Im Flow – Schaffenslust im Rausch

Mit Cannabis kann man Schmerzen lindern, sich chillen und gedankenverloren treiben lassen, seinen Körper in allen Windungen und Bedürfnissen spüren. Es stellt sich aber auch die Lust ein, etwas zu erschaffen. „Baulust“ nennt unser Autor das Phänomen. Der Philosoph, der sich mit der Praxis und Theorie des Hedonismus befasst, kennt das Glück und die Tücke hinter THC.

Das Baugefühl hat seinen Ursprung am Sandstrand, beim Kind, das begeistert aus Sand seine Burg baut. Die Lust am Bauen besteht dabei im Erschaffen und Vorwärtskommen. Die Dinge fügen sich, es geht voran und das Kind hat eine Freude am Werden.

Im Laufe der Zeit wechseln dann die Baustoffe und Baustellen, aber das Baugefühl selbst bleibt. Der Erwachsene baut sein Haus aus Steinen und hat daran Lust. Oder er spielt Klavier, schafft sich Töne als Baustoff und macht daraus Musik. Denn man kann nicht nur aus Dachziegeln und Zement etwas schaffen, sondern auch aus Melodien. Töne sind Bausteine ohne Stein, also ohne feste Materie, erhalten sich aber einzelne Eigenschaften von Gegenständen, wie Masse, Bewegung und Gravitation. Deswegen kann man auch mit ihnen bauen und in der Musik sein Baugefühl leben.

Im Körper machen sich Wärme, Weite und Behagen breit

Die Lust am Bau sucht sich immer neue Baustellen und findet in Bier und Wein zuverlässige Partner. So sind die alkoholischen Lüste nicht einfach plötzlich da, sondern blühen langsam auf. Im Körper machen sich dann Wärme, Leichtigkeit, Weite und Behagen breit. Ein Gefühl von Kraft und Energie steigt auf, die Probleme rücken in die Ferne und die Gedanken werden freundlicher. Der Übergang macht es also, was sich dann besonders gut zeigt, wenn er einmal fehlt. Trinkt man ein Bier auf ex oder zwei hastige Gläser Sekt, alkoholisieren sie in kurzer Zeit und wirken dabei so schnell, dass sie die Lust an der Entfaltung der einzelnen Genüsse überspringen.

Zeit und Raum erhalten einen freundlichen Aspekt

Cannabis lässt sich diese Zeit und blendet langsam seine Lüste durch. Aus Anstrengung wird Anstrengungslosigkeit und aus dem Verdruss des Alltags eine lässige Souveränität. Zeit und Raum erhalten einen freundlichen Aspekt, die Nähe zu sich und zu den Menschen nimmt zu und aus Enge wird Weite. Wer sich gerade noch wie in einem Schraubstock eingeklemmt fühlte, der spürt, wie aus dieser Klemme eine großzügige Entspannung wird. Die Baustelle ist beim Marihuana also der eigene Körper und der Baustoff die einzelnen Lüste und Gelüste, die wiederum von einem Baumaterial namens Cannabis in ihrem Bautrieb vorangebracht werden.

Gesteigerter Mitteilungsdrang

Dieser Bautrieb gilt auch für das Denken, dass sich mit THC beschleunigt in Bewegung setzt. Ein Kreuzworträtsel zu lösen, ist eine nüchterne Lust am rettenden Einfall: Erst sucht man ahnungslos nach einem Wort, hat dann einen blassen Schimmer und findet schließlich die Lösung. Das Heraufdämmern der Lösung macht den Reiz des Rätsels erst aus, der jedoch schnell verfliegt, findet man alle Wörter ohne Anstrengung heraus. Das Cannabis steigert nun die Lust am Kreuzworträtsel ins Vielfache, denn Ideen und Gedanken kommen dann in schnellem Wechsel. Die Baulust am Denken kennt dann keine Grenzen und ist auch für den gesteigerten Mitteilungsdrang verantwortlich.

THC ist keine philosophische Droge

Doch Vorsicht: Eine Welle im Ozean würde auch davon überzeugt sein, gut voranzukommen, hätte sie Bewusstsein. Das Gefühl, große und originelle Einfälle zu haben, hält tatsächlich oft nicht mit der Qualität der Eingebungen mit. THC ist nämlich keine philosophische Droge, weil sie in erster Linie die Form und nicht so sehr den Inhalt fördert. Die erbaulichen Gedanken machen einen starken Eindruck, weil das Baugefühl in ihnen so kräftig herauskommt. Lust am Bau meint aber nur so viel, dass im Vergleich der unmittelbaren Vergangenheit mit der Gegenwart und der unmittelbar bevorstehenden Zukunft ein Fortschritt empfunden wird. Die Lust am Werden steckt also im Zeitbewusstsein, das sich leicht täuschen lässt.

Das gute Gefühl des Vorwärtskommens

Die Einheit von Jetzt, Gleich und dem soeben Vergangenen ist ein Spiel mit der Zeit. Deswegen bieten Computerspiele auch erfreuliche Baugefühle. Einen Bauernhof oder eine Zivilisation am Computer voranzubringen macht Spaß, weil man ein intensives Gefühl von Schaffen, Machen und Gelingen hat. Das gute Gefühl des Vorwärtskommens ist aber so unverbindlich wie beim Marihuana, ein reines Spiel mit der Zeit. Was war, was kommt und was ist, wird in diesem Spiel zum Gefühl des Vorankommens verdichtet.

