Fragile

Eine Massage macht high? Warum Faszien und Cannabis viel mehr miteinander zu tun haben als das erst junge Interesse der Wissenschaft an ihnen. Faszienexperte Konrad Obermeier beschäftigt sich seit den 1990ern mit dem Binde gewebe – dass sich dort Rezeptoren für Cannabinoide befinden, überrascht ihn nicht.

Der Gang jedes Menschen ist charakteristisch. Und ein Blick in die Fußgängerzonen Deutschlands zeigt alle möglichen Ausprägungen: Federnd, schwingend, steif und abgehackt bewegen sich Leute von A nach B. Forscher fanden heraus, dass beim Gang nicht viel über die Persönlichkeit des Menschen rückgeschlossen werden könne. Wohl aber über Aggressivität und – das machen sich Verbrecher bei der Opfersuche gern zunutze: – über Unterwürfigkeit der Schreitenden.

Verkrampfte Geher können trotzdem entspannte Denker sein und umgekehrt. Was formt aber unseren unverwechselbaren Gang? „Die Ausgangssituation ist für jedes Baby gleich“, meint Körpertherapeut und Anatomie-Dozent Konrad Obermeier. „Trotzdem werde ich nie so gehen können wie eine senegalesische Frau, und die wird sich wiederum von einer Japanerin unterscheiden.“ Was hineinspielt in den Gang, ist die kulturelle Anato mie. Unterschiedliche Bewegungsabläufe sind in bestimmten Gesellschaften „legal“ und üblich oder auch unerwünscht.

Bewegungspotenzial ist bei allen gleich

Innerhalb unserer Gesellschaft sind es dann zum Beispiel Geschlechterunterschiede. Während Jungs und Mädchen im Kindergarten noch gleich breitbeinig sitzen, fangen Mädchen im Schulalter an, sich „anständig“ zu platzieren. Glaubens systeme, welche Bewegungen und Haltungen o.k. sind, entstehen auf vielen subtilen Ebenen – zum Beispiel im Geschwistervergleich. Wenn die Schwester laut der Eltern „besser Seilchenspringen kann“, manifestiert sich das in den koordinativen Bewegungsabläufen – auch ihres Bruders, der es dann nicht zu können glaubt. Dabei ist das Potenzial für Bewegung und Koordination grundsätzlich gleich.

Unser Nervensystem reagiert auf Stress sensibel mit angespannten Muskeln. „Kontraktionen werden nicht nur im Muskel, sondern letztendlich dann im faszialen System manifest. Und das wirkt sich auf die Koordination aus“, so Obermeier. Babys müssen, um laufen zu lernen, antizipieren. Wenn sie also ihren ersten wackligen Schritt machen, haben sie schon gelernt, dass sie ihren Schwerpunkt verlagern müssen, um nicht umzufallen. Ein fragiler Prozess, der sich schließlich automatisiert und zum charakteristischen Gangbild entwickelt, und der von Beginn an höchst sensibel auf äußere Einflüsse reagiert.

Das größte Organ: Faszie

Entscheidend beim koordinierten Zusammenspiel der Muskeln ist das Fasziennetz, das zum übergeordneten Binde- und damit auch zum Muskelgewebe gehört. Faszien sind das weiße Hüllmaterial aus Kollagenfasern, das sich um Muskeln, Sehnen, Adern und Knochen spannt und eine Einheit bildet. Immer zwei fasziale Schichten sind muskulär gesehen miteinander in Kontakt und bewegen sich zueinander – je besser diese gleiten können, desto eleganter und weniger stockend sind die Bewegungen.

Die elastischen und passiven und sehr reißfesten Strukturen der Faszie verleihen dem zugehörigen Muskel Form, Festigkeit, aber ebenso Elastizität, und formen den Körper. Sie dienen aber auch als Sensor: „Dass das Faszien gewebe stark enerviert ist und wichtig für Feedbackloops aus der Peripherie ins Zentrum hinein, das hat die Faszienforschung erst in den letzten 20 Jahren beweisen können“, so der Experte. Vorher wurde dem Fasziengewebe in der Anatomie kaum Beachtung geschenkt.

Struktur der Kultur

Konrad Obermeier praktiziert seit nunmehr 30 Jahren in München „Strukturelle Integration“ nach Ida Rolf (auch „Rolfing“ genannt). die die Rolle der Faszienstruktur lange vor der wissenschaftlichen Forschung hervorhob.

