KURZBESUCH IN CHRISTIANIA

Als unser Autor und Cannabispatient in Malmö/Schweden studierte, nutzte er die Gelegenheit, einen Abstecher in das nah gelegene autonome Christiania zu machen. Die ehemalige Marinebasis mitten in Kopenhagen ist seit den 70er Jahren berühmt-berüchtigt. Und: Man kann hier Gras kaufen wie anderswo Gemüse. Ein persönlicher Bericht.
Cannabisverkauf wie auf dem Wochenmarkt

Vor meinem Besuch hatte ich schon viele Geschichten über Christiania gehört: Neben Dealern, Hippies und Gras soll es hier auch Kindergärten, Museen, Theater und Cafés geben. Der freie Handel mit Cannabis interessierte mich und ich wollte mir selbst ein Bild vor Ort machen. Gleichzeitig faszinierte mich die komplizierte und zugleich einzigartige Geschichte hinter diesem Ort. Ob das reichhaltige kulturelle Angebot überhaupt von Kopenhagenern genutzt wird? Oder meiden „rechtschaffene“ Bürger den Ort, der ja zum Teil von Gangs und Banden kontrolliert wird?

DIE ANREISE

Als Cannabispatient – der im Ausland (Malmö) studiert – ist es schwierig, einen geregelten Zugang zu seiner Medizin zu haben. Da meine Versorgung in Schweden mehr schlecht als recht war, fasste ich den Plan, im nahe gelegenen Christiania einkaufen zu gehen.

Die Woche war verregnet und lang gewesen, die Uni stressig und mein Grasvorrat dezimiert. Also mache ich mich an einem Samstag im Frühling auf, um dem rebellischen Autonomendorf endlich einen Besuch abzustatten, mit dem Ziel, meine Vorräte aufzufüllen und einen alten Bekannten zu besuchen.

Von Malmö mit der Bahn über die Öresundbrücke kommend, benötige ich eine halbe Stunde bis in das Stadtzentrum Kopenhagens. Das Wetter ist besser als an den vorangegangen Tagen, sonnig, aber immer noch frisch.
Schon am Hauptbahnhof fällt mir die erste Gruppe junger Erwachsener auf, die auf einer Parkbank sitzend einen Joint herumreicht – Eine Szene, die in anderen skandinavischen Städten undenkbar ist. Hier stört sich kaum jemand am Grasgeruch in der Öffentlichkeit.

PUSHER STREET, GANGS UND VERKAUF

Endlich in Christiania angekommen dränge ich mich in der Pusher Street durch Massen an staunenden Touristen vorbei. Viele bleiben stehen und bewundern das Treiben des hektischen Basars, das sich vor ihren Augen abspielt. Die Touristen scheinen fasziniert und schockiert zugleich, wahrscheinlich ist den meisten dieser Ort zu surreal. Würde man in der Pusher Street Gemüse und Käse verkaufen, wäre das ganze nicht mal erwähnenswert: ein Platz, viele Stände und mehr oder weniger aufdringliche Verkäufer. Hier wird jedoch kein Gemüse verkauft, sondern Gras und Hasch in großen Mengen.

Ich drehe eine Runde und gucke mir das Angebot der Händler an. Viele führen ein breites Sortiment an verschiedenen Sorten – Blüten und Hasch, teilweise sogar Konzentrate.

Mir fällt auf, dass einige Händler die gleichen Sorten anbieten. Diese Woche gibt es OG Kush zum Festpreis von 300 Kronen (ca. 40 Euro) für 5 Gramm. Die Jungs müssen wohl den gleichen Lieferanten haben, denke ich mir. Die meisten der Verkäufer hier sind Männer zwischen 25 und 35, mit oder ohne Migrationshintergrund, bunt gemischt. Jedoch immer mit einer Crew aus vier bis fünf Begleitern. Schließlich ist das Geschäft ja immer noch illegal.

Am Ende des halbrunden Platzes bemerke ich einen Verkaufsstand, der viel kleiner ist als all die anderen.

