GUT GEPROBT

Unsere Gastautorin Sally konstruiert eigentlich literarische Kriminalfälle. Für in.fused hat sie in ihrer Heimat USA ein paar Hautprodukte unter die Lupe genommen. Merkmal: CBD-haltig.

Zugegeben: ich war noch nie ein so großer Cannabisfan. Außerdem habe ich immer schon komplizierte Hautpflegerituale vermieden, einfach aus Zeitgründen. Als ich gefragt wurde, ob ich einen Artikel schreiben würde über Pflegeprodukte mit dem Cannabiswirkstoff CBD, die gerade den amerikanischen Beautymarkt überschwemmen, dachte ich etwas gleichgültig: „OK, von mir aus“.

Ich, seit zehn Jahren in Berlin zuhause, musste beruflich nach Oakland fliegen und fing gleich an mit meiner Pflegerecherche. Die erste interessante Figur, mir das Thema näherzubringen, erschien Kristi Blustein zu sein, die Gründerin von Khus + Khus, Modern Herbal Fashion, in Colorado. Sie hat eine ganze Produktserie mit CBD-Öl und anderen Pflanzenextrakten entwickelt. Im Gespräch stellt sich schnell ihre generelle Faszination für die Kraft der Pflanzen heraus und, dass sie seit Urzeiten in die menschliche Existenz verwoben sind. Andersherum sei ein Gehirn mit einem Shampoo, das künstlich hergestellte Rosenaromen benutzt, überfordert – das seien Reize, die es nicht einordnen kann. Spätestens hier merke ich, dass Kristi mich in den Bann gezogen hat. Immerhin saß ich gestern noch im wunderschönen Rosengarten meines verstorbenen Großvaters. Alles andere als ein gefühlsduseliger Hippie, aber die Magie seines Gartens, die hatte er in aller Tiefe empfinden können.

Ich beugte mich über einen Rosenstrauß auf der Fensterbank, den ich gestern erst gepflückt hatte, und nahm einen langen Atemzug. Kristi hatte Recht: Nicht dass ich wusste, was genau die Rose mit mir anstellte, aber sie tat etwas: Sie beruhigte mich und hob zugleich meine Laune.

GIBT ES ÜBERHAUPT JEMANDEN, DER NICHT GESTRESST IST?

„Wir leben in einer sehr gestressten Gesellschaft“, erklärt Kristi. Wenn sie ihre CBD-Seren, -Öle und -Lotionen herstellt, dann bringt sie ihr umfangreiches Botanikwissen, ihre Erfahrung mit Aromatherapie, Ayurveda und Yoga mit ein. „CBD kann helfen, Stress besser bewältigen zu können. Die Cannabispflanze hat Kräfte, die nur wenigen bekannt sind“.

Gut, dachte ich. Das klingt doch wunderbar und auf mich zugeschnitten. Gibt es überhaupt jemanden, der zurzeit nicht gestresst ist und sich mit ständigem Klingeln und Pings aus Handy und Rechner herumschlägt? Was meine Haut betrifft: Ich habe seit einem Trip nach China vor ein paar Jahren immer wieder mit geröteten, schuppigen Stellen im Gesicht zu kämpfen. Wer weiß, vielleicht ist CBD genau das Richtige für einen Fall wie mich.

Kristi versprach, mir ein paar Pröbchen zu schicken. In der Zwischenzeit war ein Sample – mein erstes CBD-Produkt – vom südkalifornischen Label Ojai Energetics angekommen: Kokosöl mit Cannabidiol. Sonst bin ich bei neuen Cremes vorsichtig, aber Kokos benutze ich für meine nicht ganz unkomplizierte Haut sowieso gern. Also ausprobiert: Es fühlt sich gut an, nicht ölig – und scheint auch meiner trockenen Haut zu gefallen.

Ein paar Tage später ergab sich ein Gespräch mit Will Kleidon, dem Gründer von Ojai Energetics. Zu dem Zeitpunkt hatte ich mit seinen Pröbchen gute Erfahrungen gemacht: Die Röte im Gesicht war zurückgegangen, meine Haut weicher. Cool, dachte ich.

„WIR HABEN EIGENTLICH ALLE EINEN MANGEL AN CBD“

Kleidon, gebürtiger Kalifornier wie ich, erzählt, wie er mit Anfang 20 als Student der Permakultur in Australien plötzlich Angstattacken bekam. Warum, das wollte er wissen. „Ich hörte da einmal in mich hinein“, erklärt er. „Ich hatte immer alles geben wollen, um am liebsten der ganzen Welt zu helfen“. Das sei auf Dauer zu viel gewesen. Es war vor ein paar Jahren, als Kleidon über Social Media von Cannabidiol (CBD) erfuhr, einem nicht-psychoaktiven Wirkstoff im Cannabis. Neben zahlreichen anderen Vorteilen sorgt er dafür, Ruhe zu bewahren. „Wir haben eigentlich alle einen Mangel an Cannabidiol“, sagt Kleidon. Er begann damals, CBD-Präparate einzunehmen und fühlte sich besser. „Tausende Jahre lang haben Menschen CBD in verschiedenen Formen zu sich genommen. Als Hanftinkturen, Tees, über das Fleisch von Tieren, die mit Hanf gefüttert wurden. Das alles hörte in den 1940er Jahren plötzlich auf“.

