MEXIKO – KRAFTPFLANZEN UND DROGENKRIEG

Europa und Nordamerika sind die größten Verbrauchermärkte für Cannabis. Anbau und gewaltsame Folgen finden meist anderswo statt. In Mexiko zum Beispiel. Hier macht sich der Verein „Studenten für eine vernünftige Drogenpolitik“ für neue Strukturen stark.

Mexiko ist mit über 123 Millionen Einwohnern das fünftgrößte Land des amerikanischen Kontinents. Es ist das Land, in dem die meisten Kraft- bzw. entheogenen Pflanzen wachsen. Die mexikanische Kulturgeschichte ist ohne den religiösen und schamanischen Gebrauch der heiligen Pflanzen nicht denkbar, wie zahlreiche archäologische Funde bestätigen. Über hundert bewusstseinserweiternde Pflanzen und Pilze wachsen in Mexiko, die bedeutsamsten sind die Zauberpilze (Psilocybe mexicana), der Peyote-Kaktus, die Winden und einige Arten des Stechapfels. Heutzutage gehört auch Hanf zur mexikanischen Kultur, auch wenn dieser nicht zu den heimischen Pflanzen zählt. „Mariguana“, wie sie in Mexiko genannt wird, wurde erst im 16. Jahrhundert von den spanischen Konquistadoren nach Mexiko gebracht und angebaut. Die Einheimischen lernten so den unterschiedlichen Nutzen der Pflanze kennen und schätzen. Neben der Herstellung von Textilien und Seilen wurde die Pflanze auch geraucht, eine Verwendungsform, die bis heute stigmatisiert wird.

Um 1917 das Verbot für Hanf leichter durchzusetzen, behauptete man, dass Marihuana nicht dem guten Geschmack entspreche, weil es von Soldaten und einkommensschwachen Menschen geraucht wird. In dem Roman Tropa vieja (Alte Truppe) schildert Francisco L. Urquizo den Gebrauch von Cannabis bei den verwundeten Soldaten der Revolution. 1920 wurde Hanf komplett verboten. Zuerst Produktion, Verkauf und Gebrauch und 1927 dann auch der Export. Später ordnete Präsident Lázaro Cardenas 1940 die Entkriminalisierung von Drogen und die Verteilung von Heroin und Morphium in Apotheken an. In dieser Zeit gelang es der mexikanischen Bundesregierung mit ihrer Schadensminderungsmaßnahme, den Drogenhandel zu zerschlagen. Letztendlich beugte sich Cardenas jedoch dem Druck der US-Regierung und kehrte zur vorangegangenen Verbotspolitik zurück. Kritiker sehen in dieser Politik den Auslöser des brutalen Kriegs gegen Drogen, der bis heute auf den Straßen tobt. Trotz des Verbots haben das Klima und die Nähe zu den USA – einem der größten Verbrauchermärkte – dazu beigetragen, dass Mexiko der größte Produzent und Exporteur von Cannabis in Nord- und Südamerika geworden ist. Weltweit wird das Land nur von Marokko übertroffen.

DER DROGENKRIEG

Seit den 80er Jahren machen die Drogenkartelle in der Region Geschäfte. Aber erst während der Amtszeit von Präsident Felipe Calderón (2006–2012) wurde der Drogenkrieg in Mexiko ausgerufen, der eine Reihe von Problemen wie die Zunahme der Gewalt im Land, Hinrichtungen und die Ausbreitung der organisierten Kriminalität sowie die Entstehung neuer krimineller Gruppen nach sich zog. „Damit die Drogen deine Kinder nicht erreichen“, lautet das Motto der Kampagne, welches viel Ironie in sich birgt, denn bis heute sind Jugendliche am stärksten von den Konsequenzen betroffen. In Chihuahua (der Staat mit der höchsten Anzahl von Tötungsdelikten) wurden im Jahr 2007 201 junge Menschen getötet. 2009 waren es bereits 1.647, was einem Anstieg von 719 Prozent in zwei Jahren entspricht. Die Gefahr für Jugendliche, Opfer eines Morddeliktes zu werden, ist damit fünfmal höher als im Landesdurchschnitt.
Seit dem Beginn dieses verheerenden Kriegs sind in Mexiko 185.000 Menschen getötet worden. Außerdem werden 50.000 bis 100.000 Menschen vermisst. Die Unterwanderung aller staatlicher Einrichtungen gehört zum Alltag genauso wie die Einschränkung der Pressefreiheit durch Bedrohung der Journalisten. Über 250.000 hauptsächlich junge Menschen in Mexiko und Mittelamerika fliehen jährlich vor der Gewalt der Drug Trafficking Organisations.

