage später steht die Polizei parat, es findet eine Übergabe im grenznahen bayrischen Hof statt. Für das Stuttgarter Jugendamt ist die Flucht ein Signal, Maik besser integrieren zu müssen.

KEINER IST MIT MIR KLARGEKOMMEN.

Haschisch in Schwaben

Ab da geht es besser, über Sport findet er Anerkennung. Weil er, „typisch für ADHS“, alles gibt. Das gleiche gilt später fürs Party-Machen. „Ganz oder gar nicht, Schwarz oder Weiß“, sagt er, sei seine Devise gewesen. Genauso rigoros wendet er sich mit 14 Jahren von seiner Mutter ab, nachdem sie ihm erneut Prügel androht. Er wartet – wieder mit gepackten Sachen – im Kinderzimmer auf sie, reißt ihr den Gürtel aus der Hand und erklärt ihr, dass er geht. In der WG, die über das Jugendamt zugeteilt wird, lernt Maik das Kiffen kennen. Erst ordnet er nicht zu, was es mit ihm macht – aber er weiß ja auch noch nichts vom ADHS, schiebt die ständigen Schlägereien auf die Blödheit der anderen. „Ab dem zweiten Tag habe ich bemerkt: Maik, du wirst ruhiger“ – und: Wenn jemand Stress macht, beginnt er nach dem Grund zu fragen, statt gleich reinzuhauen. Ab da kifft Maik täglich. In Stuttgart ab Ende der 80er Jahre hängen er und seine neuen Kumpels im Schlosspark und an der Keplerstraße ab und rauchen Haschisch – Gras gibt es nur selten.

Aufschlussreiches Lehrergespräch

Mit der Selbstmedizinierung klappt auch der Gesellenbrief zum Heizungsbauer. Es wirkt für ihn als Beruhigungs- und Konzentrationsmittel und erspart ihm die starken Medikamente, die Maik ein paar Jahre später nehmen muss. Die benötigte Menge sprengt aber seinen finanziellen Rahmen. Er findet einen Weg, kauft seinem Dealer größere Mengen zum günstigeren Preis ab, verteilt gerecht an seine Kumpels und raucht die Differenz. Maik plaudert nicht wie normale Menschen, er redet in unerhörtem Tempo. „Ich habe ADHS, und zwar die volle Punktzahl“, erzählt er. Das erfährt er erst, als seine Ehe kaputt ist und sich ähnliche Symptome bei seinen zwei Kindern zeigen. Die Grundschullehrerin, frisch von der Uni, bittet um ein Elterngespräch und vermutet ADHS. Als sie typische Verhaltensweisen beschreibt, fällt es ihm und seiner Ex-Frau wie Schuppen von den Augen. Nicht nur wegen der Tochter, sondern weil sich so vieles in seinem Leben erklären ließe.

20 Gramm zu viel

Die ärztliche Behandlung findet im Bürgerhospital statt. Der Chefarzt empfiehlt, Cannabis zu entgiften. Auch um die Wirkung des Medikaments besser einschätzen zu können. 10 Milligramm Strattera ab sofort. Maik muss sich die Dosis täglich abholen, weil der Arzt befürchtet, er könne damit auf dem Schwarzmarkt dealen. Die 20 Kilometer nach Esslingen geht Maik manchmal zu Fuß oder fährt mit dem Rad, ist aber immer „termintreu“, wie er sagt. Deswegen wundert sich der behandelnde Arzt, als Maik fernbleibt. Über die Nummer der Ex-Frau erfährt er, dass sein Patient in U-Haft sitzt. Maiks Dealer, der in einige Machenschaften verstrickt war, hatte auspacken wollen. „R. hat einen 31er, eine Lebensaussage, gemacht und mich mit reingezogen“. R. hatte Maik verpfiffen, aber ein bisschen dick aufgetragen und ihn zum Chef organisierter Bandenkriminalität gemacht.

