Feinabstimmung

Im menschlichen Organismus gibt es eine Vielzahl von körpereigenen Stoffen, die permanent auf ihn einwirken und verschiedene Vorgänge, wie Schlaf, Appetit oder Stimmung, regulieren. Die Wirkstoffe der Cannabispflanze greifen in dieses System ein. Besonders ist dies gewollt, wenn der Körper zu wenig Endocannabinoide produziert und Defizite entstehen. In das sensible System einzugreifen, ist jedoch nicht ohne Risiken.

Beim Sport verspüren viele Menschen ein Glücks- bzw. Hochgefühl, das auch als Runners High bezeichnet wird. An der Erzeugung dieses Zustandes sind neben den Morphin-ähnlichen beta-Endorphinen auch körpereigene Can nabinoide beteiligt. Die sogenannten Endocannabinoide wurden erst entdeckt, nachdem man in Tierexperimenten Andockstellen für äußerlich zugeführtes Cannabis gefunden hatte, die Cannabinoidrezeptoren CB1 und CB2. Die Betrachtung des Endocannabinoidsystems führt uns in die Welt der Urzeitbiologie. Tiere wie Blutegel und Seeigel, die bereits vor 500 Millionen Jahren existierten, weisen ein ähnliches Zusammenspiel körpereigener Cannabinoide auf, wie sie im Menschen vorkommen. Die immense Bedeutung dieser Stoffe erschloss sich erst mit der Erkenntnis, dass sie überall vorkommen. Insbesondere dort, wo störende Einflüsse das Gleichgewicht des Organismus bedrohen, regulieren Endocannabinoide. Vincenzo di Marzo schrieb 1998 dem Endocannabinoidsystem die Funktionen Entspannung, Schlafen, Vergessen und Schützen zu. Genetische und molekularbiologische Analysen lieferten in den vergangenen Jahren Puzzleteile zum Verstehen einiger Regulationsmechanismen, deren wichtigstes Grundprinzip die Balance zu sein scheint.

Von einigen Patienten wird das Gefühl mit „als falle ein schwerer Rucksack ab“ beschrieben oder man könne wieder richtig durchatmen.

Veränderungen des Gleichgewichts

In einer Studie im Jahr 2013 wurde der Endocannabinoidspiegel nach unterschiedlich intensiver Laufaktivität gemessen. Dabei wurde nur bei mäßiger Belastung ein Anstieg festgestellt. Gleichsam beschrieben die Läufer die Belohnung in Form eines Wohlgefühls hier größer als bei zu geringer oder zu hoher Trainingsintensität. In den vergangenen Jahren fand man heraus, dass Veränderungen an den Cannabinoidrezeptoren oder in der Verfügbarkeit von Endocannabinoiden zu krankhaften Zuständen führen. Kürzlich konnte die schwere Muskelerkrankung Typ Duchenne mit fehlerhaften Eigenschaften des CB1-Rezeptors in Verbindung gebracht werden. Genetische Unterschiede spiegeln sich auch in der Gesamtzahl von CB1- und CB2-Rezeptoren auf Skelettmuskelzellen wider. In einer Untersuchung zeigte sich bei Übergewichtigen eine veränderte Aktivität des Endocannabinoidsystems je nach ethnischer Zugehörigkeit. Auch der Zusammenhang zwischen einem veränderten Gen für den CB2-Rezeptor und Angst- und depressiven Erkrankungen konnte bereits hergestellt werden.

Ursachen statt Symptome angehen

Leider erlaubt das derzeitige Wissen noch keine vollständige Erklärung für die einzelnen Prozesse. Dennoch gab es in der Vergangenheit immer wieder Bestrebungen, gezielt in den Kreislauf der Endocannabinoide einzugreifen, was fatale Folgen für einige Versuchsteilnehmer hatte. Aber auch die Einflussnahme durch pflanzliche Cannabinoide ist nicht so einfach, wie dies von Verfechtern angenommen wird. Die Bandbreite an einzelnen Wirkmerkmalen durch die Hauptcannabinoide THC und CBD, die ätherischen Öle und sekundären Pflanzenstoffe, die auf das fein abgestimmte Endocannabinoidsystem trifft, kann neben erwünschten Effekten auch Risiken mit sich bringen. Grob gesagt, entfaltet THC seine Wirkung direkt über die Cannabinoidrezeptoren, während CBD indirekt zu einer Erhöhung der Endocannabinoidmenge führt. Die einseitige Selbstbehandlung mit der Inhalation von THC-reichen Sorten birgt die Gefahr, dass die Symptome zwar kurzzeitig behandelt sind, eine langfristige Stabilisierung jedoch ausbleibt. Es können dadurch zum Beispiel Schmerzzustände verdeckt werden, die eigentlich mit einer Gewebereizung einhergehen. Die typischen Zeichen einer entzündungsbedingten Erkrankung (die in der Medizin oft auf -itis endet) sind Rötung, Schwellung, Überwärmung und Schmerzen. Bekämpft man hier nur den Schmerz, werden die Strukturen weiterhin belastet und können nicht abheilen, sondern verschlimmern sich. CBD wirkt günstig auf das Immunsystem und hilft, Entzündungen ursächlich zu bekämpfen. Nervenreizungen, neuropathische Schmerzen und chronische Darmerkrankungen sind mit zusätzlichem CBD besser beherrschbar als mit dem alleinigen Einsatz von THC.

