Immer im Dienst

Sogar posthum bringt Harry Anslinger Legalisierungsbefür­worter auf die Palme. Er hat die Pflanze so effektiv in Ungnade fallen lassen, dass es noch 100 Jahre später nachwirkt. Thomas Gärtner ist ein Anslinger­Experte und hat mit dem Meister der Propaganda und Narrative ein fiktives Interview geführt. Aus überlieferten Dokumenten entstand dieses Gespräch – in Ans­lingers Muttersprache Deutsch.

Dieser Versuch, Anslinger zum Leben zu erwecken, basiert hauptsächlich auf der Anslinger-Biografie „Assassin of Youth“ von Alexandra Chasin, die sich auf Anslingers eigene Aufzeichungen stützt.

Herr Anslinger, möchten Sie einen Joint mit uns rauchen?

Nein, aber machen Sie nur. Ganz unter uns, Ihr Stoff ist relativ harmlos. Es kommt darauf an, wer ihn nimmt. Sie haben das im Griff. Sie machen keine Schulden und wissen, wo Sie nüchtern sein müssen. Sie geben es nicht Ihren Kindern. Ob Sie süchtig sind, ist dabei egal. Solange Sie das eben im Griff haben. Aber es gibt viele Leute, die können das nicht. Aus den unterschiedlichsten Gründen.

Und deshalb muss es verboten sein?

Es gibt genügend Menschen, für die Drogen eine Gefahr sind. Bessergestellte können damit leben. Das bedeutet aber auch, sie brauchen es nicht. Und darum ist es die moralische Pflicht aller, darauf zu verzichten. Gute Menschen tun so etwas nicht. Bessere Menschen müssen auf Vergnügen verzichten und Vorbild sein. Ich appelliere da auch an Ihre Vernunft.

Heroin ist eigentlich auch nicht schlimmer als Morphium. Richtig angewandt ein harmloser Hustensaft.

Ist das nicht diskriminierend, in bessere und schlechtere Menschen zu unterscheiden?

Ob gewissen Minderheiten Unrecht getan wurde oder nicht, spielt keine Rolle. Viele leben seit Generationen im Elend, in Familien, in denen sich moralischer Verfall verfestigt hat. Da gibt es Kriminalität und die müssen wir bekämpfen. Es wäre unverantwortlich, solchen Menschen gefährliche Substanzen zu überlassen, mit denen sie nicht umgehen können. Es gibt einfach Unterschiede. Meine Eltern waren Einwanderer, sind mit nichts angekommen. Aber sie sind eben nicht in New York geblieben, sondern sind weiter nach Westen, nach Altoona, Pennsylvania. Der Hauptsitz der Pennsylvania Railroad war da. Da gab es Arbeit für jeden, da wurde das Land in Bewegung gebracht. Es ist bestimmt auch eine Frage des Glaubens und der Gene. Warum sind so viele Deutsche, Engländer, Nordeuropäer aufgestiegen, die Katholiken nicht? Es ist eben ein Unterschied, ob man sich mit Religion, Drogen oder Glücksspiel betäubt, oder aufsteht und etwas aus sich macht.

Sie waren niemals in Versuchung?

Mit 14 Jahren habe ich auch bei der Bahn angefangen zu arbeiten, wie jeder anständige Junge damals. Den ganzen Tag musste ich rechnen, Listen vergleichen. Und abends hatte ich Schule. Wann hätte ich da Drogen nehmen können? Zugedröhnt hätte ich ganz sicher nicht neben der Arbeit noch das College geschafft. Übrigens tolerierte die Bahn keinerlei Rauschmittel, bei Verstoß flog man raus. Von konzentrierter Arbeit hingen Menschenleben ab. Und Zeit und Geld. Da brauchte der Staat nichts verbieten.

Ob Sie süchtig sind, ist dabei egal. Solange Sie das eben im Griff haben.

Damals waren Drogen noch kein Thema?