Körperverletzung in U-Haft

Drei Monate beschattet die Polizei Maik und schlägt dann zu. Die Beamten locken ihn unter einem Vorwand aus der Dachgeschosswohnung und lassen auf der Straße die Handschellen zuschnappen. Oben finden sie nicht viel, aber der Besitz von 125 Gramm Haschisch gilt in Baden-Württemberg 2009 als Verbrechen. Maik ist 20 Gramm drüber. Mit vier Jahren habe er zu rechnen, sagt der Einsatzchef, lässt ihn aber gnädigerweise den Rest Cannabis aus der Mischschale rauchen. In U-Haft wird ihm Strattera ersatzlos weggenommen. Das Medikament, das gerade vom Arzt auf ihn eingestellt wird. Begründung: Könnte vom Schwarzmarkt sein. Kein Medikament, kein Cannabis. Maik dreht durch, nimmt alles auseinander und handelt sich eine Anzeige ein. Der Anwalt, den Maik erst spät hinzuzieht, wirft der Einrichtung umgekehrt Körperverletzung vor. Die Anzeige fällt unter den Tisch, zusätzlich darf Maik täglich raus auf die Dachterrasse in der JVA Stuttgart-Stammheim. „Aber von dort aus konnte ich meine Wohnung sehen. Freiheit lässt grüßen!“.

Rückzug

Maiks Glück, dass er die Entgiftung vor der Verhaftung angegangen war. Das hatte die Schöffenrichter bewogen, für eine Therapie statt Knast zu plädieren. Maik kommt nach vier Wochen Knast auf „Entgiftung“. Besucht hat ihn in der Zeit nur und ausgerechnet seine Ex-Frau. „Wenn Cannabis damals als Medizin anerkannt und von der Krankenkasse erstattet worden wäre, dann wäre ich mit ziemlicher Sicherheit noch verheiratet“, meint Maik. Die „Droge“, das Illegale und das fehlende Geld, das für deren Beschaffung draufging, hat die Beziehung überstrapaziert. In der Ehe hat Maik nie Cannabis verkauft, sondern als LKW-Fahrer in Lohn und Brot gestanden und das Gras privat finanziert. 500 Euro pro Monat weniger und jede Menge Vorwürfe hat das bedeutet. Nach der Scheidung 2007 wird Maik wieder zum „einsamen Wolf“ – für zehn Jahre: „Keiner ist mit mir klargekommen, ich war aggressiv und konnte mir meine fünf Gramm pro Tag nicht finanzieren“. Er fängt wieder an, Gras zu dealen.

NEBENWIRKUNG VON CANNABIS: VON 103 KILO RUNTER AUF 73.

Zum Entgiften nach Berlin

Bis heute ist die familiäre Lage angespannt. Die drei leben immer noch in Baden-Württemberg, Maik seit 2011 in Berlin. Er ist um guten Kontakt bemüht, aber mit der Tochter, die gerade im Abi steckt, bleibt es schwierig: „Sie ist ein Dickschädel, so wie ich“. Der Weggang hatte mit einer erneuten Entgiftung, Auflage vom Gericht, zu tun. Maik entscheidet, er muss weg aus Stuttgart, wo es ihn immer falsch erwischt. Berlin ist die zweite Wahl nach Köln, aber eine gute. In der vom Anti-Drogen-Verein organisierten freien Therapie im F42 in Neukölln fühlt er sich wohl: Freie Therapie bedeutet, selber Essen kochen, Einzelzimmer. Die Hoffnung aller Beteiligten: endlich weg vom Cannabis. „Ich habe mich ja selbst als Süchtigen gesehen“, erklärt Maik. Die Medikamente, die er stattdessen nehmen muss – als Folge der Nebenwirkungen auch ein Antidepressivum –, machen dick. 103 Kilogramm habe er gewogen, 73 sind es jetzt.

