Rebellen Rausch

Die Hippie-Kultur führte nicht nur die grüne Pflanze in die deutsche Gesellschaft ein, sondern sie verband damit konsequent und unzertrennlich antibürgerliche Verhaltensweisen. Grasrauchen war ein politischer Akt. Auch radikale systemkritische Gruppen machten sich Cannabis zunutze – als ideologisches, aber auch finanzielles Mittel.

Eine der ersten Gruppierungen, die einen engen Zusammenhang zwischen Cannabis und der radikalen politischen Ausrichtung postulierten, war der „Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen“. Die Haschrebellen entwickelten sich 1969 aus einem Kommune-Experiment, das in Berlin-Charlottenburg in einer Wohnung eines bekannten Rechtsanwalts und nachherigen RAF-Anwalts begann. Zu der ursprünglich 20 Personen umfassenden Gruppe gehörten auch Georg von Rauch und Bommi Baumann. Von Rauch starb einige Jahre danach in den Kugeln der Polizei und Bommi Baumann wurde als Mitglied der Terrorgruppe 2. Juni mehrfach inhaftiert. In der Kommune wurde ein antibürgerlicher Lebensstil praktiziert. Die Mitglieder verstanden sich als gesellschaftliche Avantgarde, die gesellschaftlich-politische Umbrüche gezielt, radikal und irreversibel herbeiführen wollten. Zwei wesentliche Vehikel, welche diese gesellschaftspolitischen Transformationen hervorbringen sollten, waren der Drogenkonsum und ein Sexualverhalten, das fernab von bürgerlich-konventionellen Moralvorstellungen verlief. Auch an ein geregeltes Arbeitsleben war nicht zu denken. Die Kommune finanzierte sich in erster Linie durch den Druck und Verkauf sozialistischer Klassiker (Marx, Mao, Reich, Fanon etc.) und den routine- und bandenhaft organisierten Ladendiebstahl.

Angriffe auf die Gesellschaftsordnung

Nach dem Sommer der Liebe bildete sich 1969 durch den Zusammenschluss mit weiteren gleichsinnig orientierten Wohngemeinschaften ein weiterer, loser Kreis, der Haschischkonsum als einen wesentlichen Ausgangspunkt für heftigere Angriffe auf die bestehende kapitalistische Gesellschaftsordnung sah. Ziel war eine politische Praxis, die aus der offenen, zum Teil bewaffneten Konfrontation mit dem bestehenden politischen System bestand. Im Gegensatz zu den politischen Protesten der Jahre 1967 und davor sollten jetzt gut organisierte, bedrohliche Aktions- und Angriffsformen entwickelt werden, die auch den Einsatz von Schusswaffen und Sprengstoff nicht ausschlossen. So gingen Cannabis und Gewalt zum ersten Mal in der Bundesrepublik Deutschland eine unheilvolle, gewaltsame Allianz ein. Im Winter zum Jahreswechsel 1968/69 mehrten sich insbesondere in West-Berlin die Brandsatzattentate auf Justizeinrichtungen, Konsulate, Polizeistationen, Richter und Staatsanwälte.

Offensichtlich kam es zu dieser Zeit zu einer immer weiteren Verbreitung illegaler Rauschmittel, vor allem aber von Haschisch und Gras. Ein Teil der studentischen Protestbewegung sah den Konsum von Drogen als zerstörerisch und vor allem nicht als Tat der Revolution an. Im Gegenteil: Eine politische Revolution erfordere ein klares Bewusstsein und einen klaren Kopf, was durch den Konsum von Drogen nicht gegeben sei. Zudem reproduziere der Kauf und Verkauf von Drogen die kapitalistischen Marktgesetze nur zur Perfektion fort. Diesen Standpunkten hielten die Haschrebellen entgegen, dass der Konsum von Cannabis bewusstseinserweiternd wirkte und im Gegensatz zu langweiligen Ideologiedebatten das Potenzial besitzen würde, die Menschen auf ihre Entrechtung und physische sowie psychische Deprivation aufmerksam zu machen. Erstnachdem dieser Schritt vollzogen sei, könneder Mensch überhaupt die Gelegenheit ergreifen, an Widerstand zu denken und diesen auch wirklich in die Tat umzusetzen.