Wir wussten alle, das ist Teufelszeug. Wir sahen Morphinisten leiden und wollten damals schon Regeln. Die Städte hatten Rezeptpflichten erlassen. Auch Cannabis war lange vor meiner Zeit reguliert, die Gefahr war bekannt. Aber wir hatten andere Probleme. Die neue Industrie zog viele arme Migranten an. Elend breitete sich unkontrolliert aus. Da bildeten sich kriminelle Banden, es ging noch nicht um Drogen. Mit Wucher und Schutzgeld fing diese Pest an.

Bekam man das mit?

Auf meinem letzten Posten bei der Bahn war ich Werkspolizist, 1915 war das. Da gab es ein Großmaul, das erpresste Schutzgeld von italienischen Arbeitern. Einmal lag ein Arbeiter niedergeschossen im Straßengraben. Alle wussten, das war ‚Großmaul‘. Ich forschte ein bisschen und hab den Vogel dann einfach auf offener Straße am Schlawittchen gepackt. „Wenn der Junge stirbt, dann hängst du!“, sagte ich ihm vor allen Leuten. Der Gauner ist dann sofort aus der Stadt verschwunden und ward nie wiedergesehen.

Sind Sie dann in den Staatsdienst, weil Sie weiter Polizist sein wollten?

Ich war gerne Polizist und bin es heute sehr gern. Bei der Armee bewarb ich mich aber einfach, weil unser Land sich schon 1916 auf den Krieg vorbereitete. Aber Soldat werden durfte ich nicht, weil ich einäugig bin. Als Junge erlitt ich bei einer Rauferei eine Netzhautablösung. Damals konnte man das nicht wieder richten. Ich arbeitete im Magazin, erst für Pennsylvania, dann bei der Bundesregierung in Washington. Uniformteile, Messingknöpfe, Verwaltung hatte ich schon bei der Bahn gelernt. Ich habe viele Verbesserungsvorschläge gemacht, bin aufgestiegen. Mit einer ordentlichen Stelle konnte ich dann heiraten. Martha war sechs Jahre älter als ich, verwitwet mit einem Sohn.

Ihre Frau ist die Nichte Ihres späteren vorgesetzten Staatssekretärs, Andrew Mellon.

Martha war entfernt verwandt mit Mellon. Das half später, aber ich musste dafür auch zuverlässig sein, sonst hätte er mich nicht unterstützt. Nach der Hochzeit 1917 musste ich mich allein um Martha und unseren Sohn kümmern, sie haben sich in meinen Schutz begeben. So wie sich die Welt nach dem Krieg unter den Schutz der USA begab und wir die Welt seitdem mit guten Gesetzen schützen müssen, nüchtern und vernünftig. Die Welt war am Ende, ich sah, wie Europa in Trümmern lag. Noch im Krieg durfte ich mit dem diplomatischen Corps nach Den Haag. Bei der Überfahrt im Konvoi erlebte ich noch U-Boot-Attacken und Wasserbomben. In Holland traf ich 1918 den abgedankten Kaiser, weil ich ja deutsch kann. Dadurch konnte ich im diplomatischen Dienst bleiben.

Dann begann Ihre Arbeit mit Drogen?

1921 wurde ich Vizekonsul in Hamburg. Da bin ich an Drogen geraten und mein restliches Arbeitsleben dabeigeblieben. Die Deutschen, das Volk meiner Mutter, waren damals die größten Produzenten und Drogenschmuggler. Das modernste Land der Welt, aber nach dem 1. Weltkrieg am Boden. Die Chemiewerke liefen, produzierten Kokain und Heroin und verschifften es über Hamburg in die Welt. Verhindern konnten wir es nicht, aber ich registrierte die Ladungen. Machte Statistiken: wissen, wer was wohin schickt. Dann kann man den Verkehr unterbinden, das große Ganze in den Blick nehmen, auf zwischenstaatlicher Ebene etwas tun.

Heroin wurde zum Problem?

