Konsum als Flucht

Hin und wieder macht es Sinn, in sich zu gehen und das eigene Konsumverhalten kritisch zu hinterfragen. Sind drei Stunden Smartphone-Nutzung pro Tag vielleicht zu viel? Ist es ok, sich jedes Wochenende zu besaufen? Ist der abendliche Joint zur Entspannung wirklich notwendig? Wie sehen das die Experten? Im Grunde genommen kann man nach fast allem süchtig werden. Spielautomaten oder technische Entwicklungen wie das Internet können Abhängigkeiten hervorrufen – mit nicht weniger schwerwiegenden Konsequenzen als die klassischen Drogen.

Ein Besuch bei der Berliner Suchtprävention.

Jeder Lebensabschnitt hat Risikogruppen

In.fused hat sich mit Christina Schadt von der Berliner Fachstelle für Suchtprävention getroffen, um über deren Arbeit zu sprechen. Zentral in der Chausseestraße 128 in Berlin-Mitte gelegen, sieht das Kompetenzzentrum für Suchtprävention seine Aufgabe darin, die Ressourcen der Suchtprävention zu bündeln, zu vernetzen und allen zugänglich zu machen. Christina Schadt ist die Koordinatorin der Angebote für verschiedene Zielgruppen wie Eltern, Jugendliche und Fachkräfte wie Lehrer, Sozialarbeiter oder Mitarbeiter der Jugendberufsagenturen. Es gibt verschiedene alters- und lebenslagenbezogene Präventionsangebote. Denn in jedem Lebensabschnitt gibt es verschiedene Risikogruppen.

Heranwachsende, Jugendliche und Kinder vor gesundheitlichen Schäden durch Substanzkonsum zu schützen, ist eines der zentralen Anliegen der Suchtprävention. Dabei ist es unerheblich, ob es sich um legale oder illegale Substanzen handelt. Laut der WHO haben in nahezu allen europäischen Ländern über 90 Prozent der 15-jährigen Jungen und Mädchen Alkohol schon einmal probiert.

Die eigenen Grenzen kennenlernen, bedeutet oft, diese mindestens einmal zu überschreiten.

Bereits mindestens zweimal betrunken waren im Durchschnitt 39 Prozent der 15-jährigen Jungen und 31 Prozent der Mädchen im gleichen Alter. Während Erwachsenen zumindest unterstellt wird, dass sie mit Substanzen umgehen können und ihre eigenen Grenzen kennen, müssen Jugendliche den Umgang mit diesen erst lernen. Die eigenen Grenzen kennenlernen, bedeutet oft, diese mindestens einmal zu überschreiten – kaum jemand, der sich nicht an seinen ersten Vollrausch und dessen Folgen erinnern kann.

Konsum als Teil des Erwachsenwerdens

„Gerade in der Pubertät grenzen sich Jugendliche ab und möchten ihre eigenen Erfahrungen machen“, erklärt Christina Schadt. „Die Krux für die Eltern liegt oftmals darin zu unterscheiden, ob es sich um pubertäres Abgrenzungsverhalten oder um Bewältigungsstrategien handelt, die professioneller Unterstützung bedürfen.“ Unter Bewältigungsstrategien versteht man den Konsum als Flucht, vor Problemen oder schlechten Gefühlen. Die eigenen Gefühle zuzulassen, mit ihnen umzugehen und sie zu regulieren, ist Teil des Erwachsenwerdens. Der Umgang mit sich selbst und das Gefühl von Unsicherheit, hervorgerufen durch die körperlichen, hormonellen und geistigen Veränderungen, stellt die meisten Jugendlichen vor große Herausforderungen. Wenn diesen mit Alkohol, Cannabis oder anderem Konsumverhalten entgegengetreten wird, sollten Eltern das zum Thema machen und reagieren.

Die Suchtprävention bietet in ihren Räumlichkeiten Elternkurse an, in denen sie informiert und den Eltern einen Austausch untereinander ermöglicht. Voraussetzung ist allerdings immer, dass die betroffenen Eltern oder auch Jugendlichen Hilfe suchen. Daher ist es wichtig, Berührungspunkte zu schaffen, in der Schule sowie in den Familien- und Jugendzentren.

Ende der Abschreckung

Eine der Hauptaufgaben der Suchtprävention ist es, die eigene Arbeit mit einer positiven Botschaft für die jeweilige Zielgruppe zu verknüpfen. Generell möchte die Suchtprävention Substanzkonsum enttabuisieren und einen offenen Dialog ermöglichen. Viele Menschen haben Hemmschwellen, über das Thema Drogen oder Substanzkonsum zu reden – damit ist niemandem geholfen.

Trinken, rauchen, pokern oder Ballerspiele im Internet zocken: All das macht Spaß!

„Wir wissen aus aktuellen Erkenntnissen zu suchtpräventiven Ansätzen, dass Abschreckung nicht mehr das Mittel der Wahl ist. Das war es vielleicht mal vor vielen Jahrzehnten und bei manchen hatte es sicherlich auch eine Wirkung, aber wir sind fest davon überzeugt, dass Aufklärung deutlich effektiver ist. Es ist vor allem effektiv, die Kompetenzen des Kindes zu sehen und zu fördern“, erläutert Schadt. „Wir sind der Überzeugung, dass Aufklärung für alle ein Gewinn ist: für die Lehrer, die mehr Handlungssicherheit bekommen, für die Eltern, die Informationen bekommen, und natürlich für die Jugendlichen, die bereits früh im Umgang mit Situationen, in denen konsumiert wird, geschult werden. Umso früher jemand lernt, Risiken abzuschätzen und nein zu sagen – desto besser.“ Das bedeutet auch, die positiven Seiten zu betrachten. Trinken, rauchen, pokern oder Ballerspiele im Internet zocken: All das macht Spaß! Es ist zwar nicht unbedingt gesund, aber in Maßen nicht verwerflich. Risikokompetenzförderung bedeutet, über die Risiken, die eine Substanz oder ein Verhalten mit sich bringt, zu informieren und reflektierte Verhaltensmuster zu trainieren.

