PATIENT TOM – Cannabis für den Familienalltag

“Es bringt nichts, alles immer wieder in Frage zu stellen”

Eine Geschichte, die sich liest wie der Alltag bei Mustermanns. Ausgerechnet Cannabis sorgt für die Normalität, die sich Vater, Mutter und deren zwei Söhne wünschen – und nicht zuletzt eine Mama, die niemals müde wird.

Im Garten des alleinstehenden Einfamilienhauses auf dem niedersächsischen Land steht ein großes Trampolin. Familienhündin Anka durchstreift eifrig das mit Kinderspielsachen übersäte Grundstück und schnuppert schwanzwedelnd an einer im Gras liegenden Wasserpistole.

„Wir sind eigentlich eine ganz normale Familie“, sagt Leonie lächelnd und blickt zu einem ihrer beiden Söhne, die begeistert auf dem Trampolin springen. „Nicht so hoch, Max“, ruft sie ihrem Jüngsten zu und entschließt sich dann doch lieber, hinzugehen. Beide quietschen vor Begeisterung, als sie ihre Mutter kommen sehen. Bald soll Jörn, der Große, eingeschult werden.

„Wir erwarten eigentlich keine Probleme, zumindest nicht mehr als ohnehin schon“, meint Papa Tom und grinst aus etwas müden Augen heraus.

Schmerzen aus heiterem Himmel

Tom hatte letztes Jahr einen Bandscheibenvorfall. Aus heiterem Himmel, wie es schien. „Ich stand gerade im Garten und habe nichts Besonderes gemacht, als plötzlich dieser Schmerz im Rücken kam und ich erst mal nicht mehr stehen konnte“, erinnert er sich. Wegen der starken Schmerzen und weil er ohnehin unzufrieden war in dem Betrieb, gab er seinen Job auf. Da Tom dort als Handwerker vor allem körperliche Tätigkeiten ausüben musste, wäre das einfach nicht mehr möglich gewesen. Der behandelnde Arzt verschrieb ihm damals Tramal, ein Opiat, das bei mäßig starken bis starken Schmerzen eingesetzt wird.

Lasst den Leuten ihre Medikamente.

Als es nicht die gewünschte Wirkung erzielte, erhöhte der Arzt die Dosis.

Das Mittel macht Tom benommen. Alles wirkt gedämpft, auch der Schmerz, obwohl er durch das Tramal nie ganz verschwindet.

Manchmal wird ihm auch schlecht nach der Einnahme und er fühlt sich „komplett neben der Spur“.

Sie sind noch zu klein, um das zu verstehen.

Auf der Suche nach Alternativen ließ sich Tom von einem Schmerztherapeuten beraten. Dieser empfahl ihm, das Tramal, auch wegen der stark suchterzeugenden Wirkung, möglichst selten einzunehmen. Da Tom schon in der Vergangenheit Erfahrungen mit Cannabis gesammelt hatte, kam das Thema schnell auf. „Wenn du wenigstens eine Tramal am Tag dadurch weglassen kannst, wäre schon einiges erreicht“, gibt Tom frei die Worte des Therapeuten wieder. Weil Tom seit seiner Jungend immer mal wieder Joints geraucht hatte, kann er selbst gut einschätzen, wie das Cannabis auf seinen Körper und seine Psyche wirkt. Je nach Sorte weiß er, von welchen Mischungen er eher high und von welchen er eher stoned wird. Das macht die Wirkung für ihn vorhersehbarer – planbarer als die des Tramals. Er fühlt sich nicht „aus dem Verkehr gezogen“ wie unter Tramal, kann normal am Leben teilnehmen und mit anderen interagieren. Seitdem hält Tom sich so gut es geht an den Rat des Therapeuten und kommt sehr gut damit zurecht. Durch Cannabis konnte Tom sogar eine ganze Zeit lang komplett auf Tramal verzichten.

Wenn er Cannabis raucht, geht es ihm deutlich besser. Die Muskeln sind locker, der Rücken entspannt sich. Er schläft besser und schneller ein, wacht ausgeruht auf und ist nicht benommen, denn die Dosierung kann er selbst wählen. Mit Cannabis fühlt er sich rundum wohl und kann endlich vom Alltag ausspannen. Wenn er sich diese „kleinen Auszeiten vom Alltag“ gönnt, macht sein Rücken ihm weniger Schwierigkeiten. Er ist gelassener, wenn es zuhause einmal stressig wird und ist dazu in der Lage, seinen Part im Haushalt besser zu erfüllen, sei es auch nur, dass er das Geschirr einräumt, mit Anka eine kleine Runde spazieren geht oder mit Max und Jörn an der Videospielkonsole spielt. Allerdings raucht er nicht vor seinen Kindern. „Sie sind noch zu klein, um das zu verstehen“, erklärt Tom, der außerdem nicht will, dass die beiden passiv mitrauchen müssen.

