Kleine Lektion über Cannabis

Was ist Cannabis eigentlich? Man liest darüber in der Zeitung, sieht Berichte im Fernsehen oder hört an der Supermarktkasse die Schlangestehenden sich darüber austauschen: Cannabis – eine für viele immer noch mysteriöse Pflanze, Droge und Medizin. Was genau ist Cannabis aber eigentlich, und wie lassen sich die daraus gewonnenen Produkte voneinander abgrenzen?

Cannabis ist nicht etwa der Name einer Droge, sondern die lateinische Bezeichnung für die Hanfpflanze bzw. botanischen Gattung der Hanfpflanzen. So wird der Kulturhanf „Cannabis sativa“ genannt, der indische Hanf „Cannabis indica“ und der Ruderalhanf „Cannabis ruderalis“. Cannabis steht dabei für die Gattung, der klein geschriebene Name für die entsprechende Spezies, also die spezifische Art.

Die Gattung Cannabis bildet zusammen mit der Gattung des Hopfens (Humulus) die botanische Familie der Hanfgewächse (Cannabaceae). Beim Cannabis ist sich die Fachwelt indes nicht einig, welcher Systematik der Vorzug gegeben werden soll. Manche Botaniker sprechen von den drei oben genannten Spezies, Cannabis sativa, indica und ruderalis, andere sehen lediglich eine Stammpflanze, Cannabis sativa, und drei Unterformen (fachsprachlich Varietäten genannt), nämlich Cannabis sativa var. sativa, Cannabis sativa var. indica und Cannabis sativa var. ruderalis. Nach neuerer Definition sehen einige zudem eine weitere Art, nämlich Cannabis afghanica, was die Verwirrung innerhalb der botanischen Systematik (Nomenklatur genannt) nicht gerade mindert.

Ein verbindliches, für alle geltendes und damit einheitliches System gibt es in der Botanik in dieser Form nicht.Die Erläuterung der botanischen Klassifizierung ist jedoch nicht der Weisheit letzter Schluss, bringt sie doch dem Cannabis-Neuling noch nicht die finale Erhellung, wenn es darum geht, im Dschungel der Cannabissorten die Orientierung zu finden. Denn neben den natürlichen Arten gibt es noch die zahlreichen sogenannten Strains, die dann Namen tragen wie „L.A. Confidential“, „Super Silver Haze“, „OG Kush“, „Northern Lights“, „Orange Bud“ oder „Jack Herer“. Bei solchen Pflanzen handelt es sich um explizite Züchtungen, sogenannte Kreuzungen (fachsprachlich Hybriden genannt), die es in der Natur so nicht gibt. Auch die Abgrenzung der botanischen Spezies verwischt sich hier zusehends, weil Zuchtformen wie die genannten aus diversen Arten und bereits gekreuzten Sorten kreiert werden. Diese Züchtungen werden aus den verschiedensten Gründen produziert, zum Beispiel, um den Pflanzen eine verbesserte Resistenz gegenüber Schädlingen, Krankheiten und Umwelteinflüssen zu verleihen, um den Wirkstoffgehalt und die Zusammensetzung der Moleküle zu beeinflussen, um bestimmte Aromen zu erzeugen oder um die Wuchseigenschaften der Pflanzen zu verbessern.

So werden seit einigen Jahren etwa stark psychoaktive Cannabissorten mit der wilden Art Cannabis ruderalis gekreuzt. Sie hat die besondere Eigenschaft, unabhängig von der Tageslänge in Blüte zu gehen – dieser Vorzug wird den neuen Hybriden so sprichwörtlich angediehen. Die anderen Cannabisarten – sativa und indica und all deren Abwandlungen – gehen nämlich erst in die Blütephase über, wenn ein konstanter Rhythmus zwischen Tag (bzw. Sonnenlicht) und Nacht (bzw. Dunkelheit) eingehalten wird, wobei die Dunkelphase zwischen zehn und zwölf Stunden liegen muss.

Weil Cannabis ruderalis mit seinem ursprünglichen Heimatgebiet, dem südöstlichen Russland, in einer Gegend vorkommt, in der die Tage kürzer als die Nächte ausfallen, hat sich bei dieser Spezies eine Eigenart ausgebildet: Nach Ablauf einer bestimmten Zeit des vegetativen Wachstums geht sie in den Blütemodus über – und bildet eben nicht abhängig von den Lichtperioden Blüten aus. Genau diese Eigenschaft ist es, die dazu geführt hat, die sogenannten Automatic-Strains zu kreieren, die Cannabisanbauern (Growern) das Leben leichter machen sollen. Denn solche Automatic-Pflanzen können theoretisch auch 24 Stunden am Tag unter prallem Licht stehen und werden trotzdem in die Blüte gehen. Das ist bei Cannabis-Strains, die ausschließlich aus Anteilen von Cannabis sativa und/oder indica bestehen, undenkbar.