Die Rolle der einzelnen Wirkstoffe

Die individuelle Wahrnehmung der Wirkungen von THC und CBD ist sehr unterschiedlich. Häufig wird angenommen, dass müde machende und entspannende Cannabissorten einen hohen CBD-Anteil besitzen. Dies ist aber meist nicht der Fall, da CBD die rauscherzeugenden Eigenschaften unterdrücken kann und aus diesem Grund in illegal erworbenen Sorten nahezu nicht vorhanden ist. Was als beruhigend empfunden wird, sind die zusätzlichen Inhaltsstoffe in Form von ätherischen Ölen und Flavonoiden, wie sie in sogenannten „indica“-Pflanzen (auch oft als „Kush“ bezeichnet) vorkommen. In letzter Zeit gab es laut der Erfahrung einiger Patienten, die sich auf dem Schwarzmarkt mit ihrer Medizin versorgen, bei den angebotenen Sorten eine Verschiebung zugunsten aktivierender und psychedelisch wirkender Cannabissorten. Hierdurch gelingt es vielen nicht mehr, Symptome wie Schmerz und Unruhe ausreichend zu bekämpfen. Stattdessen scheinen sich durch die fortgesetzte Nutzung solcher sativa-dominanter (auch „Haze“ genannt) Exemplare unerwünschte Wirkungen wie Anspannung, Schlafstörungen und zum Teil massive Ängste einzustellen. Wenngleich einige Freizeitkonsumenten diese Wirkunterschiede schätzen, zuordnen und ihren Konsum nach der Sorte ausrichten können, so ist dies für Patienten nicht ohne Weiteres möglich. Gerade Menschen, die unter angstbedingten Depressionen leiden, erleben anstelle einer abendlichen Beruhigung dann eine zunehmende Unruhe, die sich bis zu psychosenahem Erleben und Erregungszuständen ausweiten kann.

Einsatzgebiete für aktivierende Cannabissorten sind zum Beispiel Aufmerksamkeitsstörungen, da hierdurch die Konzentration am Tag gefördert werden kann. Besitzt die Pflanze einen hohen CBD-Anteil, so werden die angstauslösenden und rauscherzeugenden Eigenschaften deutlich gemildert. Hieraus ergibt sich, dass neben dem jeweiligen Anteil an THC und CBD die weitere „Umgebung“ – also die Gesamtheit aller Inhaltsstoffe – für die Wirksamkeit einer Cannabissorte verantwortlich ist. Es ist also angesichts der großen Bandbreite an Eigenschaften nicht möglich, von generellen Cannabiswirkungen oder auch allgemeingültigen Gefahren zu sprechen. Es muss die jeweilige Zusammensetzung betrachtet werden, die zudem auf Menschen unterschiedlich wirkt. Im Verlauf einer Einstellung auf Cannabinoidmedikamente wird die individuell günstigste und verträglichste Kombination gewählt. Diese besteht nicht selten aus verschiedenen Sorten, welche an die jeweiligen Tageszeiten und Symptome angepasst werden.

Bedeutung der Einnahmeform

Neben dem Bedarf an einzelnen Cannabinoiden und weiteren Pflanzenstoffen kommt auch der Einnahmeform eine wesentliche Bedeutung zu. Die Verbrennung von Pflanzenmaterial – wie sie üblicherweise im Joint oder mit Rauchgefäßen angewendet wird – ist nicht nur gesundheitsgefährdend, sondern hat auch eine begrenzte Wirkdauer.

Diese beträgt nach Inhalation etwa zwei bis drei, nach oraler Einnahme bis zu zwölf Stunden. Für eine dauerhafte Behandlung chronischer Erkrankungen ist die Inhalation ungeeignet, da hierdurch Konzentrationsschwankungen entstehen, die neben Symptomen auch Nebenwirkungen häufiger auftreten lassen. Vorteile der Vaporisation sind die bessere Steuerbarkeit durch den schnellen Wirkeintritt nach etwa 15 Minuten. Ein konstanter Wirkspiegel ist erreichbar, wenn Cannabinoide regelmäßig, günstigenfalls zweimal täglich als Öle eingenommen werden.

Insbesondere dort, wo störende Einflüsse das Gleichgewicht des Organismus bedrohen, regulieren Endocannabinoide.

Um die jeweils richtige Dosierung zu ermitteln, wird eine tropfenweise Steigerung vorgenommen. Es ist empfehlenswert, mit dem betäubungsmittelfreien Wirkstoff CBD zu beginnen, um das Endocannabinoidsystem zu stimulieren. Hierdurch sind eine Schmerzlinderung durch Entzündungshemmung, Muskelentspannung, eine Besserung von innerer Unruhe und eine Förderung des Ein- und Durchschlafens erreichbar. Die Eigenschaften von CBD werden häufig erst nach einer längeren Einnahme spürbar. Von einigen Patienten wird das Gefühl mit „als falle ein schwerer Rucksack ab“ beschrieben oder man könne wieder richtig durchatmen. Das allgemeine Wohlbefinden wird durch die regelmäßige Einnahme von CBD in vielen Fällen bereits ausreichend gesteigert, sodass der zusätzliche Einsatz von THC gar nicht oder in geringerem Maße erforderlich ist.

Die einseitige Selbstbehandlung mit der Inhalation von THC-reichen Sorten birgt die Gefahr, dass die Symptome zwar kurzzeitig behandelt sind, eine langfristige Stabilisierung jedoch ausbleibt.

Die heutige Zeit erfordert eine Anpassung an immer höhere Stresslevel, die das Endocannabinoidsystem nachhaltig fordern. Um diesem inneren Netzwerk zu helfen, können verschiedene Mechanismen genutzt werden. Genuss, Bewegung, soziale Interaktion und der gezielte Einsatz von CBD bilden eine wichtige Grundlage zur Gesunderhaltung und Genesung. Die Patienten, die darüber hinaus einen Bedarf an THC haben, sollten mit ihren Ärzten passende Kombinationen aus dem reichen Spektrum an Cannabinoidmedikamenten wählen.