Recht auf Rausch

Eine der zentralen Gedankenfiguren der Haschrebellen war das Paradigma des Rechts auf den eigenen Rausch. Hinzu kamen die Stadtguerilla-Expertisen der Tupamaros aus Uruguay sowie die antiimperialistischen Schriften von Che, Fanon, Mao, Debray und vielen anderen. Nach diesen Schriften erschien es den Haschrebellen folgerichtig, dass nur eine kleine Avantgarde der Revolution in den Metropolen der westlichen kapitalistischen Staaten das politische System gewaltsam hinwegfegen und ersetzen könnte. Insofern sahen sich die Haschrebellen als enge Verbündete von Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt; aber ihre Idee der sozialen Revolution fokussierte sich in der Regel auf Westdeutschland. Sie verbanden also Antiimperialismus und nationale, soziale Revolution in nuce.

Im Frühsommer 1969 erhielt die Gruppe vom berühmten Dieter Kunzelmann der Kommune I den offiziellen Namen des „Zentralrats der umherschweifenden Haschrebellen“. Das sowjetische Vorbild der Organisation und deren Verbindlichkeit konnte diese Truppe niemals erlangen. Aber in der Folgezeit tauchten einige von den Haschrebellen auch wirklich in den Untergrund ab und verübten bis ca. 1972 zahlreiche schwere Straftaten wie Bombenattentate.

Cannabis in der RAF

Damit war der Grundstein einer Verbindung von bewaffnetem Kampf gegen das kapitalistische System und Cannabis-Konsum gelegt. Auch die Gründer der Roten Armee Fraktion (RAF) waren bekennende Kiffer. Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und all die anderen kamen schon früh mit Cannabis in Kontakt. Baader zum Beispiel hielt sich lange Zeit oft im Umfeld der Berliner Kommune I auf, wo sehr viel gekifft wurde. Aber auch als die Terrororganisation RAF bereits gegründet war und zur entscheidenden Offensive gegen den bundesdeutschen Staat ausholte, zogen die selbsternannten Freiheits-Guerilleros immer wieder gerne einen durch. Davon sollte sie selbst der Knast nicht abhalten. Denn als Baader und Konsorten in dem damals modernsten Hochsicherheitstrakt der Welt, in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim einsaßen, versorgten sie sich ebenfalls mit Cannabis. Doch wie ging das? Wie kann in einem Hochsicherheitstrakt überhaupt gekifft werden?

Dazu führten wohl verschiedene günstige Konstellationen. Die Verteidiger der RAF-Gefangenen hatten ein System entwickelt, wie sie Hohlräume in die Aktenordner schnitten, die bei einem schnellen Durchschauen der Ordner nicht gesehen werden konnten und in denen größere Artefakte transportiert werden konnten. Auf diese Weise gelangten, so schildert das ehemalige RAF-Mitglied und der heutige Schauspieler und Schriftsteller Christof Wackernagel das Prozedere, etliche hundert Gramm Haschisch zu den politischen Gefangenen. Diese konnten den Stoff dann im berüchtigten 7. Stock (dort waren die RAF-Gefangenen untergebracht) rauchen, da die Justizvollzugsangestellten gesetzlich verpflichtet waren, etliche Meter Abstand zu den Gefangenen zu halten. Anscheinend kamen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Jan Carl Raspe auch des Öfteren ziemlich bekifft zur eigenen Gerichtsverhandlung. Hier verband sich dann die politische Tat des Kiffens mit dem politischen Prozess, der ihnen ihrer Meinung nach gemacht wurde, in Reinform.

Aber nicht nur die Gründergeneration der RAF griff gerne zum Joint – vielmehr verband sich der Anspruch, eine politische Tat durch das Kiffen zu vollziehen, um dann zu weiteren politischen Aktionen wie Attentaten zu schreiten, auch in der nachfolgenden RAF-Generation. Ein ursprünglich aus der Terrorbewegung 2. Juni stammende RAF-Kämpferin gestand in ihren Memoiren, dass sie immer dann zu Cannabis griffen, wenn eine Situation festgefahren erschien oder sie kreative, spontane Ideen benötigten. Eine der Ikonen der 2. RAF-Generation, Christian Klar, soll vor dem Attentat auf den 4-Sterne-US-General Kroesen einige Joints durchgezogen haben. Damit ist ein eindeutiger Kausalnexus zwischen politisch motiviertem Attentat und politisch motiviertem Cannabis-Konsum hergestellt. Dass die Panzerfaustgranate lediglich den Kofferraum von Kroesens Dienstlimousine traf, kann, muss aber nicht dem Cannabis-Konsum geschuldet sein.