Kopf an Kopf

Enthemmung im Leistungssport gilt als Doping – zumindest wenn sie durch THC ausgelöst wird. Erstaunlicherweise ist es aber gerade der Sport, der mit Cannabis zunehmend entspannt umgeht. Cannabidiol wurde von der Doping liste 2018 sogar ganz gestrichen. Das sah vor zehn Jahren noch ganz anders aus.

Billard ist zwar keine olympische Disziplin, aber Dopinggesetze herrschen auch hier: Alkohol war bisher verboten. Das mag verwundern, schließlich gehört für viele der Schluck Bier zum Einkreiden des Queues dazu. Aber im Wettkampf könnte man sich Vorteile verschaffen – weniger durch einen stärkeren Wumms als durch die mentale Beruhigung.

Der DFB erlaubt zum Beispiel den Konsum von Alkohol.

Die WADA (Welt-Anti-Doping- Agentur) hatte 2018 das Verbot gekippt. Bis dahin galt ein Wert von 0,1 Promille Alkohol im Leistungssport als Dopingverstoß, einige Sportarten – darunter Bogenschießen und Motorsport – erlaubten nicht einmal diese.

Alkohol von der Verbotsliste zu streichen, bedeutet nicht, dass vor Startschuss heiter konsumiert werden darf. Die endgültige Festsetzung und ggf. Sanktionen werden den jeweiligen internationalen Verbänden übergeben. Der DFB erlaubt zum Beispiel den Konsum von Alkohol. Theoretisch dürfte die bayerische Elf also ein Weißbier zischen, bevor sie aufläuft – und den 1. FC unter Kölscheinfluss angreifen.

WM-Pokal mit THC

Cannabis wurde erst 1999 auf die Liste der verbotenen Substanzen im Leistungssport gesetzt. In den Jahren zuvor waren Sportler immer häufiger positiv auf THC getestet worden. Im Wintersport, in der Leichtathletik, unter Schwimmern und auch Fußballern. Fabien Barthez, Torhüter der französischen Nationalmannschaft, die 1998 den Weltmeistertitel errang, war 1996 wegen Haschischkonsums für vier Monate vom französischen Fußballbund gesperrt worden – als Begründung wurde nicht die körperliche Leistungssteigerung genannt, sondern eine förderliche Enthemmung, von der er profitiert haben könnte. Seinem Erfolg tat das keinen Abbruch. Barthez wurde zum Stammtorhüter der „Bleus“ und durfte im Jahr 2000 auch den Europapokal nach Hause bringen.
Die potenziell größere Risikobereitschaft unter THC-Einfluss war überhaupt der Grund, warum Cannabis zum Dopingmittel erklärt wurde.

Soziale Droge

Der Name Ross Rebagliati wird immer wieder genannt, wenn es um kiffende Sportler geht. Dabei hätte der Snowboarder, der 1998 Olympiagold errang, damals auch nur passiv konsumieren müssen, um positiv getestet zu werden. Mit den bei ihm gemessenen knapp 18 Nanogramm/ml konnte man ihm jedenfalls keinen goldrelevanten Effekt unterstellen. Die zuerst aberkannte Medaille wurde ihm wieder zugesprochen, weil zu dem Zeitpunkt kein Grenzwert für Cannabis galt. Und der wurde vom IOC im gleichen Jahr noch niedriger angesetzt als Rebagliatis Wert – bei gerade einmal 15 ng/ml.

„Mehr Cannabis, kein EPO“, titelte die FAZ im März 2006 und ging auf die Jahresbilanz der NADA (Nationale Anti-Doping-Agentur) ein, die für Trainings- und Wettkampfkontrollen aller Sportarten des Deutschen Olympischen Sportbunds zuständig ist. Und sie zitiert deren Vorsitzenden, der „mit Schrecken“ feststellte, dass „‚social drugs‘ wie Cannabis als gesellschaftliches Phänomen auch im Sport stark präsent sind.“ „Social“, weil Cannabis nicht als leistungssteigernd gilt, wohl aber den entscheidenden Kick verpassen kann, wenn gezielt konsumiert wird. „Allgemein wird die Wirkung von Cannabinoiden als entspannend, angsthemmend und stimmungsaufhellend beschrieben“, so eine Pressesprecherin der NADA.

