FRAU BIESEL HILFT SICH SELBST

Im Alter nimmt das Zwicken und Zwacken, das manche Menschen schon ihr ganzes Leben begleitet, in der Regel noch zu. Cannabis kann den Alltag damit erträglicher machen. Wenn Ärzte nicht helfen wollen, nehmen rüstige Rentner wie Frau Biesel die Versorgung selbst in die Hand. Mit Feinwaage aus dem Internet und selbstgebackenen Keksen.

Frau Biesel ist eine fidele Frau, die geradeheraus ihre Meinung sagt, eine typische Berlinerin eben. Vielleicht nicht ganz so kantig. Sie hat etwas Schlitzohriges und strahlt trotz ihrer zahlreichen Beschwerden eine gewisse Unbekümmertheit aus. Nachdem sie sich mühsam auf ihrem Sessel im Wohnzimmer niedergelassen hat, deutet sie auf ein Glas gefüllt mit Tonicwater und beginnt zu erzählen. Seit knapp zwei Jahren gehört sie nun zum stetig wachsenden Kreis der Menschen, die Cannabis zur Linderung verschiedener Krankheitssymptome einsetzen. Ihre Geschichte ist beispielhaft für den laxen Umgang vieler Ärzte mit verschreibungspflichtigen Medikamenten bei gleichzeitiger Skepsis gegenüber einem pflanzlichen Mittel wie Cannabis.

Talent hatte ich, aber keene Lust. Hab mehr geheult als genäht.

Frau Biesels Leidensgeschichte beginnt bereits im Kindesalter, als sie an Scharlach erkrankt und die Krankheit schließlich eine Herzmuskelentzündung nach sich zieht. An ihre Kindheit kann sich die 1937 geborene Frau nur lückenhaft erinnern. Den Brandgeruch und das orangegelbe Flimmern der brennenden Stadt hat sie allerdings nie vergessen. Mit aufmerksamen Augen erzählt sie, dass ihre Schwester sie mehrmals zum Schutzbunker tragen musste. „Wenn ich dann Panik bekam, wenn schon die Weihnachtsbäume abgeworfen waren und dann die Flieger kamen, hat die Luft nicht gereicht und ich bin immer in Ohnmacht gefallen.“ Das war in den Kriegsjahren, als Köpenick aufgrund des anliegenden Funkwerks oft zum Ziel alliierter Bombenangriffe wurde. Auf die Zeit der Entbehrungen während des Kriegs folgt eine „normale“ Nachkriegskindheit und -jugend in Ostdeutschland.

Zur Oberschule gehen und studieren darf sie nicht. Der Vater hat einen Schneiderbetrieb mit Angestellten und gilt als Kapitalist. Schlimmer ist nur, wenn man Familie hat, die in den Westen geflohen ist: wie alle ihrer vier älteren Geschwister. Gerne hätte sie eine Ausbildung zur Krankenschwester gemacht, aber auch diese wird ihr verwehrt. Frau Biesel nimmt es, wie es ist, und macht eine Ausbildung zur Herrenschneiderin: „Talent hatte ich, aber keene Lust. Hab mehr geheult als genäht.“

Viel verschreiben, wenig fragen

Mit 18 beginnt die offizielle Krankheitsgeschichte der heute 80-Jährigen. Immer öfter hat sie Schmerzen in Rücken und Schulter, was ihre Bewegungsfreiheit zunehmend einschränkt. Mit Ende zwanzig wird bei Frau Biesel das zu diesem Zeitpunkt gerade neu entdeckte Restless-Legs-Syndrom – kurz RLS – diagnostiziert. Betroffene, inzwischen mehrere Hunderttausend in Deutschland, verspüren ein Kribbeln, Reißen oder auch Ziehen in den Beinen, sobald der Körper zur Ruhe kommen möchte. Nur Bewegung lindert die Beschwerden. Für Erkrankte wird schon ein Besuch im Kino zur Tortur. Das Fatalste ist jedoch der Schlafentzug, der die Betroffenen körperlich wie auch seelisch zermürbt. Nachts wartet Frau Biesel, bis ihr Mann einschläft, steht wieder auf und beobachtet Züge oder spielt Solitär. Oft schläft sie nur zwei Stunden oder gar nicht. Dennoch geht sie jeden Tag pflichtbewusst zur Arbeit.

