Hanfanbau im Oderbruch

Seit 2014 wird nahe Seelow in Märkisch-Oderland wieder Hanf angebaut. Der Oderbruch ist bekannt für viele Sonnenstunden und einen sehr fruchtbaren Boden. Was mit einem 5-Hektar-Versuchsfeld begann, hat sich in den vergangenen vier Jahren zu einem 40 Hektar großen Anbaugebiet entwickelt.

Der Anbau von Hanf gehörte über Jahrhunderte zum kulturellen Landschaftsbild Deutschlands. Seit Mitte der 1990er Jahre erfährt er in Deutschland eine Rehabilitierung. Langsam aber sicher bringen mehr und mehr Landwirte die Pflanze auf ihre Felder zurück. Erschwert wird der Prozess jedoch durch die mangelnde Erfahrung mit Cannabis und den Nachholbedarf bei der Entwicklung von Ernte und Verarbeitungsmaschinen. Aus biologischer Sicht unterscheidet sich Nutzhanf kaum von medizinischem Cannabis oder jenem, das auf dem Schwarzmarkt als Rauschmittel verkauft wird. Ausschlaggebend sind bei der Unterscheidung der Sorten vor allem der THC-Gehalt – gerade im Vergleich zum Rauschmittel – sowie Anbaubedingungen und die daraus resultierende Qualität des Endprodukts.

Es geht um die Blüten

Bemerkenswert an dem Feld nahe Seelow ist die Verwendung der Ernte. Anders als auf vielen anderen Hanffeldern dienen die Stängel nicht zur Fasergewinnung. Auch das Öl aus den Samen ist nur ein Nebenprodukt. Das Hauptaugenmerk liegt auf den Blüten.

Neben THC enthält Hanf auch CBD. Cannabidiol ist kaum psychoaktiv und bietet weitreichende medizinische Anwendungsmöglichkeiten: von der Entzündungshemmung bis hin zur Behandlung von Patienten mit Epilepsie oder Krebs. Der Mensch verfügt über ein endogenes Cannabinoidsystem. Er produziert körpereigene Cannabinoide, die denen der Cannabispflanze sehr ähnlich sind. Diese sind – ähnlich wie Hormone – an der Regulierung verschiedener Prozesse im menschlichen Körper beteiligt. Sind die Abläufe gestört, können die pflanzlichen Cannabinoide positiv regulierend wirken.

Die medizinische Forschung steht gerade erst am Anfang, die weitreichenden Anwendungsmöglichkeiten von Cannabinoiden, wie CBD, und anderen Wirkstoffen, wie Cannabinole (CBN) oder Cannabigerole (CBG), zu verstehen und deren therapeutische Wirkungsweisen in klinischen Studien wissenschaftlich nachzuweisen.

CBD aus der Region

In Märkisch-Oderland hat sich die PSCW GmbH auf den Anbau von Nutzhanf mit hohem CBD-Gehalt spezialisiert. Insgesamt werden fünf verschiedene Sorten mit unterschiedlichem CBD-Gehalt angebaut und an Pharmakunden in Deutschland, der Schweiz und den USA geliefert. Ben Wedeking ist Vorstand der PSCW GmbH und das Gesicht des Hanfanbaus im Oderbruch. Er konnte 2014 das erste Versuchsfeld bestellen und hat es im Lauf der letzten vier Jahre geschafft, regionale Landwirte für den Anbau zu gewinnen. Denn obwohl er einen Master of Science in Agrarwissenschaft hat, darf er selbst keinen Hanf anbauen.

Der Anbau von Hanf ist in Deutschland streng geregelt. So dürfen die Nutzhanfpflanzen einen THC-Gehalt von 0,2 Prozent nicht überschreiten, sonst fallen sie unter das Betäubungsmittelgesetz. Des Weiteren darf Hanf nur von Landwirten angebaut werden. Als Landwirt gilt, wer in die Landwirtschaftliche Alterskasse einzahlt, eine mindestens zweijährige Berufsausbildung absolviert hat und eine landwirtschaftliche Fläche bewirtschaftet. Deutschlandweit wurden 2017 circa 1.600 Hektar Hanf angebaut, allerdings sind nur wenige Landwirte beziehungsweise Firmen auf die Herstellung von CBD-Hanf spezialisiert.