„Es spielt in mir“

Das Baugefühl kennt dabei nicht nur ganz unterschiedliche Baustoffe und Baustellen. Auch der Bauherr, der Baumeister kann wechseln und verschiedene Rollen annehmen. Der Klavierspieler überlässt so das Spiel seinen Händen und macht sein Ich arbeitslos. Was er macht, kommt aus ihm heraus und geschieht in ihm. Der Bauherr ist also nicht das wache Ich, sondern ein „es spielt in mir“. Die Baulust am Klavierspiel ist entsprechend ein „es baut in mir“.

Der Körper weiß, was er tut

Der Reiz des Bautriebs besteht also auch darin, sich dem Leib zu überlassen, der weiß, was zu tun ist. Wer auf diese Weise beim Cannabisrauchen einen Lachschub nach dem anderen hat, der lässt das gerne mit sich machen. Lachen ist überhaupt immer ein Durchlachtwerden, weil die vielen Muskeln, die im Brustkorb miteinander und gegeneinander arbeiten, gar nicht bewusst gesteuert werden können. Das Lachen ergreift den Menschen und macht ihn so zur Lachröhre und zum Lachkondensator.

Lachen bis zur Entfremdung?

Unheimlich wird das, wenn das Ich, das nur Zuschauer beim Lachmanöver ist, ganz übermannt wird und vom Kichern und Auflachen gegen seinen Willen mitgeschleift wird. Cannabis fördert solche Zustände, wo man das Lachen als Zwang erfährt, das den Menschen zur Marionette macht. Das ist unangenehm, weil man nicht mehr sein eigener Bauherr ist. Im vollständigen Kontrollverlust vergeht jede Lust am Bau, weil der Baumeister unstimmig geworden ist. Denn es ist eine Sache, sich dem eigenen Leib zu überlassen, aber noch etwas ganz anderes, vom Leib zu etwas gezwungen zu werden. Baugefühle können also auch die Entfremdung von sich fördern.

Mangel an Baugefühl

THC ermuntert aber noch ganz andere Bauherrenmodelle. Es kann auch zum Stillstand führen, sodass es gar kein Gefühl des Vorankommens gibt und damit auch keinen Baumeister mehr. Stoned zu sein kann bedeuten, in Lethargie und Starre zu verfallen, in die man gerne einstimmt. Es gibt dann keine Bewegung mehr. Nichts tut oder fügt sich und man wird sich zur Pflanze und hat daran seine Freude.

Einfach so auf dem Sofa zu liegen, die Beine hochzulegen und auf die Schuhe zu starren, kann sehr angenehm sein. Es kann aber auch Überdruss am eigenen Stillstandsmanagement hervorbringen, weil man in sich zu wenig Bewegung spürt. Die Lethargie durchfreut dann nicht mehr, sondern ist ein Mangel an Baugefühl. Marihuana gibt reichlich, nimmt aber bei intensivem Dauerkonsum auch mit Zins und Zinseszins. Die Baulust leidet dann besonders darunter, weil sie nicht mehr zum Zuge kommt und darin auch den Baumeister in sich vernachlässigt. Niemand macht mehr irgendetwas, was zu Verdrossenheit im Mangel am Baugeschehen führt.

Ein Kind baut und baut sowieso

Baugefühl und THC – bilden beide ein gutes Paar? Im Grunde ja, aber es gibt da auch eine Gefahr. Sie besteht in der Monopolisierung einer Lust am Bau, die im Prinzip überall zu finden ist. Das Kind trägt das Baugefühl noch ganz ungebunden in sich und hat dieselbe Lust am Bau eines Iglus wie beim Aufstauen eines Baches oder beim Verbinden von Regenpfützen. Alles ist geeignet, um den kindlichen Bautrieb auszuleben. Ein Haufen Steine reicht schon aus, um damit zu bauen und zu formen.

Monopolisierung auf Cannabis oder Alkohol

Der Erwachsene verliert diese Beweglichkeit und bindet sich meist an einige wenige Baulüste. Männer bauen so gerne ihr Haus immer weiter aus, den Dachboden, den Keller, das Gewächshaus etc. und sind leichtes Opfer der Werbung der Baumärkte. „Macher hören auf ihr Baugefühl“ heißt es da, was auch tatsächlich wirkt und den Drang zu bauen kanalisiert. Was beim Projektemacher sofort als eindimensional ins Auge fällt, ist auch oft beim Konsum von Alkohol oder beim Cannabis zu beobachten. Die eigentlich demokratische Lust des Bauens wird auf einen Bereich verengt, der das Baugefühl monopolisiert und auf wenige Situationen verengt. Wer sein Baugefühl ankurbeln möchte, der greift dann immer auf denselben Baustoff zurück.

THC gibt einen Schubs

THC erfindet das Baugefühl nicht, sondern fördert die vorhandenen Neigungen. Die Baulust am Jazz blüht so durch Marihuana auf, aber sie muss vorher schon da sein. Auch das erotische Baugefühl baut auf die ursprüngliche Lust der erotischen Erregung auf, die dann durch THC noch weiter vorangebracht wird. Cannabis kann all diese Baulüste befördern und so zu einer Selbstverfeinerung führen. Dafür braucht es aber eine Basis an Baugefühlen, in die es sich einbringen kann. Ein gutes Paar ergeben Marihuana und Baugefühl also nur dann, wenn man seine Baulüste vorher schon hat und sie dann in den Marihuanakonsum einbringt.