MEDIZIN AUS DEM GARTEN

Ein Rezept für medizinisches Cannabis bedeutet nicht gleich, dass man sich auch ausreichend mit der benötigten Medizin versorgen kann. Damit haben nicht nur Patienten in Deutschland zu kämpfen. Um die Lage der Betroffenen in Chile zu verbessern, hat die Regierung jüngst den Eigenanbau für Patienten genehmigt. Das ist auch der Verdienst von zwei Aktivistengruppen. Eine davon haben wir am Tag der Entscheidung begleitet.

Im Januar 2018 hat das chilenische Abgeordnetenhaus in Valparaiso
in einer Sitzung der Gesundheitskommission beschlossen, Patienten
die Erlaubnis zum privaten Cannabisanbau zu erteilen. Dies ist ein
wichtiger Schritt, der bekräftigt, dass in Chile, wie auch in vielen
anderen südamerikanischen Staaten, ein Umdenken begonnen hat.
Trotz Widerspruchs des Ärzteverbands endete die Sitzung mit einer
Zustimmung der Gesundheitskommission. Inzwischen hat auch das
Parlament mehrheitlich die Entscheidung bestätigt, das Patienten
sich zukünftig selbstständig mit ihrer Medizin versorgen können.

Erste Schritte in Richtung der Freigabe

WENN MAN VON MEDIZINISCHEM CANNABIS SPRICHT, SPRICHT MAN VON MENSCHENRECHTEN.

Bereits 2014 wurde in einem Pilotprojekt der Anbau von Cannabis
zu Forschungszwecken genehmigt. Im Jahr darauf erlaubte Chile
die Verwendung zu medizinischen Zwecken und stufte Cannabis
als weiche Droge ein. Diese Entwicklung wurde maßgeblich durch
die kontinuierliche Arbeit der Non-Profit-Organisation Fundación
Daya vorangetrieben. Ihr Ziel ist die Erforschung und Förderung
alternativer Therapien sowie das Schaffen eines öffentlichen Be-
wusstseins für die Einsatzmöglichkeiten von Cannabis zur Linde-
rung von physischem wie psychischem Leid. Unsere Mitarbeiterin
Anamaría Gutiérrez war im Januar in Valparaiso und konnte die
berühmte Schauspielerin, Cannabisaktivistin und Direktorin der
Fundación Daya, Ana María Gazmuri, am Tag der Entscheidung
begleiten.

WARUM SOLLTEN PATIENTEN UNSUMMEN BEZAHLEN FÜR EIN PRODUKT, DAS SIE SELBER ANBAUEN KÖNNEN?

Der Plenarsaal, in dem der Gesundheitsausschuss tagt, ist bis auf
die letzten Plätze gefüllt. Die Sitzung ist öffentlich und Mitglieder
der Fundacíon Daya als auch der Organisation Mamá Cultiva, einer
weiteren Pro-Cannabis-Organisation, sind zahlreich erschienen.
Sie halten Plakate und Schilder mit ihren Forderungen in die Höhe.
Mehrmals muss der Vorsitzende die Besucher zur Ruhe mahnen.
Schließlich beginnt die Sitzung und es werden nacheinander ver-
schiedene Referenten aufgerufen, welche passioniert entweder
für oder wider den Gesetzesentwurf eintreten. Bis Frau Gazmuri
das Wort erteilt wird, tippt sie unentwegt auf ihrem Smartpho-
ne. Nach dem Ende der Sitzung ist Frau Gazmuri zwar erleichtert,
macht aber auch deutlich, dass das Gesetz in seiner jetzigen Form
nicht das ist, was man erreichen wollte, aber ein erster Schritt, um
die Patienten zu schützen.

Polizei darf Pflanzen nicht beschlagnahmen

Nun, da die Verordnung vom Parlament genehmigt wurde, ist es
für die Polizei praktisch unmöglich, Pflanzen von Patienten zu
konfiszieren, da diesen das Recht auf Eigenanbau zugesprochen
wurde. In diesem Zusammenhang macht Ana María Gazmuri klar,
dass es nicht darum geht, eine Erlaubnis für den Konsum auf Re-
zept zu erhalten, denn diesen gibt es bereits seit 2015. Vielmehr
ging es darum, dass die erkämpften Rechte auch von den Behörden
respektiert werden. Für die Patienten ist es wichtig, nicht mehr
stigmatisiert zu werden. Man müsse hier zwischen der Nutzung
von Cannabis als Medizin und dem Freizeitkonsum unterscheiden.
„Es ist ein Schritt zur Entkriminalisierung. Wenn man von medi-
zinischem Cannabis spricht, spricht man von Menschenrechten.“

Steter Tropfen höhlt den Stein

Ähnlich wie in Deutschland ist die Akzeptanz durch Ärzte und
Krankenkassen weiterhin ein Problem, denn die Pharmaindust-
rie und deren Lobby haben auch in Chile großen Einfluss auf die
Legislative.

