FILM SCHIEBEN

Viele haben einen Joint ein paar Mal ausprobiert und es dann sein lassen, weil sie Panik überfiel. Warum reagieren manche paranoid – und was kann man tun, wenn man eigentlich nichts gegen ein bisschen Rausch hätte?

„Mir hat eine buddhistische Nonne geraten, die Finger von Gras zu lassen“, sagte neulich ein befreundeter Journalist rechtfertigend, dem ich ein Stückchen Keks anbieten wollte. Ich kannte ihn und seinen Kumpel damals erst seit ein paar Tagen, wir machten eine gemeinsame Pressereise und saßen zu dritt kaffeetrinkend in der Hotellobby, als mir der Gedanke kam. Der andere lachte und lehnte ebenfalls ab. „Leg sie doch heimlich zum Frühstücksbüffet dazu“, schlug er vor. „Dann fallen alle Hotelgäste übereinander her und es steigt nachher eine riesige Orgie“.

Ich verdrehte die Augen. Nicht, weil sie die Einladung nicht annahmen, sondern, weil sie den Effekt von Gras völlig überschätzten. Es mutiert ja keiner, und niemanden verlässt der Verstand komplett – naja, manche kriegen es mit der Angst zu tun, das schon.

Nicht einmal ein Krümelchen wollten sie, da half es auch nichts, ihnen vorzuschwärmen, wie viel mehr sie das Essen und die Natur (wir waren in den Alpen) genießen würden – und vom ausgeprägten 3-D-Effekt und neuen Geschmacksdimensionen zu erzählen. Unterschmuggeln wollte ich es niemandem – weder den beiden noch den arglosen Urlaubern.

Wir kicherten uns auch ohne Gras seit Tagen was zusammen – die beste Voraussetzung, hätte ich gedacht, für einen moderaten Rausch.

SCHLECHTE ERFAHRUNGEN SIND GAR NICHT SO SELTEN

Aber keine Chance, die zwei umzustimmen, aber auch kein Wunder, dass sie so verhalten waren: Die meisten Leute haben früher oder später schlechte Erfahrungen mit Cannabis gemacht. Meistens früher, manchmal hat sich das auch erst im Lauf der Zeit entwickelt. Wenn ich mich ein bisschen umhöre, dann erzählen wirklich viele im Bekanntenkreis: „Darauf komme ich ganz schlecht klar, davon werde ich paranoid.“ Meistens, so mein Eindruck, sind es sensiblere Menschen, die einen gutbegründeten Bogen um Cannabis machen. Aber warum? „Den schnellen Puls, der durch Cannabiskonsum ausgelöst wird, interpretieren Menschen unterschiedlich“, erklärt Dr. Eva Milz, Berliner Psychiaterin. Besonders Ängstliche reagieren panisch auf den Fluchtreflex, der mit pochendem Herzen einhergeht und das Blut aus dem Kopf in die Beine schießen lässt. Der ist aber ein ganz normaler physiologischer Effekt, den THC auslöst.

„Ein neurotypischer [also normal tickender] Mensch reagiert auf THC immer mit Herzrasen“, erklärt Eva Milz. Das ist mal eine Aussage! Aber ich erinnere mich auch an das Pumpen meines Herzens, das ich früher als bedrohlich empfunden habe. Heute verspüre ich eher eine Art innere Massage.

RAUSCH VERRÄT ETWAS ÜBER DIE PERSÖNLICHKEIT

Eine Nebenwirkung, die zu kennen es für Patienten gleich viel leichter macht. „Ängstliche Menschen hören viel zu sehr auf ihren Körper anstatt auf die Psyche“, sagt Milz.

Und während für diese das Herzklopfen der Beginn einer Panikattacke sein kann, läutet es bei einem Adrenalinjunkie die Genussphase ein. „Menschen reagieren sehr individuell – jeder Rausch sagt viel über die Persönlichkeit des Konsumenten aus“, weiß Milz. Die Panik, die auf den Betroffenen mitunter lebensbedrohlich wirkt, hat für Außenstehende manchmal hohen Unterhaltungswert, weil die Angst ja irrational ist. Sie ist aber nicht weniger dramatisch, wie Polizeimitschnitte aus den USA regelmäßig beweisen. „Wir sterben“, verkündet ein Officer, der sich heimlich Cookies aus beschlagnahmten Material gebacken hatte, gemeinsam mit seiner Frau. Die letzte Möglichkeit erschien ihm, sich zu stellen – und sich so mit der Angst zu konfrontieren, die vermutlich Auslöser seiner Paranoia war.

DIE PANIK, DIE AUF DEN BETROFFENEN MITUNTER LEBENSBEDROHLICH WIRKT, HAT FÜR AUSSENSTEHENDE MANCHMAL HOHEN UNTERHALTUNGSWERT.

