Mehr Respekt, bitte.

Das Leben ist kein Ponyhof.

Stephan Pilsinger von der CSU im Interview

Mit den letzten Bundestagswahlen wurde der Münchener Stephan Pilsinger als Vertreter der CSU in den Bundestag gewählt. Der stu­dierte Mediziner arbeitet in seiner Fraktion in den Arbeitsgruppen für Gesundheit und Familie, speziell als Berichterstatter für das Thema Drogen­ und Suchtpolitik. Seine Tätigkeit als Allgemein­mediziner hat er dabei nicht an den Nagel gehängt. Jede zweite Woche ist er zurück in seiner Heimatstadt München und praktiziert in einer Gemeinschaftspraxis. Von Cannabis als Genussmittel hält er nichts. Sein Ziel ist eine Welt, in der weniger statt mehr Drogen konsumiert werden. Umso größer die Überraschung in der Redaktion, als er in.fused zum Interview einlud.

Inwiefern hatten Sie bereits in Ihrer Hausarztpraxis mit medizinischem Cannabis zu tun?

Wir sind eine große Praxis. Einige unserer Patienten bekommen Cannabis-Medikamente verschrieben, dies geschieht jedoch unter engen Kriterien. Es gibt auch immer wieder Leute, die kommen, um sich ihr Lifestyleprodukt verschreiben zu lassen. Viele Ärzte reagieren darauf genervt und auch wir lassen dies nicht zu.

Welche Maßnahmen ergreifen Sie, um dies zu unterbinden?

Ein Hausarzt überlässt es in der Regel Fachärzten oder speziellen Kliniken, Cannabis-Medikamente erstmalig zu verschreiben. Man stellt dann lediglich Folgerezepte für die weitere Behandlung aus, da man kein Experte in dem jeweiligen Bereich ist. Gerade bei neuen Medikamenten möchte man keinen Fehler machen. Man berät die Patienten und stellt mit ihnen dann ggf. gemeinsam den Antrag auf die Kostenübernahme. Jedoch fühlt man sich wesentlich wohler, wenn die Erstverschreibung durch einen Experten stattgefunden hat. Ich denke, dass es bei einigen Patienten durchaus Sinn machen kann, Cannabis zu verschreiben, wenn diese zum Beispiel Opiate nicht vertragen. In unserer Praxis kommt es allerdings seltener vor.

Inwieweit haben Sie sich allgemein mit medizinischem Cannabis auseinandergesetzt?

Ich glaube, dass man die Fortbildung für Ärzte ausbauen muss. Viele Kollegen fühlen sich allein gelassen mit dem Thema. Wenn man so ein Medikament zulässt, muss man auch für die entsprechende Aufklärung sorgen. Dieser Prozess muss in der deutschen Ärzteschaft angestoßen werden. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass man hier Lösungen finden wird. Es geht darum, über Nutzen und Risiken aufzuklären und darüber, ab wann es sich tatsächlich um eine medizinische Indikation handelt und wann der Genusskonsum im Vordergrund steht. Was man nicht kennt, macht bzw. verschreibt man als Arzt nur ungern. Jetzt wo Canna bis zugelassen ist, muss es auch in die Ausbildung der Ärzte aufgenommen werden.

Ich glaube, dass man die Fortbildung für Ärzte ausbauen muss. Viele Kollegen fühlen sich allein gelassen mit dem Thema.

Wie sehen Ihre Erfahrungen mit Cannabis als Genussmittel aus?

