MIT KÖRPER UND GEIST

Dr. Donald Abrams behandelt seit langem Patienten, die mit Krebs leben. Cannabis ist dabei eines von vielen Mitteln, die ein Stück Lebensqualität zurückbringen sollen. Ein Interview.

Wie sind Sie dazu gekommen, sich mit Cannabis als Medizin auseinanderzusetzen?

Ich habe in den 1960er Jahren die Universität besucht. Die Leute lachen, wenn ich das sage, aber was ich damit meine ist, dass ich weiß, was Cannabis ist und was es nicht ist. Ich habe damals persönliche Erfahrungen damit gemacht und kenne die Wirkung. Während meiner Ausbildungszeit zum Onkologen wurde Aids plötzlich zum Thema. Wir wussten damals nicht, womit wir es zu tun hatten und was wir dagegen tun konnten. Dadurch wurde ich zum Fachmann für alternative Behandlungsmethoden.

Anfang der 1990er Jahre entstand dann das Vorhaben, am San Francisco General Hospital in einer Studie den medizinischen Nutzen von Cannabis für Aids-Patienten zu untersuchen. Es sollten Patienten mit dem Wasting-Syndrom, also mit hohem Gewichtsverlust, untersucht werden. Ich habe mich dieser Aufgabe gewidmet. Fünf Jahre hat es gedauert, bis es mir gelungen ist, Cannabis von der US-Regierung für wissenschaftliche Zwecke zu bekommen. Die einzige legale Quelle für Marihuana für Forschungszwecke in den USA ist bis heute das National Institute On Drug Abuse (NIDA). Diesem wird von der Regierung vorgeschrieben, dass sie als „schädlich“ klassifizierte Substanzen nur als solche untersuchen lassen dürfen. Daher konnte die Studie, so wie sie ursprünglich geplant war, nicht durchgeführt werden.

Wie haben Sie die Durchführung dann ermöglicht?

Zum einen hat Kalifornien 1996 Cannabis für medizinische Anwendungen zugelassen, zweitens kamen Protease-Hemmstoffe großflächig als Aids-Medikament zum Einsatz. Damit konnte dem Wasting-Syndrom entgegengewirkt werden. Diese Medikamente sind jedoch tückisch, weil sie in der Leber abgebaut werden genau wie andere Medikamente, wodurch zahlreiche Wechselwirkungen hervorgerufen werden können. Cannabinoide werden ebenfalls auf diese Weise abgebaut. Ich formulierte die Studie also so um, dass untersucht werden sollte, ob es sicher für Aids-Patienten ist, Cannabis zu konsumieren, wenn sie gleichzeitig mit Protease-Hemmern behandelt werden. Solange ich die Sicherheit bzw. potenziellen Schaden untersuchte, war NIDA in der Lage, mir Cannabis zur Verfügung zu stellen und meine Forschung zu finanzieren.

1999 wurde ein Forschungszentrum für medizinisches Cannabis an der Universität von Kalifornien eröffnet. Dieses Zentrum hat dann Studien finanziert, die den möglichen Nutzen von Cannabis überprüften. In einer späteren
Studie untersuchten wir die Wechselwirkungen zwischen Cannabinoiden und Opiaten bei Krebspatienten, speziell Brust- und Prostatakrebs sowie Schmerzen, die durch Metastasen in den Knochen ausgelöst wurden.

In welcher Form bekamen die Studienteilnehmer Cannabis?

Anfänglich rauchten die Patienten Joints. Es wurde allerdings schnell ersichtlich, dass die meisten dies nicht als akzeptablen Weg der Medikamenteneinnahme anerkennen. Also begannen wir Tests, in denen wir die Einnahme durch einen Vaporisator mit dem Jointrauchen verglichen. Durch die Studie konnten wir belegen, dass durch das Vaporisieren der gleiche Wirkstoffgehalt ins Blut gelangt wie beim Rauchen einer Cannabiszigarette. In den folgenden Studien verwendeten wir dann nur noch die Vaporisatoren.

Was genau versteht man unter integrativer Krebsbehandlung?

Bei dieser Form der Behandlung steht der Patient und die Beziehung zu ihm im Mittelpunkt. Hier werden die aussichtsreichsten Methoden aus der konventionellen und der alternativen Medizin verbunden. Nach meiner Ausbildung habe ich meine Praxis für integrierte Medizin an der Universität of California in San Francisco für integrative Onkologie eröffnet. Ich sage oft: Im San Francisco General Hospital behandle ich Krebs und im Osher Center für integrative Medizin der Universität behandle ich Patienten, die mit Krebs leben. Gegenüber meinen Patienten beschreibe ich Krebs oft als Unkraut. Es gibt Menschen, die sich um die Unkrautvernichtung kümmern. Meine Aufgabe ist es, mich dem Garten zu widmen, um den Boden für Unkräuter möglichst unattraktiv zu machen.

Wie gestaltet sich die Behandlung dieser Menschen?

Ich spreche mit meinen Patienten über Ernährung, Sport und Bewegung, Nahrungsergänzungsmittel, Stressverminderung, sowie allgemein die Behandlung von Körper und Geist. Dazu gehört auch die traditionelle chinesische Medizin und Spiritualität. Ich helfe meinen Patienten dabei, diese Maßnahmen in ihre konventionelle Krebsbehandlung zu integrieren und diese so zu unterstützen. Die Patienten werden dadurch befähigt, eine aktive Rolle in der Behandlung zu spielen. Sie können ihre Behandlung auf diese Weise selbst in die Hand nehmen. Sie können entscheiden, welchen Sport sie treiben und wie sie sich zukünftig ernähren.