„Ich habe immer nur gelauert, bis mein Mann tief durchatmet, und dann dachte ich, jetzt kann ich wieder aufstehen. Ich erkläre das immer so: Das ist wie wenn eine Feder überspannt ist. Gleich kannst du uffstehen und dann löst sich das wieder. Der Körper sagt machen, machen, aber der Geist wird müde. Man wird eben krank dadurch.“

Der Körper sagt machen, machen, aber der Geist wird müde.

Frau Biesel arbeitet zu jener Zeit in einer Theaterschneiderei in der Greifswalder Straße und ist als Schneidermeisterin für mehr als zwei Dutzend Schneiderinnen verantwortlich. Zweimal in der Woche besucht sie von 17 bis 22 Uhr noch zusätzlich die Abenduniversität und studiert Bekleidungstechnologie. Doch aufgrund der schwerwiegenden Symptome des RLS muss Frau Biesel ihr Studium abbrechen. Der chronische Schlafmangel mündet schließlich in eine Depression. Über zwei Jahre hinweg nimmt sie Antidepressiva und entfernt sich zunehmend von sich selbst. Schließlich zieht sie die Notbremse und setzt die Antidepressiva ab. „Ich habe zu den Ärzten gesagt, dass ich damit aufhören muss, da ich mich selber kaum mehr erkannte. Man ist dann so verändert.“

1973 folgt ein schwerer Bandscheibenvorfall an der Halswirbelsäule. Es folgen zehn Jahre, die durch den Kampf gegen die Schmerzen geprägt sind. Frau Biesel wird arbeitsunfähig und sucht in dieser Zeit Rat bei verschiedenen Ärzten. „Schlussendlich haben sie mir dann Morphium gegeben, das hat geholfen. Während dieser Zeit im Krankenhaus ist meine Mutter gestorben und ich habe das gar nicht so richtig mitbekommen. Mit Morphium ist man raus.“

Die Schmerztherapie mit Morphium (Tramal) hilft, endet jedoch in einer Abhängigkeit. Als Frau Biesel die Tabletten absetzt, schwindet ihre Energie. Sie ist alleine zu Hause – ihr Mann ist auf der Arbeit und ihre Tochter in der Schule – und leidet unter Angstzuständen. Schließlich sind die Entzugserscheinungen so schlimm, dass sie erneut Antidepressiva nehmen muss.

„Ich hatte extreme Nachwirkungen. Das hätte ich mir niemals vorstellen können. Ich habe mich nur noch bis zur Gartentür getraut. Ich hatte so schlimme Entzugserscheinungen, dass ich mich zeitweise nicht mehr alleine auf die Straße getraut habe.“ Noch heute merkt Frau Biesel sofort, wenn sie ein neues Medikament verschrieben bekommt und dieses auf Opioiden basiert. Dann setzt sie es umgehend ab.

Erst 1984 können die beschädigten Bandscheiben dank des Engagements einiger junger Ärzte und des technischen Fortschritts durch Knochenstücke aus dem Becken ersetzt werden. Die Operation verläuft gut und Frau Biesel ist dauerhaft geholfen – aber es bleiben Schmerzen in den Beinen.

