Pflanzen mit Wirkung

Wer sich Cannabis als Medizin verschreiben lassen kann und welche Sorten zu den jeweiligen Symptomen passen – das weiß unser Experte Maximilian Plenert. Er ist selbst Cannabispatient und langjähriger Aktivist in der Szene mit dem Blick fürs Wesentliche. Die wichtigsten Fakten im Überblick.

Der Einsatz von Cannabis als Medizin kann bei vielen Erkrankungen sinnvoll sein. In der Praxis waren in Deutschland bisher ein Dutzend Diagnosen von besonderer Relevanz. Dies geht aus den Daten der Bundesregierung zu den Erkrankungen, die Inhaber einer Ausnahmegenehmigung haben, hervor. Vor der Gesetzesänderung war diese der einzige legale Weg, die Pflanze medizinisch nutzen zu können. Die spärlichen Informationen, die das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte veröffentlicht hat, haben gezeigt: chronische Schmerzen sind dabei mit Abstand das größte Einsatzgebiet von Cannabis. Darunter fallen u. a. Neuropathien, Cluster-Kopfschmerzen und Migräne sowie Schmerzen aufgrund von Erkrankungen wie Rheuma oder Fibromyalgie. Diese Gewichtung deckt sich mit den Erfahrungen aus den USA oder den Niederlanden. In Deutschland spielen daneben ADHS, Depressionen, Tourette-Syndrom und multiple Sklerose eine wichtige Rolle.

Laut Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gestaltet sich die Verteilung der Haupterkrankungen, bei denen eine Therapie mit Cannabis genehmigt wurde, wie folgt:
ERKRANKUNG ANTEIL BEISPIEL
Schmerz: 46,50% Cluster-Kopfschmerzen, Neuropathie, Rheuma (rheumatoide Arthritis), Migräne, Kopfschmerzen, Fibromyalgie
schmerzhafte Spastik bei multipler Sklerose: 15,50%
ADHS: 12%
Depression: 6%
Inappetenz/Kachexie: 4,50% Dahinter verbirgt sich in der Regel eine Krebserkrankung.
Darmerkrankungen: 4% Colitis ulcerosa, Morbus Crohn, Reizdarm
Tourette-Syndrom: 4%
Epilepsie: 3,50%
Sonstige Psychiatrie: 3% Angststörung, Schlafstörungen, Zwangsstörung, Borderline-Störung, Trichotillomanie, Posttraumatische Belastungsstörung
Sonstige Neurologie: 0,50% Chronisches Müdigkeitssyndrom (CFS)
Lungenerkrankungen: 0,50% Asthma

Quelle: Deutscher Bundestag Drucksache 18/8953, 18. Wahlperiode 28.06.2016

In dieser – nicht vollständigen – Liste sind Krankheiten von Inhabern einer Ausnahmegenehmigung von A bis Z aufgeführt.

  • Allergische Diathese
  • Angststörung
  • Appetitlosigkeit und Abmagerung (Kachexie)
  • Armplexusparese
  • Arthrose
  • Asthma
  • Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)
  • Autismus
  • Barrett-Ösophagus
  • Blasenkrämpfe nach mehrfachen Operationen im Urogenitalbereich
  • Blepharospasmus
  • Borderline-Störung
  • Borreliose
  • Chronische Polyarthritis
  • Chronisches Müdigkeitssyndrom (CFS)
  • Chronisches Schmerzsyndrom nach Polytrauma
  • Chronisches Wirbelsäulensyndrom
  • Cluster-Kopfschmerzen
  • Colitis ulcerosa
  • Depressionen
  • Epilepsie
  • Failed-back-surgery-Syndrom
  • Fibromyalgie
  • Hereditäre motorisch-sensible Neuropathie mit Schmerzzuständen und Spasmen
  • HIV-InfektionFortsetzung
  • HWS- und LWS-Syndrom
  • Hyperhidrosis
  • Kopfschmerzen
  • Lumbalgie
  • Lupus erythematodes
  • Migraine accompagnée
  • Migräne
  • Mitochondropathie
  • Morbus Bechterew
  • Morbus Crohn
  • Morbus Scheuermann
  • Morbus Still
  • Morbus Sudeck
  • Multiple Sklerose
  • Neurodermitis
  • Paroxysmale nonkinesiogene Dyskinese (PNKD)
  • Polyneuropathie
  • Posner-Schlossmann-Syndrom
  • Posttraumatische Belastungsstörung
  • Psoriasis (Schuppenflechte)
  • Reizdarm
  • Rheuma (rheumatoide Arthritis)
  • Sarkoidose
  • Schlafstörungen
  • Schmerzhafte Spastik bei Syringomyelie
  • Systemische Sklerodermie
  • Tetraspastik nach infantiler Cerebralparese
  • Thalamussyndrom bei Zustand nach Apoplex
  • Thrombangitis obliterans
  • Tics
  • Tinnitus
  • Tourette-Syndrom
  • Trichotillomanie
  • Urtikaria unklarer Genese
  • Zervikobrachialgie
  • Zustand nach Schädel-Hirn-Trauma
  • Zwangsstörung

