PATIENTEN OHNE MEDIZIN

Das neue Gesetz sollte die Situation der Patienten verbessern und medizinisches Cannabis denen zugänglich machen, die es dringend benötigen. In der Praxis hat sich jedoch vorerst die Situation für einige Patienten verschlimmert. Durch die steigenden Patientenzahlen kommt es in den Apotheken zu Versorgungsengpässen, deren Ende noch nicht abzusehen ist.

Knapp ein halbes Jahr nach Inkrafttreten des neuen Cannabisgesetzes spitzt sich die Versorgungslage für viele Menschen, die auf Cannabisblüten wegen chronischer Schmerzen, Krebs oder anderen Erkrankungen angewiesen sind, zu: Lieferengpässe der Importeure haben in den letzen Monaten dafür gesorgt, dass in Apotheken nur Restbestände von medizinischem Cannabis erhältlich sind. Dadurch kann eine kontinuierliche Versorgung der Betroffenen nicht mehr gewährleistet werden.

Auf Nachfrage vertrösten die Importeure aus Holland und Kanada auf einige Wochen, jedoch ohne Gewähr. Kurz vor Redaktionsschluss meldete eine Berliner Apotheke, erst wieder zwischen Ende September und Anfang Oktober Nachschub zu erhalten. Eine weitere stellte eine Lieferung Mitte September in Aussicht. Aktuell besteht für Engpässe keine Meldepflicht. Daher wird auch nicht aus zentraler Stelle auf die Situation reagiert und versucht, Abhilfe zu schaffen.

Für viele Patienten kommt erschwerend hinzu, dass nicht alle 14 Sorten, die theoretisch in der Apotheke erhältlich sind, bei den jeweiligen Beschwerden gleich gut helfen. Für viele kommen nur zwei oder drei Sorten in Frage. Sind diese nicht auf Lager, besteht oft keine andere legale Möglichkeit, sich medizinisch zu versorgen.

Vor der Gesetzesänderung besaßen rund 1.000 Menschen eine Ausnahmegenehmigung für medizinisches Cannabis aus der Apotheke. Experten schätzen die aktuellen Zahlen auf mehrere Tausende bis Zehntausend Patienten ein. Momentan werden die medizinischen Cannabisblüten aus den Niederlanden und Kanada nach Deutschland importiert. Bereits vor der Gesetzesänderung kam es zu Lieferengpässen und verlängerten Wartezeiten. Die Situation hat sich jetzt noch verschärft. Zum einen, weil mehr Menschen Cannabis auf Rezept erhalten, zum anderen dadurch, dass Patienten, die die Kostenübernahme der Krankenkasse zugesichert bekommen haben, sich regelmäßig in ausreichender Menge versorgen können und ihr Bezug aus der Apotheke dadurch gestiegen ist.

Zwar wird Cannabis in der Theorie als Medikament anerkannt, es gibt jedoch nur wenige Ärzte, die Cannabis verschreiben. Gründe sind Vorbehalte und geringe Kenntnis der Ärzte über Wirkung und Anwendungsweise. Einige Patienten, die sich an die Redaktion gewendet hatten, berichteten, dass sie keinen Arzt finden, der sich bereiterklärt, sie mit Cannabis zu behandeln. Andere, dass die Kostenübernahme wieder gestrichen wurde. Auch wenn Patienten noch mit einer Vielzahl an Schwierigkeiten zu kämpfen haben, bis sie Cannabis auf Rezept erhalten, wird der Bedarf weiter steigen.

Das Bundesinstitut für Arznei- und Betäubungsmittel kann momentan nicht sagen, ob und wann sich die Situation ändern wird. Im Juni schloss der erste Teil der Ausschreibung für Anbaulizenzen. Vor 2019 wird in Deutschland allerdings kein medizinisches Cannabis angebaut werden. Derzeit gibt es noch keinen Maßnahmenplan, wie derartige Engpässe zukünftig verhindert werden können.