DIE BEWOHNER HELFEN SICH GEGENSEITIG UND HILFSBEDÜRFTIGEN GERNE. DAVON LEBT DIESE GEMEINSCHAFT.

Nur ein Verkäufer am Stand, kein Team wie sonst üblich. Der Verkäufer – ein junger schmächtiger Mann – hat entgegen dem Trend nur ein kleines Sortiment.

„Do you like outdoor Skunk for a good price, man?“, fragt er mich und verweist auf zwei große offene Tupperdosen mit Cannabisblüten. „Danska Skunk“ und „Premium Danska Skunk“ steht auf den Pappaufstellern geschrieben. Sieht danach aus, als ob er das selbst angebaut hat und jetzt den Überschuss in der Pusher Street verkaufen will.

„Its outdoor, but look how nice the buds are.“ Er drückt mir jeweils eine Blüte zum Angucken in die Hand.

Der Unterschied besteht darin, sagt er, dass das Premium Skunk nur die schönsten Blüten der gesamten Ernte enthalte. „Just a little more expensive, but better“, rechtfertigt er sich.

Der Händler hat mich überzeugt. Ich suche mir die schönste Blüte selbst aus – bezahle und verabschiede mich.

Es fühlt sich an, wie auf dem Wochenmarkt einkaufen zu gehen.

GEMEINSCHAFT UND ERHOLUNG

Ich ziehe weiter, denn Tony – ein flüchtiger Bekannter, der in Christiania Unterschlupf gefunden hat – wartet auf mich am Amphitheater.

Er hat mir mal erzählt, dass er in der Öffentlichkeitsarbeit des Freistaats hilft. Er kann aber auch reines, weiches Hasch zum guten Kurs besorgen, daher kennen wir uns. Tony hat keine Aufenthaltsgenehmigung, diese kleinen Geschäfte helfen ihm dabei, sich über Wasser zu halten.

Ich glaube, ohne die Hilfsbereitschaft der Christianniten würde es Menschen wie Tony deutlich schlechter ergehen. Hier hat er einen Schlafplatz im Trockenen, kann Klamotten im Secondhand-Laden tauschen, und Hunger – wie früher, als er noch auf der Straße in Österreich lebte – hat er auch nicht mehr, sagt er. Die Bewohner helfen sich gegenseitig und Hilfsbedürftigen gerne. Davon lebt diese Gemeinschaft.

Es ist nachmittags, die Sonne scheint, wir bewegen uns weg von der Pusher Street, weg von den Touris und allgemein weg vom Trubel. Vor uns ein steiler Abhang, davor einige Bäume und ein kleiner Kanal, keine Schiffe. Dass man inmitten der größten Stadt Skandinaviens ist, lässt sich hier leicht vergessen.

Nicht allzu weit von uns entfernt ist eine kleine Bucht mit einer großen Wiese, einige wenige Mutige wagen sich ins Wasser, meist nur mit den Füßen – es ist schließlich erst April. Die meisten Gäste genießen die Sonne lieber von ihren Handtüchern aus, sie lesen, picknicken mit ihren Kindern. Dass zwischendrin andere Erholungssuchende Joints rauchen, scheint niemanden zu stören.

Auf dem Weg zurück wird die ruhige Idylle durch den Sound von Rapmusik unterbrochen. Wir kommen am Amphitheater vorbei, und das ist nun bis auf den letzten Sitzplatz gefüllt.

Auf der Bühne rappen drei maskierte Männer. Einer trägt einen Hahnenkopf, die anderen beiden Trumpmasken – Eine versteckte Metapher? Tony bleibt, um den Rappern weiter zuzuhören. Ich sage tschüs und laufe zur Bahn.

EIN ORT DER UNTERSCHIEDE

Auf dem Heimweg beginne ich zu grübeln, was Christiania denn nun ist.

