MUNCHIES

Dass Cannabis den Appetit anregt, ist häufig auch Menschen bekannt, die sonst nicht viel über die Wirkung der Pflanze wissen. Trotzdem oder gerade, weil dieser Effekt so bekannt ist, wurde er bisher kaum wissenschaftlich erforscht. Eine Studie aus Großbritannien soll das jetzt ändern.

So ziemlich jeder, der schon einmal Cannabis konsumiert hat – ob nun aus medizinischen Gründen oder zum reinen Vergnügen –, kennt es: Das unbändige Hungergefühl, das sich in einem ausbreitet, nicht lange nachdem man einen Joint geraucht hat. Dann spielt es keine Rolle mehr, ob man sich sonst gesund ernährt, eben erst eine volle Mahlzeit zu sich genommen hat oder eigentlich gerade ein paar Pfunde loswerden möchte. Die Anziehungskraft des Kühl- und Küchenschranks, in dem die Kekse und Chips liegen, ist einfach zu stark. Hat man einmal die Packung aufgerissen, gibt es kein Halten mehr. Auf einmal scheint der Magen ein Fass ohne Boden zu sein und man kann unendliche Mengen an Nahrung verdrücken.

Diese Heißhungerattacken werden von Konsumenten unter anderem als „Fressflash“ oder „Munchies“ (aus dem Englischen: to munch – mampfen) bezeichnet. Während Freizeitkonsumenten meist vorsorgen, indem sie sich im Supermarkt mit ihren Lieblingsspeisen eindecken, nutzen Ärzte den Effekt, um ihre schwerkranken Patienten zur Nahrungsaufnahme zu bewegen.

Doch was genau passiert im menschlichen Körper, während er von den Munchies befallen wird? Diese Frage hat sich Dr. Carl Roberts gestellt. Roberts stammt aus North Wales, studierte Psychologie, promovierte in Neurowissenschaften und arbeitet derzeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität von Liverpool. Zusammen mit Prof. Tim Kirk untersuchte er in Tierstudien verschiedene Cannabinoid-Agonisten und Antagonisten und wie diese das Essverhalten verändern.

In den 1970er Jahren wurden einige Umfragen zum Konsum von Cannabis durchgeführt. Veränderungen in der Nahrungsaufnahme wurden dort meist als Teilbereich aufgenommen, doch wirklich genauer untersuchte man das Phänomen damals nicht. Andere Studien zeigten ebenfalls lediglich, dass Cannabis die Kalorienaufnahme erhöhen kann und dass ein regelmäßiger Cannabiskonsum zu Gewichtszunahme führen kann. Die psychologischen Muster, welche dieser Verhaltensweise zu Grunde liegen, wurden jedoch nicht weiter untersucht.

DATEN PER ONLINE-UMFRAGE

„Bei Tieren wurde die appetitsteigernde Wirkung bereits genauer untersucht und es gibt valide Daten. Bisher wurden jedoch wenige Studien mit Menschen durchgeführt“, erklärt Roberts. Für ihn war das überraschend. Er vermutet, dass gerade, weil diese Wirkung allseits bekannt ist, sich niemand je die Mühe gemacht hat, den Umstand genauer zu untersuchen. Um diesen Effekt auf den Menschen besser zu verstehen und erste konkrete Daten zu sammeln, führten der Forscher und sein Team kürzlich drei Online-Umfragen durch. Ziel war es, das Allgemeinwissen über die Munchies mit wissenschaftlichen Daten zu unterlegen. Dabei ging es nicht nur um die Frage, ob Cannabis Menschen dazu anregt (mehr) zu essen, sondern konkret herauszufinden, wie sich das Essverhalten und -empfinden verändert. Insgesamt 28 Fragen sollten die rund 750 Teilnehmer beantworten. Diese wurden auf Basis vereinzelter Erfahrungsberichte, der wenigen Laborstudien mit Menschen und der Tierversuche zusammengestellt. Dazu kamen Fragen, die die menschliche Psychologie und das generelle Essverhalten als Ausgangspunkt nahmen. Die Fragen bezogen sich auf die Auswirkung des Cannabiskonsums in Bezug auf Appetit, Heißhunger, die Moti vati on zu essen, Geschmacksemfi ndungen sowie die Fähigkeit, das eigene Essverhalten zu kontrollieren und mit dem Essen wieder aufzuhören.

