ICH MACHE EINFACH IMMER WEITER

Seit fast 20 Jahren lebt Christiane Kaiser mit der Diagnose Multiple Sklerose. Ihren Lebensmut hat sich die junge Frau nicht nehmen lassen. Im Gegenteil: Demnächst stehen Kletterabenteuer und eine Tour durch Europa auf dem Plan.

Christiane Kaiser ist dieses Jahr zum ersten Mal auf der „Mary Jane“ in Berlin. Den weiten Weg quer durch Deutschland hat sie zusammen mit ihrem Mann auf sich genommen. Auf der Messe präsentierten sich diesen Sommer zum zweiten Mal nationale und internationale Unternehmen, die irgendwie mit Cannabis oder Nutzhanf zu tun haben. Von Bongglasbläsern über Pflanzendüngerhersteller bis hin zum Klamottenlabel war alles dabei. Das wollte sich Christiane nicht entgehen lassen. „Das ist alles ziemlich aufregend hier. Wir sind ja eigentlich zwei Landeier“, schmunzelt sie. Die junge Frau mit den vielen bunten Tattoos und Dreadlocks ist fasziniert von all dem Trubel und den Angeboten auf der Messe.
Christiane wuchs im ländlichen Morsbach in der Nähe von Köln auf – „mein Vater war ein typischer Montagearbeiter und meistens nur am Wochenende zuhause“, erinnert sie sich. Christiane beschreibt ihre Jugendzeit als fröhlich, obwohl sie schon damals mit Vorurteilen zu kämpfen hatte: Ihre Vorliebe für die Gothic- und Metalszene brachte der fleißigen jungen Frau in der Schulzeit den Spitznamen „schwarzer Hippie“ ein. Kurz vor dem Schulabschluss lernte sie Matthias, ihren jetzigen Mann, kennen. Mit ihm und den gemeinsamen zwei Kindern lebt sie auch heute noch im Rheinland.

Zusammen mit Matthias will sie sich auf der Messe über Cannabis und speziell über dessen gesundheitspolitische Entwicklung informieren. „Ich hatte mir Berlin und die Messe tumultiger, stressiger für mich vorgestellt, aber die Leute hier sind echt zuvorkommend und bieten immer wieder ihre Hilfe an“, sagt Christiane. Sie hat Multiple Sklerose im fortgeschrittenen Stadium und sitzt im Rollstuhl. Die 32-Jährige lebt seit 1998 mit der chronisch-entzündlichen Erkrankung des zentralen Nervensystems.

Es begann mit Taubheitsgefühlen in den Händen. Der behandelnde Orthopäde sah damals den Auslöser im Stress, dem die junge Mutter von zwei kleinen Kindern ausgesetzt war. Als die Symptome immer stärker wurden und sie nicht mehr laufen konnte, folgte 2013 dann die offizielle Diagnose.

Mein ganzes Weltbild ist ins Wanken geraten.

„Das hat mich ganz schön umgehauen“, sagt sie, „mein ganzes Weltbild ist ins Wanken geraten.“ Sie wirkt gefasst und stark, als sie ihre Krankheitsgeschichte erzählt. Ihr Mann Matthias bleibt die ganze Zeit nah an ihrer Seite. Man merkt, dass diese zwei wie Pech und Schwefel zusammenhalten und schon einiges gemeinsam durchgestanden haben. „Ich habe schon die komplette Standardpalette an Schmerzmitteln durch“, berichtet Christiane. Täglich muss sie starke Medikamente nehmen, doch deren Nebenwirkungen haben es in sich. Kognitive Beeinträchtigungen, Depression, Konzentrationsschwächen, tägliche neurologische Schmerzen und Übelkeit sind nur einige Symptome, mit denen Christiane zu kämpfen hat.