NETZWERK FÜR EINE ANDERE DROGENPOLITIK

Emma Guadalupe Rodriguez Romero lebt in Mexiko Stadt. Die 26-Jährige wurde dieses Jahr mit dem Jugendpreis für Menschenrechte ausgezeichnet. Romero studierte Politikwissenschaft und öffentliche Verwaltung an der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko (UNAM). Sie ist Mitgründerin und derzeit Vorsitzende des Vereins „Studenten für eine vernünftige Drogenpolitik“, kurz SSDP.
Romero erzählt: „Als ich mit den Fakten des Drogenkriegs konfrontiert wurde, habe ich begonnen, nach alternativen Lösungen für die verschiedenen Probleme, die der Drogenkrieg in meinem Land verursacht, zu suchen. So bin ich zu dem Schluss gekommen, dass das Verbot keine Lösung ist, und noch weniger der frontale Kampf, der nur mehr Gewalt erzeugt.“

Die Erfahrung hat gezeigt, dass das Verbot und der Kampf gegen manche Drogen den Konsum psychoaktiver Substanzen nicht einschränkt. „Die weltweite Verbotspolitik hat katastrophale Folgen und schädigt direkt und indirekt das Leben vieler unschuldiger Menschen. In mehreren Ländern gibt es die Todesstrafe für Menschen, die Cannabis oder irgendeine andere illegalisierte Substanz konsumieren. Deshalb ist es wichtig, weltweit Alternativen zu suchen.“ Eine davon könnte die Regulierung von Cannabis sein. Diese Politik würde – so Romeros Auffassung – mehrere Vorteile bringen wie zum Beispiel die bessere Kontrolle über die Produktion und den Vertrieb.
„SSDP entstand aus dem Bedürfnis, die Gesellschaft über das Thema psychoaktive Substanzen (Drogen) interdisziplinär, ohne Werturteile, Stigmatisierung und mit einer Menschenrechtsperspektive zu informieren und auch in diesem Rahmen zu forschen“, erklärt Romero. Der

DIE WELTWEITE VERBOTSPOLITIK HAT KATASTROPHALE FOLGEN

Verein besteht aus einer interdisziplinären Gruppe von Fachkräften und Studenten verschiedener Universitäten. Er verfügt zudem über eigene Sozial- und Freiwilligenprogramme und arbeiten mit der UNAM sowie mit staatlichen Einrichtungen, lokalen, nationalen und internationalen Organisationen zusammen. Neben der Forschung konzentriert man sich auf die Beratung, Ergänzung, Überwachung und Bewertung der Regierungsprogramme und der öffentlichen Maßnahmen bezüglich des Umgangs mit Menschenrechten sowie den bürgerlichen und kulturellen Rechten. Des Weiteren widmet sich der Verein der Gesundheitsförderung, der Vorbeugung des Missbrauchs illegaler und legaler psychoaktiver Substanzen, der Reduzierung von Risiken und Schäden im Zusammenhang des Konsums und Gewaltprävention.

SSDP strebt eine mitbestimmende und kritische Gesellschaft an, die darüber informiert ist, was psychoaktive Substanzen sind. „Wir fordern eine offene Regierung, die Maßnahmen und Programme mit Schwerpunkt auf Menschenrechten fördert, die allen zugute kommen“, so Romero. Gleichzeitig ist der Verein in der Bevölkerung aktiv, indem Interventionen in gefährdeten Gemeinden und Bevölkerungsgruppen durchgeführt werden. So sollen die soziale Entwicklung und Transformation angeregt und die Beteiligung der Protagonisten im eigenen Lernprozess gefördert werden.

2019 EIN LICHTBLICK

Im Jahr 2019 soll eine neue internationale Drogenpolitik von den Ländern der UNO unterzeichnet werden. Der Erarbeitungsprozess der UNGASS (UN General Assembly Special Session on Drugs) dazu hat bereits 2016 begonnen. Das vorangegangene Abkommen stammt aus dem Jahr 1961 und verbietet bisher jegliche Liberalisierung und Regulierung von Cannabis. Aktivisten und zahlreiche Experten hoffen, dass sich dies nun ändern wird. „Für 2019 hoffen wir, dass sich die derzeitige Drogenpolitik weltweit ändern wird, sodass eine gerechtere und vernünftigere Drogenpolitik entsteht. Deshalb wollen wir die mexikanische Gesellschaft mit Informationen versorgen, um den Druck auf die mexikanische Regierung erhöhen zu können“, so die Politikwissenschaftlerin.

„In Hinblick auf 2019 müssen wir weiterhin auf Veränderungen in der Drogenpolitik drängen, die den jungen Menschen weltweit keinen Nutzen bringt. Es ist wichtig, gemeinsam zu fordern, dass unsere Regierungen und Regierungsprogramme sich zu einer gesundheitspolitischen und menschenrechtlichen Perspektive wandeln. Lateinamerika und Mittelamerika sind die Regionen, die am stärksten von der gegenwärtigen Drogenpolitik betroffen sind, denn sie sind Erzeugerländer und leiden im Vergleich zu den Verbraucherländern viel stärker an der Gewalt, die der illegale Drogenhandel mit sich bringt. Korruption in Regierung, Armut und Ungleichheit, massive Menschenrechtsverletzungen sind die Charakteristika, die leider unsere Region beschreiben, und die Einmischung der USA in dem sogenannten Kampf gegen Drogen hat vor allem fatale Folgen für die soziale Entwicklung“, erklärt Romero.

Die Drogenpolitik in diesen Ländern brauche eine dringende Veränderung, sodass man in einer sicheren Umwelt leben kann und der Drogenhandel einen Teil seiner Macht verliert. Das würde auch die Flüchtlingsströme nach Norden verringern. Am 19. September hat ein Erdbeben das Büro des Vereins stark beschädigt. Derzeit ist man mit dem Wiederaufbau beschäftigt, doch die Organisation benötigt Unterstützung, um ihre Arbeit wie gewohnt fortsetzen zu können. Mehr über die Arbeit des Vereins und Wege, die Organisation zu unterstützen, sind unter folgenden Links zu finden: contacto@epsd.org.mx