Knapp 600 komplett beantwortete Fragebögen hatte das Team am Ende auszuwerten. Bei der Befragung hatten die Forscher keinen Einfluss darauf, wie viel oder wie oft die jeweiligen Personen Cannabis zu sich nahmen und welche Sorten sie verwendeten. „All diese Komponenten müsste man sich im Labor unter kontrollierten Bedingungen genauer angucken, um das Phänomen wirklich verstehen zu können“, räumt Roberts ein. Laut eigener Angaben waren die meisten Befragten regelmäßige Konsumenten.

DIE VORGÄNGE IM KÖRPER

Durch die Daten, die während verschiedener Tierversuche gesammelt wurden, weiß man, dass die Munchies durch die Stimulierung des CB1-Rezeptors durch THC ausgelöst werden. Der CB1-Rezeptor ist einer von zwei Rezeptoren, die sowohl von den Cannabinoiden der Cannabispflanze als auch von den körpereigenen Cannabinoiden, den Endocannabinoiden, angesteuert werden können. Diese Botenstoffe sind für die Steuerung zahlreicher Abläufe im Körper zuständig. Dazu gehören die Stimmung, das Müdigkeitsempfinden und eben auch die Steuerung des Hungergefühls. „Da diese Rezeptoren vermehrt sowohl im Gehirn als auch im Verdauungstrakt vorkommen, ist die Wirkung auf das Hungerempfinden nicht verwunderlich“, beschreibt Roberts die Auswirkung. „Wenn man Cannabis konsumiert, stimuliert man ein System, welches im Körper bereits vorhanden ist. Wir produzieren körpereigene Botenstoffe, die den pflanzlichen Cannabinoiden in vielerlei Hinsicht ähneln“.

„Wir wissen, dass CB1-Rezeptoren in vielen Bereichen des Körpers eine Rolle spielen. Im Belohnungssystem und beim Appetit scheinen sie jedoch eine besondere Rolle einzunehmen“, so der Wissenschaftler. Im Gehirn wird das Hungergefühl im Hypothalamus erzeugt. Dieses Steuerzentrum regelt die vegetativen Funktionen im menschlichen Körper und erzeugt sowohl das Hunger- als auch das Sättigungsgefühl. Dieser Bereich ist jedoch nicht der einzige, der von den Cannabinoiden stimuliert wird. THC wirkt auch im Nucleus Accumbens, einer Gehirnregion, die für das Lustempfinden beim Essen, aber auch die Entstehung von Sucht verantwortlich ist.

MEHR LUST AM ESSEN

Diese Tatsache ließ sich auch bei der Auswertung der Umfrage wiederfinden. Durch die Antworten zeigte sich, dass Cannabis nicht nur den Appetit im Allgemeinen anregt. Die Befragten berichteten, dass für sie Nahrung generell ansprechender erscheint und ihre Aufmerksamkeit stärker auf sich zieht. Auch waren die Befragten nach dem Konsum in der Lage, mehr Nahrung zu sich zu nehmen. Zudem veränderte sich die hedonistische Bewertung des Essaktes: So waren viele Konsumenten nach dem Cannabiskonsum eher dazu geneigt, aus reiner Lust heraus zu essen. Cannabis erzeugt also nicht nur den Drang zur Nahrungsaufnahme, es verstärkt auch den beim Essen empfundenen Genuss und verlängert dadurch die Zeitspanne, in der gegessen wird.

„Es hat den Anschein, dass Cannabis bzw. die Cannabinoide eine Auswirkung auf das Geschmacksempfinden haben. Lebensmittel, die man mag, erscheinen so noch begehrenswerter. Wir haben dazu noch nicht genügend Daten sammeln können, doch es hat den Anschein, als treffe dies nicht nur auf die Lieblingsspeisen zu, sondern auf Nahrungsmittel allgemein.“ Durch Umfragen allein lässt sich dies nur schwer herausfinden. Gerade Freizeitkonsumenten sorgen vor dem Cannabiskonsum mit dem Einkauf diverser Speisen und Snacks, die sie mögen, vor.

