PAPA CANNABIS

Den Beinamen „Godfather of Cannabis“ duldet Raphael Mechoulam. Vielleicht auch nur, weil er keine Zeit hat für Beschwichtigungen. Der 87-jährige Entdecker des THC ist zwar längst emeritiert, forscht aber immer noch an der Wirkung von Cannabinoiden. In.fused hatte die Ehre, dem immer freundlichen alten Meister im Foyer des Kölner Maritim-Hotels bei einem Kaffee zu lauschen.

„Ich dachte, das Thema Cannabis sei in sechs Monaten abgehakt“, sagt Raphael Mechoulam. Das ist ein halbes Jahrhundert und ein paar Meilensteine her. Damals, in den 60er Jahren, war der junge Absolvent der Hebrew University of Jerusalem auf der Suche nach einem weiteren Forschungsschwerpunkt. Am Weizmann-Institut machte er sich an die Isolierung der wirksamen Stoffe im Cannabis. Die Technik dafür war inzwischen ausreichend entwickelt – und an Enthusiasmus fehlte es dem Forscher nicht. Außerdem arbeitete niemand sonst an der Chemie von Cannabinoiden, was internationalen Wettbewerb ausschloss – ein großer Vorteil im noch jungen akademischen Israel.

Mechoulam, 87, ist es recht, dass wir uns im Trubel der Hotelempfangshalle unterhalten. Und obwohl ihm die Reiseanstrengung ins Gesicht geschrieben steht, könnte er nicht zuvorkommender sein. Einen Kaffee lässt er sich servieren, und dann beginnt er zu erzählen – wie amüsant die Beschaffung des brisanten Materials damals verlief.

JEDER KENNT JEDEN

„Ich ging zum Direktor des Instituts und fragte ihn, ob er jemanden bei der Polizei kennt“, erzählt er. Wie der Zufall wollte, hatte der einen guten Freund dort und wählte sofort die Nummer. Mechoulam, der danebenstand und wartete, konnte die Stimme am anderen Ende der Leitung deutlich hören: „Ist er verlässlich?“, fragte sie. „Und der Direktor, der mich kaum kannte, sagte: ‚Natürlich ist er das.‘“, erzählt Mechoulam.

Sein Forschungsmaterial bekam er von der Polizei formlos überreicht, beschlagnahmtes Haschisch. Die fünf Kilogramm gepresste Cannabisblüten transferierte der junge Forscher im öffentlichen Bus ins Labor, nicht ohne die Mitfahrer in Erstaunen über den markanten Duft zu versetzen. Irgendjemandem bei der Polizei muss das Ganze noch mal durch den Kopf gegangen sein. „Ich hatte das Gesetz gebrochen, die Polizei aber auch“, sagt Mechoulam verschmitzt. Die Geschichte hat er schon häufig zum Besten geben müssen – und um so zu schauen, braucht er nicht viel Mimik zu aktivieren.

Das Gesundheitsministerium hätte im Vorfeld eine Erlaubnis erteilen müssen. Also stattete Mechoulam ihm persönlich einen Besuch ab, um sich sagen zu lassen, dass er nächstes Mal im Gefängnis landen würde. Dann – und das wiederholt sich als wirksames diplomatisches Werkzeug in seiner Biografie – trank er einen Kaffee mit den Zuständigen im Ministerium. Er bekam den nötigen Brief für die Polizei und setzte sein Kaffeekränzchen auf dem Präsidium fort. Hier unterschrieb er, fünf Kilogramm Haschisch ausgehändigt bekommen zu haben, und die Sache war erledigt. Mechoulam konnte sich an die Laborarbeit machen.

STOFFE SCHWER ZU ISOLIEREN

Woher stammt der zielstrebige Mann, der sich auf die berauschende Pflanze stürzt? Raphael Mechoulam hat wie ein Großteil der Landsleute seiner Generation einen langen Weg hinter sich. 1930 in Sofia als Sohn eines jüdischen Krankenhausleiters geboren, musste die Familie bald in bulgarische Dörfer ausweichen. Dort praktizierte der Vater als Hausarzt, versteckt, um den Nazis nicht aufzufallen. „Immer wenn meine Eltern nicht wollten, dass ich sie verstehe, sprachen sie untereinander deutsch – meine Mutter hatte in Berlin, mein Vater in Wien studiert.“ Das Deutsche verstummte bald und kurz vor Ende des Kriegs gelang es der Familie, in die Türkei zu fliehen. Von dort aus nach Palästina. „Da war ich 13 Jahre alt.“

ANANDAMID KOMMT IN KLEINEN MENGEN VOR UND IMMER NUR DANN, WENN UND WO ES IM KÖRPER GERADE GEBRAUCHT WIRD.