Heroin ist eigentlich auch nicht schlimmer als Morphium. Richtig angewandt ein harmloser Hustensaft. Aber das Industrieprodukt ist schwer zu kontrollieren, ein kompaktes, anonymes Pulver. Wir hatten noch keine Analysemethoden. Opiumballen oder Morphiumflaschen können Zöllner per Augenschein zuordnen. Heroin nicht. Wir aber müssen wissen, welches Land den Rohstoff liefert. Wie wir das während der Prohibition versuchten.

Aber die Prohibition, 1920 bis 1933, ist doch krachend gescheitert.

Gute Gesetze müssen von einer starken Hand durchgesetzt werden. Und stark ist die Hand, wenn sie organisiert und modern ist. Alkoholkonsum hätten wir beendet, wenn der politische Wille da gewesen wäre. Unsere Oberschicht trank, dazu schlecht bezahlte Beamte und unkontrollierbar lange Grenzen. Alkohol kam tonnenweise mit Fischkuttern aus Kanada und aus der Karibik, wo ich ab 1923 stationiert war. Wir hätten jedes Land in die Pflicht nehmen müssen, alle Warenströme registrieren. Mit England habe ich ausgehandelt, dass Frachtschiffe Zielhäfen angeben und ihre Ankunft nachweisen müssen. Internationale Vertragssysteme sind der effektivste Grenzschutz. Dafür habe ich konsequent gearbeitet, seit ich 1930 von der ineffizienten Alkoholbekämpfung wegkam und meine eigene Drogenbehörde aufbaute.

Dann begannen Sie ihren berüchtigten Feldzug gegen Cannabis. Warum?

Weil Marihuana unwichtig ist. Es tat keinem weh, es radikal vom Markt zu nehmen. Es war schon als Rauschmittel verschrien und dabei ein unzuverlässiges Medikament. Eine moderne Gesellschaft braucht Dinge, die funktionieren, egal ob das Eisenbahn, Automobile oder Medikamente sind. Und der Gebrauch muss dann streng reglementiert und kontrolliert werden. Das sind die Standards, hinter die wir nicht wieder zurückfallen dürfen. Außerdem wurde in den 30ern Kiffen modern. Die Gesellschaft wurde reicher, gute, weiße Kinder hatten Zeit zum Vertrödeln. Ob sie dabei Dope rauchen oder nicht, ist unwesentlich. Aber wenn die Kids sich langweilen, setzt moralischer Verfall ein. Sie streiten, um Liebeleien, um Geld, schon bilden sich Banden, die an der Gewalt verdienen. Da muss der Staat eingreifen, möglichst früh. Und wenn sich solche Zusammenrottungen um ein Rauschmittel bilden, ist es doch logisch, das aus dem Verkehr zu ziehen.

Warum müssen Kleindealer und Konsumenten strafrechtlich verfolgt werden?

Ich will eine Geschichte erzählen, die das verdeutlicht. 1927 registrierte ich als Konsul auf den Bahamas für die Alkoholbehörde Rumtransporte. Nebenbei forschte ich über Raubfische. Öfters wurden Haie mit Leichenteilen im Magen gefangen. Aber die Haie töteten keine Menschen. Ich fand heraus, tödliche Angriffe verübten Barracudas, klein und schlank wie Pfeile, aber schnell und aggressiv. Wenn ein Schwimmer eine blinkende Kette trägt, beißt der Barracuda die Kehle durch. Den blutenden Körper fressen dann Haie. Das habe ich sogar in einer Zeitung veröffentlicht. Aber die Öffentlichkeit will Haie am Haken, große Gangsterbosse. Gefährlich für die Menschen sind die gerissenen kleinen Dealer, die tödlichen Barracudas. Die müssen wir kriegen und an die kommen wir über die Konsumenten. Also müssen wir alle registrieren. Daraus werden Datensätze und dann können wir die Netze immer enger zusammenziehen. Das ist Polizeiarbeit, so funktioniert eine effizient verwaltete Gesellschaft. Sie werden das noch erleben mit Ihren leistungsfähigen Computersystemen, es wird eine bessere und effizientere Welt.