DIE WAHL DES MEDIKAMENTS – WIRKUNG JE NACH TYP UND SORTE

Aktuell sind 14 unterschiedliche Cannabissorten in Apotheken erhältlich, jedoch kann es bei einigen nach wie vor zu Lieferengpässen kommen. Es ist abzusehen, dass in Zukunft zahlreiche weitere Sorten auf den Markt kommen, die das Sortiment erweitern werden. Die Frage, welche Sorte bei welcher Erkrankung hilft, ist dabei nicht leicht zu beantworten. Die Forschung steht hier noch am Anfang, die Studienlage ist dünn und die meisten Ärzte haben keinerlei Erfahrung mit dem Verschreiben von Cannabis.

Die heute verfügbaren Sorten lassen sich in 5 Typen einteilen

Ärzte können zudem standardisierte Extrakte aus einer oder mehrerer dieser Sorten verschreiben. Diese werden dann vom Apotheker zubereitet. Zudem können auch Rezepturen von Cannabisblüten für bestimmten Dosierungen und Aufnahmeformen angefertigt werden.

ANDERE CANNABISMEDIKAMENTE
Neben Cannabisblüten und standardisierten Extrakten gibt es aktuell vier Cannabisarzneimittel. Diese „regulären“ Arzneimittel dürften bei Ärzten eine größere Akzeptanz besitzen als Cannabisblüten, da sie standardisierte Präparate sind, deren Zusammensetzung stets identisch ist.

ÄHNLICH „THC-CBD“-TYP
Das Fertigarzneimittel „Sativex“ ist ein alkoholisches Extrakt und wird als Spray aufgenommen. Es ist für Spastiken bei multipler Sklerose zugelassen und wird bereits hier regelmäßig eingesetzt. Aufgrund seiner Zusammensetzung ist es gut als Mittel für den ersten Therapieversuch geeignet. Der enthaltene Alkohol macht Sativex weniger verträglich.

ÄHNLICH „THC“-TYP
„Dronabinol“ ist reines THC und schon länger als Rezeptur in Form von Tropfen oder Kapseln verschrieben worden.

„Canemes“ mit dem Wirkstoff Nabilon ist ein künstlich hergestelltes Cannabinoid und wirkt ähnlich wie THC. Als Fertigarzneimittel hat es eine Zulassung für Übelkeit und Erbrechen als Nebenwirkung einer Chemotherapie.

Wegen der psychoaktiven Wirkung sind beide Medikamente nicht als Mittel der ersten Wahl für einen Therapieversuch empfehlenswert und sollten besonders vorsichtig dosiert werden.

ÄHNLICH „CBD“-TYP
Der Wirkstoff CBD ist als Rezeptur verschreibungspflichtig. Reines CBD ist im Gegensatz zu CBD-reichen Cannabisblüten oder Extrakten von einer Kostenerstattung ausgeschlossen. Wegen seiner Zusammensetzung ist CBD gut für den ersten
Therapieversuch geeignet.

WIRKSAMKEIT UNTERSCHIEDLICHER CANNABISSORTEN BEI BESTIMMTEN ERKRANKUNGEN
Die beiden wichtigsten Inhaltsstoffe der Cannabispflanzen sind das Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC, als Arzneimittel auch „Dronabinol“ genannt) und Cannabidiol (CBD). In der Pflanze selbst sind zahlreiche weitere verwandte Cannabinoide und medizinisch wirksame Stoffe enthalten. THC und CBD sind die beiden am besten erforschten Stoffe, und ein Großteil der medizinischen Effekte von Cannabis wird einem oder beiden Stoffen zugeschrieben. Sie sind in Cannabis, in Extrakten und Arzneimitteln wie Sativex in unterschiedlicher Konzentration enthalten.