Bereits vor zehn Jahren erzählte ihr eine Freundin davon, wie ihre Rückenschmerzen mit Hilfe von Cannabis verschwanden. Das ermutigte Christiane, es ebenfalls einmal mit der Pflanze zu versuchen, und tatsächlich konnten auch viele ihrer Beschwerden durch Cannabis gelindert werden. Von da an rauchte Christiane ab und an mal einen Joint, gegen die Schlafstörungen und um den Körper zu entspannen.

Ohne die Blüten wäre ein normaler Alltag nicht möglich

Früher hat Christiane auch Zigaretten geraucht. Heute ist sie Nichtraucherin, aber immer noch beim Cannabis geblieben. Mittels Vaporisator inhaliert sie die Medizin. Für sie sei dies die einfachste Methode, erklärt die junge Frau. Dabei müsse sie die Blüten noch nicht einmal zerkleinern. „Wenn ich Cannabis nehme, verringern sich die chronisch einschießenden Spastiken. Die kognitiven Beeinträchtigungen verschwinden sogar völlig. Ich kann endlich wieder ein normaleres Leben führen, wie zum Beispiel meinen Kindern bei den Hausaufgaben helfen und den Haushalt erledigen“, beschreibt sie.

Trotz der eindeutigen Verbesserung von Christianes Zustand war es für sie nicht einfach, einen Arzt zu finden, der sie dabei unterstützt, die damals nötige Ausnahmegenehmigung zu beantragen. Die Suche nach einem Neurologen, der Cannabis auf Rezept verschreibt, war eine Odyssee. Oft hatte Christiane das Gefühl, schon aufgrund ihres Äußeren stigmatisiert zu werden. „Die dachten, ich will nur umsonst kiffen“, schüttelt die junge Frau den Kopf. Vielen Ärzten fehlt es immer noch an Studien, Wissen und Informationen zur Dosierung von medizinischem Cannabis. „Man fühlt sich oft hilflos und alleingelassen. Ich war richtig verunsichert“, erinnert sie sich. Erst der achte Arzt, in dem Fall eine Anästhesistin, erklärte sich bereit, sie zu behandeln.

Man hat ja gar keine Alternative, als selbst kriminell zu werden.

Absage mit der Begründung: „Ist nicht notwendig.“

Gleich nach dem Inkrafttreten des Gesetzes haben Christiane und ihre Ärztin bei der Krankenkasse die Kostenübernahme für eine Therapie mit Cannabisarzneimitteln beantragt. Dann begann das wochenlange Warten. Das Patientenrechtegesetz verpflichtet die Krankenkassen, über einen Antrag auf Kostenübernahme innerhalb von fünf Wochen zu entscheiden, wenn der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) eingeschaltet wurde. Eine Frist, die im Fall von Christiane bis zur letzten Sekunde ausgereizt wurde und eine Rückantwort innerhalb der Frist unmöglich machte. Christiane ärgert sich außerdem über die mangelnde Kommunikation zwischen Krankenkasse und MDK.

„Und nach dem ganzen Papierkrieg und der Warterei kam die Absage mit der Begründung: Ist nicht notwendig“, beklagt sie. Der MDK sei hinlänglich dafür bekannt, Anträge auf Kostenübernahme von Cannabisrezepten bei MS abzulehnen, erzählt Christiane. Für die Patientin ist dies ein herber Schlag. Auf die bedingungslose Unterstützung ihrer Familie kann Christiane hingegen zählen. Alle Familienmitglieder vom Sohn bis zur Großmutter sind eingeweiht und unterstützen, wo sie können. Aufgeben will sie deshalb noch lange nicht.

Das Ehepaar hat mittlerweile einen Top-Anwalt aus der Hamburger Kanzlei „Menschen und Rechte“ eingeschaltet, der sich auf solche Fälle spezialisiert hat. „Dieses menschenunwürdige Verhalten muss ein Ende haben. Man hat ja gar keine Alternative, als selbst kriminell zu werden“, sagt Christianes Mann mit Nachdruck.