Lieber unerkannt

Seine Medikamente werden kindersicher weggeschlossen – also auch das Cannabis. Wenn die beiden Jungen älter sind und beginnen, Fragen zu stellen, was der Papa da eigentlich macht, würden er und Leonie es ihnen aber zu gegebener Zeit erklären. „Sie sollen sich natürlich nicht zu sehr dafür interessieren“, meint Tom besonnen.

Leonie, sein Freundeskreis und seine Mutter unterstützen Tom. Mit anderen Menschen redet er in der Regel nicht über seine Krankheitsgeschichte und die Art, damit umzugehen. „Das ist mein Leben. Wenn andere Leute das nicht verstehen wollen und lieber mit Scheuklappen herumlaufen, sollen sie das ruhig machen. Ich bin niemandem außer meiner Familie und mir selbst irgendeine Rechenschaft schuldig. Mir ist ziemlich egal, was andere Eltern, der Bäcker oder sonst wer dazu sagen. Es ist nicht so, dass ich es aktiv verheimliche, es geht nur eben niemanden etwas an“, stellt Tom klar. Dennoch wird unterschwellig deutlich, dass Tom nicht möchte, dass er oder seine Kinder wegen dem, was er macht, stigmatisiert werden. Aus diesem Grund möchte er anonym bleiben.

Seine Mutter ist froh, dass Tom etwas gefunden hat, das ihm hilft. Ihr sei es so lieber, als wenn Tom irgendwelche chemischen Mittel oder gar Drogen nehmen würde. Leonie teilt diese Meinung. Ab und zu, nach einem anstrengenden Tag, wenn die Kinder im Bett sind und alles geregelt ist, raucht sie auch mal mit Tom zusammen einen Joint.

Seit Toms Bandscheibenvorfall macht Leonie mehr im Haushalt und auch mit den Kindern als Tom. „Ich wüsste nicht, was ich ohne sie machen würde“, stimmt er etwas nachdenklicher an.

Leonie und er kennen und lieben sich schon fast die Hälfte seines Lebens.

Sie ist Mitte- er Ende Dreißig.

Leonie ist eine Powerfrau, wie sie im Buche steht. Sie geht ihrer Arbeit nach, einem extrem anstrengenden Job im Pflege- und Sozialbereich.

Wenn sie nach Hause kommt, werden die Kinder aus dem Kindergarten abgeholt und versorgt. Alles, was nun einmal so ansteht, wird erledigt, Einkäufe, Hausarbeiten und so weiter. Die Kinder wuseln permanent um sie herum. Doch anstatt sich dadurch gestresst zu fühlen, packt sie die beiden und spielt erst einmal stundenlang mit ihnen im Garten. Oft übernachten auch Freunde von Max und Jörn bei ihnen, so dass die Nacht schon mal zum Tage wird – zum Beispiel wie neulich, als die anderen Eltern vergessen haben, das Schlaflicht des Übernachtungsgastes einzupacken, ohne das es nun mal nicht geht. Doch Leonie macht das gerne, das NachtsAufstehen und Sich-Kümmern, und sie scheint nie müde zu werden. Sie liebt das Leben mit ihren Kindern und mit Tom, auch wenn er ihr nicht immer so helfen kann, wie er gerne würde. Ihre Art erlaubt es Tom, sich zurückzuziehen, wenn er es braucht.

Sie ist bodenständig und vielleicht sogar konventionell im Vergleich zu Tom, der sich schon immer eher als Rebell gesehen hat und auf ein wildes Leben zurückblickt. „Das mit uns passt einfach. Vielleicht so eine Yin-und-Yang-Sache“, sagt er und lächelt. Er ist loyal und respektvoll ihr gegenüber, wählt seine Worte genau, wenn er über sie spricht, wohl wissend, was sie alles für ihn und die Familie macht. „Eigentlich ist alles perfekt, auch mit Leonie und den Kindern und so. Alles ein Volltreffer.

Nur ein bisschen mehr Geld wäre toll“, fügt er lächelnd hinzu.