Zeit für neue Wege

Schmerzen begleiten Frau Biesel praktisch schon ihr gesamtes Erwachsenenleben. Die Antwort der Ärzte auf ihre Leiden lautete immer: mehr Schmerzmittel und irgendwie damit leben. Nach einem Darmdurchbruch 2011 stellte sich erneut die Frage: Wie sollen Frau Biesels zahlreiche körperlichen Leiden behandelt werden? Viele Medikamente, die sie über Jahre genommen hat, haben erhebliche Nebenwirkungen und ihr Körper verträgt sie einfach nicht mehr. Wird ein Symptom gelindert, treten andere auf – ein Teufelskreis. Wie so oft bei chronischen Schmerzpatienten wird wenig gefragt und viel verschrieben.

„Ich bin nicht mehr gewillt, immer neue Medikamente auszuprobieren. Man macht sich ja Magen, Darm und alles damit kaputt!“

Vor zwei Jahren bringt ein Verwandter ihr erstmals Cannabiskekse mit. Es ist ihre erste Berührung mit Cannabis überhaupt. Frau Biesel ist zu diesem Zeitpunkt 78 Jahre alt. „Am Anfang war ich ja auch ein bisschen skeptisch. Aber so nach und nach habe ich festgestellt, dass es mir guttut.“ Frau Biesel kann sich nun wieder alleine im Haus bewegen und die steile Treppe in den zweiten Stock ohne die Hilfe ihres Mannes bewältigen. Angesprochen auf etwaige Berührungsängste antwortet Frau Biesel mit Nachdruck. „Also wenn ich Angst hätte, dann wäre ich wohl schon gar nicht mehr. Nach allem was mir die Ärzte verschrieben haben – was da in den Beipackzetteln als Nebenwirkungen angegeben sind –, da kann man ja nur einen Schock kriegen.“

Im Grunde genommen mache ich meine eigenen Tabletten.

Fortan backt Frau Biesel ihre Kekse selbst, das Rezept ist simpel: „Ich nehme 200 Gramm Mehl und 1,5 Gramm Cannabis. Daraus werden circa 30 Kekse. Ich mache ein bisschen Zitrone und ein bisschen Vanillezucker rein und dann hat sich das. Sie sind für mich ja kein Genussmittel – als Kekse zum Kaffee. Meistens nehme ich über den Tag verteilt eineinhalb, manchmal zwei Kekse. Wenn die zu Ende gehen, mache ich neue. Ich habe mir eine kleine Feinwaage aus dem Internet bestellt und damit wiege ich das dann ab. Im Grunde genommen mache ich meine eigenen Tabletten.“

Nach fast 60 Jahren Krankheitsgeschichte und zahlreichen Medikamenten hat Frau Biesel mit ihren selbstgemachten Cannabiskeksen endlich einen Weg gefunden, in Selbsttherapie ihre Beschwerden zu lindern. „Bei Cannabis habe ich bisher nur positive Effekte und vor allem keine Wechselwirkungen festgestellt. Außerdem wirkt es auf alle Fälle gegen die Depressionen und das Einsamkeitsgefühl.“ Auch die Symptome ihres RLS und die Schmerzen in den Beinen sind weniger geworden.

„Die Kekse befreien mich auch von Schmerzen, zumindest so, dass man nicht die ganze Zeit von Schmerzen geplagt ist und es eben nicht mehr der überwiegende Lebensinhalt ist. Andere Wirkungen habe ich davon nicht. Ich habe noch nie gedacht, ah jetzt sind ein paar Stunden vergangen, jetzt kannst du wieder einen Keks nehmen. Nicht wie ich das beim Morphium oder den Pflastern hatte.“ Ihr verbesserter Gesundheitszustand ermöglicht es Frau Biesel, wieder selbst in ihrem Garten Hand anzulegen, was ihr eine besondere Freude ist.