Normalerweise geht es vielen Patienten so, dass ihnen mit der Diagnose Krebs sämtliche Kontrolle entzogen wird. Ihr Leben liegt dann scheinbar in den Händen der Ärzte und sie fühlen sich den Chirurgen und Radiologen ausgeliefert. Wenn ich mich zum ersten Mal mit Patienten treffe und mit ihnen das weitere Vorgehen bespreche, gebe ich ihnen „Werkzeuge“ an die Hand, um die Kontrolle zurückzuerlangen. Dadurch können sie Einfluss nehmen auf den weiteren Verlauf ihrer Behandlung und auf ihr Befinden. Das schafft Hoffnung, und das ist manchmal schon das Wichtigste.

Welche Rolle spielt Cannabis bei der integrativen Behandlung?

Bei einer weiteren Studie, die NIDA finanziert hat, widmete man sich der Frage, ob es sicher ist, Cannabis während der Behandlung mit Opiaten zu verwenden. Wir haben dabei festgestellt, dass sich die Menge der Opioide im Blut durch die Zugabe von Cannabis nicht signifikant verändert hat. Es hatte jedoch den Anschein als würde durch die gleichzeitige Schmerzempfinden positiv beeinflussen.

Häufig empfehle ich meinen Patienten Cannabis gegen Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen und Schmerzen – die eventuell im Zusammenhang mit Opiaten, Schlaflosigkeit, Angstzuständen und Depressionen auftreten. Anstatt ihnen fünf oder sechs Präparate zu verschreiben, die die Symptome einzeln bekämpfen und die sowohl untereinander als auch mit der Chemotherapie negative Wechselwirkungen haben können, verschreibe ich ihnen eine einzige Medizin und diese ist eine Pflanze.

Ich frage meine Patienten jedes Mal, was ihnen Freude bereitet. Bei einer nicht unwesentlichen Anzahl ist es die Arbeit im eigenen Garten. Die Fähigkeit, Leben aus der Erde zu bringen, wenn man selbst vielleicht im Sterben liegt, ist für viele ein Segen. Wenn man dann noch eine eigene Medizin anpflanzen kann, gibt einem dies ein bestärkendes Gefühl.

Besprechen Sie mit Ihren Patienten häufig die Möglichkeit des eigenen Anbaus?

Einige meiner Patienten bauen selbst an. Ich habe auch Patienten, die dies im größeren Stil machen und damit verschiedene Dispensaries versorgen. Der Großteil bevorzugt es jedoch, in eine Dispensary bzw. Apotheke zu gehen. Der fachgerechte Anbau von Cannabis in den eigenen vier Wänden ist nicht ohne Tücken. Für viele ist der Arbeitsaufwand und die all-gemeine Belastung, die damit verbunden ist, einfach zu viel, wenn sie gerade durch die Chemotherapie gehen.

Bisher gibt es nicht ausreichend Studien, um die Wirkung von Cannabis bei der Behandlung von Krebs zu belegen bzw. ausreichend zu verstehen. Was ist nötig, um daran etwas zu ändern?

Das größte Problem ist, dass Cannabis in den USA auf nationaler Ebene immer noch als illegale Droge ohne medizinisches Potenzial gilt, deren Erforschung daher auch nur sehr begrenzt gefördert werden kann. Ich brauche jedoch keine randomisierte placebokontrollierte Doppelblindstudie, um zu wissen, dass Cannabis gegen Übelkeit eingesetzt werden kann. Ich habe 34 Jahre Berufserfahrung und ich sehe, dass es hilft. Wenn wir diese Studien brauchen, um Politiker oder Krankenkassen zu überzeugen, dann müssen wir sie durchführen. Ich halte dies jedoch für Zeit- und Geldverschwendung.

Was sagen Sie Patienten, die zu Ihnen kommen und glauben, dass Cannabis Krebs heilen kann?

Ich sage ihnen, dass es dafür bisher nur Hinweise aus Versuchen im Reagenzglas und in einigen Tierversuchen gibt. Bei Menschen haben wir bisher keine Daten darüber, dass Cannabis überhaupt irgendwie auf Krebszellen wirkt, geschweige denn, dass es die Fähigkeit hat, Krebserkrankungen zu heilen. Hier ist noch jahrelange Forschung nötig. Allem voran müssen wir belegen, dass es für Patienten sicher ist, während der Chemotherapie hochdosierte THC- oder CBD-Konzentrate zu sich zu nehmen. Diese werden nämlich in der Leber vom gleichen System abgebaut wie die Chemotherapiepräparate. So kann zum Beispiel die Einnahme von CBD den Abbau bestimmter Stoffe verlangsamen, was den Körper schädigen kann. Durch die Verlangsamung oder gar Verhinderung des Abbauprozesses kann die ohnehin giftige Wirkung der Chemotherapie noch verstärkt werden. Hier muss schnellstmöglich durch Studien Klarheit geschaffen werden.

Im Internet stößt man immer wieder auf Erfahrungsberichte, in denen Menschen beschreiben, dass Cannabis ihre Krebserkrankung geheilt hätte. Wie sind diese Berichte zu bewerten?

Es gibt sogar einige meiner eigenen Patienten, die im Internet berichten, Cannabis hätte sie geheilt. In diesen Fällen schienen die Betroffenen vergessen zu haben, dass sie sich ebenfalls einer Operation und einer Chemotherapie unterzogen haben. Es gibt im Internet alle möglichen Berichte von Menschen, die behaupten, dies oder jenes hätte sie geheilt. Ich finde das sehr schade, denn Cannabis kann eine sehr nützliche Medizin für Menschen mit Krebs sein. Ich hoffe, dass Patienten nicht das Kind mit dem Bad auskippen, wenn sie durch diese Berichte euphorisiert zu ihrem Onkologen gehen und der ihnen dann berichtet, dass das alles Unsinn und Cannabis keine gute Medizin sei – denn das ist es.