Im Labor zeigte sich das Problem, das auch seine Vorgänger hatten, als sie die Cannabispflanze analysieren wollten: „Es gab sehr viele verschiedene Stoffe, die schwer voneinander zu trennen waren.“ Mit dem chemischen Verfahren Chromatographie gelang es ihm, etwa zehn der aktuell über 100 bekannten Hauptwirkstoffe (Cannabinoide) zu separieren. Neun der Stoffe, darunter auch Cannabidiol, lösten bei den Laboraffen keine psychische Wirkung aus. Einer hingegen ließ sie matt herumhängen und klärte damit die Frage, welcher Stoff für den typischen Cannabisrausch verantwortlich ist – das THC. „Jetzt wussten wir, dass es essenziell einen gab, der psychoaktiv wirkt – und ein paar, die ein bisschen etwas auslösten.“ 1964 veröffentlichte Mechoulam seine Ergebnisse. Aber die interessierten erst einmal keine Menschenseele.

USA UNTERSTÜTZT DIE CANNABISFORSCHUNG

Mechoulam stellte einen Antrag auf ein Stipendium an das US-Gesundheitsinstitut NIH, um Forschungsförderung zu bekommen. Die Amerikaner hatten keine Gelegenheit, mit Mechoulam einen Kaffee zu trinken. Wahrscheinlich hätten sie sonst nicht so rigoros abgelehnt: Das Thema Cannabis sei für die USA nicht interessant. „Aber später dann schon“, sagt er. Später war ein Jahr danach: „Der Sohn eines hohen Tieres, eines Senators, war beim Grasrauchen erwischt worden“, sagt Mechoulam. „Und jetzt wollten sie wissen, ob Marihuana sein Gedächtnis zerstört.“ Sie wussten nichts über die Pflanze und traten nun ihrerseits auf Mechoulam zu. „Und wir hatten es zu dem Zeitpunkt gerade geschafft, die ersten Wirkstoffe zu isolieren.“ So groß die anfängliche Skepsis der Amerikaner, später unterstützten sie Mechoulams Wissenschaft 40 Jahre lang. „Nachdem ich beweisen konnte, dass meine Arbeit von wissenschaftlichem Nutzen war, wurde ich sehr respektiert.“

KUCHEN MIT EFFEKT

Dalia, Mechoulams Ehefrau, erscheint im Foyer und setzt sich an den Tisch gegenüber. Die beiden lernten sich vor fast 60 Jahren in der israelischen Armee kennen und lieben, zogen drei Kinder groß, mit Folgen: „An den Wochenenden kocht meine Frau immer für 15 Personen“, erzählt der stolze Großvater von sieben Enkelkindern.

SIE LEHNTE SICH ZURÜCK UND WAR IN EINER ANDEREN WELT.

Sie bestätigt, damals auch den Versuchskuchen gebacken zu haben, der in die Geschichte einging: Zehn Freunde der Mechoulams nahmen an einem „personal experiment“ teil, in dem ein Kuchen die Hauptrolle spielt. In fünf Portionen befanden sich jeweils zehn Milligramm THC. „Ein bisschen viel für jemanden, der es noch nie ausprobiert hat“, sagt er und klingt ein wenig entschuldigend. Eine damals junge Freundin verspürte plötzlich extreme Ängste – „als würde ein Vorhang fallen und ihr Innenleben sichtbar werden“, habe sie ihm hinterher beschrieben. Mechoulam selbst ist kein Cannabisnutzer, nicht einmal im Dienst der Wissenschaft. „Die anderen zwei Herren der Runde sagten, sie würden nichts spüren. Der eine lachte aber alle 15 Sekunden.“ (Mechoulam ahmt halbherzig sein Lachen nach). Der andere hörte nicht mehr auf zu reden. „Vielleicht hatte es damit zu tun, dass er Knesset-Abgeordneter war“, murmelt er vor sich hin. Und seine eigene Frau? Die machte das, was man landläufig unter Chillen versteht: „Sie lehnte sich zurück und war in einer anderen Welt“, sagt er trocken, blitzt kurz mit den Augen und wechselt das Thema.