Einerseits kommen Menschen hierher, um sich in dem naturbelassenen Areal zu erholen, um an Tanz- und Handwerkslehrgängen teilzunehmen oder Konzerte noch unbekannter Bands zu hören. Andererseits nutzen kriminelle Organisationen einen vermeintlich rechtsfreien Raum aus, um Profit zu erzielen.

DIE BEWOHNER HELFEN SICH GEGENSEITIG UND HILFSBEDÜRFTIGEN GERNE. DAVON LEBT DIESE GEMEINSCHAFT. DIE AUTONOME ENKLAVE HAT VON ANFANG AN DIE GEMÜTER ERHITZT

Auch ich bemerke, wie sich meine Sichtweise verändert hat. Anfangs nur ein Ort, an dem ich meine Medizin bekam, entwickelte sich Christiania innerhalb kürzester Zeit zu meinem liebsten Naherholungsgebiet, aus einem Grund: Ich kann die Natur genießen und im Freien Cannabis rauchen. Polizeikontrolle? Fehlanzeige!

Ich glaube nicht, dass es das eine Christiania gibt. Es wäre falsch, den Freistaat nur als wilden Umschlagplatz für Cannabis zu sehen. Christiania steht für Nachhaltigkeit, Kultur, Natur, Autonomie, Gemeinschaft, Hilfsbereitschaft und das Recht auf Rausch. Ein Großteil der Kopenhagener tolerieren und schätzen die Facette Christiania im Mosaik des Kopenhageners Stadtbilds sehr. Der Freistaat – obwohl offiziell autonom – ist heute als Teil Kopenhagens nicht mehr wegzudenken.

CHRISTIANIA

Obwohl es im Herzen Kopenhagens liegt, haben viele der Hauptstädter Dänemarks noch keinen Fuß hierher gesetzt. Auf dem Grundstück einer alten Marinekaserne siedelten sich Anfang der 70er Jahre Hausbesetzer an und gründeten ihren eigenen Staat: Christiania.

Die autonome Enklave hat von Anfang an die Gemüter erhitzt – nicht zuletzt, weil die Bewohner Christianias schon zu Gründungszeiten beschlossen, den Gebrauch von sogenannten weichen Drogen (Hasch, Cannabis) zu erlauben. Selbstbestimmung, freie Liebe, Anarchie – alle gesellschaftlichen Konventionen wollte man hier ablegen. Was für die einen das Paradies bedeutete, war für andere eine Bedrohung: Gerade die Kinder der Bewohner erlebten zum Teil totale Verwahrlosung – oder eben idyllische Freiheit, je nachdem wie ihre Eltern sich in Christiania verwirklichten.

Auch wenn harte Drogen nicht erlaubt waren, machten sie die Runde und so manchen Bewohner abhängig. Bis heute hat der selbstproklamierte Freistaat keine Polizei, was nicht heißt, dass diese keine Rolle spielt. Immer wieder gibt es Großrazzien der dänischen Polizei und Kontrollen an den Ausgängen des autonomen Gebiets. Denn der anfänglich moderate Verkauf von Hasch und Cannabis an Touristen zog bald die organisierte Kriminalität an. Die Gangs etablierten sich und übernahmen den Verkauf an die etwa eine Million Besucher, die jährlich in den Freistaat kommen. Christiania selbst hat nur rund 1.000 Einwohner.

Für die Behörden gilt die Pusher Street – der Verkaufsplatz der Gangs – als besonders problematisch. Im Spätsommer 2016 eskalierte die Situation. Als die Polizei einen Mann kontrollieren wollte, zog dieser eine Pistole und schoss um sich. Er verletzte zwei Polizisten – einen lebensgefährlich – und einen Passanten. Der Täter wurde auf der Flucht erschossen. Geschockt von den Ereignissen, und um die Gemeinde vor einem harten Durchgreifen der dänischen Autorität zu schützen, vertrieben die Bewohner die Gangmitglieder und rissen deren Verkaufsbuden ab. Wenige Monate später florierte der Handel jedoch wieder.