Hedonistischer Ratschlag

Wir sind streng –
wenn nicht mit uns selbst, dann besonders mit unserer Umgebung.

Warum lassen wir kein gutes Haar mehr an denen, die sich gerne etwas gönnen? Wann wurde der Genuss zum Tabu und wozu würde der Hedonist wohl raten? Ein philosophischer Kommentar.

Ein Wertewandel, der fast nach hinten losgeht

Bei dem Versuch, einige zeitgenössische Ideologien aufzu­schlüsseln, mag manch einer durchaus ins Grübeln kommen: Heutzutage haben Freigeister und Kreative, Andersdenkende und Pausenclowns eine so große Daseinsberechtigung wie selten bisher. Diese Toleranz findet mitunter darin Anklang, dass ursprüngliche Methoden und Denkansätze zu hinter­fragen begonnen werden. Gleichzeitig werfen einige moderne Werteentwicklungen aber die Frage nach ihrer Umsetzbarkeit auf – eine ganze Generation Y steht für den Zweifel am Einklang von gutem Leben und dogmatisch gestalteten Moralvorstel­lungen und Zielsetzungen, die den Menschen hinsichtlich einer immer schneller funktionierenden Arbeitswelt optimieren sollen. Die Positionen könnten unterschiedlicher nicht sein, zumindest nicht in erster Hinsicht: So ist der Genuss, an dieser Stelle als unvernünftiger, möglicherweise ungesunder vorausge­setzt, ein durchaus gerne und in allen Maßen genutztes Mittel, will man sich von alltäglichem Leistungsdruck ablenken. Ein weiterer, scheinbar beträchtlich größerer Teil der Menschen übt sich aber in Askese – und wirft damit nicht nur sich selbst moralisch in Ketten. Weshalb wir immer stärker unter gesellschaftlichen Zwängen leben und es ein unabdingbarer, politischer Akt ist, sich immer wieder etwas Unvernünftiges zu gönnen, erklärt der österreichische Philosoph Robert Pfaller. Und weist gleichzeitig darauf hin, dass unser modernes Denken eigentlich von Rückschritten geprägt ist.

Wie eine verbotene Frucht

Mittlerweile kann man schon zurecht das Gefühl haben, die heimliche Kalorienbombe zwischendurch oder die dritte Beruhigungszigarette am stressigen Bürovormittag sei ebenso verpönt wie der dann doch illegale Feierabendjoint. Immerhin wird mittlerweile alles, was wir uns zuführen, wenn nicht durch uns selbst, dann durch andere genauestens unter die Lupe genommen. Kritisiert werden gegebenenfalls Schwachstellen in Bezug auf ökologische, soziale oder gesundheitliche Risiken. So mag es meiner Umgebung nicht schaden, wenn ich das ein oder andere Bier über den Durst trinke, der Kellner freut sich über Trinkgeld und die Wirtschaft dankt – gesund kann es aber keineswegs sein. Schlimmer noch: Was ist, wenn ich mich etwa danebenbenehme und andere damit behellige? Es gibt scheinbar kaum mehr Raum für Leichtsinnigkeiten, die doch aber häufig den Reiz des Genusses ausmachen.

Kein grundlegend verwerflicher Ansatz, diese neue gesellschaftliche consciousness, doch ist sie Segen und Fluch zugleich.

In den vergangenen Jahren haben sich angesichts der rasanten Entwicklungen in Technologie und Wirtschaft einige Probleme aufgetan, aufgrund welcher wir uns nun zurecht mit Missständen in der Zukunftsfähigkeit unserer Lebensweise konfrontiert sehen. Es hat ein Umdenken begonnen, unsere Konsumformen werden nun strenger unter der Anwendung nachhaltigkeitsorientierter Maßstäbe bewertet, nicht zuletzt spielt auch die Gesundheit für Mensch und Tier eine bedeutende Rolle. Doch ferner haben sich daraus auch recht starre gesellschaftliche Imperative entwickelt. Was die eigene Entscheidungsfreiheit limitiert, ist, dass es nicht reicht, die eigene Lebensart auf diese Maxime hin zu optimieren, um moralisch einwandfrei zu agieren. Vielmehr muss jeder mit offenen Karten spielen, damit sichergestellt ist, dass alle nach akzeptabler Facon leben. Ist dies aber nicht gegeben, droht Ausgrenzung. Wenn der Körper beispielsweise zum Tempel wird, liegt auch body shaming plötzlich nicht mehr fern. Und wo öffentlich gerichtet wird, können sich gesellschaftliche Nischen bilden, da man sich ungestört nur im Verdeckten ausleben kann.