Momentan bleibt den beiden nur, das Cannabis selbst zu beschaffen und zu bezahlen. Dafür müssen sie jeden Monat circa 600 Euro aufbringen. Matthias unterstützt seine Frau, wo er kann. Er arbeitet extra in zwei Jobs, um den hohen finanziellen Aufwand zu bewältigen. Tagsüber als Techniker für den medizinischen Dienst und abends als Programmierer. Manchmal bleibt nicht viel gemeinsame Zeit für das Paar.

„Um das Cannabis zu besorgen, fahren mein Mann und ich einmal im Monat gemeinsam aus dem Kölner Umland rüber nach Holland. Wir machen da einen richtig schönen Beziehungstag draus. Verbringen Zeit zu zweit. Mal ohne Kinder ist auch schön“, lacht sie. „Wir klappern dann alle Coffeeshops ab, weil man pro Kopf in jedem Shop ja maximal fünf Gramm kaufen darf. Und am Ende haben wir dann so circa 60 Gramm zusammen.“

Dein Rollstuhl ist ganz schön abgerockt.

Die Angestellten in den Coffeeshops kennen das Ehepaar mittlerweile gut. Man grüßt sich und fachsimpelt miteinander. „Wir werden gar nicht mehr nach dem Ausweis gefragt“, erzählt Christiane. Um die Kosten für das Cannabis geringer zu halten, haben sie eine Zeitlang sogar selbst zu Hause angebaut. „Wir sind ein super Team“, findet Christiane. „Weil ich mich damals nicht viel bewegen konnte, hat Matthias mir über den PC die Möglichkeit geschaffen, Belüftung und Temperatur der Anbaukammer zu steuern. Ich habe den grünen Daumen und er hat die Technik.“ Doch jetzt wo die Jungs im Teenageralter sind, wollen sie nicht mehr selbst anbauen.

Christiane wirkt weder frustriert noch gezeichnet. Sie ist aktiv und unternehmungslustig. Gemeinsam mit Freunden sind sie und Matthias schon mit dem Wohnmobil nach Schottland und Südengland gefahren, sogar bis in die Highlands. „‚Mann‘, sagte ein Freund letztens zu mir, ‚dein Rollstuhl ist erst ein Jahr alt und du bist die ganze Zeit unterwegs. Der ist schon ganz schön abgerockt!‘“ – Die Freude darüber ist Christiane anzumerken. „Ich mache einfach immer weiter. Ich war noch nie die ‚normale‘ Frau oder Mama.“

Sie steckt sich immer wieder neue Ziele. Das gibt ihr Kraft. Dieses Jahr hat sie zum Beispiel wieder mit dem Zeichnen von Tattoos angefangen. „Eine Leidenschaft von mir. Meine Hand wird durch Cannabis ruhig und ich kann den Stift wieder führen. Vor drei Monaten habe ich mich sogar selbst auf dem Oberschenkel tätowiert. Ich lebe einfach, wie ich will“, bringt sie es auf den Punkt.

Im Herbst steht dann Bouldern – das Klettern an Felsblöcken ohne Sicherungsseil – mit ihrem Sohn auf dem Programm. „Das habe ich ihm versprochen“, sagt Christiane. „Und wenn die Kinder aus dem Haus sind, dann wollen wir mit dem Wohnmobil durch Europa reisen.“ Ein weiterer großer Wunsch von ihr ist es, mal wieder mit ihrem Mann tanzen zu gehen: „Wir haben uns nämlich damals in der Disco kennengelernt.“

Vor der Eigentherapie wären diese Ziele undenkbar gewesen, doch die Pflanze hat ihr neue Hoffnung gegeben. Für den zukünftigen gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema Cannabis ist Christiane vor allem Aufklärung und Entkriminalisierung wichtig. Sie selbst ist aktiv in den sozialen Medien, um Menschen zu informieren und anderen Mut zu machen. „Ich wünsche mir einfach, dass die Leute aufhören von Cannabis als Droge zu sprechen und dass die Vorurteile nach und nach einem neuen Bewusstsein für die Heilkraft der Pflanze weichen.“