„Make it Real“

Seit der Legalisierungswelle in Nordamerika wächst der Cannabismarkt mit enormer Geschwindigkeit. Börsen notierte Cannabis-­Unternehmen rücken immer stärker in den Fokus der Aktionäre. Die beiden größten kanadischen Unternehmen zeigen, welche Auswüchse das Ganze angenommen hat. Eine kleine Kapitalismuskritik.

Aggressive Wachstumsstrategien

Canopy Growth und Aurora sind die weltweit größten Hersteller von Cannabis. Canopy, in Ontario ansässig, konnte den Umsatz zwischen März 2017 und März 2018 von 40 auf 78 Millionen kanadische Dollar erhöhen. Aurora mit Hauptsitz in Edmonton hat den Umsatz in derselben Periode von 18 auf 55 Millionen kanadische Dollar mehr als verdreifacht. Beide Konzerne setzen aggressiv auf Expansion. So kaufen sie beispielsweise Anbauflächen und Produktionsstätten auf der ganzen Welt. Canopy besitzt Anbauflächen der Größe von 30 Fußballfeldern – und plant, auf 70 zu erweitern. Auch Aurora machte dieses Jahr auf sich aufmerksam: Die 2,5-Milliarden-Dollar-Übernahme von MedReleaf ist die bisher größte Akquisition in der Branche.

“Die Preise der Investitionen in Cannabis-Aktien gehen weit über deren tatsächlichen Wert hinaus.”

Mit diesen Wachstumsstrategien wollen sich die Unternehmen möglichst stark auf dem Weltmarkt positionieren. Immerhin ist davon auszugehen, dass Cannabis in weiteren Ländern legalisiert wird. Das ist auch der Grund, warum der relativ junge Cannabismarkt von Aktionären so gehypt wird. Der Markt wächst wie kein anderer. Dieses extreme Wachstum birgt aber auch Gefahren: Die Preise der Investitionen in Cannabis-Aktien gehen weit über deren tatsächlichen Wert hinaus. Die Aktionäre spekulieren auf den Hype und eventuelle Zukäufe der Unternehmen anstatt auf ihren tatsächlichen Gewinn. Ähnlich wie zur Zeit der Etablierung des Internets Mitte der Neunzigerjahre entsteht hier gerade eine Blase, die zu platzen droht. Aus Dotcom- wird die Potcom-Blase.

Gefährliches Finanzierungsmodell

Ein weiterer Punkt, der das enorme Wachstum der Cannabis-Produzenten trübt, ist deren Finanzierungsmodell. Aufgrund der noch teilweise unklaren Rechtslage in der Cannabis-Branche trauen sich Banken nicht, Kredite zu verleihen. Unternehmen wie Canopy Growth greifen für ihre Investitionen also auf Eigenkapital zurück. Um seine Eigenkapitalquote zu erhöhen, schüttete das Unternehmen letztes Jahr neue Aktien aus – und nahm damit 470 Millionen Dollar ein. Mehr Aktien bedeuten aber immer auch eine höhere Renditeerwartung der Aktionäre. Wenn das Unternehmen diese Erwartung nicht erfüllen kann, werden sich die Aktionäre schnell abwenden. Auch wenn die Blase platzt, könnte das Finanzierungsmodell schnell nach hinten losgehen.

Wie bei der Dotcom-Blase befindet sich der Cannabis-Markt gerade in der Boom-Phase. Es gibt Spekulationen auf steigende Aktienkurse und hohe Gewinnerwartungen durch wachsende Märkte. Was, wenn die USA Cannabis auf Bundesebene legalisieren? Wie entwickelt sich der Markt für medizinisches Cannabis in Europa? Der Anreiz vieler Aktionäre ist groß, um im Wirtschaftscasino Börse auf die „grüne Karte“ zu setzen.

Die Geschichte der Spekulationsblasen an der Börse – Dotcom, Immobilien, Kryptowährung, etc. – zeigt allerdings, dass es auch auf dem Cannabis- Markt noch ordentlich krachen könnte.