Beide Cannabinoide helfen bei zahlreichen Erkrankungen und Beschwerden. Das Spektrum ihrer Wirksamkeit überschneidet sich. Die Wirksamkeit bei einzelnen Indikationen, aber auch beim einzelnen Patienten sind unterschiedlich. Ebenso hängen die Nebenwirkungen von der Menge der beiden Wirkstoffe, aber auch dem Verhältnis zueinander ab. Daher sind CBD sowie CBD in Kombination mit THC die besten Varianten, um die Wirksamkeit und Verträglichkeit von Cannabis als Medizin zu testen.

THC ist für den klassischen Rausch verantwortlich. Seine psychoaktive Wirkung ist bei der Therapie mit Cannabis eine unerwünschte Nebenwirkung und kann gerade von unerfahrenen Patienten als unangenehm wahrgenommen werden. Das Cannabinoid CBD ist nur schwach psychoaktiv und verursacht keine gravierenden Nebenwirkungen. Die Kombination aus THC und CBD erzeugt unterschiedliche Wechselwirkungen. CBD hemmt die psychischen Wirkungen sowie die Herzfrequenzsteigerung von THC und kann damit helfen, die Verträglichkeit zu erhöhen. Andererseits kann die Hemmung der appetitanregenden Wirkung des THC ein unerwünschter Nebeneffekt sein.

TYP THC (UP)
Wirkung: aktivierend
Wirkstoffe: viel THC (12–22%), CBD gegen Null
Nebenwirkung: psychoaktiv, je nach THC-Konzentration
verfügbare Sorten: Bedrocan, Pedanios 18/1, Princeton, Pedanios 16/1 und 14/1, Houndstooth

TYP THC (DOWN)
Wirkung: beruhigend
Wirkstoffe: viel THC (12–22%), CBD gegen Null
Nebenwirkung: psychoaktiv, je nach THC-Konzentration
verfügbare Sorten: Bedica, Pedanios 22/1

TYP THC
Wirkung: zwischen „THC“(UP) und „THC“(DOWN)
Wirkstoffe: viel THC (12–22%), CBD gegen Null
Nebenwirkung: psychoaktiv, je nach THC-Konzentration
verfügbare Sorten: Bedrobinol

TYP THC – CBD
Wirkung: ausgleichend
Wirkstoffe: CBD = THC (6–10%)
Nebenwirkung: nicht bis kaum psychoaktiv
Verfügbare Sorten: Bediol, Pedanios 8/8, Penelope, Argyle

TYP CBD
Wirkung: anti-psychotisch, angstlösend, gegen körperliche Spannung
Wirkstoffe: viel CBD (7–15%), kaum THC
Nebenwirkung: nicht psychoaktiv
Verfügbare Sorten Bedrolite

Tabelle: Vergleich orale Einnahme und Inhalation

WIRKUNG ORAL INHALATION
Beginn verzögert, nach 30 bis 90 Minuten schnell, nach wenigen Minuten
Dauer lang, 4 bis 6 Stunden kurz, 2 bis 3 Stunden
Vorteil niedriger Peak, bei (Neben-)Wirkungen schnelle Wirkung, rasches Eindosieren, Nebenwirkungen von kurzer Dauer
Nachteil Nebenwirkungen halten länger an, Dosisfindung braucht mehr Zeit hoher Peak bei Wirkung und Nebenwirkung, Inhalationsgerät notwendig
Anwendungen pro Tag einmal pro Tag kann genügen mehrfache Anwendung nötig

EINSATZGEBIETE DER BEIDEN CANNABINOIDE
THC: Schmerzen, insbesondere in Kombination mit Opiaten, Glaukom, Appetitlosigkeit, Depressionen, Schlafprobleme
THC oder CBD: Schlaf, Entzündungen, Übelkeit und Erbrechen, Bewegungsstörungen, Krämpfe
THC und CBD: ADHS, multiple Sklerose, Tourette-Syndrom
CBD: insbesondere Epilepsie, Angst, chronisch-entzündliche Erkrankungen (Arthritis, Colitis ulcerosa, Morbus Crohn oder Asthma)
Nur CBD, keine THC: Schizophrenie

