Innen leben – Autisten brauchen Cannabinoide

Neurowissenschaftler konnten Anfang des Jahres Nachweise finden, dass autistischen Kindern weniger Endocannabinoide (körpereigene Cannabinoide) zur Verfügung stehen. Die sind unter anderem zuständig für die Regulierung unserer Gefühlsäußerungen. Gefühle haben und zeigen sind aber zwei Paar Schuhe. Letzteres ist ein Resultat von sozialer und kultureller Prägung.

Mit der Erforschung des Genmaterials wurden neue Zusammenhänge zwischen Mutationen und neuropsychiatrischen Auffälligkeiten zutage gefördert. Ein Beispiel für den Nachweis einer solchen Verbindung ist die Autismus-Spektrum-Störung. Eine Arbeitsgruppe um Nobelpreisträger Thomas Südhof untersuchte genveränderte Mäuse, die sie zu Autisten gemacht hatte: Durch eine minimale Veränderung des genetischen Codes war eine wesentliche Signalkette des Endocannabinoidsystems unterbrochen. Das Rückgängigmachen und Reaktivieren des Endocannabinoidsystems führte in Tierexperimenten dazu, dass die auffälligen Verhaltensmuster normalisiert werden konnten.

Endocannabinoid-Mangel bei autistischen Kindern

Anfang dieses Jahres gelang Forschern nun der Nachweis, dass auch bei autistischen Kindern weniger Endocannabinoide im Blutserum zirkulieren als bei gesunden. Es wird derzeit in verschiedenen Disziplinen überprüft, inwieweit diese Erkenntnisse auch für Behandlungsmöglichkeiten genutzt werden könnten. Im vergangenen Dezember wurde eine Placebo-kontrollierte Studie mit 150 Patienten zwischen 5 und 21 Jahren abgeschlossen, die den Einfluss eines Cannabidiol-Extraktes bei Autismus-Spektrum-Störungen untersucht hat.

Nervensystem bleibt „formbar“

Die bedeutende Rolle der Endocannabinoide ergibt sich aus einer Betrachtung der Verhaltensänderungen, die mit einem Mangel derselben einhergehen. Wie am Beispiel des Autismus deutlich wird, können die Beeinträchtigungen sehr unterschiedliche Ausmaße und damit Schweregrade der Funktionseinschränkung annehmen. Das Endocannabinoidsystem ist maßgeblich an der Neubildung und Organisation von Nervenstrukturen beteiligt. Früher ging man davon aus, das Nervensystem verändere sich nach Abschluss der Hirnreifung nicht mehr wesentlich. Heutzutage weiß man, dass auch Nervenstrukturen einem ständigen Wandlungsprozess unterliegen. Nach einem Hirninfarkt (umgangssprachlich Schlaganfall genannt) können gesunde Nervenzellen die Funktion und Information abgestorbener übernehmen, was man „Plastizität“ nennt.

Kein Mitgefühl möglich?

Eine weitere Aufgabe des Endocannabinoidsystems besteht in der Regulierung unserer Gefühlsäußerungen. Diese als „Neuromodulation“ bezeichnete Fähigkeit ist insbesondere im sozialen Miteinander von Bedeutung.

Durch eine minimale Veränderung des genetischen Codes war eine wesentliche Signalkette des Endocannabinoidsystems unterbrochen.

Das Andersartige, was die Umwelt als „autistisches“ Verhalten wahrnimmt, wird nach der aktuellen medizinischen Terminologie als Abweichung in der sozialen Interaktion und Kommunikation bezeichnet. Im allgemeinen Sprachgebrauch werden Begriffe wie mangelndes Einfühlungsvermögen bis hin zur Empathielosigkeit verwendet. Hiermit sind ungewöhnliche Reaktionen auf Gefühlsäußerungen von Mitmenschen gemeint, wie das folgende Beispiel verdeutlichen soll:

Ein Vater berichtete, sein Sohn sei ins Wohnzimmer gekommen, habe die Mutter weinend auf dem Sofa angetroffen und gefragt, ob sie sein Portemonnaie gesehen habe. Als sie verneinte, habe er wortlos das Zimmer wieder verlassen. Dieses Verhalten lasse darauf schließen, dass der Sohn kein Mitgefühl entwickeln könne. Er sei also nicht in der Lage, den Gemütszustand seiner Mutter richtig zu erfassen, da er sich ansonsten nach dem Grund für ihr Weinen erkundigt oder sie getröstet hätte.

Bedeutendere Faktoren als Gene: Erziehung, Erfahrung und Sozialisation

Es wurde lange angenommen, dass das gestörte eigene Erleben von Gefühlen die Hauptursache für das gezeigte Verhalten sei. Durch Experimente wies man jedoch nach, dass autistische Menschen auf Gefühlsäußerungen kontextbezogen reagieren: Beim Betrachten eines Fotos, auf dem ein Junge abgebildet ist, der vor einem brennenden Haus steht, konnten sie – nach vorherigem Einüben der sprachlichen Bezeichnung – das gezeigte Gefühl korrekt einordnen. Es scheint somit verkürzt, aus dem gezeigten Verhalten auf das erlebte Gefühl zu schließen. Eine Studie zur Entstehung von Mitgefühl schreibt den Genen eine überschaubare Rolle zu. Sozialisation, Erziehung und Erfahrung seien bedeutendere Faktoren.

Gefühle lösen regulierende Einflüsse auf Organfunktionen aus

Ein wichtiges Zentrum der Gefühlsentstehung und -verarbeitung wird in der entwicklungsgeschichtlich sehr alten Struktur des Gehirns, dem limbischen System, verortet. Es besteht bei Säugetieren (Vögel verfügen ebenso über eines) anatomisch aus einem Saum, der zwischen Hirnstamm – verantwortlich für die autonom ablaufenden Organfunktionen – und einem Teil der Großhirnrinde – beteiligt an der Verarbeitung von Sinneseindrücken und Ausführung von Bewegungen – liegt. Gefühle lösen regulierende Einflüsse auf die Organfunktionen, das Sexualverhalten und die Gedächtnisleistungen aus.

Früher ging man davon aus, das Nervensystem verändere sich nach Abschluss der Hirnreifung nicht mehr wesentlich.

Wut, Angst, Ekel, Trauer, Überraschung und Freude sind kulturunabhängig

Es gibt zahlreiche Ansätze, das Repertoire an Emotionen beim Menschen zu benennen. Mittels genauer Beobachtung von Gesichtsausdrücken erstellte der amerikanische Psychologe Paul Ekman eine Liste von Basisemotionen oder Grundgefühlen: Wut, Angst, Ekel, Trauer, Überraschung und Freude seien kulturunabhängig bei jedem Menschen zu beobachten. Er stützte seine Beobachtungen auf genetische und statistische Analysen und kam zu dem Schluss, dass die Kontrollmechanismen für Gefühle sozial und kulturell geprägt werden.

Das Zeigen von Gefühlen, deren Bewertung und Verarbeitung sei also abhängig von der Umgebung und den Möglichkeiten, die sozial konformen Verhaltensweisen zu erlernen. Da der Mensch ein soziales Wesen ist, stellt dies eine wichtige Voraussetzung für das Überleben des Individuums dar.