„Heute“, sagt er und trifft bei mir ins Schwarze, „ist unsere Gesellschaft gestresster denn je. Unser CBD-Mangel ist ähnlich akut wie der von Vitamin C, also fundamental – und kommt in einer Zeit, in der wir CBD am allermeisten benötigen würden“. Seine Kokosbauern kennt Kleidon persönlich. „So weiß ich sicher, dass es die beste Qualität ist“, sagt er. Das CBD-Kokosöl kann man auf die Haut auftragen, aber auch essen. „Die Haut eignet sich gut zur Aufnahme von CBD“, erklärt er „CBD hilft bei der Regulierung jedes Körpersystems – und in der Hautpflege konnten wir eindrucksvolle Resultate beobachten, zum Beispiel bei Akne. CBD bringt die Haut zum Strahlen“.

ENSTPANNUNG BREITET SICH AUS

Die Prohibition von Cannabis sorgt also dafür, dass mit CBD ein natürlicher Stressentlaster genau in dem Zeitalter fehlt, wo Effizienz höchstes Gebot ist. Nach der nächsten Yogastunde schmiere ich mich komplett ein mit dem Kokosöl. CBD wird keine psychotrope Wirkung nachgesagt.

Was ich aber spüre, ist eine unmittelbare Entspannung, die von der Stirn ausgehend auf den ganzen Körper ausstrahlt. Absolut angenehm.

Kristis versprochene Proben waren jetzt auch eingetroffen: Das Gesichtsserum mit CBD, Rhododendron, somalischem Weihrauch, wildem Lavendel und Schwarzkümmelöl probiere ich sofort aus. Es riecht nicht nur ausgesprochen gut, sondern scheint sich auch meiner Hautprobleme anzunehmen. „In unseren Produkten steht immer eine Pflanze im Vordergrund, unterstützt wird ihre Wirkung durch andere Kräuter“, erläutert Kristi. „Das ist unsere Spezialität“.

Colorado ist, was die Cannabisgesetze angeht, Vorreiter. Seit 2014 darf legal konsumiert werden. Daher genießt auch das CBD, anderswo trotz nicht-psychoaktiver Wirkung als illegale Droge eingestuft, einen guten Ruf. Hier ist die Sensibilität für das gesundheitliche Potenzial viel höher als in anderen Bundesstaaten. „Meine Produkte betrachte ich als Pflanzenmedizin aus der Flasche“, sagt Kristi.

MAGISCHE EIGENSCHAFTEN

Das letzte Hautprodukt auf meiner Liste ist vom New Yorker Hersteller Herb Essentials – 2015 von dem schwedischen Paar Ulrika Karlberg und Robert Lund gegründet. Beide sind ursprünglich aus der Werbebranche. Und die Idee kam in einem Hotelzimmer in Los Angeles nach einem Shooting auf. „Wir hatten Gras geraucht. Und als wir eine schäbige Lotion im Badezimmer fanden, dachten wir, es wäre doch brillant, Gras und Lotion zu kombinieren“, erzählt mir Robert. Der Gedanke blieb auch nach dem Rausch hängen. „Wir machten und daran, mehr zu erfahren, und fanden heraus, dass der Wirkstoff CBD besonders gut für die Haut ist“. Das Paar entdeckte, dass „Cannabis beinahe magische Eigenschaften hat, wenn es um die Haut geht“, einschließlich seiner Fähigkeit, die natürliche Fettschicht der Haut zu stimulieren. Sie entwickelten unter anderem eine beruhigende CBD-Kerze, einen milden Moisturizer und eine Bodylotion mit sanftem Zimtaroma. „Es sollte richtig gut riechen“, sagt Robert. Ihre CBD-Produkte hielten die Balance der Haut aufrecht – permanent, erklärt Ulrika.

Und es duftete wie versprochen wunderbar, als ihre Testprodukte mich erreichten. Überzeugt vom CBD war ich mittlerweile ohnehin. Nicht nur zur Entspannung, sondern auch zur Verbesserung meiner Haut. Hätte ich auch nicht gedacht, dass Cannabis zu meinem Alltag gehören würde – aber das tut es ja auf ganz andere Art, als man vielleicht denken könnte.