Patienten, die zu ihm kommen, leiden meist schon an Verklebungen der Faszien, die durch Fehlhaltung, Stress, wenig Bewegung und Flüssigkeitszufuhr ihre Flexibilität und dadurch Leitfähigkeit verloren haben. Dadurch verändert sich die Haltung und Struktur vom Menschen: „Die Problematiken sind klassisch“, so Obermeier. „Der Bewegungsumfang reduziert sich mit der Zeit durchs Sitzen. Die hintere Beinseite verkürzt sich, das Becken kippt nach hinten, der Kopf nach vorn.“ Das seien klassische Bilder, wie die Struktur von der Kultur geformt werde. „Wie wir mehr und mehr Grade von Freiheit aufgeben, weil uns die Kultur dahin drängt.“

Wenn Faszien in ihrer molekularen und biomechanischen Struktur optimal organisiert sind, dann stimme das Feed backsystem. Und wenn sie verhärten, wenn hoher Stress ist und eine hohe Spannung im System gehalten wird, dann kontrahieren auch die Faszien – „das ist nicht reglementiert vom Nervensystem, sondern eine autonome Kontraktion.“

Dehnen statt pauken

Statt in der Schule still zu sitzen, müssten schon die Kinder angehalten werden, sich täglich zu dehnen und strecken und so die Faszien flexibel zu halten. So können Feedbackloops und Rezeptoren adäquat funktionieren. Es geht auch ganz viel um Wahrnehmung und in den eigenen Körper schauen. Mit einer geschulten Innensicht würde das körperweite Kommunikationssystem Faszie auch kommunizieren können. „Es ist eine gewisse Disziplin in der Selbstwahrnehmung erforderlich.“

Auch Anmut und Eleganz sind ein Resultat funktionierender Faszien. Das fließende Ineinandergleiten der Faszienschichten wird durch langsame Bewegungen, wie zum Beispiel beim Tai Chi praktiziert, trainiert. Der runde Ablauf erhält die myofasziale Spannung so permanent in der Bewegung aufrecht.

Ein Rezeptor für Zärtlichkeit

„Rolfing ist sehr differenziertes Berühren. In den Faszien reagieren sogenannte IMTRs (interstitial myofacial tissue receptors) auf eine sensible haptische Berührung, also auf Zärtlichkeit“, erklärt Obermeier. Es existieren offenbar spezielle Rezeptoren in den Faszien, die durch sanfte Berührung stimuliert werden – „das ist auch entwicklungspsychologisch sehr wichtig: Kinder brauchen liebevolle Berührung.“

Den Körper umzustrukturieren geht also auch anstrengungsfrei vonstatten. In einer Serie von Behandlungen werden beim Rolfing verhärtete Faszienbereiche freigelegt. Am schmerzenden Knie oder Schulter wird die Struktur dahingehend verändert, dass das Problem von selbst verschwindet.

2016 fand eine Forschergruppe um Carla Stecco Cannabinoidrezeptoren (CB1 und CB2) in den Faszien und den Faszienzellen (Fibroblasten), an die auch das körperfremde Cannabinoid THC andockt. Dass THC-Präparate in Fällen von Fibromyalgie von Patienten als viel wirksamer als verabreichte Schmerzmittel wahrgenommen werden, liegt wahrscheinlich hier begründet. Auch die Wirksamkeit bei MS wird hier zusammenhängend gesehen.

Massage macht glücklich

Andersherum liegt nahe, dass manuelle Therapie durch Rolfing, Massage, Akupunktur und Akupressur körpereigene Cannabinoide (das Glückshormon Anandamid) vermehrt ausschütten. Auch Yoga oder Qigong fördern durch ihre Stimulation der Faszien die Freisetzung des Endocannabinoids.

Obermeier erklärt sich das Dehnbedürfnis in verkürzten Körperbereichen vieler Cannabiskonsumenten auch über das Vorhandensein der CB-Rezeptoren. Wenn diese wegen der Faszienverklebungen nicht erreichbar sind, das Cannabinoid aber im System ist, vermutet er einen „mole kularen Hunger“, der an integrative Ebenen im Gehirn rückgemeldet wird und den Impuls zum Dehnen gibt. So wie auch Durst irgendwann rückgemeldet und die Motivation auf Trinken eingestellt wird.

Das würde auch erklären, warum sich der Trend zu Weed und Yoga zunehmend verbreitet – zumindest in den legalisierenden Staaten wird immer öfters vor der Yogapraxis ein Vaporizer gereicht. Einerseits wird der Dehnschmerz reduziert und es den Praktizierenden andererseits dadurch erleichtert, an den verklebten, „hungrigen“ Faszienbereichen zu arbeiten.

„Es gibt diese Rezeptoren, aber was sie en detail machen, ist nicht erforscht. Das muss erst kommen. Dass da ein Potenzial ist, ist klar.“

Ida Rolf
Die Amerikanerin schloss als eine der ersten Frauen 1920 die Columbia University mit einer Promotion in Biochemie ab. Ihr Interesse für Yoga, Homöopathie und Osteopathie ließ die Bindegewebsforscherin eine eigene Technik entwickeln, die die Faszie als das „Organ der Struktur“ anerkannte. Ihrer Theorie nach konnte die individuelle Körperhaltung viel stärker manipuliert werden als bis dahin angenommen, und zwar über manuelle Behandlung, über Druck und Massage. Nicht nur Haltungsschäden, auch Ängste und negative Selbstwahrnehmung, sogar Depression behandelte sie über die Faszien. 1971 gründete sie ihr eigenes Institut in Colorado, das bis heute weltweit „Rolfer“ ausbildet.