Ähnlich erging es zwei noch sehr jungen und bekifften Cannabisdealern, deren Telefongespräch mit dem Policedepartment von Idaho viral ging. Sie wählten aus dem Auto erschöpft und ausgeliefert die 911: „Wir sind die zwei Idioten, die ihr gerade dabei erwischt habt, Cannabis über die Grenze zu schmuggeln, und werden jetzt von euren Zivilcops belagert. Wir möchten euch bitten, damit aufzuhören“, gestehen sie schuldbewusst. Alles reines Kopfkino. Die Polizei hatte sie bis dahin nicht mal auf dem Schirm gehabt, bekam trickreich ihre Koordinaten heraus und stellte die zwei 22- und 23-jährigen Männer mit neun Kilogramm Cannabis.

WENN PLÖTZLICH VERANTWORTUNG ZÄHLT

„Panik kann auch einfach aus dem Grunde auftreten, weil das Bewusstsein, dass Cannabis ja illegal ist, plötzlich überhandnimmt“, erklärt Milz. Dieses Phänomen kennt sie aus ihrer Praxis allzu gut. Patienten besorgen sich Cannabis vom Schwarzmarkt, weil es zum Beispiel gegen ihre Schmerzen hilft, und dann stellen sich Ängste ein, weil es sich verboten anfühlt.

Es kann auch vorkommen, dass man jahrzehntelang keinerlei schlechte Erfahrungen mit Cannabis gesammelt hat, bis es eines Tages doch passiert: Man kifft und plötzlich erwischt es einen kalt. Eva Milz erklärt das mit einer möglichen Verlagerung der Sozialparameter. „Vielleicht ist man neuerdings in einer verantwortungsvolleren Rolle, hat einen festen Partner oder sogar Kinder“, erklärt sie. Da können sich auch die Ängste verschieben, weil man eben nicht mehr nur noch für sich selbst die Verantwortung trägt.

Oft spielen unterschwellige Ängste hinein, die sich über die Erziehung oder negative Erlebnisse manifestiert haben. Ist ein Mensch genussfähig oder kontrolliert er sich permanent stark – das kann Auswirkung auf den Rausch haben. Ursache für unangenehme Nebenwirkungen kann auch ein schwaches Grundnervengerüst sein, das in der Familie liegt.

SATIVA KANN NACH HINTEN LOSGEHEN

Ein wichtiger Faktor, der über Panik bzw. Genuss entscheiden kann, ist die Sortenwahl. Neuerdings sind viel mehr Sativasorten im Umlauf, die oft psychedelische Wirkung haben und unkontrollierte Ängste auslösen können. Opfer von „Haze“-Sorten landeten vermehrt in Eva Milz´ Praxis, die sich schwer wunderten, warum sie plötzlich psychotisch auf Cannabis reagierten. „Man muss sich klarmachen, dass das ganz unterschiedliche Substanzen sind“, sagt sie. Mit Indicasorten wie Kush, das vor dem Haze sehr verbreitet war, wären die meisten besser zurechtgekommen. Grund dafür ist die andere Terpenzusammensetzung.

GANZ UMGEHEN KANN MAN HERZTURBULENZEN MIT REINEN, NICHT PSYCHOAKTIVEN CBD-SORTEN.

Ganz umgehen kann man Herzturbulenzen mit reinen, nicht psychoaktiven CBD-Sorten. Die gibt es nicht auf dem Schwarzmarkt, weil hier THC der Maßstab ist. Schon eine ausgewogene Sorte, die wenigstens anteilig CBD enthält, würde helfen. „Die CBD-Abdeckung federt den THC-Rausch ab“, erklärt Milz. Ist Cannabidiol nicht vorhanden, im Körper oder in der Sorte, fällt der Rausch viel stärker aus und führt bei Anfälligen leicht zu Angstzuständen.

HILFT IMMER: CBD

Wenn THC also auf eine Art ‚leeren Boden‘ fällt, haut es manchen um. Ein CBD-Depot im Körper scheint ein gutes Fundament zu sein – auch für Menschen, die gerne mal wieder einen Zug aus dem Joint nehmen würden, und es haben sein lassen, weil am Ende die Angst überwog.

Auf dem Schwarzmarkt wird man nicht fündig werden, wenn es um Blüten mit hohem CBD-Gehalt geht. Aber es gibt in Deutschland CBD-Produkte (Öle, Extrakte) auf dem freien Markt, in der Schweiz auch legale Grassorten mit einem CBD-Gehalt um ca. 15 Prozent. Während Kifferexperten hier vielleicht die Nase rümpfen, weil sich ihnen der Sinn eines rauschfreien Joints nicht erschließt, hört man von weniger Abgehärteten Interessantes: Dass sie zwar kein Herzklopfen bekommen, aber ein extrem entspannendes Gefühl sich in ihrem ganzen Körper ausbreitet. Hier sagen die Körperreaktionen ‚alles ist gut‘, und die Psyche folgt sozusagen dieser Ansage.

Bei so einem „Entspannungsrausch“ kann man es belassen, oder – mit einem soliden CBD-Polster im Rücken – sich wieder an einen Zug am Joint wagen. Oder auch an einen Kekskrümel.