Diese Propaganda ließen Sie von Randolph Hearst verbreiten, dem Erfinder der Boulevardzeitung.

Hearst war seinerzeit der beste Verleger, aber ein lausiger Geschäftsmann. Als Erbe einer Goldmine konnte er nur Geld ausgeben. Sie hätten ihn gemocht, er hätte Ihnen gute Arbeit gegeben. Chaoten, Spinner, auch Süchtige konnten sich bei seinen Blättern entfalten. Schauen Sie „Citizen Kane“, dann wissen Sie, was für ein Mann Hearst war. Wir ergänzten uns, ich lieferte die Fakten aus dem Polizeialltag, er machte Sensationen daraus. Knackige Geschichten, Überschriften, die ins Herz treffen. So kämpfe ich für meine Sache, so macht man Politik. Wir lügen nicht, wir stellen die Tatsachen so zusammen, dass sie in unser Konzept passen. Die Leser lieben das.

Warum haben Sie Jazzmusiker verfolgt?

Weil es prominente Süchtige waren. Nebenbei: Jazz ist eine fürchterliche Musik, degeneriertes Geklimper, glauben Sie mir. Als Jugendlicher war ich Pianist in Stummfilm-Kinos. Da spielte ich auch ‚Schwarze Musik‘. Das ist aber seichte Unterhaltung. Wer da einen Kult draus macht, muss ein drogenverseuchtes Gehirn haben. Aber über Geschmack sollte man nicht streiten, deshalb machen wir hier lieber Schluss.

„MARIJUANA IS THE MOST VIOLENCE CAUSING DRUG IN THE HISTORY OF MANKIND“

Harry Jacob Anslinger, 1892–1975, gilt als der Architekt einer internationalen Drogenpolitik, die auf Verbote und Strafverfolgung setzt. Anslinger begann seine Karriere während der Prohibition als Diplomat im Dienst der amerikanischen Alkoholbehörde. Der konservative Hardliner wurde 1930 Leiter des neu gegründeten „Federal Bureau of Narcotics“ und blieb auf diesem Posten bis 1962. Das FBN ist Vorläuferorganisation der heutigen amerikanischen Drogenbehörde DEA.

Nach Amtsantritt in den 1930ern startete Anslinger eine groß angelegte Kampagne gegen Cannabis, für welches er das Slang-Wort „Marijuana“ kolportierte. Unter systematischer Einbeziehung von Boulevardpresse und Filmindustrie lancierte seine Behörde übertriebene, rassistisch gefärbte Horrorgeschichten über Gewalttaten unter Drogeneinfluss, gleichzeitig unterdrückte er seriöse Forschung über den Nutzen der Pflanze. Das mündete im bundesweiten Verbot von Cannabis durch den Marijuana Tax Act 1937.

Die Kampagne trägt derart abstruse Züge, dass moderne Cannabis-Aktivisten Anslinger durchaus plausibel Zusammenarbeit mit LobbyInteressen unterstellten, denen Hanf als Rohstoff eine unliebsame Konkurrenz war. Dafür kommen Papiermühlen, Hersteller der in den 1930ern erfundenen Kunstfaser, und die Pharmaindustrie in Frage. Gewinnorientierte Zusammenarbeit der genannten Industrien mit Anslinger sind aber nicht belegbar.

Schließlich war Anslinger persönlich eine treibende Kraft hinter der Single Convention 1961, dem einheitlichen UNAbkommen, das sämtliche Drogen weltweit verbietet. Tatsächlich ist die Single Convention eines der erfolgreichsten internationalen Abkommen, über die Grenzen militärischer Bündnisse hinaus haben es fast alle Länder ratifiziert und Strafvorschriften umgesetzt. Es prägt bis heute die konservative Einstellung zu Drogen weltweit.

Nach Ratifizierung des Abkommens schied Anslinger aus dem Bundesdienst aus und wurde Delegierter bei der UNO, wo er den neu entfachten „Krieg gegen die Drogen“ unter Richard Nixon unterstützte.