Medizin muss nicht bitter sein

Kochen mit Cannabis klingt nach großem Spaß. Das ist es auch. Aber vor allen Dingen hilft es Cannabispatienten, ihre Medikamente auf angenehme Weise einzunehmen – ohne Rauch, dafür mit viel Geschmack. Unser Koch Rüdiger Klos-Neumann zeigt, wie´s geht.

Wenn Rüdiger Klos-Neumann in der Küche steht, dann brodeln nicht nur die Töpfe. Er erzählt gern und viel – etwa darüber, wie Cannabis sein Leben verändert hat. Seit einigen Monaten fühlt sich der gelernte Koch wieder richtig lebendig. Nur dadurch war der Ortswechsel von der Ruhr an die Spree überhaupt möglich – und hier dreht er den Spieß um und zieht seinen Nutzen aus der Krankheitsgeschichte: Rüdiger ist Cannabiskoch. In seinem Videokanal sens cuisine bereitet er Rezepte zu, die eine besondere Zutat enthalten: Cannabisblüten. Damit hat er ganz offensichtlich einen akuten Nerv der Zeit getroffen. Die Nachfrage nach Gerichten mit THC-Wirkstoff war außerordentlich – unter Followern und der Presse. In den kurzen Videos zeigt er ganze Gerichte und auch Basics wie cannabisierten Honig oder Butter, die vielfältig eingesetzt werden können.

Einfach reinbeißen würde nichts bewirken.

Zurück ins Leben

Über 20 Jahre lang litt Rüdiger Klos-Neumann unter Clusterkopfschmerzen. „Die traten sechs bis achtmal täglich auf und waren so intensiv wie epileptische Anfälle“, beschreibt der 42-Jährige. Mit Schmerzmitteln trotz höchstmöglicher Dosierung kam er an Grenzen, entwickelte immer neu Resistenzen, bis alles hoffnungslos erschien.

Die Behandlung mit Cannabis gab ihn dann endlich das Gefühl „zurück ins Leben zu kommen“, sagt er. Auf dem Beipackzettel wird die Einnahme durch Inhalieren bzw. als Tee empfohlen, Rüdiger fand aber die Idee, es im Essen zu verarbeiten, viel überzeugender. „Viele Patienten sind ja auch keine Raucher. Hier fallen keine Giftstoffe durch die Verbrennung an und außerdem ist die medizinische Wirkung viel effektiver.“ Seine Tagesdosis von acht Gramm würde etwa 30 bis 40 Joints entsprechen – „so viel kann man ja gar nicht rauchen“, lacht er.

Ziel ist es, sich normal zu fühlen

Für die ideale Verarbeitung im Essen musste der Koch experimentieren und recherchieren. Dabei stieß er auf Kochbücher aus den 20er und 30er Jahren, in denen mit Haschisch hantiert wurde. „Aber der Wirkstoffgehalt war damals viel geringer“, sagt er, „eine 1:1-Übertragung würde einen komplett aus den Socken hauen.“ Und darum soll es auch gar nicht gehen, wenn Rüdiger seine Rezepte zusammenstellt. Das Ziel ist es, sich normal zu fühlen. Er ist sich seiner Verantwortung bewusst, weiß, dass je nach Symptomatik ganz andere Dosierungen und Sorten verwendet werden müssen. Die Kochvorführungen sind Vorschläge, die Dosierung muss aber individuell zusammen mit dem Arzt angepasst werden.

So einfach wie Petersilie ist das Kraut nicht zu 9 – „einfach reinbeißen würde nichts bewirken“. Und man darf auch nicht ein Schnitzel mit Gras panieren und in die Pfanne hauen – über 180 Grad erhitzt, und alles wäre verloren. Eine Möglichkeit hingegen ist zum Beispiel die von ihm gern verwendete Cannabutter als Trägerstoff – eine normale Butter mit dem extrahierten Wirkstoff, die er selbst einfach herstellt. Nach dem Anbraten von Fleisch oder Gemüse kann die Bratflüssigkeit mit der Butter vermischt werden. So vermeidet man eine Überhitzung und bekommt ein sanftes Aroma. Die Butter kann aber auch Grundlage für süße Speisen sein.

Das Dessert soll zum Lächeln bringen. Das Geschmackserlebnis der Pflanze ist grandios.

Aromen wie Kräuter

„Das Besondere ist das große Geschmacksspektrum von Cannabis“, gerät der Koch ins Schwärmen. Jede Sorte entfaltet ein anderes Bouquet – manche schmecken beerig, andere zitrisch. Deswegen ist die Zugabe von Cannabis auch kaum beschränkt: Zu Süßspeisen passt es genauso wie zu Herzhaftem. Und wem der Geschmack zu herb daherkommt, kann ihn durch Zugabe von Ingwer abschwächen bis neutralisieren. Seine Menüs sind Choreographien, die mit dem Effekt der unterschiedlichen Sorten spielen. Sativa-dominante Arten haben einen aktivierenden Effekt, Sorten mit einem hohen Indica-Anteil beruhigen. „Bei der Vorspeise kreiere ich gern etwas, das nach vorn bringt, im Hauptgang gehe ich wieder etwas runter, und das Dessert soll zum Lächeln bringen und den Appetit wieder anregen“, sagt er Chef de Cuisine schmunzelnd.
Auch geschmacklich setzt er gezielt unterschiedliche Sorten ein. Für das vorgestellte Pesto empfiehlt er einen fruchtigen Geschmack: Zitrischen Terpene erfrischen – und die Omega-3-Fettsäure macht das Gericht viel bekömmlicher.

Auch zum Mitnehmen

Kombinationsmöglichkeiten sind unendlich, aber eine Regel bricht Rüdiger nie: „Ich würde in Cannabisrezepte nie Alkohol integrieren, weil es schließlich ein medizinisches Produkt bleibt“, erinnert er, „auch wenn der Alkohol verdunsten mag, kann man die Wechselwirkung nicht einschätzen.“ Hätte er mal keine Lust zu kochen, könnte Rüdiger sich auch eine Weile lang über einen Cannabis-versetzten Honig medikamentieren:
„Klar, ich könnte mir pro Monat fünf bis sechs Liter Honig herstellen und den zu Yoghurt, Müsli etc. einnehmen, aber das ist mir auf Dauer zu eintönig“, sagt er. Denn das Geschmackserlebnis der Pflanze sei grandios. Und das gemeinschaftliche Essen mit anderen Patienten einfach zu wichtig. „In Holland und Spanien veranstalte ich auch Dinner für Nicht-Patienten“, verrät er.

Für unterwegs hat Rüdiger neben vorgedrehten Joints gern seine selbstgemachten Kekse oder Schokolade dabei. „Das Tolle ist, dass man solche Edibles in den täglichen Tagesablauf integrieren kann, ohne aufzufallen“, sagt er. Wobei ein bisschen Rampenlicht scheint Rüdiger nicht zu missfallen – aber eben nicht als Kiffer, sondern als Koch, der wieder im Leben steht.