Ich habe sehr persönliche Erfahrungen mit dem Thema, sowohl im privaten als auch im medizinischen Bereich. Ich komme aus der Großstadt und in meiner Jugend hatte ich einige Leute in meinem Umfeld, die mehr oder weniger intensiv Cannabis konsumierten. Bei einigen hatte das keine weiteren Konsequenzen, bei anderen hatte es wiederum Auswirkungen, die ich sehr schlimm fand. Psychische Abstumpfung, Auslösung von Psychosen bis hin zum indirekten Selbstmord. Im Studium, während meines Praktikums in der Psychiatrie, bin ich vielen Jugendlichen mit Psychosen begegnet. Viele von denen hatten im Vorfeld intensiv Cannabis konsumiert. Ich will nicht behaupten, dass dies der Grund ist. Ich sehe es jedoch als wahrscheinlich an, dass es der Auslöser war, darauf weisen auch einige Studien hin. Diese Erfahrungen haben mich zu der Erkenntnis kommen lassen, dass man Cannabis unter bestimmten Aspekten medizinisch einsetzen kann. Ich sehe jedoch keinen Grund, es als Lifestyledroge zu legalisieren.

Man kennt im Bekanntenkreis meistens ja auch irgendjemanden, der zu viel Alkohol konsumiert. Würden Sie sagen, dass Cannabis im Vergleich dazu eine gefährlichere Droge ist?

Nein, das würde ich nicht sagen. Ich würde auch nicht sagen, dass Alkohol harmlos wäre. Alkohol ist eine gefährliche Droge, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren. Aber es ist eine gesellschaftlich akzeptierte Droge. Ich sehe das realistisch. Ein Alkoholverbot wäre in der Gesellschaft nicht zielführend, weil nicht durchsetzbar. Trotzdem bin ich der Meinung, dass insgesamt weniger getrunken werden sollte und auch weniger geraucht werden sollte. Ich wünsche mir eine Bevölkerung, die weniger Drogen konsumiert und nicht mehr. Viele Menschen haben Probleme, die sie durch übermäßigen Drogenkonsum zu kompensieren versuchen. Man sollte eher hier ansetzen und diesen Menschen helfen, ihre Probleme zu beheben, anstatt dies durch gewisse Drogen abzudämpfen.

Wie sieht es mit Cannabis aus?

Ich glaube nicht, dass es einer zusätzlichen Droge bedarf. Man kann ja nicht sagen, nur weil es Drogen am Markt gibt, die gefährlich sind, legalisiert man eine weitere Droge.

Ist das Verbot hier zielführend und verhindert den Konsum?

Die ersten Erfahrungen mit Alkohol laufen meist so ab, dass man als Jugendlicher ältere Freunde einkaufen schickt, die dann den Alkohol für die jüngeren beschaffen. Der Jugendschutz greift hier also nur begrenzt. Mir kann keiner erzählen, dass es bei Cannabis dann anders wäre. Hier würden Jugendliche genauso an den Stoff gelangen.

Passiert das jetzt nicht auch?

Ja, aber ich glaube, dass es schon komplizierter ist, an Cannabis zu kommen, wenn man nicht genau weiß, in welchem Laden man es beschaffen kann. In Städten wie Berlin mag die Lebenswirklichkeit eine andere sein als auf dem Land oder in München. Dort wird wesentlich weniger offen konsumiert. Hier würde allerdings durch eine Legalisierung der Zugang erleichtert werden. Ich stelle das Verbot von Cannabis nicht in Frage, da ich glaube, dass der Konsum durch eine Legalisierung zunehmen würde. Auch bei Jugendlichen, wo ich ihn besonders entschieden ablehne. Für mich ist außerdem folgende Überlegung entscheidend: Sagen wir, wir legalisieren Marihuana. Was kommt als Nächstes? Kokain? Was dann? Ecstasy, Pilze? Das ist eine grundsätzliche Frage. Bei der Legalisierung von Cannabis geht es für mich im Kern um die Frage, legalisieren wir alle Drogen, ja oder nein? Ich sage nein! Deswegen ist es für mich zu kurz gegriffen, nur über diesen einen Punkt zu diskutieren. Ich will, dass weniger statt mehr Drogen konsumiert werden, und ich kann nicht erkennen, dass dies durch eine Legalisierung erreicht werden würde.

Sollten denn dann legale Drogen weiter beworben werden?

