Hanfgeschöpft – Besuch in einem Künstleratelier

Der Künstler Matthias Pusch hat in Berlin-Lichtenberg eine Siebdruckwerkstatt eingerichtet. Zwar schöpft und druckt er Papier, aber sein Ideenreichtum führt ihn auch in ganz andere Gebiete. Für uns hat er sich mit Hanf als Material beschäftigt.

So richtig gern mag Matthias Pusch es nicht, wenn Leute seine Galerie in einem alten Lichtenberger Lebensmittelkombinat betreten. Dann muss er nämlich innehalten – und das ist nicht sein Ding. Denn er hat viel zu tun, und das eigentlich ununterbrochen. Der riesige hallenartige Raum weist darauf hin: Überall hängen Bilder, stapeln sich Rahmen und Schachteln, darüber zieht sich eine Wäscheleine von der einen zur anderen Seite des Zimmers. Etwas verschachtelt und erst auf dem zweiten Blick erkennbar eröffnet sich eine Hochebene. Die sieht allerdings ganz gemütlich aus und ist mit Sofa und Tischchen eingerichtet.

„Ich empfinde mich eigentlich nicht als Künstler“, sagt Pusch, „mehr als Handwerker“. Gelernt hat der 35-Jährige früher Heizungsbau und Polsterer, als er mit 16 Jahren nach Berlin kam. Darüber ist er froh, weil es im Endeffekt hilfreich war für das, was er jetzt tut. „Und das hier nenne ich meine Siebdruckwerkstatt“, erklärt er mit einer großen Handbewegung, um zuzufügen: „für analoge Printmedien.“

GUTE ALTE HANDARBEIT
Pusch arbeitet meistens rein manuell, wenn er sein Papier bedruckt. Er zeichnet die Muster per Hand ein und stanzt sie aus, bevor sie ihren Abdruck auf selbstgeschöpftem Papier, Textilien oder Leder hinterlassen. Für uns hat er ein ganz spezielles Experiment gewagt, nämlich ein Büttenpapier aus Hanf herzustellen. Das soll noch bedruckt werden, ist aber gerade erst fertiggetrocknet. Für die Rohmasse hat er nur Teile der Hanfpflanze verwendet, Stängel, Blätter, Blüten, und sie mit einem Küchenmixstab durchpüriert.

QUOTE „DAS IST JA NUR DER PROTOTYP.“

Damit es sicher verklebt, hat er noch ein Bindemittel hinzugegeben. „Aber eigentlich verzahnen sich die Fasern beim Schöpfen von ganz allein“, weiß er. Denn darin ist er Experte – wenngleich er sonst „normales“ Holzgewächs verwendet. Und dann gibt er zu: „Das sind Reste von einer Cannabisernte – da ist auch rauchbares Zeug drin.“

Noch macht es einen kümmerlichen Eindruck, liegt löchrig und gewellt im Taschenbuchformat auf dem Tisch. „Das ist ja nur der Prototyp“, beschwichtigt Pusch und zückt schon das Bügeleisen. Ein paar Sekunden später ist der Eindruck ein ganz anderer: Das grün-gesprenkelte Blatt ist nun glatt, die Maserung lässt es aber lebendig erscheinen, selbst die Löcher sind hinnehmbar. „An den Stellen waren Hanfblüten, die zu groß waren und rausgefallen sind“, erklärt er. Trotzdem kommt es der angedachten Visitenkarte plötzlich verblüffend nah. Und dann fordert er uns auf: „Jetzt müssen wir noch bedrucken“.

VOM SPRAYER ZUM DRUCKER
Der gebürtige Stendaler hat nie Kunst studiert. Seine künstlerische Prägung stammt aus seiner Zeit als Aktiver der Berliner Graffitiszene. Da hat ihn aber die Schulterklopfmentalität schnell genervt und in die Kunstszene manövriert. Viele seiner Kumpels haben ihre Sprayerskills später zum Beruf ausgebaut und arbeiten heute z. B. als Tätowierer. Manche haben es ihm aber auch übelgenommen. „Die haben nicht verstanden, dass man von Graffiti in die Kunst wechseln kann, ohne ein Klugscheißer zu sein“, sagt er. Der dunkelhaarige drahtige Mann lacht nicht viel, aber seine Augen zeigen, was ihn bewegt. Und das ist zum Beispiel das von ihm herausgegebene Push Magazine, das jetzt in der sechsten Ausgabe erscheint. „Ich kontaktiere Künstler aus aller Welt, die ich cool finde. Ich gebe nichts vor, außer dass es exklusiv fürs Magazin gemacht wird“, beschreibt Pusch die Bedingungen der Teilnahme. Im Heft findet man Beiträge aus allen Kunstsparten: Kunst, Musik, Geschichten, die auf unterschiedlichen, teilweise auseinanderfaltbaren Papierbögen bedruckt sind. Alles macht er selbst, entsprechend klein ist die Auflage: „30 Hefte gebe ich raus, die kosten jeweils 25 Euro und sind beim Release immer schon ausverkauft“. Als er berichtet, wie die Band Beta Bodega aus Miami auf seine ehrerbietige Anfrage reagierten, strahlt er immer noch: „Ich sammle deren Platten seit 15 Jahren. Und dann schicken die mir fünf Tracks und acht Seiten Illustration – dabei hatte ich nur nach eine Kollaboration gefragt“. Er staunt heute noch, und bemerkt dann: „es läuft eigentlich immer so.“

QUOTE „WENN DIE LEUTE KOMMEN, HÖRE ICH IHNEN ZU.“

Anlässlich der sechsten Ausgabe gab es im Winter eine Ausstellung, für die eine Auswahl von 40 Künstlern Werke beisteuerten – „bei fünf Grad, weil die Heizung noch nicht installiert war“, sagt er trocken. Ob Pusch sich als Kunstförderer sieht? „Nicht bewusst“, meint er, aber es wirkt so, als wäre der Begriff nicht zum ersten Mal gefallen. „Ich kann ja allein auch nicht existieren mit meinen Ideen – was Input und Output angeht. Das wäre langweilig“, findet er. Jedenfalls bekam er von seiner eigenen Ausstellung nicht viel mit, war eingeschlafen und dann nach Hause gegangen. „Von den meisten habe ich gehört, dass es was Echtes war – und das wollte ich damit bezwecken“, sagt er, ohne mit der Wimper zu zucken.