Geld an der falschen Stelle

Die europäische wie auch die deutsche Suchtprävention stützen sich auf vier Säulen: Prävention, Behandlung und Beratung, Schadensbegrenzung und Repression. „Grundsätzlich sehen wir, dass die aktuelle Situation – in der Cannabis als illegal eingestuft wird und wirklich viel Geld für die Strafverfolgung ausgegeben wird – nicht dazu führt, dass die Zahlen zurückgehen. Die Zahlen der Konsumenten sind gleichbleibend und auch das Konsumverhalten hat sich nicht verändert“, so Schadt. „Wir treten schon seit Jahren dafür ein, dass es eine Expertenrunde geben sollte, die die aktuelle Regelung betrachtet, erwünschte und nicht erwünschte Effekte analysiert und dann die Gelder für die vier Säulen der Suchtprävention entsprechend angepasst werden. Die Debatte ist oftmals ideologisch aufgeladen – entweder du bist dafür oder dagegen, dazwischen gibt es wenig.

Unsere Herangehensweise ist ein fachliches Abwägen von Effekten, weil wir glauben, dass das lösungsorientierte Agieren sinnvoller ist als Lagerdiskussionen oder dogmatische Vorverurteilungen.“ Das Land Berlin hatte bereits für 2016 die Verteilung der Gelder weg von der Repression und Strafverfolgung hin zur Suchtprävention als politisches Ziel ausgegeben. Zu den Befürwortern einer Regulierung zählt unter anderem der Bund Deutscher Kriminalbeamter. Passiert ist bisher wenig.

Der Schwerpunkt im Umgang mit Drogen liegt nach wie vor auf Polizeikontrollen und strafrechtlicher Verfolgung. Strafverfahren zu Cannabis werden in Berlin zwar häufig eingestellt, eine Umverteilung der öffentlichen Gelder und Stärkung alternativer Maßnahmen hat jedoch bisher nicht stattgefunden.

Modellprojekt in der Koalitionsvereinbarung

In Rahmen der Berliner rot-rot-grünen Koalitionsvereinbarung von 2016 wurde beschlossen, dass es ein Cannabis-Modellprojekt geben soll. Anfang dieses Jahres wurde das Hamburger Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung (ZIS) beauftragt, eine Befragung zur Akzeptanz und den Rahmenbedingungen des Projekts durchzuführen. Darauf angesprochen erläutert Frau Schadt: „Wir treten für eine Regulierung ein und haben ganz konkret schon mitgearbeitet. Grundsätzlich würden wir ein entsprechendes Modell mit einer starken Suchtprävention mittragen. Es müsste aber entsprechend aufgestellt sein, das heißt, keine Abgabe an unter 18-Jährige und eben ein starker Jugendschutz durch Aufklärungsarbeit.

Es ist vor allem effektiv, die Kompetenzen des Kindes zu sehen und zu fördern.

Diese müsste in Einrichtungen, in denen Jugendliche regelmäßig verkehren, also Schulen, Jugendfreizeiteinrichtungen und Sportvereinen, stattfinden. Wenn wir es schaffen, evidenzbasierte, suchtpräventive Angebote, bei welchen wir aufgrund von empirischen Auswertungen und persönlichen Erfahrungswerten um deren Wirksamkeit wissen, regelmäßig zu implementieren, wären wir schon einen megamäßigen Schritt weiter. Wir fordern das schon seit Langem, haben aber aktuell nicht die Ressourcen, flächendeckend suchtpräventativ aktiv zu werden.“ Eine Regulierung würde einerseits Ressourcen von der Repression hin zur Prävention ermöglichen und andererseits die gesellschaftliche Akzeptanz der Arbeit der Suchtprävention erhöhen.

Resilienzen fördern

Diese Arbeit beginnt bereits im frühen Kindesalter – im Verhalten, das Eltern ihren Kindern vorleben – und setzt sich idealerweise in den Schulen und im späteren Leben fort. Jeder kann in unterschiedlichen Lebensphasen in eine emotionale Schieflage geraten und schlechte Bewältigungsstrategien wählen.

Wichtig ist es, über Probleme im Konsumverhalten reden zu können, statt zu tabuisieren. „Lebenskompetenzen und Resilienzen zu fördern, ist für jedes Alter eine wichtige Zielstellung“, betont Schadt. „Wir setzen uns dafür ein, einem möglichst breiten Spektrum an Menschen Kompetenzen im Umgang mit ihrer Gesundheit zu vermitteln. Das umfasst auch die Vermittlung im Umgang mit Suchtmitteln. Dafür gibt es effektive Programme, die finanziert, entsprechend ein- und umgesetzt werden müssen. Dafür setzen wir uns ein.“

Generell möchte die Suchtprävention Substanzkonsum enttabuisieren.