Das Google des Cannabis

Die Geschichte der Spekulationsblasen an der Börse – Dotcom, Immobilien, Kryptowährung etc. – zeigt allerdings, dass es auch auf dem Cannabis-Markt noch ordentlich krachen könnte. Zu erwarten ist dann, ähnlich wie beim Platzen der Dotcom-Blase, dass ein paar wenige Große den Crash überleben und viele Kleine verschwinden. Ist Canopy Growth das „Google des Cannabis“, wie Gründer und Co-CEO Bruce Linton das Unternehmen vor Kurzem bei einem Fernsehauftritt beschrieb? Tatsächlich ging der Internet-Gigant Anfang der Nullerjahre ähnlich vor wie die kanadischen Cannabisproduzenten. Von 2000 bis 2008 kaufte Google mindestens ein Unternehmen auf – pro Jahr. Amazon geht heute noch so vor. Bei Amazon und Google hat die Strategie funktioniert. Die Unternehmen wurden immer größer, weil einerseits der Online-Markt eben stark gewachsen ist und weil andererseits viele kleinere Unternehmen nach Platzen der Dotcom-Blase in der Bedeutungslosigkeit verschwanden.

Kooperationen sollen die Zukunft sichern

Die freie Marktwirtschaft macht auch vor einer Heilpflanze nicht halt, die für viele eigentlich das Gegenteil von Gewinnsucht und aggressivem Kapitalismus ist.

Das rasante, nicht-organische Wachstum der Cannabis-Player ist also nachvollziehbar: In einem Markt mit hohem Zukunftspotenzial will man sich so gut es geht aufstellen. Das erklärt neben den risikofreudigen Kapitalerhöhungen und Firmenübernahmen auch die Kooperationen mit Unternehmen aus anderen Branchen. Der größte Anteilseigner von Canopy ist der Alkoholhersteller Constellation Brands – in Deutschland vor allem mit Corona-Bier bekannt. Die Alkoholindustrie will auf dem Cannabis-Zug aufspringen – ist der Umsatz im Spirituosenmarkt schon seit Jahren rückläufig. Aber auch Coca-Cola möchte sich ein Stück vom Kuchen sichern: Im September gab es Gespräche über eine Kooperation mit Aurora. Das Forbes-Magazin berichtet, Coca-Cola überlege gerade, eine CBD-haltige Limonade einzuführen.

Cannabis – Opfer des Kapitalismus?

Das muss man erst einmal verdauen: Coca-Cola, die verflüssigte Seele Amerikas, der klebrig-süße Schluck Kapitalismus, möchte in den Cannabis-Markt einsteigen. Die freie Marktwirtschaft macht auch vor einer Heilpflanze nicht halt, die für viele eigentlich das Gegenteil von Gewinnsucht und aggressivem Kapitalismus ist. Gewinnmaximierung und Zwang zum Wirtschaftswachstum zeichnen auch Aurora und Canopy Growth aus. Sowohl deren risikoreiche Finanzierungsmodelle als auch deren aggressive Wachstumsstrategien zeigen die Perversität der Marktmechanismen. Gerade nordamerikanische börsennotierte Unternehmen sind dem „Shareholder Value“ verfallen, der eine hohe Rendite für die Aktionäre als oberstes Ziel ausruft – ganz egal, ob das Unternehmen selbst Gewinn einfährt oder nicht. So lange das Unternehmen an der Börse einen hohen Wert hat, sind die Aktionäre glücklich. Da spielt es dann auch keine Rolle, wenn Unternehmen zusammengelegt oder zerschlagen werden – Hauptsache der Aktienkurs steigt.

Kanada ist eine Blaupause für andere Nationen, im Guten wie im Schlechten. Vielleicht sollte die Cannabisproduktion besser in öffentlicher Hand liegen denn in den Händen profitorientierter Konzerne? Legalisierung hin oder her: Was heute bleibt, ist ein fader Beigeschmack und die Frage, welche Farbe wohl das Flaschenetikett der CBD-Cola haben wird? Grün ist ja bereits an die Stevia-haltige „Coca-Cola Life“ vergeben.