Allein 500 Hektar nutzt der Produzent HemPoland im benachbarten Polen. Die ehemaligen Hanfanbaugebiete nähe Gdansk wurden zur CBD-Gewinnung wiederbelebt. Unter Meeresspiegelhöhe am Weichseldelta gelegen, ist für ständige Wasserzufuhr gesorgt. Für die CBD-Öle der Firma CannabiGold werden einige Felder pünktlich zur Blüte abgeerntet und andere länger kultiviert, um aus den Samen das Trägeröl pressen zu können.

Streng geheime Erntetechnologie

Wedeking ist das Bindeglied zwischen Pharmaindustrie und Landwirtschaft. Durch sein Agrarwissenschaftsstudium und seine spätere Arbeit für Tikun Olam, den größten Produzenten von medizinischem Cannabis in Israel, hat er ein weitreichendes Netzwerk an Kontakten aufgebaut. Er betreut die Landwirte bei der Aussaat, stellt sicher, dass nur EU-lizensiertes Saatgut verwendet wird, und macht die Bestandsbetreuung. Ernte und Vertrieb werden von seinem Unternehmen durchgeführt. Von größter Bedeutung ist, dass der Hanf GACP-konform produziert wird. GACP steht für „Good Agricultural and Collection Practice“ und beschreibt die Richtlinien zur Qualitätssicherung bei der Gewinnung von pflanzlichen Ausgangsstoffen, die zur Herstellung pflanzlicher Arzneimittel eingesetzt werden sollen. Wedeking beschreibt es so: „GACP-konform bedeutet, dass von der Aussaat bis zum fertigen Produkt insgesamt 110 Protokolle durchlaufen und eingehalten werden müssen. Ein Protokoll besagt beispielsweise, dass eine Blüte im Ernteprozess nie auf dem Boden gelegen hat.“

Ich vergleiche das gerne mit einem alkoholfreien Bier. Da ist auch ein minimaler Restalkohol drin, den man nicht spürt.

CBD ist in den Trichomen, den kleinen „Haaren“ der Pflanze, enthalten. Da diese nicht verloren gehen oder durch Staub verunreinigt werden dürfen, sind konventionelle Erntemethoden nicht zu gebrauchen. „Wenn ich jetzt einen Mähdrescher oder eine andere Maschine nehme und fahre durchs Feld, dann fängt es an zu stauben und der CBD-Gehalt sinkt. Unser Augenmerk liegt darauf, diese Prozesse so zu gestalten, dass genau das nicht passiert.“ Zu diesem Zweck hat Wedeking unter erheblichem zeitlichen wie finanziellen Aufwand eigene, streng geheime Maschinen zur Blütenernte entwickelt. Im ersten Jahr wurde noch mit 25 Helfern von Hand geerntet, heute sind es noch 15. Jede Saison werden die Maschinen verfeinert und Ertrag und Reinheit des CBDs gesteigert.

Hanffasern mit Sprengkraft

Insgesamt werden dieses Jahr circa 100 Tonnen Trockenblüte geerntet. Allerdings bleibt davon nur ein Bruchteil als verkaufsfertiges Material übrig, da die Samen der schwerste Teil der Blüte sind. Nur circa 40 Prozent der Ernte kann schlussendlich an die Pharmazieunternehmen als rieselfähiges Material weitergegeben werden. Zuerst muss das Material trocknen, bevor es in einem weiteren Produktionsschritt zu Zwei-Millimeter-Feinschnitt verarbeitet wird. Dieser darf keinerlei Samen oder Fasern enthalten. Besonders die sehr stabilen Hanffasern könnten in der späteren Produktionskette Maschinen oder Förderbänder beschädigen. In einer Kooperation mit der Diedersdorfer Ölmühle werden die Samen zu Hanföl weiterverarbeitet.