PUSCH DRUCKT, WAS ES ZU DRUCKEN GILT
Nicht nur im No-Budget-Bereich ist Pusch ein gefragter Typ. Kollaborationen mit Berliner Musik- oder Modelables sind an der Tagesordnung. Für den Maßschuhmacher Meisterschuh aus Kreuzberg hat er einen kompletten Schuh entwickelt und bedruckt. Und Textildesigner, die gerne neue Stoffe und Strukturen verwenden, lassen sich von ihm gerne beraten. „Wenn die Leute kommen, dann höre ich ihnen zu. Mir brummt der Kopf und zwei, drei Tage später geht die Sache los“, beschreibt er sein Vorgehen. Seine Kunden schätzen vor allem, dass er immer ansprechbar ist, immer offen und spontan umsetzt, was er sich vorstellt. Und dann ist alles selbstgefertigt anstatt industriell – „Nur in der künstlerischen Form bleibt man frei – das ist ja auch meine Berechtigung. Mit Anspruch auf Massenauflage könnte ich nicht existieren.“

QUOTE „ICH HABE DEN HANG ZUM EXPERIMENTELLEN.“

Wenn Kundenvorstellungen in Massendruckereien scheitern, landen sie nicht selten bei Pusch. Ein Startup wollte aus Markisenstoffresten Schulrucksäcke für Kinder in Pakistan nähen und mit ihrem Logo bedrucken lassen. Sie suchten deutschlandweit vergeblich und gerieten erst bei Matthias in die richtigen Hände. „Ich habe gute Kontakte zu Farbgroßhändlern und -herstellern, die einen auch gut beraten können“, erklärt er. Die Farbe richtig anzurühren war für ihn ein Klacks. „Ich habe den Hang zum Experimentellen. Gerade wenn es unbequem wird“, lacht er und erinnert sich an die große Herausforderung, Socken zu bedrucken. Der Ullstein-Verlag wollte die abnehmende analoge Leserschaft ködern, indem er dem Buch „die Frau, die nie fror“, Socken beilegte. Mit Antirutscheffekt sollte auf der Sohle der Titel und die verlagseigene Eule prangen. „Zwei Monate lang haben wir 7.000 Socken bedruckt mit einer Vorrichtung zum Überstülpen“, schildert er den Prozess, „die ganze Werkstatt hing voller Socken“.

IM JAHRESRHYTHMUS ARBEITEN
Pusch bewegt sich zwischen Kunst und Handwerk – und hat auch das Jahr danach eingeteilt: „Im Sommer ist die Funphase – laissez faire eben. Da kommen auch andere, künstlerische Angebote. Im Winter muss man mehr vorausplanen“, erklärt er. Dass die Planung meistens genau hinhaut, wundert ihn selbst. „Existenzängste habe ich abgelegt, die killen einen. Und es verändert sich dadurch auch nichts, außer dass es Energie abzieht. Wenn man sich selbstständig macht, muss man an sich glauben“, stellt Pusch fest.

Gerade hatte er ein Kino über die kalten Monate ausgebaut – und genau nach einer Woche Erholung kam eine Anfrage für ein künstlerisches Projekt: Ein befreundeter Kurator, selbst Künstler, hat ihn gebeten, bei einem Oneliner-Event in der „Alten Münze“ mitzumachen.

Auf riesiger Leinwand soll 24 Stunden eine Linie ununterbrochen fortgesetzt werden. In fliegendem Wechsel wird der Stift jeweils an einen der sieben Künstler weitergegeben. Die Disziplin stammt aus dem Aktzeichnen, „ist bei Graffity aber auch von Vorteil, wenn man nicht absetzen muss“, erklärt Pusch. „Ich bin nicht erprobt darin. Aber der Kurator wollte mich, weil ich abstrakt zeichne“, sagt er – geübt hat er schon, ein bisschen Nervosität bleibt. Allerdings gehört zum Event, dass regelmäßig ein Schnaps gekippt wird. „Am Ende zeichnen alle angetrunken“, lacht er.

FERTIG – DIE VISITENKARTE AUS HANF
In der Zwischenzeit hat Pusch für das Hanfblatt längst ein grafisches Siebdruckmuster ausgewählt, was die Künstlerin Naomi Takaki entworfen hat. Er bestreicht es mit schwarzer Paste, die an den durchlässigen Stellen auf das grüne Papier trifft. Er ist zufrieden mit dem Ergebnis, die Farbe haftet und sinkt nicht ein. Der Cannabis-Visitenkarte steht eigentlich nichts mehr im Wege. „Wenn man einen Run hat, kann man 30 Büttenpapiere in 2 Stunden herstellen. Die trocknen dann hier an der Leine“, erklärt der Papierkünstler. Jede bleibt ein Unikat, das ist klar – aber darauf kommt es ja auch an.