Schon eine geringe Dosis hilft

Frau Biesel ist ein Musterbeispiel dafür, wie Cannabis schon in geringer Dosierung Menschen helfen kann, ihren Alltag zu meistern. Der Verzicht oder die Möglichkeit der reduzierten Einnahme von Medikamenten, die oftmals schwerwiegende Nebenwirkungen haben, ist ein enormer Gewinn an Lebensqualität. Die Unwissenheit oder Ignoranz der Ärzte stehen Cannabis auf Rezept bisher oftmals im Weg. Auch Frau Biesel erhält, wie viele chronische Schmerzpatienten, keine Unterstützung. „Meine Ärzte sind auf dieses Thema nicht ansprechbar. Ich habe schon mehrmals verschiedene Ärzte gefragt und die haben dann immer erwidert: Nee, nee, das ist nichts für Sie.“ Die Skepsis der behandelnden Ärzte ist Frau Biesel völlig unverständlich. „Leider ist Cannabis immer noch so in Verruf, dass die denken, ich will mich volldröhnen. Aber da könnte ich einfach wieder Morphium nehmen. Die müssten alle mal Wochenendkurse oder so besuchen! Dass die überholten Ansichten der Drogenpolitik mal aus den Köpfen rauskommen.“

Frau Biesel bleibt positiv. „Ich denke schon, dass sich das langsam ändern wird. Aber bis dahin werde ich mir erstmal selber helfen.“ Allerdings sind die Dosierung und illegale Beschaffung ein Problem. Für den medizinischen Gebrauch hergestelltes Cannabis hat klar definierte Inhaltsstoffe und ist daher einfacher zu dosieren. Muss auf illegal erworbenes Cannabis zurückgegriffen werden, lassen sich Herkunft, Intensität und Zusammensetzung schwer nachvollziehen. „Mir wäre es ja auch lieb, wenn es legal wäre und man dafür dann ne Tablette bekommt, wo man weiß, da nehme ich eine und die hat dann die Wirkung.“

Lieber geheim

Nur mit wenigen Menschen in ihrem Umfeld spricht Frau Biesel über ihren Konsum. Ihr Mann hat sie auf ihrem langen Leidensweg begleitet und ist dankbar, dass sie etwas gefunden hat, was ihr hilft. Seit sie ihrer Schwester von der positiven Wirkung erzählt hat, ist diese ebenfalls interessiert. Sie ist die Ausnahme, denn die meisten älteren Mitmenschen sind, ebenso wie die behandelnden Ärzte, Cannabis gegenüber nicht aufgeschlossen. „Ich denke, dass viele ältere Menschen in einer ähnlichen Lage sind und sich aufgrund der Berührungsängste nicht trauen, mit medizinischen Cannabis auseinanderzusetzen. Viele laufen verbittert rum, sind komplett eingestellt auf Medikamente, oftmals Opioide, und dann noch stolz, wenn der Arzt was neues verschreibt. Da wird sich dann gegenseitig mit der Anzahl der Medikamente überboten. Das ist nun mal überhaupt nicht mein Ding.“

Frau Biesel hat trotz aller Beschwerden eine positive Einstellung zum Leben. Cannabis hilft ihr, die chronischen Schmerzen erträglicher zu machen, um sich weiterhin an den kleinen Dingen des Lebens zu erfreuen wie den Besuchen ihres Enkels oder der Arbeit in ihrem Garten. „Ich knall mich nicht voll mit Antidepressiva, dass ich mich selbst nicht mehr erkenne. Da denke ich mir immer: Wie gut, dass ich im Kopf noch klar bin. Durch diese Mittel sitzen die dann alle in den Heimen immer so apathisch da. Die ballern die Dinger in die Alten rein und die haben gar keinen Einfluss mehr darauf, was für Medikamente sie eigentlich kriegen. Das ist ja das Schlimme! Das soll mir nicht passieren.“

Zum Abschied versichert Frau Biesel, dass der Artikel unter ihrem Namen erscheinen dürfe: „Im Magazin können Sie das gerne mit meinem Namen bringen. Das ist ja meine Einstellung: Wer will das einer 80-jährigen Frau verwehren? Der soll erstmal sehen, wie ich mich bewege und wie ich leide – wollen die eine 80-jährige Frau einsperren?“