Neben dem THC- und CBD-Gehalt unterscheiden sich die einzelnen Sorten Cannabisblüten durch ihre jeweils spezifische Zusammensetzung weiterer Cannabinoide und Terpene. Über die therapeutische Wirksamkeit dieser Stoffe liegen kaum Informationen vor. Im Einzelfall kann daher eine bestimmte Sorte mit einem bestimmten THC- und CBD-Gehalt wirksamer und verträglicher sein als eine andere Sorte mit ähnlicher THC- und CBD-Konzentration, aber Unterschieden bei den sonstigen Wirkstoffen.

DOSIERUNG: LANGSAM, ABER SICHER
Viele Menschen scheuen sich, Cannabis als Medikament einzusetzen aus Angst vor unangenehmen Rauschzuständen. Um diesen vorzubeugen beziehungsweise eine schrittweise Heranführung zu ermöglichen, ist es wichtig, die Dosierung mit dem behandelnden Arzt abzustimmen. In jedem Fall sollte mit einer geringen Menge THC begonnen werden. Wenn sich der Patient an die Wirkung gewöhnt hat, kann die Dosis je nach Verträglichkeit alle ein bis zwei Tage gesteigert werden. Je kleiner die Schritte, desto weniger zusätzliche Nebenwirkungen treten auf. Eine Wirksamkeit der Behandlung ist in der Regel erst nach ein bis zwei Wochen feststellbar. Die Einstellungsphase dauert insgesamt vier bis sechs Wochen. Verträglichkeit und Wirkung von Cannabis sind von Person zu Person sehr unterschiedlich. Die optimale Dosis hängt dabei weniger von der Erkrankung selbst ab, sondern vor allem von der Wirksamkeit beim einzelnen Patienten und der individuellen Verträglichkeit. Auch die Einnahmeform nimmt Einfluss auf Intensität und Dauer der Wirkung. Über eine richtige Dosierung kann das optimale Verhältnis von Wirkung und Nebenwirkungen im Einzelfall gefunden werden. Wird die Dosis nur in kleinen Schritten gesteigert, sollte es zu keinen Überraschungen kommen. Eine spürbare Rauschwirkung nach der Inhalation ist nur von kurzer Dauer, während die medizinische Wirkung länger anhält.

ZU RISIKEN UND NEBENWIRKUNGEN …
Nebenwirkungen und eventuelle Risiken müssen vor der Therapie mit dem Arzt im Einzelfall besprochen werden. Cannabis ist im Vergleich zu anderen Medikamenten ein ziemlich sicheres Medikament, denn eine Überdosis an sich ist nicht lebensbedrohlich. Die gravierendste Nebenwirkung ist der berauschende Effekt des THC. Weitere übliche Nebenwirkungen sind: trockener Mund, Schwindel, Herzrasen, Blutdruckschwankungen sowie Müdigkeit. Im Verlauf der Behandlung nehmen diese Nebenwirkungen ab. Besondere Vorsicht ist bei Menschen mit einer Vorerkrankung (Herzkreislaufsystem, Blutdruck, Depressionen, Schizophrenie, andere psychotische Erkrankungen, Epilepsie), älteren Menschen, Schwangeren, Stillenden und Kindern angebracht. Die Verkehrstüchtigkeit kann je nach Dosierung, Gewöhnung und dem Individuum mehr oder weniger stark eingeschränkt sein.

KOSTENERSTATTUNG
Eine Therapie mit Cannabismedikamenten muss vom Patienten bei der Krankenkasse für eine Kostenübernahme zuvor genehmigt werden. Eine Ausnahme sind die beiden Fertigarzneimittel Sativex und Canemes. Diese werden bei einer Therapie für die jeweilige Erkrankung gemäß Zulassung ohne diesen Umweg von den Krankenkassen erstattet. Ohne eine Übernahme der Therapiekosten ist eine Verschreibung auf einem Privatrezept möglich. In diesem Fall muss das Medikament vom Patienten bezahlt werden. Da die Kosten für eine Therapie stark vom eingesetzten Mittel abhängen, empfiehlt sich ein Preisvergleich.