WIR NENNEN ES ANANDAMID

Die junge Forscherin Allyn Howlett aus USA fand in den 80er Jahren im Gehirn eine eigene Andockstelle für THC. Eine große Entdeckung: „Rezeptoren sind eigentlich für menschliche Wirkstoffe“, erklärt er. Es musste also ein körpereigenes Gegenstück zu THC geben. Also suchten Mechoulam und sein Team mit der Lupe nach Stoffen, die an der gleichen Stelle, dem Cannabinoid-Rezeptor, andockten. Über zwei Jahre dauerte es, winzige Mengen von Arachidonylethanolamid aus Schweinehirnen zu isolieren. Als Entdecker durfte das Team dem Stoff einen neuen Namen geben. „Wir gingen davon aus, es hat mit Emotionen zu tun und Freude“, erzählt Mechoulam. Ausgehend vom Rausch nahm es das Sankrit-Wort ananda, was so viel bedeutet wie innere Glückseligkeit, und fügte die Endung der chemischen Verbindung an. „Anandamid kommt in kleinen Mengen vor und immer nur dann, wenn und wo es im Körper gerade gebraucht wird“, beschreibt er die kurzen Botenstoff-Feuerwerke. „THC verbleibt im Körper für eine längere Zeit, das ist ein großer Unterschied.“ Während die Entdeckung von THC für wenig Aufsehen sorgte, stieß Anandamid Anfang der 1990er auf große Resonanz. „Weil ein neuer Neurotransmitter gefunden worden war.“ Und die passenden Rezeptoren, an denen Cannabinoide andocken, lagen in einer höheren Anzahl vor als die der bereits bekannten Überträgerstoffe. Endocannabinoide mussten also im menschlichen Organismus von immenser Bedeutung sein. Vor einigen Jahren äußerte sich das National Institute of Health (NIH) in einem Bericht, dass im Grunde bei jeder Krankheit das Endocannabinoidsystem eine Rolle spielt. „Ein starkes Statement“, sagt Mechoulam – sichtlich froh, dass die Forschung ins Rollen gekommen ist.

CBD? – HAT MECHOULAM AUCH ENTDECKT

Wenig Interesse erlangte auch das nicht-psychoaktive Cannabidiol (CBD). Isoliert wurde es von Mechoulam noch im Jahr vor THC. Ein Freund, Yale-Professor, entdeckte ein Manuskript aus dem 15. Jahrhundert in der Französischen Akademie, das Mechoulams Interesse weckte: Darin war die Rede von einem arabischen Herrscher, der offensichtlich unter Epilepsie litt. Seine Anfälle waren verschwunden, solange er Hanf eingenommen hatte. Anlass für Mechoulam, Mäusen CBD zu verabreichen. Hier stellte er fest, „dass es definitiv funktioniert bei Epilepsie“: Hochdosiertes Cannabidiol bewirkte auch bei menschlichen Studienteilnehmern, schweren Epileptikern, dass die Attacken teilweise komplett aufhörten. Seine Beweise am Menschen Anfang der 1990er Jahre hätten laut ihm die in Kliniken tätigen Neurologen aufschreien lassen müssen. „Das war keine kleine Sache, das war ein Riesending.“ Als Chemiker habe er keine großangelegten klinischen Studien durchführen können, aber dass erst heute ernstzunehmende Konsequenzen gezogen werden, wundert ihn. „In der Zwischenzeit hätte Tausenden von Kindern geholfen werden können. Für Eltern ist das eine tragische Situation“, sagt er und zum ersten Mal klingt Erschütterung in seiner Stimme mit. Erst mit der Feststellung, dass Cannabidiol im gesamten Körper wirkt, kam Fahrt in die Analyse: „Wir fanden heraus, dass es im Knochen bei der Bekämpfung von Osteoporose hilft. Und, dass es Hirntraumata abschwächt. Und gerade erst vor ein paar Monaten entdeckten wir, dass es Suchtverhalten reduziert“, berichtet Mechoulam.

Zum Glück ist der „Godfather“ noch immer aktiv, als Forscher und als Berater des israelischen Gesundheitsministeriums. Denn obwohl man Mechoulam als Instanz anerkennt, die nie an moralischer und wissenschaftlicher Integrität hat zweifeln lassen, gibt es noch genügend Überzeugungsarbeit zu leisten. Ohne die Vorsilbe „canna“ hätten es einige Wirkstoffe vielleicht leichter gehabt. Aber auch so wurde Mechoulam zum Freiheitskämpfer für die Pflanze als Medizin.