Hanf ist übrigens eine zweihäusige, der Fachmann sagt diözische Pflanze, bildet also männliche und weibliche Exemplare aus, von denen lediglich die weiblichen psychoaktiv nutzbar sind.

TERPENE KÖNNEN EBENFALLS MEDIZINISCHE UND/ODER PSYCHOAKTIVE EFFEKTE HERBEIFÜHREN.

Die Beziehung zwischen Mensch und Hanf ist eine uralte. Archäologen belegen eine Verwendung von Cannabis durch den Menschen seit mindestens 10.000 Jahren vor Christus. Kein Wunder, war der Hanf für die Menschen doch schon immer ganz besonders wertvoll, weil er als Heilmittel, Nahrungsmittel, Rauschsubstanz, Ritualdroge und vor allem als vielseitige Nutzpflanze verwendet werden kann. Aus Hanf kann man Fasern und Textilien, Seile, Papier, Werk- und Baustoffe, Öl und vieles andere herstellen. Der Kulturhanf Cannabis sativa eignet sich aufgrund seiner robusten und langen Fasern ganz besonders gut als Nutzpflanze. Moderne Zuchtformen der Pflanze kommen mit nur sehr geringem THC-Wert (weniger als ein Prozent) daher.

WAS WIRKT ÜBERHAUPT?

Häufig ist, wenn es um die psychoaktive Wirksamkeit der Cannabisarten geht, von einem Molekül des Namens Tetrahydrocannabinol, kurz THC, die Rede. THC ist zwar der hauptwirksame Inhaltsstoff bzw. Molekülkomplex des Hanfs. Die tatsächliche Wirkung und die eigentlich pharmakologischen Effekte sind aber das Ergebnis des Zusammenspiels vieler verschiedener chemischer Verbindungen, die in den Cannabispflanzen vorkommen können. THC und seine verwandten Stoffe – Cannabidiol (CBD), Cannabinol (CBN), Cannabigerol (CBG) und so weiter – gehören einer Stoffklasse an, die sich Cannabinoide nennt. Das sind zu Deutsch die Cannabiswirkstoffe, die es sowohl im Pflanzenreich gibt (= Phytocannabinoide, griechisch: phyton für Pflanze), und die auch im menschlichen und tierischen Körper produziert werden (= Endocannabinoide, altgriechisch: endogen für körpereigene Stoffe).

Die Phytocannabinoide im Hanf beeinflussen sich wechselseitig in ihrer Wirksamkeit. Ein Beispiel: CBD hat viele medizinisch nützliche Eigenschaften, wirkt aber (abgesehen von leicht beruhigenden Effekten) nicht psychoaktiv bzw. sogar der berauschenden Wirkung des THCs entgegen. Mit den Cannabinoiden, von denen in den diversen Hanfarten mehr als hundert verschiedene vorkommen (jedoch nicht alle in jeder Pflanze), ist es allerdings noch nicht getan. Es liegen in den Hanfpflanzen außerdem weitere Moleküle vor, beispielsweise die Terpene, die ebenfalls medizinische und/oder psychoaktive Effekte herbeiführen können und die Wirkung des Cannabinoidmixes in Cannabis stark beeinflussen. Neben den Cannabinoiden und den Terpenen gibt es weitere Inhaltsstoffe im Hanf. Insgesamt über 600 chemische Verbindungen sind in den vergangenen 50 Jahren in den verschiedenen Cannabispflanzen nachgewiesen worden. Die Tatsache, dass die Phytocannabinoide eng mit den Terpenen verwandt sind – sie stellen sogenannte Terpenphenole dar –, ist aber eher ein Thema für Fachleute. Genauso wie das Faktum, dass ein großer Anteil der Cannabinoide in frischen Pflanzen in seiner inaktiven Säureform vorliegt und beim Trocknungsprozess durch Decarboxylierung (Abspaltung eines Kohlenstoffdioxid-Moleküls) in die aktiven Formen übergeführt wird.

Halten wir fest: Die Anwesenheit diverser Cannabinoide, Terpene und anderer Inhaltsstoffe sowie deren Verhältnis zueinander und auch die Produktion, Lagerung und Zubereitung bestimmen die Wirksamkeit der entsprechenden Cannabisprodukte wie Haschisch und Marihuana.

WAS RAUCHT MAN VOM CANNABIS?

