MOZART MIT DER PIEPE

Vielleicht hätten die „Leiden des jungen Werther“ sich in Luft aufgelöst und vermutlich wäre die Arie der „Königin der Nacht“ nicht so schön hysterisch – wenn Goethe, Mozart und viele weitere Musiker, Literaten und Philosophen den Hanf nicht für sich entdeckt hätten. Cannabis war mal ziemlich normal, aber nicht weniger wirksam als heute.

Heutzutage wird immer wieder als Argument gegen Hanf und Cannabis ins Feld geführt, dass es sich um eine in unseren Breitengraden kulturfremde Pflanze handele. Dass dies gar nicht stimmt, zeigt ein Blick in verschiedene Werke zur Heilpflanzenkunde und Volksmedizin, alte Apothekerbücher und simple Führer zu Pflanzen unserer Heimat. In alten Büchern finden sich zahlreiche Hinweise zum Hanf im mitteleuropäischen Gebiet, vor allem auch im deutschsprachigen Raum und den angrenzenden Ländern und Regionen. Auch die Beschäftigung mit den Ikonen der klassischen europäischen Kunst – Musiker, Literaten, Philosophen etc. – lässt durchblicken, dass schon Größen wie Bach, Mozart, Twain und viele andere sich den Hanfwirkungen hingegeben haben.

Wenn es auch nur selten in den Fokus der Öffentlichkeit gerät, so machten eine ganze Reihe von kulturschaffenden Berühmtheiten Erfahrungen mit Cannabis. Nennen wir nur die Philosophen Friedrich Nietzsche und Georg Wilhelm Friedrich Hegel, die Dichter Hermann Hesse, Mark Twain, Victor Hugo, Honoré de Balzac und Théophile Gautier sowie die musikalischen Superstars Johann Sebastian Bach und Wolfgang Amadeus Mozart. Alle der genannten Prominenten waren auf die eine oder andere Art Freunde des Hanfs.

Johann Sebastian Bach war ganz offensichtlich dem guten alten Knaster zugetan. Auch wenn bis heute – aus ungeklärten Gründen – zahlreiche Quellen den von Bach verwendeten Knaster als Tabak deuten, so ist doch der damals allgegenwärtige Hanf damit gemeint. Zur Info: Die Bezeichnung Knaster bezieht sich auf die während des Rauchvorgangs abbrennenden Samen des Hanfkrauts, die beim Erhitzen aufplatzen und manchmal laute Knackgeräusche verursachen. Bach schrieb zusammen mit seiner Frau im „Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach“ von 1725: „So oft ich meine Tobacks-Pfeife, mit gutem Knaster angefüllt, zur Lust und Zeitvertreib ergreife, so gibt sie mir ein Trauerbild – und füget diese Lehre bei, daß ich derselben ähnlich sei.“

Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel soll eine Schnupftabakmischung mit psychoaktivem Zusatz von Cannabis indica gebraucht haben. Hegel-Forscher Heiner Höfener schreibt dazu in seinem Buch „Die Hegel-Spiele“: „Weniger bekannt […] ist, daß zu jener Zeit der Schnupftabak, dem Hegel kräftig zusprach, mit Cannabis versetzt war und damit eine rauschhafte Wirkung hatte.

Dadurch befand sich Hegel ständig in einem euphorisierten Zustand, der sichtbaren und hörbaren Einfluß auf seine Sprache gehabt haben muß. Während seiner Vorlesungen schnupfte er so kräftig, daß die Reste auf dem Katheder ausreichten, um seine Hörer zu erfrischen.“ Es wundert nur wenig, dass Cannabis mit seinen assoziativen und den Geist beflügelnden Eigenschaften schon vor 200 Jahren die denkende und kulturschaffende Gesellschaft mit Inspiration bedacht hatte. Werfen wir der Vollständigkeit halber einen Blick auf einen Fake, der u. a. den Lesern von „Der Spiegel“ vor Jahren aufgetischt wurde.

Es handelt sich um eine ausgedachte Geschichte über Johann Wolfgang von Goethe und seinen Kollegen Friedrich Schiller. Die Story stammt in Wirklichkeit von einem Schweizer Journalisten, der sich offenkundig einen Scherz erlaubt hatte. Der Originaltext érschien Anfang der Neunzigerjahre zuerst in der Weihnachtsbeilage der Schweizer WochenZeitung WoZ und zitiert angeblich Goethe. Der vermeintliche Goethe schilderte in der Geschichte, wie er zusammen mit Schiller beschloss, das Hanfrauchen zu probieren, das sich unter Schillers Studenten großer Beliebtheit erfreute. Sie machten sich am Folgetag auf den Weg, „um in Geselligkeit jenes vielgerühmte Kraut zu rauchen, da hier, wie oftmals, nur naturhafte Anschauung hilft“. Gemeinsam mit einigen anderen Männern machte man sich also daran, die Pfeife zu stopfen und anzuzünden. Danach beschreibt der große Dichter, wie einige seiner Begleiter von einem starken Mitteilungsbedürfnis erfasst und von krankhaftem Kichern geschüttelt werden. Der Bericht endet damit, dass sich Goethe und Schiller im Wirtshaus den Bauch vollschlagen und Schiller schließlich mit dem Kopf auf seinem Wurstteller einschläft.