Gruppierungen unterschiedlicher Genussbefürworter erhalten so einen klandestinen, verruchten Charakter, der polarisierend wirken kann – fühlt man sich davon entweder stark angezogen oder aber abgeneigt. Eine Moral, die sich bei vielen aufgrund dessen unterbewusst formt, ist, was Robert Pfaller als unser gestörtes Verhältnis zum Genuss beschreibt. Der Mensch wird vom Zwang der Vernunft regiert, was ihm verbietet, sich selbst und vor allem anderen das zu erlauben, was vielleicht in erster Linie unvernünftig ist, aber wegen seiner genussvollen Bereicherung durchaus einen fundamentalen Gegenwert besitzt, vorausgesetzt, die Risiken sind kalkulierbar.

Was aber, wenn man sich mit den realen Risiken gar nicht erst auseinandersetzen will?

Erschwerend kommt hinzu, dass es stets zu allen Konsumformen einen gewissen Klischeekonsumenten gibt, dessen Bild in der Gesellschaft ebenso unbeweglich ist, wie das Urteil, dass sie ihm auferlegt: Kaum etwas ist so schwer zu überwinden wie die Wurzel vielerlei Übel, die Stigmatisierung. Die Assoziationen mit Drogenkonsum beispielsweise bestehen seit langem und sind vielfältig – auch wenn wir heutzutage nicht mehr behaupten, ein Joint könne Menschen zu Mördern machen, sind der Grasdealer und sein Kunde als Teilnehmer des illegalen Schwarzmarkts nicht unbedingt immer mit hohem Ansehen gesegnet, im Gegenteil.

An dieser Stelle stehen wir uns vielleicht selbst im Weg und lehnen aufgrund von Vorurteilen kategorisch ab, das Problem zu lösen mit dem Versuch, es unter legalen Rahmenbedingungen zu kontrollieren. Vorurteile haben etwas Tückisches: Sie entstehen in Positionen, die Urteile rational zu entkräften versuchen, während das eigene Urteil eigentlich irrationaler Natur ist. Auf diese Weise werden die abstrakten Ängste zu potenziell negativen Konsequenzen des Konsums überhöht – ein Feindbild wird geschaffen. In der Angst, durch den Konsum oder den Kontakt mit Konsumenten selbst verurteilt zu werden, liegen oft die Gründe einer regelrechten Dämonisierung, die eine differenzierte Sichtweise erschwert. So grenzen sich viele entschieden und kompromisslos von Lebensweisen ab, durch die man mit den vermeintlich verbundenen Abgründen in Berührung kommen könnte. Neben den Tabus formen sich so Ideale vom perfekten „Human-to-be“, an dem schmerzhaften Scheitern daran, mit ihm konform zu werden wir uns täglich aufs Neue probieren – vorausgesetzt, man gehört nicht etwa zur Generation Y, wie man nun einwenden könnte. Denn so manche den Mainstream hinterfragende Bewegung versteht ihren Reiz sicherlich auch darin, sich durch ihr Widerstreben dem modernen Normzwang gegenüber zu behaupten, wodurch sie erst als Szene erkennbar wird.

Wofür es sich zu leben lohnt

Kaum etwas lohnt sich mehr, als den unvernünftigen, auch ungesunden Genuss von seinen moralischen Fesseln losgelöst zu betrachten und seinen Gegenwert als solchen im Gewinn von Lust und dem gleichzeitigen Meiden von Leid zu schätzen. Geben wir der grundlegenden philosophischen Frage nach dem Sinn des Lebens etwas Zeit, können wir unter Anbetracht der Zweckmäßigkeit unserer Handlungen eigentlich immer folgerecht schlussfolgern, dass der Mensch seinen Fokus fast ausnahmslos auf den Gewinn von Dingen richtet, die ihm angenehm, zuträglich sind. Robert Pfaller könnte somit zurecht behauptet haben, dass es der Genuss ist, der unser Leben erst lebenswert macht. Doch ironischerweise hat man sich über die Jahre hinweg auf der Suche nach dem, was ein gutes und was ein weniger gutes Leben ausmacht, viele Freiheiten und damit Möglichkeiten zu einem guten Leben genommen. Und das vielleicht sogar ein Stück weit, weil man eigentlich versuchte, durch den eigenen Lebensstil nicht die Freiheiten anderer zu tangieren. Nehmen wir uns an dieser Stelle den gut gemeinten Rat eines Hedonisten zu Herzen: Genießen heißt das Leben lieben – und das sollten wir uns auf gar keinen Fall entgehen lassen.