Einer der Kunden der PSCW GmbH ist Bionorica, ein Phytopharmaka-Unternehmen aus Bayern, das seit über 80 Jahren Arzneimittel pflanzlichen Ursprungs herstellt. Bionorica bezieht CBD-Material von zwei Herstellern aus Deutschland und aus Osteuropa. Sichtlich stolz erzählt Wedeking, dass 2017 das CBD mit dem höchsten Gehalt von 2,0 Prozent von ihm und seinen Kollegen hergestellt wurde. „Wir haben uns noch weiter verbessert und sind inzwischen bei 3 Prozent angekommen, was sehr gut ist, aber im internationalen Vergleich sind uns durch die Begrenzung des THCGehalts der Pflanze von 0,2 Prozent die Hände gebunden. In Italien dürfen inzwischen Pflanzen mit 0,6 Prozent THC angebaut werden, in der Schweiz alles unter 1,0 Prozent und in Ungarn wird es nochmal anders gehandhabt, da dort die gesamte Pflanze und nicht nur die Blüte analysiert wird. Wir haben gute Kontakte in die Schweiz und würden gerne 20-Prozent-CBD-Genetik anbauen. Aber solch eine Pflanze hätte eben auch zwischen 0,4 bis 0,8 Prozent THC und wäre somit in Deutschland illegal. Allerdings ist das immer noch ein verschwindend kleiner Wert: Davon merkt man keine berauschende Wirkung. Ich vergleiche das gerne mit einem alkoholfreien Bier. Da ist auch ein minimaler Restalkohol drin, den man nicht spürt. Was hier von Seiten der deutschen Behörden abläuft, ist ein regulatorischer Wahnsinn. Ich plädiere für eine Anhebung auf 0,4 oder 0,8 Prozent THC-Gehalt bei Nutzhanf.“

Die Bundesagentur für Arzneimittel und Medizinprodukte hatte Wedekings Unternehmen 2017 den Verstoß gegen das BtMG vorgeworfen, da der zulässige Grenzwert von 0,2 Prozent THC-Gehalt überschritten worden sein sollte. Die Ernte wurde beschlagnahmt und ein Gerichtsverfahren eingeleitet. Der angebaute Nutzhanf der Sorte Futura ist allerdings eine EU-zertifizierte Sorte und darf legal angebaut werden, egal ob die Stiele zur Faserproduktion oder die Blüten zur CBD-Extraktion genutzt werden. „Schlussendlich hat es die Staatsanwaltschaft Frankfurt/Oder genauso gesehen und das Verfahren eingestellt. Allerdings rauben solche Schikanen Zeit, Nerven und Geld“, berichtet Wedeking.

THC-Blüten? Nicht in Deutschland

Angesprochen auf die weitere mögliche Entwicklung, eine mögliche Erhöhung des THC-Grenzwerts für Nutzhanf oder sogar eine Legalisierung von Cannabis verdreht Wedeking die Augen: „Traurig, alles sehr traurig. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) scheint keine Entscheidung fällen zu können oder wollen. Es kann nicht sein, dass in Deutschland über drei Jahre debattiert wird, ob medizinisches THC-haltiges Cannabis versuchsweise angebaut werden darf. Dann kommt es zu Gerichtsverfahren, es werden Ausschreibungen geschlossen und wieder neu gestartet, das macht alles überhaupt keinen Sinn.“ Bisher darf in Deutschland kein medizinisches THC-haltiges Cannabis angebaut werden. Das BfArM hatte das erste Ausschreibungsverfahren für die Anbaulizenzen für medizinisches Cannabis stoppen müssen, weil mehrere Unternehmen gegen die Bedingungen geklagt hatten. Auf ihrer Website schreibt das BfArM, dass medizinisches Cannabis 2020 aus dem Anbau in Deutschland zur Verfügung stehen wird. Behörden und Bevölkerung sollen lernen.

Wedeking verdächtigt zudem die Pharmaindustrie, Lobbyarbeit zu leisten, um die Etablierung von medizinischen Cannabisprodukten zu verlangsamen. „Die haben wenig Interesse daran, für die Betroffenen günstige Medikamente herzustellen, die wollen teure Medikamente verkaufen. Die würden Milliarden verlieren, wenn sich in 20 Jahren die Cannabinoid-Wirtschaft etabliert hat“, so Wedekings Auffassung. Der Unternehmer ist hingegen von den Möglichkeiten, die Cannabis sowohl als Medizin als auch als Nutzpflanze bietet, überzeugt. Wedeking wünscht sich, dass das Verständnis und das Wissen um die Pflanze bei den Behörden wie auch in der Bevölkerung wächst. Im Oderbruch lässt sich, wie das Beispiel und der Einsatz der PSCW GmbH zeigt, ein medizinisches Produkt aus Nutzhanf von besonderer Qualität herstellen. Eine Anhebung der Obergrenze des THC-Gehalts für Nutzhanf würde die Effizienz weiter steigern und könnte zur Senkung der Preise für CBD-Produkte führen. Ob diese jedoch zeitnah kommt und wie das BfArM den Anbau von THC-haltigem medizinischem Cannabis zukünftig handhabt, bleibt abzuwarten. Deutschlandweit wurden 2017 circa 1.600 Hektar Hanf angebaut.