Als Maik 2015 eine nächste Therapie zum Entgiften startet – er kommt nicht los vom Cannabis –, tut er dies aus existenziellen Gründen: „Ich wollte nicht mehr in den Knast. Ich wollte ein geregeltes Leben – und nicht süchtig sein.“ Er verurteilt sich ja selbst für den Cannabiskonsum. Und merkt gleichzeitig, dass die Tabletten ihm deutlich zeigen, was sie mit ihm machen: Schubladendenken, Depressionen, Gewichtszunahme – und wegen aufkommender Aggressionen weitere Tabletten – als Folge der „Entgiftung“.

„Das ist meine Medizin“

Dann schaut er wie jeden Tag die Tagesschau und traut seinen Ohren nicht: Cannabis kann bei ADHS verschrieben und eine Ausnahmegenehmigung erteilt werden. Maik steckt gerade mitten in der Therapie und stürmt, obwohl erst Sonntag ist, in die Klinik und berichtet es der Nachtschwester. „Ihr könnt mich alle am Arsch lecken“, ruft er. „Ich bin kein Suchtbolzen. Das ist meine Medizin.“

Der Therapeut ist einverstanden, wenn Maik einen Arzt überzeugt. Der Suchtarzt hat keine Ahnung von Cannabis als Medizin, lässt sich aber von Maik belehren, spricht mit Experten und bringt 2015 die Ausnahmegenehmigung durch. „Jetzt ist er ein guter Suchtarzt“, erklärt Maik. Das erste legal aus der Apotheke beschaffene Gras raucht er demonstrativ im Görlitzer Park. Eine Gruppe Afroamerikaner neben ihm versteht die Welt nicht mehr, weil Maik es sich nicht nehmen lässt, vor einer Runde Polizisten seine Joints zu bauen. Nach dem ersten Schock lassen die sich neugierig alles erklären: dass der Arzt einen Antrag stellen kann, den die BfArM prüft. „Ein neues Selbstbewusstsein mit so einer Ausnahmegenehmigung.“ In Maik gerät neues Leben, er gründet die Facebook-Gruppe „Cannabis ist Medizin“ mit 6.000 Mitgliedern innerhalb der ersten drei Monate. Er tauscht sich aus und findet heraus, wie andere mit ADHS umgehen. Dass oft CBD-Sorten tagsüber besser geeignet sind und THC nur zum Einschlafen nötig. „Wenn ich meine Medizin habe, liebe ich meine Krankheit sogar. Keiner sonst hat dieses hohe Energielevel und kann Dinge so schnell umsetzen“, sagt er. Das CBD ohne Rausch entspannt seinen Körper, hält die Aggressionen in Schach und macht ihn voll konzentrationsfähig.

Nicht noch mal in den Knast

Maik hat sich die Legalisierung zur Lebensaufgabe gemacht – und eigentlich könnte alles auf einem guten Weg sein. Aber die Techniker Krankenkasse hat einen Rückzieher gemacht. Von April bis November 2017 hatte sie Maiks Blütenkosten übernommen – die in den Apotheken seit der medizinischen Freigabe aufs Doppelte angestiegen waren. Danach kam die Ablehnung, weil „Sucht“ im Raum steht. Die Auflage, eine Entgiftungstherapie gemacht zu haben, wird ihm jetzt zum Verhängnis. „Wir, die ADHS haben, sind freiheitssüchtig. Noch mal in den Knast, das kann ich mir nicht vorstellen“, sagt der 43-Jährige. Aber woher täglich 117 Euro nehmen, um die verordneten fünf Gramm zu bekommen? – Und das verlangt das Gesundheitssystem zurzeit von ihm. Maik hat Einspruch eingelegt, der Fall liegt beim Landessozialgericht Potsdam. Er hat auch eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Sachbearbeiter der Krankenkasse gestellt. Er ist vernetzt und gut beraten.

Maik möchte nicht illegal handeln, auf den Schwarzmarkt gehen. Und dann die Hälfte seines Monatslohns für andere Sachen nicht zur Verfügung haben: „Davon kann ich mich auch nicht gesund ernähren“, sagt er. „Ich will mein Geld dafür
ausgeben, wofür es gedacht ist“.