„Wenn man die appetitsteigernde Wirkung medizinisch nutzen will, um zum Beispiel Gewichtsverlust entgegenzuwirken, möchte man, dass die Patienten nicht nur Schokolade und Chips in sich reinstopfen, sondern sich gesund und ausgewogen ernähren. Wenn Cannabis tatsächlich alle Lebensmittel angenehmer erscheinen lässt, können wir dieses Ziel eher erreichen“, gibt Roberts einen Ausblick auf die Möglichkeiten. Für ihn hat die Forschung in diesem Feld gerade erst begonnen.

NUTZEN IN DER MEDIZIN

„Wir wollen eine detaillierte Analyse des Essverhaltens aufstellen, um dann im nächsten Schritt verbesserte Behandlungsmöglichkeiten, beispielsweise für Kachexie, zu entwickeln“, erklärt Roberts. Abmagerung in Folge von Übelkeit und Appetitlosigkeit tritt häufig bei Krebskranken oder AIDS-Patienten auf, entweder als Teil des Krankheitsbilds oder als Nebenwirkung der Behandlung. Durch die Unfähigkeit, Nahrung aufzunehmen oder bei sich zu behalten, magern die Betroffenen immer mehr ab. Dem Körper fehlen so wichtige Nährstoffe, um sich zu regenerieren und wieder zu Kräften zu kommen. „Wir glauben, dass Cannabismedikamente hier vielen Menschen helfen können. Durch die Anregung des Appetits und die Verringerung von Übelkeit können diese Menschen wieder essen. Der Körper kann sich so durch die zugeführte Energie zumindest ein Stück weit erholen.“

WENN MAN DIE APPETITSTEIGERNDE WIRKUNG MEDIZINISCH NUTZEN WILL, MÖCHTE MAN, DASS DIE PATIENTEN NICHT NUR SCHOKOLADE IN SICH REINSTOPFEN

Es gibt auch bereits einige Überlegungen, Cannabis bei der Behandlung von Anorexie anzusetzen. Roberts ist jedoch skeptisch: „Bei Anorexie spielen eine Vielzahl von psychologischen Faktoren eine Rolle. Die Betroffenen hungern nicht etwa, weil sie nicht essen können, sondern weil sie nicht wollen“. Für ihn sollte hier eine Behandlung der psychischen Probleme, die die Menschen vom Essen abhalten, im Vordergrund stehen.

Um das Phänomen „Munchies“ wirklich zu verstehen, muss es zuerst bei der gesunden Bevölkerung untersucht und klassifiziert werden. Erst danach könne man die Entwicklung von Medikamenten in Angriff nehmen. Dass mit den Cannabisblüten bereits schon jetzt vielen Menschen geholfen werden kann, zeigen zahlreiche Erfahrungsberichte von Patienten weltweit, die durch den Konsum wieder mehr Appetit verspüren.

Was man tun kann, um zu verhindern, dass einen der Heißhunger überkommt? Schließlich ist der appetitanregende Effekt nicht in jedem Fall gewünscht. Hier muss Roberts mit den Schultern zucken und gestehen, dass er sich diese Frage noch nie wirklich gestellt hat. Bei Tieren gäbe es einige Mittel, um den Appetit zu unterdrücken. Doch für gesunde Menschen würde der Forscher keine dieser Methoden empfehlen. Es existieren einige Daten, die vermuten lassen, dass CBD nicht nur der psychoaktiven Wirkung von THC entgegenwirkt, sondern auch der Appetitsteigerung, doch hierzu fehlt es noch an verlässlichen Untersuchungen. „Die Cannabispflanze enthält zahlreiche Stoffe, die sich gegenseitig in ihrem Effekt beeinflussen“, soviel ist sich Roberts sicher, „und um diese zu verstehen und vielleicht später einmal medizinisch nutzen zu können, sind noch viele Studien nötig. Wir stehen hier noch ganz am Anfang.“