Der Text soll den Eindruck erwecken, dass es sich bei Goethe, Schiller und Co. bereits um ausgewiesene Cannabisten gehandelt habe – was jedoch tatsächlich in dieser Form nicht beweisbar ist. Die Geschichte des Journalisten Johann C. Seibt wurde dennoch schnell überall bekannt und sorgte für so manchen Aha-Effekt. Dass Goethe und Schiller unter der Einwirkung von Cannabis einen klassischen „Fressflash“ erlebt und diesen dann mit Hilfe von Wursttellern befriedigt haben sollen, ist schlichte Fiktion, die der Gedankenwelt des Schweizer Schreiberlings entsprungen war. Es gibt allerdings auch Quellen, die eine tatsächliche Affinität klassischer Künstler von Weltrang zum Cannabis belegen. Zum Beispiel im Falle von Wolfgang Amadeus Mozart.

Der Schriftsteller, Bestsellerautor und Hanfexperte Mathias Bröckers legt in seinem Buch „Cannabis“ dar, dass Wolfgang Amadeus in seinen jungen Jahren Süßigkeiten liebte, die mit Cannabis versetzt waren. Kein Wunder: Zu Lebzeiten Mozarts war zum Beispiel Haschischtinktur in den europäischen Apotheken allgegenwärtig. In Deutschland und Österreich wurde der Hanf nach Einführung des damals gerade bekannt gewordenen und beliebten Tabaks nur noch abschätzig „Arme-Leute-Kraut“ genannt – bis dahin war nämlich schier überall Cannabis angebaut und von den Bauern als Rauchkraut für den Feierabend verwendet worden.

Das Leben Mozarts war von zahlreichen Krankheiten geprägt. Schon als Kind hatten ihn diverse Leiden ereilt, zum Beispiel Mandelentzündungen, Pocken, Gelenkrheumatismus, Ausschläge, Streptokokkeninfektionen, wiederkehrende und schwere Erkältungen, Schmerzen verschiedener Art, Polyarthritis und andere Erkrankungen und Symptome. Zudem litt Wolfgang Amadeus häufig unter heftigen Kopfschmerzen. Das könnte ein Grund gewesen sein, weshalb er sich intensiv mit Hanfpräparaten befasste und die Pflanze und deren Zubereitungen zur Therapie seiner Leiden einsetzte – eventuell auch unbewusst.

So müssen sich die Geister in jener duftigen Welt verhalten, in die wir nach unserem Tod reisen.

Zum Schluss schauen wir uns noch an, was der französische Schriftsteller Théophile Gautier, ein bekennender Freund des Haschischrauschs und Mitbegründer des 1844 ins Leben gerufenen „Club des Hachichins‟ (Klub der Haschischesser), am 1. Februar 1846 in der „Revue des Deux Mondes“ aus Paris über die Wirkung des Hanfharzes geschrieben hatte: „Ich befand mich in der glücklichsten Phase des Haschischrausches, die im Orient kif heißt. Jetzt spürte ich nicht mehr meinen Körper; die Bande zwischen Geist und Materie waren nur schwach, der bloße Wunsch brachte mich in eine Umgebung, die mir keinerlei Widerstand bot. So müssen sich, stelle ich mir vor, die Geister in jener duftigen Welt verhalten, in die wir nach unserem Tod reisen.“

Die Beispiele zeigen, dass Cannabis ganz und gar nicht kulturfremd bei uns ist. Unsere kulturellen Schrittmacher früherer Zeiten – die Künstler, Dichter und Denker – inspirierten sich sicher auf ganz ähnliche Weise mit psychoaktiven Substanzen, wie es heutzutage (nicht nur) bei Künstlern und Kreativen der Fall ist. Diese Gewohnheit ist also keinesfalls ein modernes Phänomen der „Rauschgiftkultur“ – im Gegenteil: Rauschmittel haben schon immer die Kunst und Kultur beeinflusst. „Damit es Kunst giebt, damit es irgend ein ästhetisches Thun und Schauen giebt, dazu ist eine physiologische Vorbedingung unumgänglich: der Rausch“, äußerte sich Nietzsche einst. Damals wurden berauschende und anregende Stoffe nicht als Rauschgifte bezeichnet. Die Einnahme von „kleinen Helfern“ aus dem Arzneischrank oder von pharmakologischen Arkana aus der Naturapotheke war in der vorprohibitionistischen Vergangenheit weder eine Seltenheit, noch gesellschaftlich verpönt. Erst Ideologien von Adolf Hitler, dem US-Antidrogenkämpfer Harry J. Anslinger und weiteren Protagonisten des rassistisch und wirtschaftlich motivierten Kriegs gegen die Drogen (ausgerufen von US-Präsident Richard Nixon) verteufelten Rauschmittel sowie deren Konsumenten (wenngleich Adolf Hitler als Kokainist und Opiatekonsument selbst einer der größten Drogenkonsumenten gewesen sein dürfte, die die Welt je gesehen hat; nachzulesen im Buch „Der totale Rausch“ von Norman Ohler).

Der das Ekstatische und Lebensgefährliche gemeinsam subsumierende und assoziierende Begriff „Rauschgift“ wurde erst mit der Ideologie der Nazis verbreitet, um ungeliebte Stoffe zu verunglimpfen und um Konsumenten von psychoaktiven Mitteln kontrollieren und mundtot machen zu können. Umso bedenklicher, dass dieses Wort bis heute unkritisch verwendet wird.

Im heutigen Juristenjargon hat man sich auf einen anderen, nicht unbedingt passenderen Begriff geeinigt. Dort ist die Rede von „Betäubungsmitteln. Das grenzt sich zwar vom „Rauschgift“ ab, ist ansonsten aber genauso undifferenziert. Kontraproduktiv für einen Wandel der kollektiven Meinung ist auch, dass diese Begriffe, vor allem der des „Rauschgifts“ immer wieder von Medien und Staatsgewalt verwendet werden. Nicht nur hier ist ein Umdenken wichtig, wenn wir wirklich etwas verändern wollen. Denn die innere Transformation beginnt häufig mit der Wahl der richtigen Worte.