Ein Snowboarder lässt sich unter Umständen auf gewagtere Moves ein – ein Fußballer würde eher einen Leistungsabfall erfahren, weil die Kondition in Mitleidenschaft gezogen wird. Ein Torhüter wiederum könnte von mehr Fokussierung und weniger mentalem Druck profitieren. Oder auch, dafür war Barthez bekannt, riskantere Paraden und Manöver außerhalb des Fünf-Meter-Raums.

Neuer Grenzwert nicht unerheblich

„Weltweit und für alle Sportarten gilt das Regelwerk der WADA, der sogenannte Welt-Anti-Doping-Code (WADC). Nach diesem Regelwerk sind Cannabinoide im Wettkampf verboten“, erklärt Bunthoff die aktuelle Situation. Zwar wurde der Grenzwert für Carboxy-THC (das Abbauprodukt) 2013 um das Zehnfache (auf 150 ng/ml) erhöht, aber nur soweit, dass möglicher Konsum in den Trainingszeiten nicht geahndet würde. Direkt vor dem Wettkampf einen Joint rauchen zu dürfen, schließt auch der neue Grenzwert aus.

Unerheblich ist die Menge an THC nicht – im deutschen Straßenverkehr würde bei einer Messung von 75 Nanogramm der Führerschein temporär entzogen, bei einem Wert von 150 Nanogramm wird hier sogar von einem „Abhängigkeitsverhalten“ gesprochen.

Wider den Sportlergeist

Ein Gremium der WADA entscheidet immer wieder neu, welche Substanzen und Methoden auf der Verbotsliste aufgenommen werden. „Dabei wird nach drei Kriterien geurteilt“, sagt Eva Bunt hoff, „ob sie leistungssteigernd wirken, ob sie die Gesundheit schädigen und ob sie dem Geist des Sports widersprechen.“ Die beiden letztgenannten Kriterien treffen dem Gremium zufolge auf den Wirkstoff THC zu.

Tiefer Kratzer am Saubermann-Image.

Der Sportlergeist war es wohl auch, den die Öffentlichkeit bei Schwimmerlegende Michael Phelps 2009 anzweifelte. Die Reaktion auf ein zwei Jahre altes Foto, das ihn in seiner Freizeit Cannabis konsumierend zeigte, war außergewöhnlich harsch und gleichermaßen typisch: Phelps Sponsor sprang ab, der amerikanische Schwimmverband sperrte den damals bereits 14-maligen Olympiasieger für fünf Monate und Phelps selbst äußerte sich verzweifelt schuldbewusst gegenüber der internationalen Presse, die den Faden dankend aufnahm und ein Bild vom „tiefen Kratzer am Saubermann-Image“ (SZ online) zeichnete.

Dabei hatte es nicht einmal einen positiven Dopingtest gegeben. Cannabis war vor zehn Jahren in den USA zwar schon äußerst populär, zugleich funktionierte es als effektives Stigmatisierungsmittel – vor allem im Sport.

Regeneration mit CBD

Fast zehn Jahre später gehen Genusskonsum und Leistungssport besser zusammen, wie der erhöhte Grenzwert zeigt. Das darf als Reaktion der WADA auf die legalisierenden Staaten gesehen werden. Trotz allem gilt Cannabis in Form von THC als verbotene Substanz im Wettkampf. Erlaubt ist neuerdings – seit Januar 2018 – ein anderes Cannabinoid. CBD (Cannabidiol) wurde von der WADA von der Liste der verbotenen Substanzen gestrichen und erfreut sich zunehmender Beliebtheit, gerade unter Sportlern, die es als Alternative zu opioidhaltigen Schmerzmitteln einsetzen und den Heilungsprozess nach Überanstrengung und Verletzungen beschleunigen.

Es werden CBD-Extrakte entwickelt, die auf verschiedene Trainings- und Erholungshasen ausgerichtet sind.

CBD gilt zwar als ebenso wenig leistungssteigernd wie THC, aber es wird wegen seiner entkrampfenden, antientzündlichen, schmerzstillenden und antipsychotischen Wirkung in einem breiten Einsatzspektrum für Sportler interessant. Erste CBD-Hersteller bringen sich sogar schon als Sponsoren ins Spiel des Hochleistungssports und es werden CBD-Extrakte entwickelt, die auf verschiedene Trainings- und Erholungsphasen ausgerichtet sind und Dopingresistenz garantieren. Der Sport, scheint es, fragt bei Cannabis immer weniger nach den Schattenseiten, sondern bedient sich effizient der Vorteile.