Kleider machen Leute

Kleidung ist mehr als ein Fashionstatement. Sie wirkt auch auf unsere Haut und unseren Organismus ein – das macht man sich nicht immer klar. Hanfkleidung kann auf toxische Zusätze verzichten. Und das ist nicht nur für die Träger wichtig, sondern auch für die Menschen, die in der Textilbranche arbeiten.

Bis zu zwei Quadratmeter würde die Haut von uns Menschen ausgebreitet abdecken. Für ein Sechstel unseres Körpergewichts ist sie verantwortlich – dabei aber nur wenige Millimeter dünn. Sie ist nicht nur ein sehr umfangreiches Organ, sondern auch ein überaus empfindsames, das eine Brücke bildet zwischen innerer und äußerer Welt. Unsere Bekleidung ist letztendlich eine erweiterte Form der Haut. Eine zweite Schicht. Zumeist tragen wir Bekleidung 24 Stunden am Tag. So hat diese Hülle genauso viel (Aus-)Wirkung auf unseren Organismus wie die innere Ernährung. Die Haut nimmt Chemikalien aus ihrer Umgebung auf und transportiert sie in den Blutkreislauf. Ein Filtern durch die Leber entfällt. Deswegen ist es ratsam, auf die Bekleidungsqualität zu achten.

Die Textilindustrie – ein Einblick

75 Millionen Tonnen Bekleidung werden jährlich nach Deutschland importiert, mehr als 90 Prozent stammen aus Asien. Der Großteil der weltweit hergestellten Bekleidung entspringt einer Industriekette, die sich toxischer Chemikalien bedient. Einerseits beim Anbau von Naturfasern – durch Pestizide, Herbizide – sowie bei der Herstellung von Chemiefasern. Andererseits bei der Produktion des Garnes, der Stoffveredelung wie das Waschen, Färben und Bedrucken. Zudem werden für den langen Überseetransport Chemikalien in die verschweißten Kleidersäcke gesprüht, um diese vor Schimmel oder Mottenbfall Schützen. Asien und Europa haben unterschiedliche Gesetzgebungen bezüglich zugelassener Chemikalien, Lohnniveaus, Arbeitsschutzbedingungen und Umweltschutzrichtlinien. Durch eine Produktion im fernen Ausland sind die Prozesse zumeist uneinsichtig und schwer kontrollier- bzw. nachvollziehbar. Auch innerhalb der EU gibt es große Gefälle sozialer Standards – und Siegel geben nicht immer eine Garantie. Oft gehen Textilien in Deutschland über den Ladentisch, die toxische und in Europa nicht zugelassene Chemikalien enthalten. Doch für den Import gibt es nur wenig gesetzliche Richtlinien.

Eingesetzte Chemikalien der Textilindustrie wie zum Beispiel Formaldehyd, Perfluorcarbone (Outdoor-Bereich), Blei, Aluminium, Phthalate, Klebstoffe, Dimethylfumarat (Antischimmelmittel, Schuhproduktion) werden schon nach kurzer Zeit Hautkontakt vom Körper aufgenommen und in die Blutbahn weitergeleitet. Einige Chemikalien aus der Textilproduktion sind lungengängig und können die Hirnschranke durchqueren. Es wäre daher nicht abwegig in der Forschung über wachsende Unfruchtbarkeit, steigender Demenzraten, Allergien sowie Herz-Kreislauferkrankungen die Auswirkung der Textilchemikalien auf den Körper miteinzubeziehen.

Bis zu 30 Waschgänge braucht es, um alle schädlichen Chemikalien aus einem Textil zu waschen. Diese gelangen beim Waschen in das Abwasser. In der Textilindustrie beim Waschvorgang eingesetzte Tenside belasten das gesamte Ökosystem zusätzlich.

Bekleidung aus erdölbasierten Fasern – eine Innovation?

Die textile Kette ist sehr lang und demnach komplex. Viele unterschiedliche Prozesse müssen nahtlos ineinanderlaufen, um ein fertiges Bekleidungsstück salonfähig zu machen. In Zeiten der Über- und Massenproduktion ist es für eine funktionierende Verarbeitungskette wichtig, so wenig Unterbrechungen wie möglich im Produktionszyklus zu haben. Die Anforderungsmatrix von erdölbasierte Fasern kann im Labor festgelegt und einem Standard zugeordnet werden. Somit ist nach erfolgreicher Entwicklung einer Faser eine einfache Handhabung im weiteren Produktionskreislauf gegeben. Nahezu 80 Prozent des Weltmarkts der Bekleidung besteht aus Erdöl. Diese „Plastikbekleidung“ erzeugt nicht nur Mikroplastikpartikel, die durch den Waschgang ungehindert ins Grundwasser gelangen, ihre Entsorgung bzw. Wiederverwertung gestaltet sich zudem sehr aufwendig.