Obwohl Cannabis als Droge mittlerweile in so gut wie allen Gesellschaftsschichten bekannt ist, herrscht zuweilen immer noch Konfusion. Nämlich wenn es darum geht, zu erklären, was Haschisch und Marihuana sind. In vielen Büchern wird es immer wieder falsch erklärt – dabei ist es so einfach: Marihuana meint nichts weiter als die getrockneten Blüten der Cannabispflanze. Stängel, Samen und Blätter zählen nicht als Marihuana, wie in einigen Büchern zu lesen ist. Als Haschisch bezeichnet man das Harz der Cannabispflanzen, das von winzigen Harzdrüsen, den sogenannten Trichomen, abgesondert wird. Diese Harztropfen werden durch Siebung, Schütteln, Klopfen etc. von der Pflanze abgesammelt und zu unterschiedlichen Haschischsorten verarbeitet. Daneben gibt es noch das eher rare Haschischöl, ein stark wirksames Konzentrat, das mit Hilfe von Lösungsmitteln aus Haschisch extrahiert wird, sowie die recht neuen und superpotenten BHO-Konzentrate (BHO = Butane Honey Oil oder Butane Hash Oil), die mit speziellen Extraktoren aus Cannabisblüten, -schnittresten, -blättern und -harzen gewonnen werden.

ORALER KONSUM

Cannabis kann aber nicht nur geraucht oder verdampft (= vaporisiert), sondern auch gegessen oder getrunken werden. Werden die fett- und alkohollöslichen Inhaltsstoffe der Cannabispflanzen zum Kochen, Backen oder zur Herstellung von
Getränken verwendet, resultiert in aller Regel auch ein andersartiger, zuweilen stärker ausgeprägter Rauschzustand, als dies bei gerauchtem Cannabis der Fall ist. Oral zugeführtes Cannabis fängt erst nach einer halben bis zwei Stunden an zu wirken und prägt, gerade bei ungewohnten Anwendern, häufig richtige halluzinogene Effekte aus, die man als rauchender „Normalanwender‟ von Hanfprodukten gar nicht erwarten würde. Gegessenes oder getrunkenes Cannabis kann überdies schnell zu einer Überdosierung führen, die zwar für den Körper nicht schädlich ist, wohl aber äußerst unangenehm werden kann.

MEDIZINISCHE QUALITÄTEN

Cannabis hat zahlreiche medizinische Qualitäten, die bei den verschiedensten Krankheiten und Leiden hilfreich sein können: Es kann die Übelkeit bei Krebs- und Aidspatienten hemmen, den Augeninnendruck von Glaukomerkrankten senken, zeigt signifikante Effekte bei neurologischen Erkrankungen wie Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) und Tourette-Syndrom und kann chronische Schmerzen erträglich machen. Dieses Gewächs verfügt über ein so großes medizinisches Spektrum wie keine andere Pflanze auf dieser Erde. Diese vielfältige Heilkraft des Hanfs liegt in erster Linie darin begründet, dass wir Menschen (und auch die Tiere) über ein Endocannabinoidsystem verfügen, das maßgeblich für die Regulierung der verschiedensten Vorgänge innerhalb des Organismus mitverantwortlich ist. So haben Tierversuche ergeben, dass z. B. Mäuse ohne dieses Endocannabinoidsystem nicht lebensfähig sind – dasselbe gilt aller Voraussicht nach auch für den Menschen. Viele Krankheiten und Leiden sind dabei auf eine Fehlfunktion des Endocannabinoid-Haushalts zurückzuführen, weshalb sie mit den pflanzlichen Cannabiswirkstoffen behandelt werden können. Cannabismedizin kann äußerst wirksam sein.

NACH DEUTSCHLAND KAM HANF IM 4. ODER 5. JAHRHUNDERT.

IST CANNABIS EINE FÜR UNS KULTURFREMDE PFLANZE?

Häufig wird von Gegnern einer Freigabe des Hanfs argumentiert, Cannabis sei in unseren Gefilden eine kulturfremde Pflanze. In Wirklichkeit ist der Hanf bis vor etwas mehr als 80 Jahren in Deutschland bzw. im deutschsprachigen Raum noch überall gewachsen, ob in Gestalt der Kulturpflanze auf den Feldern der Landwirte oder als verwilderter Pflanzenbestand am Wegrand. Der Botaniker Heinrich Marzell erhellt in seinem Buch über heimische Nutz- und Medizinalpflanzen, dass der Anbau der Hanfpflanze vermutlich aus Zentralasien und Indien stammt, nach Deutschland kam er im 4. oder 5. Jahrhundert. Bis vor etwa 65 Jahren war Cannabis sogar noch in gewöhnlichen Pflanzenführern für heimische Wildkräuter zu finden, was durch eine Vielzahl von Literaturstellen mühelos belegt werden kann. Der Hanf ist bei uns also alles andere als kulturfremd – erst die Drogenprohibition hat aus dieser vielseitigen Pflanze ein Teufelszeug gemacht.