„Nichtsdestotrotz hat sich der Verstand durchgesetzt. Die me-
thodische und stetige Arbeit von engagierten Patienten und Orga-
nisationen wie Fundación Daya und Mamá Cultiva haben großen
Anteil an den neuen Gesetzen“, führt Gazmuri aus. Mamá Cultiva
kämpft seit Jahren für die Rechte von Cannabispatienten. Im Be-
sonderen für die Möglichkeit, ebenfalls Kinder, die beispielsweise
an Epilepsie oder Autoaggressionen leiden, mit Cannabis zu be-
handeln. Mamá Cultiva setzt sich für erschwingliche Arzneimittel
pflanzlichen Ursprungs ein. Chilenische Bürger und Initiativen
sollen das Recht erhalten, in Gemeinschaftsgärten selbst Pflanzen
anzubauen, die später zu medizinischen Zwecken verwendet wer-
den können.

Seit fünf Jahren berät und unterstützt die Fundación Daya Pati-
enten in ihren Bemühungen um Genehmigungen und Rezepte.
Insgesamt konnte so bereits 15.000 Patienten in 15 verschiedenen
chilenischen Städten geholfen werden. Die Fundación Daya kann
zwar keine Rezepte ausstellen, berät aber Patienten unter Berück-
sichtigung des jeweiligen Krankheitsbildes über die verschiedenen
Anwendungsmöglichkeiten von Cannabis. Momentan wird die
Zusammenarbeit mit Stadtverwaltungen und einem Labor intensi-
viert, um pflanzliche Arznei zu einem niedrigen Preis anzubieten.
Erklärtes Ziel ist es, ethisch und nachhaltig produzierte Produk-
te zu einem für die breite Bevölkerung erschwinglichen Preis zu
produzieren.

Teures Importcannabis

Im Februar 2017 gab die kanadische Firma Tilray den Abschluss
einer strategischen Vereinbarung mit Alef Biotechnology für die
Länder Chile und Brasilien bekannt. Tilray stellt unter Labor-
bedingungen medizinisches Cannabis her und ist weltweit tätig.
Medizinisches Marihuana ist in Chile bereits in ausgewählten
Apotheken auf Rezept erhältlich, wird aber absurderweise durch
Tilray aus Nordamerika importiert und kostet so viel, dass es für
die meisten Patienten unerschwinglich ist.

WIR BRAUCHEN EINE GANZHEITLICHE GESUNDHEITSPOLITIK FÜR DAS ALLGEMEINWOHL UNSERER GESELLSCHAFT.

Die Fundación Daya wie auch Mamá Cultiva setzen sich für die
Produktion vor Ort und insbesondere für den Eigenanbau ein. Das
chilenische Klima bietet hervorragende Voraussetzungen für den
kontrollierten Freiluftanbau von Cannabis. „Warum sollten Pati-
enten Unsummen bezahlen für ein Produkt, das sie selber anbau-
en können?“, fragt Gazmuri und fügt hinzu, dass man der Preis-
politik der Pharmaindustrie nur durch den eigenen Anbau etwas
entgegensetzen kann. Gerade bei chronischen Schmerzpatienten
ist medizinisches Marihuana eine Alternative zur konventionellen
Behandlung mit Pharmazeutika, die langfristig oftmals schwer-
wiegende Nebenwirkungen haben. Die Fundación Daya arbeitet
inzwischen mit über 50 Ärzten zusammen, die Cannabis ver-
schreiben, und überwachen die Entwicklung gemäß einem streng
standardisierten Protokoll. Die Bilanz ist durchweg positiv, denn
bisher gab es keinen Patienten, dessen Zustand sich verschlechtert
hat. Was Gazmuri ärgert, ist die Ignoranz, der sie auf medizinischer
Seite begegnet: „Die Frage ist nicht, ob Cannabis als Medikament
hilft – da sind wir sicher –, sondern wie wir die Patienten vor der
Pharmalobby schützen und die Weiterbildung für Ärzte voran-
treiben können.“ Natürlich ist Cannabis auch kein Allheilmittel
und führt nicht in allen Fällen zum gewünschten Erfolg – wie alle
anderen Medikamente auch –, dennoch sollte eine Therapie mit
einem pflanzlichen Mittel angestrebt werden, bevor synthetische
Pharmazeutika zum Einsatz kommen.

Vertrauen auf natürliche Medizin

Unter dieser Prämisse setzen sich die Fundación Daya und ihre Di-
rektorin Ana María Gazmuri für eine Rehabilitierung der Canna-
bispflanze in Medizin und Gesellschaft ein. Als Kulturpflanze hat
Cannabis eine 7.000-jährige Geschichte und wurde nachweislich
seit Mitte des 16. Jahrhunderts in Chile kultiviert. Das uralte Wis-
sen über die Nutzung der Pflanze als Heilmittel soll wieder ins ge-
sellschaftliche Bewusstsein gebracht werden. Für Gazmuri ist die
Legalisierung von Cannabis auch ein Weg, das patriarchalische Mo-
dell der westlichen Medizin infrage zu stellen. „Warum vertrauen
wir synthetisch hergestellten pharmazeutischen Produkten mehr
als jahrtausendealter Erfahrung und Verwendung? Wir sollten so-
gar noch weiter gehen und auch andere Meinungen akzeptieren: die
der Pflanzenzüchter, der Krankenpfleger, die tagtäglich mit Patien-
ten zu tun haben, und selbstverständlich auch der Ärzte, die eine
moderne Idee von Medizin haben. Wir brauchen eine ganzheitliche
Gesundheitspolitik für das Allgemeinwohl unserer Gesellschaft.“