Bekleidung aus Naturfasern wie Hanf, Leinen und Brennnessel

Kaum zu glauben, aber Baumwolle ist längst nicht das ergiebigste Rohmaterial für Textilien. Bei den Naturfasern hat Hanf die Nase vorne: Bis zu 8.000 Kilogramm Rohfaser wachsen auf einem Hektar. Daraus entstehen beispielsweise ungefähr 1.000 T-Shirts oder 700 Jeans. Leinen schafft immerhin ungefähr 6.000 Kilogramm Rohfaser aus einem Hektar Flachs, bei Baumwolle sind es 4.000.

Die Bastfasern der Hanf-, Leinen- und Brennnesselpflanzen sind im Stängel enthalten. Durch rein mechanische Prozesse ist es möglich, diese Fasern zu Garn zu verarbeiten. Somit kann zumindest bei diesem ersten wichtigen Schritt eine 100 Prozent ökologische Produktion theoretisch gewährleistet sein. Dies ist jedoch vom Hersteller abhängig.

Warum gibt es heute kaum noch Bekleidung aus Hanf?

Bis ins 19. Jahrhundert galt die Hanffaser in den USA als gesetzliches Zahlungsmittel. Menschen zahlten zum Beispiel ihre Steuern damit. Durch die Industrialisierung, Automatisierung und verstärktes Lobbying bestimmter Interessengruppen sind die dezentralen Verarbeitungsstrukturen in Europa nahezu zerstört worden. Inzwischen werden fast ausschließlich Chemiefasern hergestellt, die eigene Textilmaschinen brauchen, die nicht mit Hanf-, Leinen- und Brennesselfasern kompatibel sind. Die robusten mechanischen Maschinen landeten im letzten Jahrhundert auf Schrottplätzen oder wurden von China aufgekauft. Nur noch wenige Ressourcen sind in Europa, vor allem im deutschen Sprachraum, vorhanden. Das ökosoziale Projekt hanfliebe hat sich im Zusammenschluss mit einem großen Netzwerk in Zentraleuropa der Aufgabe angenommen, diese Strukturen wiederaufzubauen.

Eine Erkenntnis: Was die Hand kann, kann eine Maschine nicht umgehend. Es ist eine Herausforderung, Hanffasern industriell sowie mechanisch zu gewinnen – das hat mit der Robustheit des Stängels zu tun. Auch hierzu experimentiert und entwickelt das Netzwerk um hanfliebe inklusive der Hanffaser Uckermark an geeigneten technischen Möglichkeiten. Für die Verarbeitung von Hanf, Leinen und Brennnessel benötigt es ein Gefühl für die Natur. Dort herrschen keine Laborbedingungen. Das Klima ist jedes Jahr anders. So ist der Produzent herausgefordert, mit der Natur zu leben und die nötige Muße im Produktionsprozess der gesamten textilen Kette aufzubringen.

Antibakterielle Hanffaser – ideal für den Sportbereich

Die Hanffaser ist eine antibakterielle Faser. Sie ist robust und bei angemessener Verarbeitung gleichzeitig weich und schmiegsam. Sie gewährleistet eine hohe Wasserabsorption und ist temperaturausgleichend. Die Hanffaser ist im Vergleich zu allen anderen Naturfasern sehr reißfest und eine der wenigen Fasern, deren Reißfestigkeit sich im Nasszustand noch erhöht. Sie sind zudem salz- und auch teilweise säureresistent. Deswegen benutzte die Seefahrt bis zum 2. Weltkrieg zum Großteil Seile und Segel aus Hanf.

Gemeinwohlökonomie und Postwachstum

Eine zukunftsorientierte Gesellschaft mündet nicht nur in einem Austausch von ökologisch wertvolleren Rohstoffen. Im Modebereich sollte sich das Konsumverhalten verändern und die Entwicklung von bis zu 12 Kollektionen jährlich verringern. Bekleidung aus Hanf, die eine höhere Haltbarkeit aufweist, ist in diesem Gestaltungsprozess zukunftsweisend.

„Du bist, was du isst“, heißt es in der Ernährungsphilosophie. So kann weiterführend geschlussfolgert werden: „Du bist, was du trägst“. Durch das Tragen von Bekleidung macht jeder von uns täglich sichtbar, wen und was er vertritt. Naturbekleidung zu tragen ist nicht nur eine Angelegenheit des persönlichen Geschmacks. Es ist eine Entscheidung für eine enkelkindertaugliche Zukunft.