Auch wenn einmal Hürden auftauchen, will er sich nicht in Selbstmitleid aalen und ist bemüht, die Dinge positiv zu sehen. „Ich glaube, dass ich manchmal eine etwas andere Sicht auf das Leben habe als andere – auch durch den Cannabiskonsum“. Tom wirkt gelassen und geradezu geerdet. „Die Dinge sind so, wie sie nun einmal sind. Es bringt nichts, sich darüber aufzuregen oder alles immer wieder in Frage zu stellen“, findet er.

Behandlung ohne Rezept

Tom hat noch kein Rezept für medizinisches Cannabis erhalten und steht hier noch ganz am Anfang. Er soll erst eine Kur machen und Therapiekurse besuchen. Anschließend kann er dann das Rezept beantragen. All das dauert vor allem wegen der bürokratischen Hürden sehr lange. Vorerst bezieht er sein Cannabis selbst.

Je nach Qualität des Produkts gibt er zwischen 300 und 400 Euro im Monat für Cannabis aus, was für eine kleine Familie sehr viel Geld ist, vor allem, wenn nur einer der Partner arbeitet. Aus diesem Grund geht Tom seit einigen Tagen auch wieder arbeiten. Der Betrieb ist ein anderer, die Tätigkeit ist weniger hart, die körperlichen Probleme sind aber dieselben. „Ich kann nicht lange stehen, nicht lange sitzen, was soll man da machen?“, fragt er und zuckt leicht mit den Schultern. Die Rückenverletzung ist erneut entzündlich und wesentlich schmerzhafter als zuvor. Er nimmt wieder Tramal, was ihm gar nicht gefällt. In Frührente zu gehen kommt für ihn nicht in Frage: „Ich habe zwei Kinder. Das bringt viel Verantwortung mit sich“. Cannabis auf Rezept zu bekommen, würde die Situation deutlich leichter machen.

Diesen Weg verfolgt er weiterhin.

Sein Schmerztherapeut hatte ihn gewarnt, es könne in seinem Fall, durchaus ein bis zwei Jahre dauern, bis Tom ein Rezept erhalten würde.

Dennoch bleibt Tom durchweg optimistisch: „Immer eins nach dem anderen“.

Eigentlich hätte auf dem Weg zum Cannabisrezept als nächstes die Kur angestanden, doch seit Tom wieder arbeitet, fürchtet er, dass er nicht mehr um eine Bandscheibenoperation herumkommt. Zu groß ist der Druck im Alltag funktionieren zu müssen.

Mir ist ziemlich egal, was andere Eltern, der Bäcker oder sonst wer dazu sagen.

Bei einer Bandscheibenoperation wird das Bandscheibengewebe zwischen den betroffenen Wirbeln meist entfernt, um die gereizten Nerven zu entlasten. Dieser Teil des Rückens ist dann quasi steif gestellt, was unter Umständen zu einer Verbesserung in Bezug auf die Schmerzen führen kann.

Die Operation könnte ihm helfen, garantiert aber keine Beschwerdefreiheit. Im schlimmsten Fall könnten die Schmerzen sich sogar verstärken.

„Ich will da gar nicht so viel darüber nachdenken“, sagt er ausweichend.

Er betont, dass er nicht auf Cannabis angewiesen sei, womit er meint, dass er nicht physisch oder psychisch in irgendeiner Form abhängig ist. Wenn er mit seiner Familie unterwegs ist, raucht er es wegen der Kinder überhaupt nicht. „In dem Fall müssen die derzeit legalen Schmerzmittel genügen. Es geht immer auch ohne, aber mit ist es natürlich leichter“.

Tom hat festgestellt, dass Cannabis für ihn das Mittel ist, aus dem er den größtmöglichen gesundheitlichen Nutzen für sich ziehen kann, und hat nur wenig Verständnis dafür, dass ausgerechnet dieses Medikament für ihn (noch) nicht legal sein soll. „Lasst den Leuten ihre Medikamente“, witzelt er zum Schluss des Gesprächs, obwohl der Grundgedanke dahinter ein ernster ist.
Tom wird sich nicht unterkriegen lassen. Er weiß selbst am besten, was gut und was schlecht für ihn ist und lässt sich nicht vorschreiben, wie er der Schmerzen Herr zu werden hat.

Er ist froh, überhaupt einen Weg gefunden zu haben, mit dem er gut leben kann.

Hinweis: Alle Namen wurden von der Redaktion geändert.