Es gibt aktuell eine Diskussion über ein Tabakwerbeverbot. Ich finde es paradox, dass manche sagen, sie setzen sich vehement für das Verbot von Tabakwerbung ein, womit ein legales Produkt in der Werbefreiheit eingeschränkt wird. Gleichzeitig soll über die Freigabe einer anderen Droge diskutiert werden. Ich tue mich schwer, dies zusammenzubringen. Die Einschränkung des Werbeverbots hat die Verringerung des Konsums als Ziel. Auf der einen Seite zu sagen, es soll weniger geraucht werden, und auf der anderen Seite die Konsummöglichkeiten anderer Drogen zu erweitern, ist für mich ein Widerspruch. Wenn man den Zugang zu einer Droge erleichtert, wird mehr konsumiert werden und man signalisiert damit, dass etwas nicht gefährlich ist.

Glauben Sie das oder beziehen Sie sich hierbei auf konkrete Studien?

Das sagt mir meine persönliche Erfahrung. Man kann sich gegenseitig immer mit Studien vollmüllen, das machen Sie, das mache ich. Und jeder glaubt nur den Studien, die seiner eigenen Meinung entsprechen. Was ich in der Debatte rund um das Thema Drogenpolitik schade finde, ist, dass der Gegenseite oft Bösartigkeit unterstellt oder Inkompetenz vorgeworfen wird. Beides ist jedoch zu kurz gegriffen. Ich will niemandem Inkompetenz unterstellen und auch keine Bösartigkeit. Ich bin nicht im Bundestag, um jemandem den Konsum zu vergällen. Mir geht es um das gesundheitliche Wohl der Bevölkerung. Einige glauben, dass man durch eine Legalisierung einen besseren Jugendschutz gewährleisten könnte, doch ich bin da anderer Meinung.

Sehen Sie die aktuelle Strafverfolgung von Konsumenten als geeignetes Mittel, um mit Konsumenten umzugehen?

Ich möchte nicht, dass Menschen Drogen konsumieren. Ich möchte aber auch nicht, dass Existenzen vernichtet werden, wenn Menschen einen Fehler machen. Diese Gefahr sehe ich jedoch bei Cannabis. Es ist nicht zielführend, Leuten gleich den Führerschein zu entziehen, weil sie mit Marihuana aufgegriffen wurden, ohne dass sie sich im Straßenverkehr etwas zuschulden kommen lassen haben. Das ist für viele junge Menschen gerade in ländlichen Gebieten eine Existenzvernichtung. Das führt auch nicht dazu, dass die Menschen weniger konsumieren, wenn sie ohne Arbeit zu Hause sitzen und nichts mehr zu tun haben. Über die aktuelle Praxis muss man sich Gedanken machen. Es geht mir in erster Linie um Prävention, weniger um Bestrafung.

Wie gestaltet sich für Sie eine sinnvolle Prävention?

Ich merke an meinen Patienten, dass in der modernen Welt die Einsamkeit bei vielen zunimmt. Gerade in den Großstädten nehmen soziale Bindungen ab. Um mit diesem Gefühl zurechtzukommen, greifen viele zu verschiedenen Substanzen. Man sollte sich also eher Gedanken machen, wie man Menschen hilft, die psychisch angeschlagen sind oder unter starker Einsamkeit leiden. Das wird eine der zentralen Fragen der Zukunft sein, denn es wird immer mehr Menschen, gerade ältere, geben, die allein sind. Auf der anderen Seite sollte an Schulen stärker auf Aufklärung gesetzt werden, was verantwortungsvollen Konsum angeht. Ich fände es zum Beispiel gut, wenn man Jugendliche mit Menschen, die unter Psychosen leiden, zusammenbringt. Die sollen einen Tag mal in die Psychiatrie gehen – so wie ich es getan habe – und sich anschauen, zu was übermäßiger Drogenkonsum führen kann. Dann würden es sich viele überlegen. Ich fände es gut, wenn man den Menschen die direkten Auswirkungen vor Augen führt.

Halten Sie das wirklich für sinnvoll?

Das Leben ist kein Ponyhof. Ich denke schon, dass die Leute verantwortungsvoller konsumieren würden, wenn sie mal gesehen haben, zu was übermäßiger Alkoholkonsum führt.

Ihre erste Wahl wäre also die Abschreckung?

Nein, die Aufklärung über die Risiken und die Konfrontation mit Menschen, die damit schlechte Erfahrungen gemacht haben. Ich will, dass Menschen sich ihrer Risiken bewusst werden, und das geht mit konkreten Beispielen oft anschaulicher und besser. Durch das persönliche Erleben brennen sich Sachen besser ins Gehirn ein. Zahlen allein überzeugen in vielen Fällen nicht, es sind die persönlichen Geschichten. Es geht mir nicht um die totale Abstinenz, sondern um mehr Verantwortungsbewusstsein. Ich gönne jedem seinen Genuss, doch wenn ein Patient zu mir in die Praxis kommt und mir sagt, er trinkt jeden Tag ein Bier, dann sage ich ihm noch nicht, dass er Alkoholiker ist, aber er sollte seinen Konsum überdenken, denn es könnte so auch leicht mehr werden.

Jemand der Bier trinkt, kann sich jederzeit Beratung oder Hilfe holen, ohne Vorurteil oder Strafverfolgung fürchten zu müssen. Bei illegalen Substanzen ist das nicht der Fall. Halten Sie die Strafverfolgung wirklich für das geeignete Mittel?

Das Problem ist eher, dass der Staat zwar Gesetze hat, diese jedoch in vielen Fällen gar nicht vollstrecken kann. Das ist letztendlich auch das Frustrierende für die Polizei. Man muss sich überlegen, wie das weitergeht.

Ich wünsche mir eine Bevölkerung, die weniger Drogen konsumiert und nicht mehr.

Könnten Sie sich mit einer Entkriminalisierung von Konsumenten anfreunden, wie sie in Portugal praktiziert wird?

Es gibt zahlreiche Modelle, die im Raum stehen. Letztendlich wird man schauen müssen, was für die deutsche Lebenswirklichkeit Sinn macht. Das Thema Strafverfolgung sollte angegangen werden, denn es gibt einige Problematiken, die damit verbunden sind. Darüber wie eine Umgestaltung aussehen könnte, werden ich und andere sich zukünftig Gedanken machen. Die Debatte um die Drogenpolitik ist von beiden Seiten sehr ideologisiert, dadurch fehlt es an vielen Stellen an Sachlichkeit. Flapsig gesagt habe ich früher gedacht, Leute, die Marihuana konsumieren, wären gechillter. Was ich an Feedback aus dem Netz erlebt habe, war allerdings alles andere als gechillt. Wenn Menschen glauben, dass sie andere entmenschlichen können, weil diese eine andere Meinung haben, aber selbst Toleranz fordern, finde ich das grenzwertig und nicht konsistent.

Was würden Sie sich für die Debatte wünschen?

Ich würde mir mehr Respekt für die Meinung des anderen wünschen. Und dass man davon ausgeht, dass der andere einem persönlich nichts Schlechtes möchte. Ich will niemandem etwas Schlechtes. Ich habe hingegen bestimmte Ansichten darüber, was gut für die Gesellschaft ist. Wenn man davon ausgeht, dass man selbst etwas Gutes für die Gesellschaft möchte und der andere auch, dann geht man auch anders mit seinem Gegenüber um. Ich habe einige der Leute eingeladen, die mich per Mail oder im Internet beschimpft haben. Viele waren perplex und haben ihre Beschimpfungen revidiert oder meinten am Ende „so schlimm ist der ja gar nicht. Kommt zwar aus Bayern, aber man kann sich trotzdem ganz gut mit ihm unterhalten.“ Auch wenn wir weiterhin anderer Meinung sein werden. Da kann man dann eben drüber diskutieren, doch wenn man dies respektvoll macht, ist das wesentlich zielführender, als wenn man sich gegenseitig beleidigt.